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Beppe Grillo Die Fäuste gen Brüssel

Mehr Italien, weniger Europa: Der Populist Beppe Grillo punktet in Italien mit antieuropäischen Parolen. Grillo führt ebenso wie Silvio Berlusconi und die gesamte Rechte einen antieuropäischen und antideutschen Wahlkampf.

Beppe Grillo stänkert gegen Europa - und gegen Deutschland. Foto: REUTERS

„Dieses Europa ist ein Europa, das die Schwachen demütigt, mit Gesetzen voller Blut und Tränen“, singen sie, „ich werde mit den Fäusten auf den Tisch hauen und meine Wut herausschreien.“ Von der bügelnden Hausfrau über den Geschäftsmann bis zur Fitnesstrainerin, Rentnern und Schwulen-Paaren – es sind ganz normale Italiener, die in einem dreieinhalbminütigen Video mit zornigem Blick die Faust herabsausen lassen. „Pugni sul tavolo“ – die Fäuste auf den Tisch, heißt die Hymne der Grillini zur Europawahl. Anhänger des Ex-Kabarettisten Beppe Grillo und seiner Protestbewegung Fünf Sterne geben darin einen Abgesang auf die EU zum Besten. „Ihr Reich wird zusammenbrechen und wir gewinnen“, endet er.

Dass die Grillini zum großen Gewinner der Europawahl in Italien werden könnten, das halten auch andere für möglich. Zwar liegen die Sozialdemokraten von Premier Matteo Renzi in Umfragen mit rund 35 Prozent klar vorn. Doch die Fünf Sterne sind zweitstärkste Kraft. Trotz Querelen um Grillos autokratischen Führungsstil haben sie nicht an Beliebtheit eingebüßt. Jeder vierte Italiener will die Nicht-Partei wählen, die das Ende des Polit-Systems, Internet-Demokratie und ein Referendum über den Euro propagiert. Doch es könnte auch wieder eine Überraschung geben. Die Zahl der Unentschlossenen ist hoch, und bei der Parlamentswahl 2013 hatten die Grillini die Prognosen um zehn Prozentpunkte übertroffen.

Grillo führt ebenso wie Silvio Berlusconi und die gesamte Rechte einen antieuropäischen und antideutschen Wahlkampf. Zuletzt erschien auf seinem Blog eine Comiczeichnung, die den Spitzenkandidaten der europäischen Sozialdemokraten, den Deutschen Martin Schulz, in Nazi-Uniform und mit Peitsche auf dem Rücken von Premier Renzi zeigte. Mehr Italien, weniger Europa, das fordern die Fünf Sterne genauso wie Berlusconi und dessen fremdenfeindliche und rechte Bündnispartner Lega Nord und Fratelli d‘ Italia. Die Front der EU-Gegner versammelt mehr als 45 Prozent der Wähler. 44 Prozent der Italiener wollen laut einer am Montag veröffentlichten Studie des Pew-Research-Instituts den Ausstieg aus dem Euro und die Rückkehr zur Lira.

Grillo, Populist wie Berlusconi, bedient solche Stimmungen. Seit Wochen tourt er durchs Land, seine Wahlkampf-Shows mit Polemik und Geschrei sind gut besucht, obwohl er Eintritt verlangt. Er fischt aus einem Becken, in dem sich Unentschlossene tummeln, Wütende, Enttäuschte, Perspektivlose, Linke wie Rechte. Es sind nicht nur junge Leute und Arbeitslose, auch Geschäftsleute und Mittelklasse-Italiener. Ihr Zorn richtet sich gegen die von Europa auferlegte Sparpolitik und gegen Italiens Parteien.

Zwar hat Premier Renzi mit seinem Schwiegersohn-Image und den Ärmel-hoch-Parolen in der Bevölkerung Zustimmungswerte um die 60 Prozent. Doch viele Italiener bezweifeln, dass er es schaffen kann, das Land wie versprochen radikal zu verändern. Seine Reformen gehen zäh voran. Und solange die Wirtschaftskrise anhält und die Arbeitslosigkeit auf immer neue Rekordwerte steigt, wächst die Wut.

Berlusconis Forza Italia wiederum befindet sich in einem Zerfallsprozess, er selbst macht zwar fleißig Wahlkampf, darf aber als Verurteilter nicht kandidieren. Einen Nachfolger gibt es nicht. In Umfragen liegt die Partei unter 20 Prozent. Viele frühere Wähler liebäugeln mit Grillo.

Dass kurz vor der Europawahl einige prominente Ex-Politiker verurteilt oder verhaftet wurden, kommt Grillo gerade recht – bestätigt das doch alle seine Attacken auf die korrupte „Kaste“. So soll der frühere Forza-Italia-Abgeordnete Marcello Dell’Utri, im Libanon festgesetzt, bis Anfang der 90er Berlusconis Mittelsmann zur Mafia gewesen sein. Und in Mailand wurde vergangene Woche ein Korruptionsring ausgehoben, dem ein Ex-Berlusconi-Senator und ein früherer Sozialist angehörten. Sie kontrollierten die Ausschreibungen für die Weltausstellung Expo und kassierten hohe Bestechungsgelder.

Wenn im Internet und in Leserforen über die Grillini als Alternative bei der Europawahl diskutiert wird, dann so, als ginge es nicht um Brüssel, sondern um Rom. „Ich wähle Fünf Sterne, weil ich die Korruption und Steuerhinterziehung nicht mehr ertrage – die von der Rechten getragen und von der Linken nur zum Schein verurteilt wird“, schreibt ein Freiberufler im Vererdí di Repubblica. Ein frustrierter Linker, ebenfalls Grillo-Wähler, erklärt: „Was Renzi macht, ist meilenweit entfernt von jeder fortschrittlichen Idee.“ Italien brauche ein Ende der Ära des Scheiterns und einen klaren Bruch. Eine ältere Dame glaubt: „Renzi wird scheitern wie alle vor ihm. Nachdem es alle Parteien mal versucht haben, sollen jetzt die Grillini ran.“

Die EU-Wahl wird zur Abstimmung über die italienische Regierung und zum Duell Grillo – Renzi. „Wenn wir auf 30 Prozent kommen, muss es sofort Neuwahlen geben“, tönt Grillo bereits – und nach dem 25. Mai wolle er ein Referendum zum Euro-Ausstieg. Renzi spricht von einem „täglichen Wettrennen zwischen einem, der etwas tun will und einem, der nur zerstören will“. Noch liegt er klar vorn.

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