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Masar-i-Scharif Im Fadenkreuz der Taliban

Afghanistans Norden wird immer unsicherer. Islamistische Milizen treiben die Sicherheitskräfte vor sich her und verbreiten Angst.

Ein afghanischer Soldat inspiziert den Tatort vor der deutschen Botschaft in Masar-i-Sharif. Foto: dpa

Die Bewohner des kleinen Dorfs Gundhi Wallgha, die an diesem Morgen noch nicht auf den kargen Feldern der Umgebung unterwegs sind, können sich nicht an friedliche Zeiten erinnern. Sie schieben den elfjährigen Ghaus Uddin nach vorne. Er verlor einen Finger an der rechten Hand, als er beim Ziegenhüten Munition vom Boden aufhob. Aber der afghanische Mitarbeiter einer Minenräumungsgruppe aus der 40 Kilometer entfernten Stadt Masar-i-Scharif will sich keine Zeit nehmen, um den Jungen nach Einzelheiten zu befragen. Er treibt zur Eile. „Man kann den Dorfbewohnern nicht trauen“, flüstert er auf dem Weg zum Auto, „die stecken mit Taliban unter einer Decke.“

In diesen Tagen verfallen die Sandsackmauern, hinter denen sich in der Nähe bis Ende 2014 Nato-Truppen einquartierten. Eine kleine, mit deutschem Geld errichtete Schule steht unbenutzt. Die Dorfkinder werden von einem Mullah in der kleinen Moschee aus Lehm unterrichtet.

Gundhi Wallgha liegt auf dem früheren Gelände eines sowjetischen Stützpunkts aus den 80er Jahren, ein paar Hundert Meter westlich der Landstraße, über die Lastwagen, überladene Fernbusse und Autos mit Hochgeschwindigkeit von der Hauptstadt Kabul nach Masar-i-Scharif rattern. Vollgas, so glauben die Fahrer, schütze vor Angriffen.

Der Norden Afghanistans galt lange als vergleichsweise sicher. Heute gleicht die Lage auf der Landstraße eher dem Alltag vor 20 Jahren. Damals stoppten Kriegsfürsten den Verkehr, um Reisende auszurauben. Heute errichten radikalislamische Talibanmilizen oft Straßensperren, holen Regierungsmitarbeiter aus ihren Autos und erschießen sie. Ausgebrannte Polizeiposten zeigen, wer an der Landstraße, die für die Versorgung von Kabul lebenswichtig ist, das Sagen hat.

„Die kommen und gehen, wie sie wollen“, sagt der Besitzer eines Restaurants an der Straße. Der Mann weiß, wann es gefährlich ist. Wenn die Kunden ausbleiben, sind die Taliban auf der Straße. „Sie sitzen dort drüben in den Bergen“, sagt der Mann und zeigt auf einen Bergrücken, der sich im Dunst abzeichnet.

Wie riskant die Lage im Norden Afghanistan geworden ist, wird selbst am Stadtrand von Masar-i-Scharif deutlich. Der Kontrollposten an der Ausfallstraße nach Kabul würde jedem Grenzposten alle Ehre machen. Unter einem großen Torbogen durchsuchen Polizisten Fahrzeuge. Reisende aus Kabul werden besonders stark unter die Lupe genommen. Denn die Sicherheitskräfte befürchten, dass Kämpfer der Taliban sich auf der Strecke an Bord von Bussen und Autos schleichen, um in die Stadt einzusickern.

Jahrelang galt Masar-i-Scharif im Norden in den Augen vieler Afghanen als so sicher, dass sie in der Stadt, die für ihre Blaue Moschee berühmt ist, ihr Geld anlegten: Sie kauften dort Land. Die Stadt erlebte einen Bauboom. Ein nagelneuer moderner, ziviler Flughafen stellt das Symbol der Hoffnung auf eine rosige wirtschaftliche Zukunft dar. Die Militärstützpunkte auf der südlichen Seite der Landepiste, wo auch der größte Teil der knapp 1000 noch in Afghanistan deutschen Bundeswehrsoldaten stationiert sind, beweisen, dass der Frieden weit entfernt ist.

„Fragen Sie die Leute, wie ruhig sie hier leben können“, sagte Gouverneur Mohammed Atta im vergangenen Jahr zu dieser Zeitung mit kaum verhülltem Stolz. Sein Büro liegt in einem abgeschirmten Areal im Zentrum der Stadt. Doch mit der Ruhe ist es spätestens seit Anfang diesen Jahres vorbei. Der riesige Sicherheitsaufwand erwies sich spätestens Anfang dieses Jahres als ein durchlässiges Sieb. Damals attackierten die Taliban das indische Konsulat.

Der gewaltige Anschlag von Donnerstagabend auf die deutsche Vertretung zeigt nun, dass es den Milizen nicht nur gelungen ist, Selbstmordattentäter in die Stadt zu schleusen. Sie können offenbar auch Sprengstoff in die Stadt schmuggeln.

Gouverneur Atta ahnte offenbar bereits im vergangenen Jahr, dass seine Provinz Balch und Masar-i-Scharif ins Fadenkreuz der Taliban geraten würden. „Wir müssen die Taliban militärisch besiegen und bekämpfen“, sagte er im Interview, „Friedensverhandlungen bringen nichts.“ Inzwischen scheint auch die Regierung von Präsident Aschraf Ghani die Hoffnung aufgegeben zu haben, mit einer politischen Lösung den Krieg zu beenden.

Afghanistan zählt inzwischen 1,8 Millionen Binnenvertriebene. 600 000 von ihnen verließen alleine während der vergangenen zwei Monate ihre Dörfer, um den überall aufflammenden Kämpfen zu entgehen. Im Süden belagern die Taliban-Milizen seit Wochen Helmands Provinzhauptstadt Laschkar Gah. In Urusgan ist das Zentrum Tarin Khot ebenfalls vom Rest des Landes abgeschnitten.

Im Norden haben sich Taliban-Milizen inzwischen in den Außenbezirken der Stadt Kundus eingenistet. Am Flughafen sind in diesem Jahr wieder Bundeswehr-Spezialisten in dem früheren deutschen Stützpunkt eingezogen – gemeinsam mit Special Forces der USA. Die Kämpfe sind so heftig, dass die Zivilbevölkerung in Kundus zunehmend leidet. Bei einem Bombardement durch US-Flugzeuge wurden vor zwei Wochen Kinder und Zivilisten getötet. Vor einem Jahr hatten sie bereits – angeblich versehentlich – ein Krankenhaus der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ bombardiert.

Die Kämpfe im Norden Afghanistans nahmen zu, nachdem Pakistan Tausende von Taliban-Kämpfern und islamistischen Extremisten aus der Wasiristan-Region vertrieb. Viele schlugen sich anschließend in den Nordosten Afghanistans durch. Beobachter glauben nicht, dass sich die Lage bald beruhigen wird. „Weil der ,Islamische Staat‘ im Nahen Osten an Boden verliert, rechnen wir damit, dass einige von denen bald hier in der Region auftauchen werden“, sagt ein Experte, „denn so viele andere Möglichkeiten gibt es für sie nicht in dieser Welt.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Afghanistan

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