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Wulff-Buchvorstellung Wulffs hoher Preis

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff sieht in seiner Islamfreundlichkeit einen Grund für seinen Sturz. Man muss dem nicht zustimmen. Aber er hat einiges für die Integration getan – und dafür teuer bezahlt. Der Leitartikel.

Christian Wulff präsentiert sein Buch "Ganz oben. Ganz unten" in Berlin. Foto: REUTERS

Christian Wulff hat alles Recht der Welt, seine Sicht auf den Sturz von ganz oben nach ganz unten zu schildern, den er als Bundespräsident erlebt hat. Teilen muss man sie nicht. Wer sich noch immer für den Richtigen in diesem Amt (und folglich den brillanten Nachfolger Joachim Gauck für den Falschen) hält und die Theorie einer verfassungswidrigen Verschwörung von Medien und Justiz gegen seine Person entwickelt, zeigt, dass er seinen Fall nicht verstanden hat. Dennoch birgt sein Buch bemerkenswerte Hinweise auf eine Ursache seines Scheiterns, die nichts mit der Affäre um Hauskredit und Schnäppchenmentalität zu tun hat. Das ist seine Haltung zur Integration muslimischer Mitbürger und die bürgerlich-konservativ-populistische Front dagegen.

Christian Wulff hatte schon als Kandidat einen schweren Start. Dieser Vorschlag Angela Merkels entbehrte jeden Charmes, den viele in einer Präsidentin Ursula von der Leyen oder einem Präsidenten Joachim Gauck entdeckten. Er war der Mann des Apparats, nominiert allein aus parteipolitischem Kalkül. Dagegen stand der Kandidat der Herzen, Joachim Gauck, zwar von SPD und Grünen durchaus auch aus parteitaktischen Erwägungen vorgeschlagen, aber doch mit vielen Sympathien bis tief ins bürgerliche Lager und dessen publizistisches Umfeld. Dessen Misstrauen gegenüber Christian Wulff bediente der sogleich, wenn auch auf überraschende Weise. In seiner Antrittsrede lobte er die Vielfalt der in Deutschland lebenden Menschen, die zwar manchmal anstrengend, aber doch immer eine Quelle der Kraft und der Ideen „in unserer Bundesrepublik, in unserer bunten Republik Deutschland“ sei. Das war ein Zitat aus einem Lied von Udo Lindenberg und nicht gerade das, was sich Unionsanhänger und andere Konservative von ihrem neuen Präsidenten erwarteten.

Kurz darauf erschien das Buch des damaligen Bundesbankdirektors Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ mit seinen offen fremdenfeindlichen Thesen. Wulff empfahl der Bundesbank öffentlich, dafür zu sorgen, dass diese Diskussion Deutschland international nicht schade. Das empfanden manche als unziemliche Einmischung des Präsidenten in eine tagespolitische Frage. Dann sorgte er mit dafür, dass die Bundesbank und Sarrazin sich einvernehmlich trennten. Das war klug, denn eine Entlassung hätte er gegenzeichnen müssen. Doch die Erwartungen des Sarrazin-freundlichen Springer-Konzerns erfüllte er hier zum ersten Mal nicht. Die „Welt“ kommentierte: „Wulff wäre so gerne im breitesten Sinne der Präsident aller Deutschen. Es ist eine von Ironie nicht freie Pointe, dass er sich hier gegen die Mehrheit entschieden hat.“ Wulff schreibt dazu in seinem Buch: „In dieser Pointe lag wohl der eigentliche Grund für den Zorn des Hauses Springer, der ein Jahr später voll ausbrechen sollte.“

Konservativ-bürgerliche Kreise empört

Wenige Wochen später hielt der Bundespräsident dann die Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit, in der er sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Während die linksliberale Öffentlichkeit applaudierte und vor allem die türkischstämmigen Zuwanderer in der Bundesrepublik in Wulff ihren neuen Helden entdeckten, waren die konservativ-bürgerlichen Kreise empört. In der Wahrnehmung des Präsidenten bildeten jetzt Springer und die FAZ eine Phalanx gegen ihn. In seinem Buch liefert er zahlreiche Belege dafür, wie Bild und FAZ ihre sehr unterschiedliche Klientel gegen ihn mobilisierten. „Während sich alle um die von Sarrazin kritisierte Minderheit kümmern, bleibt eine sich bedrängt fühlende Mehrheit politisch unbetreut“, kommentierte die FAZ. Diese Betreuung übernahm dann die Bild-Zeitung.

Es gibt heute in Deutschland wohl kaum einen empörteren Gegner dieses Blattes als Wulff, der sich vom Springer-Verlag regelrecht verfolgt sieht. Es gibt aber wohl auch kaum einen Politiker, der sich zuerst so weit mit der Boulevardzeitung eingelassen hat. Sogar seine Islam-Rede diskutierte er zuvor beim Frühstück mit dessen Chefredakteur, nahm dessen ablehnende Meinung aber nicht auf. Er sieht im Umgang des Hauses Springer mit sich eine Botschaft an die Prominenten im Lande: „Seht her, so machen wir es mit jedem, der die Ausnahmestellung der Bild nicht anerkennt, er geht unter.“

Wichtige Anstöße für die Integration

Christian Wulff taugt aufgrund seiner langen Karriere als Parteipolitiker und aufgrund seiner eigenen Fehler im Präsidentenamt wenig für die Rolle des unschuldigen Opfers, die er sich nun geschrieben hat. Doch gehört zum Rückblick auf seine knapp zweijährige, am Ende so verdüsterte Amtszeit eben auch die Anerkennung, dass er für die Integration in Deutschland wichtige Anstöße gegeben und dafür einen hohen Preis gezahlt hat. Gerade jene politischen und publizistischen Kreise, auf die sich ein von den bürgerlichen Parteien gewählter Präsident in der Regel verlassen kann, machten deshalb Stimmung gegen ihn. Aber es ist vorangegangen im Land. Heute heißt eine Staatsministerin im Kanzleramt Aydan Özoguz und die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, um nur zwei zu nennen.

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