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Analyse Gauck zu Unrecht angegriffen

Die Kandidatur von Joachim Gauck provoziert scharfe Polemiken. Aber hat er den Holocaust relativiert? Kritiker suchen zu Unrecht nach faulen Stellen in seinen Reden.

Wahrscheinlich der nächste Bundespräsident: Joachim Gauck. Foto: dpa

Der zuletzt stets wie ein souveräner Staatsmann auftretende Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) verlor für einen Moment die Contenance. Schweinejournalismus sei das, warf er in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ der taz-Chefin Ines Pohl vor, was deren Blatt in Bezug auf den Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck veröffentlicht habe.

Die taz hatte tatsächlich mächtig aufgedreht und Gauck nicht nur einen reaktionären Stinkstiefel genannt, sondern diesem nichts Geringeres als eine Relativierung des Holocausts vorgeworfen. Im hiesigen Diskursgelände wirkt so etwas wie der Abwurf einer rhetorischen Streubombe. Mit den Suchbegriffen „Gauck" und "Holocaust“ spuckt Google seither über 700?000 Treffer aus, und es werden wohl noch mehr. taz-Redakteur Deniz Yücel hat seine Polemik gegen Gauck mit einer Rede munitioniert, die dieser 2006 vor der Robert- Bosch-Stiftung zum Thema „Welche Erinnerung braucht Europa?“ gehalten hatte. „Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocausts“, hatte Gauck darin ausgeführt. „Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmords in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolut Böse, das den Betrachter erschauern lässt.“

taz steht nicht allein mit ihrer Analyse

Den hohen Ton dieser Überlegungen hat Yücel schließlich auf seine Weise tiefer gelegt. „Einfach ausgedrückt lautet sein Gedankengang“, so Yücel, „Ja, es gab den Holocaust, wir wollen ihn nicht vergessen, aber bitteschön nicht übertreiben und die Kirche im mecklenburgischen Dorf lassen.“ Hermeneutisches Feintuning kann man Yücels Herangehensweise eher nicht nennen.

Ganz allein steht die taz mit ihrer Analyse über den Holocaust-Deuter Gauck nicht. Ähnlich wie Yücel hat Alan Posener, Redakteur der Welt, Gaucks Bosch-Rede nachgelesen und seine Überlegungen dazu auf der Internetseite „starke-meinungen.de“ veröffentlicht. Es wimmelt darin nur so von Worten wie „perfide“, „ausgesprochene Gemeinheit“ und „Unterstellung“. Posener bezichtigt Gauck – ebenso wie Alexander Hasgell in der Jüdischen Allgemeinen –, den Holocaust zu missbrauchen, um Propaganda für die Religion zu machen.

Was hat Gauck denn tatsächlich gesagt? Lesen Sie weiter.

Aber hat Gauck das auch alles gesagt? Seine Ausführungen zum Holocaust machen in der Rede nur einen geringen Teil aus. In der Überleitung zu der umstrittenen Passage heißt es: „Nur am Rande sei die Gefahr einer Trivialisierung des Holocaustgedenkens erwähnt.“ Man kann das Gesagte tatsächlich als Randbemerkung dazu verstehen, dass die Instrumentalisierung des Holocaust inzwischen viele Gesichter hat. Die Palette dieser Debatte reicht von Martin Walsers Frankfurter Paulskirchenrede bis zu den umstrittenen Thesen des amerikanischen Politikwissenschaftler Norman Finkelstein. Erinnerungstheoretiker verschiedener Schulen sind sich aber weitgehend einig darüber, dass ein allzu routinierter Umgang mit der Geschichtspolitik Erstarrungen und Vereinfachungen hervorruft. Eine wohlwollende Lektüre der Gauck-Rede könnte zumindest zu der Deutung gelangen, dass es ihm um das Verhältnis von Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit ging. Dass der Theologe Gauck die Frage nach der Erinnerung darüber hinaus im Kontext theologischer Kategorien erörtert, kann nicht verwundern. Zu einer Demaskierung Gaucks – und um die geht es Kritikern wie Yücel, Hasgell und Posener – reichen die Einlassungen jedoch nicht aus.

Denunziatorische Züge

Man fragt sich vielmehr, welcher Art der Furor ist, der viele Recherchen zur Vita des künftigen Bundespräsidenten begleitet. Er ist vermutlich nicht nur der gesellschaftlichen Neugier geschuldet, genau wissen zu wollen, wie der designierte erste Mann im Staate tickt. Die emsige Suche nach faulen Stellen in dessen Interviews und Reden trägt denunziatorische Züge. Das muss man allerdings nicht Schweinejournalismus nennen. Die Grenzen zwischen legitimen Aufklärungsinteressen und überzogener Zuspitzung, das sollten gerade Politiker wissen, sind eben bisweilen fließend.

Der Historiker Götz Aly hat Gaucks umstrittene Rede zur Erinnerungspolitik ebenfalls nachgelesen und kommt zu einer versöhnlichen Lesart. Gauck trete als Skeptiker, als Geschichtspessimist in die Arena, als nachdenklicher Humanist, der mit den Abgründen des Menschlichen rechnet. „Mit dem jüdischen polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman besteht Gauck darauf, dass wir auch gegenwärtig und zukünftig das Unvorstellbare einkalkulieren müssen.“ Gaucks Kritikern hält Aly indessen vor, geistig verledert und wenig neugierig zu sein. „Gegen beunruhigende Einsichten immun, verschanzen sie sich hinter den Sandsäcken ihrer Überzeugungen.“ Man sollte sich darauf freuen, wenn der Bundespräsident Gauck künftig noch so manchen aus der Deckung lockt.

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