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Im Namen des Gewissens

Mit der Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger wurde die Deutsch-Französin Beate Klarsfeld zur Nazi-Jägerin

08.12.2004 00:12
HANS-HELMUT KOHL
"Wir haben nie nach links oder rechts geschaut, wir haben immer nach unserem Gewissen gehandelt": Beate Klarsfeld in Paris. Sie jagt zwar keine Nazis mehr, aber die Erinnerung an die Gewaltverbrechen lässt sie nicht los. Foto: FR

"Ich konnte nicht zulassen, dass dieser Mann Bundeskanzler bleibt." 28 Jahre alt war Beate Klarsfeld, als sich dieser Gedanke in ihrem Kopf festsetzte. "Dieser Mann" hieß Kurt Georg Kiesinger, 1966 zum dritten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt - in der Nachfolge des glücklosen Ludwig Erhard, seinerseits lange Jahre Wirtschaftsminister unter dem ersten Regierungschef Konrad Adenauer.

Eine 28 Jahre junge Mutter entscheidet für sich, dass der elegant-eloquente Jurist Kiesinger, zuvor jahrelang Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, vom machtvollsten Amt der Republik abtreten soll? Beinahe vierzig Jahre später, in einer kultivierten, großzügigen Pariser Wohnung, lächelt Beate Klarsfeld angesichts der ungläubigen Nachfrage. Für sie, die freundliche Dame mit dem offenen Gesicht und den sprudelnden Erinnerungen, ist alles folgerichtig - seit der Ohrfeige, und auch schon davor.

Die Ohrfeige. Am 7. November 1968 trifft sich die CDU zu ihrem Bundesparteitag in der Berliner Kongresshalle. Hunderte Polizisten schützen den Aufmarsch der Prominenz - die Jugend Westberlins, die außerparlamentarische Opposition (APO) mobilisiert. Der Protest gegen die Bundesregierung, gegen die "Kalten Krieger" und den gesellschaftlichen Stillstand, der das Land unter der "Großen Koalition" aus CDU und SPD kennzeichnet, prägt dieses Jahr, das einer kompletten Generation - nicht nur in Deutschland - den Namen geben wird.

Beate Klarsfeld zeigt den Presseausweis ihres Mannes vor, kommt in die Halle, redet auf einen Saaldiener ein und wird zum Vorstandstisch durchgelassen. Sie nähert sich dem CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzler Kiesinger von hinten, schlägt ihn mit dem Handrücken ins Gesicht und ruft "Nazi, Nazi, Nazi!"

Am selben Abend noch wird sie wegen "Beleidigung und Körperverletzung" zu einem Jahr Haft ohne Bewährung verurteilt. Monate später, die "schallende" Ohrfeige für den deutschen Regierungschef ist längst um die Welt gegangen, reduziert die Berufungsinstanz diese Strafe auf vier Monate mit Bewährung. Im September 1969 gewinnt die CDU die Bundestagswahl und verliert die Macht, weil die FDP mit der SPD die sozialliberale Koalition ins Leben ruft: Kiesinger ist nicht mehr Bundeskanzler, sein Nachfolger heißt Willy Brandt. Beate Klarsfeld - am Ziel?

Die Bürgertochter aus Berlin musste den Tag ihrer Volljährigkeit abwarten, um 1960 als Au-pair-Mädchen nach Paris gehen zu können. Hier lernt sie Serge Klarsfeld kennen, einen Politik-Studenten, dessen aus Rumänien stammende, jüdische Familie während der Nazi-Besatzung in Frankreich verfolgt wurde. Die SS-Sondereinheit des Alois Brunner verhaftete Serges Vater Arno und verfrachtete ihn nach Auschwitz, wo er umgebracht wurde.

"Ich war eher unpolitisch", sagt Beate Klarsfeld. Serge erzählte ihr von der Nazi-Zeit in Frankreich, berichtet, mit welcher Grausamkeit die Sicherheitspolizei (Sipo) und der Sicherheitsdienst der SS (SD) nicht nur die Résistance bekämpften, sondern auch mit Geiselerschießungen den Terror in der Zivilbevölkerung schürten und die Juden des Landes in die Vernichtungslager gen Osten deportierten. Sie heiraten am 7. November 1963, fünf Jahre vor der Ohrfeige - ein Sohn wird geboren, der nach dem ermordeten Großvater Arno heißt. Beate Klarsfeld glaubt an die Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen, und deshalb arbeitet sie als Sekretärin im Deutsch-Französischen Jugendwerk, dem "Office franco-allemand pour la jeunesse".

Klarsfeld gehörte nie zur APO

Im "Combat", der einst als Untergrundzeitung der Résistance gegründeten Zeitschrift, veröffentlicht Beate Klarsfeld mehrere Artikel, die sich mit der Vergangenheit des "Parteigenossen 2 633 930" beschäftigen, der am 1. Mai 1933 in die NSDAP eintrat: Kurt-Georg Kiesinger, damals 29 Jahre alt. Und weil sie auch schreibt, dass dieser "Herr Kiesinger sich einen ebenso guten Ruf in den Reihen der Braunhemden wie in denen der CDU verschafft" hat, wird sie im September 1967 fristlos vom Jugendwerk entlassen.

Der spätere Literaturnobelpreisträger Günther Grass hat 1966 in einem offenen Brief vor der Wahl Kiesingers zum Bundeskanzler gewarnt und für Willy Brandt im Wahlkampf getrommelt. Doch die Bundesrepublik dieses Jahres ist noch nicht bereit für das, was der Historiker Bernhard Brunner in einer jüngst erschienenen Studie ("Der Frankreich-Komplex") die "zweite Entnazifizierung" der Bundesrepublik nennt. Zu viele zu ranghohe Ministerialbeamte, Rechtsanwälte, Mediziner und Journalisten haben ihre braune Vergangenheit verschleiern können und sich an den Schalthebeln der Republik eingerichtet.

"Ich habe mich nie schuldig gefühlt, aber immer eine moralische Verantwortung empfunden", sagt Beate Klarsfeld heute. Und deshalb ruft sie, die durch ihre Heirat auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, zunächst von der Tribüne des Bonner Bundestages während einer Rede des Kanzlers "Nazi-Kiesinger-Abtreten". Auch wenn sie danach von den Saaldienern aus dem Parlament geworfen wird: Der Regierungschef weiß an jenem 7. November 1968, ohne die Ohrfeigerin gesehen zu haben, wer ihm da zu nahe trat.

Sie erinnert sich gut an den Versuch, vor ihrer Aktion mit der APO Kontakt aufzunehmen: "Isoliert waren wir eigentlich immer, Serge und ich", sagt sie, und spricht von einer Begegnung mit Rudi Dutschke, für den die Straffreiheit von Nazi-Mördern "kein Problem" darstellte. Nach der Ohrfeige erhält sie Unterstützung aus der DDR, die ihre Broschüren mitfinanziert, mit denen sie während des Bundestagswahlkampfes hinter Kiesinger herreist.

Apologeten des Verdrängens und Vergessens, die es bis heute gibt, haben daraus abgeleitet, dass Beate Klarsfeld nur eine von Ostberlin geleitete Einflussagentin gewesen sei, die den "honorigen" Kiesinger attackierte. Dessen "Verstrickung" in das Nazi-Regime (er leitete über Jahre in Ribbentrops Außenministerium eine für die Auslandspropaganda zuständige Abteilung und war für die Verbindung zu Goebbels' Propaganda-Maschine verantwortlich), so heißt es heute wieder, sei nur widerwillig erfolgt. Kiesinger habe "aus bildungsbürgerlicher, humanitärer Abneigung Distanz zum Regime" gehalten und versucht, "wie so manche andere auch, mit Anstand zu überleben".

Tatsächlich aber demonstrierten Serge und Beate Klarsfeld bei ihrer jahrzehntelangen "Jagd" auf Nazi-Täter, die Lischka, Hagen oder Heinrichsohn hießen, Barbie, Illers und Brunner, natürlich auch in den Staaten des "Ostblocks". Und auch dort wurden sie verhaftet und ausgewiesen. Ihr Kampf gegen das Vergessen und ihr Drang, die Mörder, auch die hinter den Schreibtischen, vor Gericht zu bringen: Er macht das Leben dieses ungewöhnlichen Ehepaares aus. Dafür nahmen sie in Kauf, in Deutschland als "Klarsfeld-Bande" denunziert zu werden; in Anlehnung an die Baader-Meinhof-Bande, die Vorgängerin der terroristischen Rote-Armee-Fraktion (RAF).

Sartre stellte sich hinter sie

Beate Klarsfeld galt einem hohen CDU-Repräsentanten wegen der berühmten Ohrfeige schon mal als "unbefriedigte junge Frau", worüber sie lachen muss: "Ich habe doch immerhin zwei Kinder." "Judenhure", "Skandalmädchen" waren andere Kennzeichnungen, zu finden in anonymen Zuschriften an das Gericht, das sie im Juni 1974 zu zwei Monaten auf Bewährung verurteilte, weil sie versucht hatte, den bislang straflos gebliebenen Kurt Lischka zu entführen, um ihn vor ein französisches Gericht zu bringen. Weil sich damals Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing für sie einsetzte, weil auch Jean-Paul Sartre und François Mitterand "Freiheit für Beate Klarsfeld" forderten, und weil ein langsames Umdenken in der Republik einsetzte, das später in den denkwürdigen Lischka-Prozess in Köln mündete, kann sie heute sagen: "Wir haben nie nach links oder rechts geschaut, wir haben immer nach unserem Gewissen gehandelt."

Symbolische Aktionen, öffentlicher Druck, der Weg vor die Gerichte, die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, die Auseinandersetzung mit der Kollaboration, die in der Aufsehen erregenden Rede von Staatspräsident Jacques Chirac 1995 gipfelt: Lebenslinien der Beate Klarsfeld, die anfügt: "Jetzt hat Arno unsere Rolle übernommen." Die "Vereinigung der Söhne und Töchter der deportierten Juden in Frankreich" um das Ehepaar Klarsfeld bewahrt die Namen und Anschriften der 75.721 Deportierten, die während der Nazi-Besetzung Frankreichs in die Vernichtungslager geschickt wurden.

Ein Mahnmal - und nicht nur ein Symbol wie die Ohrfeige.

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