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G7-Gipfel in Elmau Überm G7-Gipfel ist Ruh'

Erste Proteste gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau bei Garmisch-Partenkirchen bleiben friedlich - bisher. Unser Autor hat eine Nacht im Camp der Gipfelkritiker verbracht, unter Anarchisten und Feministinnen, Erstdemonstranten und nahkampferfahrenen Veteranen.

Vor dem G7-Gipfel - Protestcamp
Das Protestcamp erinnert ein bisschen an Woodstock. Foto: dpa

Am Freitagmorgen tauchen sie plötzlich auf, wie aus dem Nichts: 3000 gewaltbereite Gipfelgegner. Sie sind doch da, oder? Oder wenigstens im Anmarsch? Benjamin Ruß steht vor den seit Wochen wiederholten Ankündigungen, als müsste er doch noch einmal nachsehen, ob nicht doch Autonome das Anti-G7-Protestcamp übernommen haben.

Seit Wochen sagt er, von hier werde keine Eskalation ausgehen. Vier Nächte und vier Tage lebt er hier, als Daueransprechpartner für Medien, Lokalpolitiker, Demonstranten, vor allem für die freundlichen Polizisten, die das Camp belagern. Jeden Morgen und jeden Abend versendete er per Mail: „Alles friedlich.“ Und nun das.

Die Zeitungen, die im Camp täglich frisch an eine Zeltplane neben dem Eingang geklebt werden, sind eigentlich voll des Lobes: 35 000 Menschen haben am Vortag in München gegen die G7 demonstriert – keine einzige Verhaftung. Im Zeltlager, das das Protestbündnis derweil an die hellblaue Loisach baute, hoffen nun rund 600 Demonstranten darauf, dass zumindest ein Bruchteil der Münchner Demo die 100 Kilometer nach Garmisch-Partenkirchen reist.

Direkt im Anschluss an den Münchner Aufmarsch waren schon vom Donnerstag gut 100 Aktivisten mit Reisebussen nach Garmisch gekommen. „Man muss was machen gegen diese antidemokratische Struktur G7, die die Welt regieren will“, sagt ein Mitreisender, Thomas, 32, aus Bielefeld. Er ist aktiv bei der „Interventionistischen Linken“, die die Mächtigen stärker ärgern will als mit Latschdemos.

Doch als die Gruppe den Uferpfad zum Camp erreicht, verfliegen die Ideen, irgendwie an den 16-Kilometer-Zaun heranzukommen, der das G7-Schloss Elmau umgibt. „Da ist schon rein geografisch kein Rankommen“, erklärt Eugenia, 26, ein Grinsen verkneifend. Die kleine dünne Frau mit einzelnen Rastalocken im Haar erstellt ihre Anthropologie-Abschlussarbeit für die FU Berlin darüber, wie der Gipfel die Menschen im Tal verändert. Über Monate kam sie her, zuletzt wurde sie selbst am Fuß der steilsten Wand vor dem Zaun gefilzt, obwohl der Gipfel erst in Wochen anstand.

Für ihren Forschungsauftrag gäbe es keinen besseren Ort als das Camp. Hier stoßen anarchistische auf feministische Gruppen, neugierige Erstdemonstranten auf nahkampferfahrene Veteranen – und alles unter hochglanzpostkartenartigem Alpenpanorama. Tag für Tag schlendern Wanderer, Radler und Einheimische durch die Trampelpfade zwischen den Zelten. Einige bringen Kuchen oder Marmelade, ausgehfreudige Anfangsdreißiger wie Stephan und Seppi („eigentlich ja Josef Franz“) kommen am Abend zum Biertrinken und loben die Aktivisten. Er habe aber bei Facebook, sagt Stephan, auch schon gelesen: „Garmisch wird brennen.“ Da höre der Spaß auf.

Als es dämmert und die Werke der veganen Volxküche vertilgt sind, beginnen die Vorträge und Workshops. Wie ist Griechenlands ArbeiterInnenbewegung noch zu helfen: Plenumszelt. Ukraine, Klassenkampf im Schatten der Großmächte: Gemeinschaftszelt. Amazon, Bahn, Erzieherinnen ... die Themen sind viele.

Die Hälfte der Camper schläft, als die andere morgens um zwei debattiert, wie man Indien zu nachhaltiger Entwicklung verhelfen kann, ohne als weiße Herrenmenschen aufzutreten. Nebenan spielen Blockflöte und Holzgitarre. Lagerfeuer sind verboten. So wie Schnaps, Drogen und Hunde, die Camp-Orga achtet darauf.

Vier Uhr, das Alpenglühen deutet sich an und endlich schläft das ganze Camp, wechselt die Nachtwache. Zum Freitag haben wieder Mal die Rocker von der „Kuhlen Wampe“ übernommen: Deutschlands einziger linker Motorradclub-Verband, erzählt Rocker Jörg, 56, im Zivilberuf Altenpfleger. Als die Sonne aufgegangen ist, fragen ihn zwei Jungs nach dem Putzzeug für die Klos. Sie sind heute der freiwillige Putzdienst.

Und dann, mitten in die friedlichste Morgensonne hinein, tauchen sie eben auf, die 3000 gewaltbereiten Chaoten – allerdings nur als Phantom, fast schon als Wunschtraum, den der Medientross zur 10-Uhr-Pressekonferenz mit ins Camp bringt. „Die Polizei sagt, die Stimmung sei gekippt?“ – „Haben seit letzter Nacht wirklich Autonome aus Stuttgart das Camp übernommen?“ – „Wann kommt der schwarze Block, die 3000 gewaltbereiten Demonstranten?“ Die Zahl hatte Bayerns CSU-Innenminister in die Welt gesetzt, die Journalisten fragen den überrumpelten Bündnissprecher Ruß so vehement danach, als würden sich fast wünschen, dass das Camp endlich Action bietet oder die Befürchtungen bestätigt.

Ruß sieht jetzt sehr müde aus. Er würde lieber erklären, dass seine Leute hier für das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit einstehen. Dass sie hier sind, um zu zeigen, dass es sehr wohl Willen zum Protest in der Region gibt. Dass dieser Protest versteckt wird. „Was wäre für Sie der eigentliche Erfolg“, versucht es der Bayrische Rundfunk: „Wenn hier auch 30 000 Leute friedlich feiern – oder wenn Sie es schaffen, Polizeiketten zu umgehen?“ Ruß antwortet ernst: „Wenn wir in Sichtweite von Schloss Elmau demonstrieren dürften, wie die Verfassung es uns erlaubt.“

Als ein Demozug von rund 400 Leuten vor dem Haupt-Protest-Ziel des Freitags, dem „Europäischen George Marshall Zentrum für Sicherheitsstudien“ in Garmisch, ankommt, liegt das wie ausgestorben hinter riesigen Eisengittern. Die Mannschaftswagen der Polizei säumen Stoßstange an Stoßstange die Zufahrtsstraßen. Eine junge Frau spricht ins Mikro, dass hier US- und deutsches Verteidigungsministerium deutsche Militärs und Zivilisten „in sogenannter Sicherheitspolitik“ schulen. „Der Krieg beginnt hier, vor unserer Haustür“, ruft sie. Die Polizisten schwitzen. Als sich die Demo eine Stunde später auflöst, brennt ein Papp-Panzer. Die Feuerwehr rast mit Blaulicht an. Zu spät. Der Panzer ist nur noch Asche. Die Großdemo in Garmisch ist für Samstag angesagt.

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