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Interview mit Detlev Ipsen "Das stachelt den Anti-Atom-Protest an"

Dass Schwarz-Gelb den Atomkonsens aufschnüren, den Atomausstieg kippen und den Salzstock Gorleben weiter erkunden lassen will, werde den Anti-Atom-Protest anstacheln, sagt Detlev Ipsen von der Uni Kassel im FR-Interview.

05.11.2009 15:11
Castordemo bei Dahlenburg
Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern Foto: dpa

Schwarz-Gelb hat den Atomkonsens gekippt und lässt den Salzstock Gorleben als Endlagerstandort weiter erkunden. Die Öffentlichkeit soll aber stärker beteiligt werden als früher. Kann das funktionieren?

Der Widerstand wird trotzdem heftig werden, das ist sicher. Die Rückkehr in die Zeit vor dem Atomkonsens stachelt den Protest an. Das hat man schon bei der jüngsten großen Anti-Atomkraft-Demonstration in Berlin gesehen. Da waren 50.000 Leute.

Der Atomausstieg hatte eine gewisse Befriedung gebracht. Aber das Endlager-Problem blieb ungelöst...

Der Atomausstieg war immerhin die Basis gewesen für einen konstruktiven Neustart der Suche nach einem Endlager. Die rot-grüne Bundesregierung hat damals Atomgegner und Atombefürworter an einen Tisch gebracht, die ein Konzept dafür erarbeiteten. Leider kam es weder bei Rot-Grün noch in der großen Koalition dazu. Aber jetzt einfach die Uhr in Gorleben zurückdrehen zu wollen, das funktioniert nicht.

Schwarz-Gelb lässt vorerst nur den einen Standort Gorleben untersuchen. Reicht das?

Das ist ein falsches Vorgehen. Es müsste eine vergleichende Untersuchung verschiedener möglicher Standorte geben, um sicher zu sein, dass der beste Standort gewählt wird. Fehlt das, fehlt bei einer Entscheidung die Legitimation. Ein mögliches Endlager wäre dann noch schwerer durchsetzbar.

Ist Gorleben als Standort denn verbrannt?

Die Tricksereien bei der Gorleben-Auswahl, die in den letzten Wochen bekannt wurden, sind ein handfester Skandal. Siemachen eine nüchterne Debatte kaum mehr möglich. In einem offenen Verfahren kann man Gorleben aber nicht von vorneherein ausschließen. Sonst wollen auch andere potentielle Standorte ausgenommen werden.

Sind nicht überall, wo Alternativ-Regionen ins Auge gefasst werden, starke Proteste zu erwarten?

Es wird überall eine kritische Bewegung in der Bevölkerung geben - und zwar mit Recht. Es handelt sich in jedem Fall um eine brisante Veränderung im Lebensumfeld der Menschen. Man denke nur an die Castor-Transporte, die stattfinden würden.

Wie müsste die neue Bundesregierung vorgehen, um größtmögliche Akzeptanz zu erreichen?

Die Vor-Auswahl muss strikt nach den geologischen Gegebenheiten erfolgen - ohne jede politische Einflussnahme. Dann braucht man eine intensive Bürgerbeteiligung, bei der die Betroffenen von Experten beraten werden, die sie selbst aussuchen können. Zudem muss man der Region Entwicklungschancen aufzeigen, die mit einem Endlager auch verbunden sind - etwa durch ein wissenschaftliches Zentrum, eine Informationsstelle, neu angesiedelte Betriebe sowie Hilfe für eine langfristige regionale Entwicklungsplanung.

Die Planungen für das Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall im Schacht Konrad bei Salzgitter haben weit weniger Protest erzeugt als in Gorleben. Ein Modell?

Anfänglich hat man es dort auch völlig falsch gemacht. Danach wurden die Bürger besser einbezogen. Vor allem wurde klar definiert, welche Abfälle dort untergebracht werden sollen - anders etwa als im Fall Asse, wo man die Bürger völlig im Dunkeln ließ. Ohne Konflikte geht es bei Schacht Konrad aber auch nicht ab.

Stromkonzerne sowie Union erwägen, vorab weitere Standorte neben Gorleben zu identifizieren, um sie im Fall der Gorleben-Nichteignung dann schnell untersuchen zu können. Ein Ausweg?

Nein. Wir brauchen eine richtige, seriöse Endlagersuche nach geologischen und sozialen Aspekten. Eine Schmalspurvariante hilft nicht weiter.

Interview: Joachim Wille

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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