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Die Wulff-Affäre bei Sandra Maischberger Christian Wulff hat sich "unhaltbar gemacht"

Der Ex-Bundespräsident steht ab Donnerstag wegen des Verdachts der Vorteilsnahme vor Gericht. Eine Doku und eine anschließende Talkrunde bei Sandra Maischberger geht der Frage nach: Was haben Bischof Tebartz van-Elst, Bayern-Boss Ulrich Hoeneß und Christian Wulff gemeinsam?

Christian Wulff sei schon immer "knapp bei Kasse" gewesen, so Hajo Schumacher. Foto: afp

Am Ende erst kreiste die Debatte nicht mehr nur um die Affäre Wulff, und da hatte der Zuschauer das untrügliche Gefühl, dass nun das relevante Thema angesprochen wurde: Die Bildzeitung lag auf dem Tisch bei Sandra Maischberger, und auf einer Doppelseite wurden Vergleiche angestellt zwischen Bischof Tebartz-van-Elst, Bayern-Boss Ulrich Hoeneß und Christian Wulff, Motto: Versagen unsere Eliten als Vorbilder? Für diese drei lässt sich die Frage eindeutig bejahen, und weil jeder für sich eine sowohl exponierte als auch exemplarische Stellung in der Gesellschaft einnimmt, ist man schon geneigt, die Oberen Zehntausend unter Generalverdacht zu stellen: Sie predigen Wasser und trinken Wein.

Das wird auch von Donnerstag an wieder zur Sprache kommen, wenn der Prozess gegen Christian Wulff beginnt. Der war Anlass für die Runde bei der wie meistens hellwachen Moderatorin und wird der erste gegen einen ehemaligen Bundespräsidenten sein. „Gehört Christian Wulff vor Gericht?“ lautete dementsprechend die Titelfrage.  Er wird dort jedenfalls auf der Anklagebank Platz nehmen, sein Casus wird, makaber genug, zwischen zwei Verfahren gegen Gewalttäter verhandelt und ist damit verglichen eine Bagatelle – es geht um etwas mehr als 700 Euro in einem Fall von Vorteilsnahme – aber von ungleich höherem medialen Interesse. Denn die Affäre Wulff ist auch eine Mediengeschichte.

Dass der CDU-Politiker Opfer einer „Jagd“ geworden sei, wurden seine Apologeten in der Talkshow nicht müde zu betonen. Denn die Vorwürfe seien doch allesamt „aus der Luft gegriffen, alles rechtlich nicht haltbar“ formulierte Diether Dehm, als „Freund“ Wulffs vorgestellter Politiker der Linken. Dabei übersah Dehm allerdings, dass ein Vorwurf, der rechtlich nicht haltbar ist, längst nicht „aus der Luft gegriffen“ sein muss. Und Wulffs zahlreiche Fehler, Beschönigungen, Vertuschungen und Lügen mögen nicht gerichtsverwertbar sein – mit dem Amt eines Bundespräsidenten lassen sich solche Methoden, lässt sich solch eine Haltung eben nicht vereinbaren.

Der Fehler, den er nicht machen durfte

Das sah, bei allem Verständnis für ihren Parteifreund, auch Rita Süssmuth so, die  zwar sagte, selbst für Politiker müssten Freundschaften  möglich sein, aber zugestand, dass Wulffs Anruf auf die Mailbox von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann der Fehler gewesen sei, „den er nicht machen durfte“. Die Journalistin Sybille Weischenberg brachte es auf den Punkt: Wulff habe sich mit diesem Schritt „unhaltbar gemacht“. Dagegen versuchte der PR-Berater Moritz Hunzinger alle Argumente niederzuwalzen und offenbarte erstaunliche Defizite an Intellekt und Staatsbürgerkunde: Der Anruf sei eine absolute Lappalie gewesen, die Herren seien ja im gleichen Alter, „da ruft der den mal an und nimmt ihn sich zur Brust“, da gehe es doch nicht um Pressefreiheit. Ist ja bloß ein Grundrecht...

Die falschen Freunde

Bemerkenswert, wie da einer vollkommen ignoriert, was ja ein Grundproblem Wulffs war: das mangelnde Bewusstsein für die Würde des Amtes. Aber der PR-Mann hat ja noch nicht mal eine Kinderstube, wie sich zeigte, als er seinen Nachbarn Hajo Schumacher  mit „er hier“ titulierte. Schumacher, der zugab, dass der Umgang der Medien mit Wulff auch etwas mit Jagdfieber zu tun hatte, wusste im übrigen anders als Dehm und Hunzinger zu differenzieren. Er erinnerte daran, dass Wulff schon früher „knapp bei Kasse“ gewesen sei und im Lauf seiner Karriere offensichtlich die falschen Freunde gewählt habe. Was die Dokumentation vor der Talkshow mit einer Aussage von  Wulffs Parteifreund Bernd Busemann, derzeit Landtagspräsident, bestätigte: Im Zweifel werde in der Politik „leicht mal auf Tauchstation gegangen“.

Das lässt sich nun auch für Wulffs Verhalten sagen, der die genossenen Zuwendungen lieber nicht preisgeben wollte und so den Recherche-Eifer der Medien eben erst befeuerte. Und deshalb findet auch der Bild-am Sonntag-Redakteur Michael Backhaus es richtig, dass der Ex-Präsident vor Gericht muss. Er zog den Vergleich zur Supermarkt-Kassiererin, die wegen zwei Bons entlassen werden könne. Hajo Schumacher pflichtete bei, auch weil die Öffentlichkeit ein Recht habe, die Details der Affäre zu erfahren. Dass die Causa kathartische Folgen für das Gemeinwesen habe, sah Rita Süssmuth allerdings eher skeptisch: Der hierzulande übliche Umgang mit Affären führe nicht zur Aufklärung und Selbstbefragung nach den eigenen Fehlern. Aber in diesem Fall könnten es die Eliten ja mal mit der Vorbild-Funktion versuchen.

Hinweis: Eine frühere Version dieses Textes beinhaltete eine missverständliche Formulierung über die Kinderstube Moritz Hunzingers.

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