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Kundus-Affäre Das geheime Protokoll der Bombennacht

Geheim steht auf dem Isaf-Bericht zum Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument. Der Inhalt: Um den Einsatz zu ermöglichen, täuschte der verantwortliche Oberst Klein die US-Luftwaffe. Was wirklich geschah. Von Steffen Hebestreit

Geheim steht auf dem Isaf-Bericht über den Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument. Foto: dpa

Signalrot prangt der Stempel "GEHEIM - amtlich geheimgehalten" auf dem Dokument. 75 Seiten lang ist die Originalfassung des Untersuchungsberichts, den der Isaf-Kommandeur, der US-General Stanley McChrystal, in den Tagen nach dem verheerenden Luftschlag von Kundus zusammengestellt hat. Der Bericht ist die Grundlage für die Bewertung des Bombardements.

Nur wenige haben bis heute Zugang zu dem Text, den McChrystal am 26. Oktober in Kabul unterschrieben hat. Drei Tage dauerte es, bis das Papier, pünktlich zur Verabschiedung von Franz Josef Jung (CDU), per Boten in Berlin eintraf. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht neue Details und weist auf Widersprüche in dem geheimen Text hin.

+++ 3. September, 15 Uhr (Ortszeit Kundus)+++

Zwei Tanklaster der privaten Spedition Mir Bacha Kot Transport Company, die einem Herrn Nagib aus Kabul gehört, sind unterwegs in der Provinz Kundus. Ein Lastwagen hat 30.000 Liter Benzin geladen, der andere Diesel. Die Kraftstoffe sind offenbar für die US-Truppen in Kabul bestimmt. Auf dem Highway 3, der bei den Isaf-Truppen als "Loc Pluto" bekannt ist, hat einer der Trucks eine Reifenpanne. Beide Fahrzeuge halten deshalb an einer Tankstelle etwa 15 Kilometer südlich der Stadt Kundus. Zum deutschen Feldlager sind es acht Kilometer in nord-nordwestlicher Richtung.

+++ 15.30 Uhr +++

Die Reifenpanne ist behoben und die beiden Fahrer wollen ihre Fahrzeuge besteigen, als mehrere Taliban-Kämpfer plötzlich in Autos an der Tankstelle auftauchen. Sie bemächtigen sich der Laster, erschießen einen Fahrer und zwingen den anderen, sie zu begleiten. Ihr Ziel ist offenbar das Dorf Gor Tepa jenseits des Kundus-Flusses im Distrikt Chahar Darah, wohin sich alliierte Truppen längst nicht mehr trauen.

+++ 18.10 Uhr +++

Der Konvoi erreicht das Flussufer. Für die Strecke von drei bis vier Kilometern haben die Fahrzeuge aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse knapp drei Stunden benötigt. Die Taliban sichern die Route mit mehreren Hinterhalten, an denen sich jeweils zehn bis 15 Kämpfer verschanzen. Bundeswehr und afghanische Streitkräfte bemerken zwar diese Taliban-Positionen, wissen zu diesem Zeitpunkt aber nichts von der Entführung der Laster. Sie vermuten, dass die Aufständischen Militärfahrzeuge angreifen wollen.

+++ 18.21 Uhr +++

Die beiden Tanklaster stecken auf der Sandbank des Flusses fest. Es gibt kein Vor und Zurück. Die Talibanführer informieren über Mobiltelefon ihr Helfernetzwerk. Nach Erkenntnissen der Bundeswehr gibt es im Unruhedistrikt Chahar Darah, dem "Hotspot" des deutschen Einsatzgebietes Kundus, fünf bis sechs Taliban-Subkommandanten. Über Handy haben diese Anführer die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit etwa 100 sogenannte "Wochenend-Taliban" zusammenzurufen, die Sprengstoffanschläge verüben und sich an Angriffen auf Isaf-Truppen beteiligen.

+++ 19.15 Uhr +++

Der Gouverneur der Provinz, Mohammed Omar, informiert den Polizeichef von Kundus über die entführten Tanklaster, nachdem Bewohner des Dorfes Haj Sahhi Dad By der Polizei in Kundus-Stadt davon berichtet haben.

+++ 19.30 Uhr +++

Es ist Ramadan, und erst nach Sonnenuntergang kommt das Leben in Afghanistan wieder richtig in Schwung. Die Talibanführer aktivieren ihr Unterstützer-Netzwerk in den umliegenden Dörfern. Unter anderem befindet sich Mullah Abdul Rahman, einer der führenden Taliban der Gegend, zu diesem Zeitpunkt auf der Sandbank. Im Dorf Haj Sahhi Dad By haben sich die Männer in der Moschee versammelt zum Fastenbrechen.

Als Talibankämpfer in der Moschee auftauchen und den Mullah und Dorfbewohner auffordern, ihnen mit den festsitzenden Tanklastern zu helfen, folgen eine Reihe von Dorfbewohnern dem Befehl. "Andere nicht", wie das Isaf-Protokoll vermerkt. Aus insgesamt 16 Dörfern machen sich Bewohner in Fahrzeugen oder zu Fuß auf den Weg zur Sandbank. Sie müssen dafür zwischen drei und 17 Kilometer zurücklegen.

Eltern warnen ihre Kinder davor, zur Sandbank zu gehen - meist vergeblich. Zum gleichen Zeitpunkt informiert die afghanische Polizei den Eupol-Kontaktbeamten des Feldlagers Kundus über die Entführung. Unklar ist, weshalb es noch einmal 90 Minuten dauert, bevor dieser den Kommandeur des Lagers, Oberst Georg Klein, gegen 21 Uhr über den Fall in Kenntnis setzt.

+++ 20.00 Uhr +++

Ein afghanischer Informant meldet sich bei seinem deutschen Führungsoffizier im Feldlager. Der Offizier gehört der Task Force 47 an, jener streng geheimen Sondereinheit von Geheimdienstleuten und Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK), das seit Oktober 2007 ohne Wissen des Bundestags einen eigenen Gefechtsstand im Feldlager Kundus betreibt. Dieser Gefechtsstand ist technisch deutlich besser ausgestattet als der reguläre Gefechtsstand des Lagers. Deshalb bevorzugen es Klein und sein Fliegerleitoffizier W., Codename "Red Baron 21", von dort aus heikle Operationen zu befehligen.

Der Informant berichtet von zwei festsitzenden Tanklastern auf der Sandbank und davon, dass sich ausschließlich Taliban um die Fahrzeuge herum aufhielten. Im Laufe des Abends wird sich dieser Informant noch viele Male im deutschen Feldlager melden.

+++ 20.30 Uhr +++

Der Verbindungsoffizier des Feldlagers holt Oberst Klein aus einer Besprechung, um den Kommandeur über die Neuigkeiten zu informieren. Die Tanklaster befinden sich laut Informant auf der Position 42 VF 886577. Laut einer späteren Befragung des überlebenden Lastwagenfahrers befinden sich zwischen 20 und 21 Uhr bis zu 300 Talibankämpfer, Unterstützer, Sympathisanten und "normale" Dorfbewohner auf der Sandbank.

Zu diesem Zeitpunkt trifft ein B1B-Bomber der US Air Force im Luftraum über Kundus ein. Sein Einsatz geht zurück auf eine deutsche Anforderung von 15 Uhr, die sich auf eine andere Mission bezog. Eigentlich sollte der Bomber ein zurückgelassenes Bundeswehr-Fahrzeug zerstören, wegen möglicher Kollateralschäden wird dieser Plan aber letztlich nicht verwirklicht.

Auf Bitten der Deutschen beginnt der B1B-Bomber mit der Suche nach den entführten Tanklastern. Über eine sichere Verbindung werden Live-Videobilder aus dem Flugzeug in den TF-47-Gefechtsstand übermittelt. Dort tauchen sie auf der sehr großen Leinwand auf. Oberst Klein sieht damit genau das Bild, das sich den Bomberpiloten bietet.

Mehr als zwei Stunden sucht die Crew vergeblich nach den feststeckenden Tanklastern. Der Grund: Die Koordinaten sind falsch, der Tatort befindet sich fünf Kilometer weiter südlich, acht Kilometer Luftlinie vom deutschen Camp entfernt.

+++ 23 Uhr +++

Oberst Klein verlässt den Gefechtsstand und hinterlässt die Order, ihn zu informieren, wenn die Laster gefunden sind. Kurz darauf meldet sich erneut der Informant bei seinem Führungsoffizier. Angeblich hält sich inzwischen das "gesamte Taliban-Führungspersonal des Distrikts Aliabad" auf der Sandbank auf. Die Aufständischen seien dabei, den Kraftstoff aus den Lastern abzulassen, in Kanister abzufüllen und zu verteilen. Der Agent berichtet von Flugzeuggeräuschen, die zu hören seien. Die Taliban hätten vor der Möglichkeit eines Luftangriffs gewarnt.

Hier vermerkt das Isaf-Protokoll: "Interessanterweise nahm niemand Notiz von dieser Warnung. Sie zapften weiter Kraftstoff aus den Trucks ab."

+++ 4. September. 0 Uhr +++

Der Informant meldet sich erneut im deutschen Feldlager. Die Taliban wollen die Tanklaster leeren und die Fahrzeuge ausschlachten. Es befänden sich ausschließlich Taliban an den Trucks, darunter zwei Ausländer; Zivilisten seien nicht vor Ort. Der Informant nennt die Namen von mehreren Führungsfiguren der Taliban, die sich an Ort und Stelle befänden: Kommandant Mullah Abdul Rahman sowie die Subkommandanten Saidi, Naser und Amanullah.

+++ 0.15 Uhr +++

Der US-Bomber B1B entdeckt nun endlich die Lastwagen. Nach ersten Erkenntnissen befinden sich zu diesem Zeitpunkt etwa 100 Personen auf der Sandbank. "Red Baron" erklärt im Funkverkehr mit der Flugzeugbesatzung alle Anwesenden zu Taliban.

Oberst Klein betritt in diesen Minuten erneut den Gefechtsstand, nachdem man ihn über den Fund informiert hat. Er hält es nicht für nötig, seinen Rechtsberater hinzuziehen. Auch eine Meldung an das deutsche Hauptquartier im etwa 200 Kilometer entfernten Masar-i-Sharif unterbleibt; überdies gibt es in dem Bericht keine Hinweise darauf, dass das Einsatzführungskommando in Potsdam, das mehrere Zeitzonen zurückliegt, von der laufenden Operation in Kenntnis gesetzt wird.

In der nächsten Viertelstunde kommt es zu einem lebhaften Austausch zwischen "Red Baron" und der Crew über die Frage, wie diese Ziele am besten bekämpft werden sollten. Im Gespräch sind unter anderem acht 500-Pfund-Bomben, die auf Sandbank und angrenzende Flussufer abgeworfen werden könnten.

+++ 0.25 Uhr +++

Klein lässt klären, ob sich möglicherweise eigene oder afghanische Truppen in der Nähe der Sandbank befinden, um Opfer unter den eigenen Leuten zu verhindern. Ihm gelingt es aber nicht, die dafür zuständige Operationszentrale zu erreichen. Offenbar ist sie in den Nachtstunden nicht besetzt.

Dafür meldet sich erneut der afghanische Informant. Das Isaf-Protokoll vermerkt an dieser Stelle, wie der Kommunikationsweg im deutschen Kommandostand verläuft. Der afghanische Informant habe Kontakt zu einem Farsi sprechenden Übersetzer, der wiederum dem Hauptfeldwebel S. eine deutsche Fassung übermittelt. Beide sitzen nach diesen Angaben nicht direkt in der Operationsleitzentrale. Der Hauptfeldwebel wiederum informiert seinen Hauptmann N. im Gefechtstand. Der Geheimdienst-Verbindungsmann wiederum setzt Oberst Klein über die Angaben des Informanten in Kenntnis.

"Fünf Leute zwischen Quelle und Kommandant", bemerkt das Protokoll diese ungewöhnliche Form der "Stillen Post".

+++ 0.30 Uhr +++

Der Informant meldet, dass sich zahlreiche Taliban an den Tanklastern aufhalten, dass dort keine Zivilisten zu sehen seien. Die Aufständischen seien bewaffnet mit Raketenwerfern und Kleinwaffen.

Das Isaf-Protokoll erwähnt dabei eine interessante Beobachtung des deutschen Führungsoffiziers und seines Übersetzers. Beide halten es für unüblich, wie häufig sich der Informant im deutschen Lager meldet. Alle 15 bis 20 Minuten rufe er mit seinem Telefon bei der Bundeswehr an, obwohl er doch fürchten müsse, entdeckt zu werden. Der Übersetzer erwähnt überdies, dass der Informant bei jedem seiner zahlreichen Anrufe Stein und Bein schwöre, dass sich lediglich Aufständische am Ort des Geschehens aufhielten und keine Zivilpersonen in der Nähe seien.

Unklar ist, ob die Männer diese Zweifel an ihrem Informanten ihren Vorgesetzten mitteilen. In einem Protokoll der Task Force 47 wird Hauptmann N. an einer Stelle mit der Warnung an Oberst Klein zitiert, dass man Meldungen von Informanten niemals als "absolut" annehmen dürfe. Dies spricht dafür, dass der deutsche Kommandeur von seinen Untergebenen offenbar zumindest Warnhinweise erhalten hat.

+++ 0.35 Uhr +++

Während der deutsche Flugleitoffizier und die B1B-Besatzung noch diskutieren, wie sie die Tanklaster am effektivsten bombardieren können, erhält die Crew von ihrer Leitstelle den Befehl, zu ihrem Stützpunkt Al Udeid nahe Doha in Katar zurückzukehren, weil ihr Treibstoff zur Neige gehe. Der Pilot bittet daraufhin die Leitstelle um eine Luftbetankung, um weiterhin im Einsatzgebiet verharren zu können. Diese Bitte wird abschlägig beschieden.

+++ 0.48 Uhr +++

Der US-Bomber dreht ab und fliegt zurück zu seinem Stützpunkt. Seltsamerweise, so die Isaf-Untersuchung, meldet die Crew nach ihrer Landung im so genannten Post-Mission-Report ihren Einsatz über Kundus mit keinem Wort. Nicht die Tanklaster, nicht die mehrstündige Suche nach den Fahrzeugen, nicht den Plan, acht 500-Pfund-Bomben auf das Ziel abzuwerfen. "Nothing significant to report", heißt es lapidar in der Meldung: Keine besonderen Vorkommnisse.

+++ 0.49 Uhr +++

"Red Baron 21" fordert beim US-Flugkontrollzentrum in Kabul erneut Luftunterstützung an als Ersatz für den abgedrehten B1B-Bomber. Die Kontrollstelle fragt nach, ob alliierte Truppen Feindberührung hätten, denn nur in solchen Fällen dürften zu dieser Stunde Kampfjets angefordert werden. Grundsätzlich, so heißt es in dem Untersuchungsbericht, darf "Feindberührung" nur gemeldet werden, wenn sich eigene Truppen im Gefecht befinden, die unmittelbare Gefahr eines solchen Gefechts besteht oder wenn ein feindlicher Akt gegen eigene Truppen oder Einrichtungen unmittelbar bevorsteht.

Die Deutschen melden nach einer kurzen internen Besprechung im Gefechtsstand "Feindberührung" und eine "unmittelbare Gefahr", der ihre Truppen ausgesetzt seien.

Der Flugleitoffizier W. räumt bei einer späteren Befragung ein, dass seiner Meinung nach die Situation nicht als "Feindberührung" zu rechtfertigen gewesen sei, weil lediglich der Informant Feindberührung gehabt habe. Er habe allerdings dennoch die Anweisung von Oberst Klein an die Leitzentrale übermittelt, um die weitere Mission zu ermöglichen. Mit anderen Worten: Im deutschen Gefechtsstand war zu diesem Zeitpunkt klar, dass der Einsatz nur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen fortgesetzt werden kann.

+++ 1.04 Uhr +++

Offiziell wird "Feindberührung" erklärt, die Leitstelle beordert zwei Kampfjets in den Luftraum über Kundus.

+++ 1.08 Uhr +++

Die beiden F-15E, Funkcode Dude 15 und Dude 16, treffen im Einsatzgebiet ein. Etwa 70 nautische Meilen, knapp 130 Kilometer südlich des Feldlagers, melden sie sich bei den Deutschen. Sie schlagen vor, sechs 500-Pfund-Bomben, die über dem Erdboden zünden sollen, über der Sandbank abzuwerfen.

+++ 1.17 Uhr +++

Die beiden F-15 haben Sicht auf das Ziel und übermitteln wieder Live-Videobilder in den deutschen Gefechtsstand.

+++ 1.18 Uhr +++

"Red Baron 21" meldet der Crew, dass die Fahrzeuge und die Individuen um die Fahrzeuge herum das Ziel seien. Die Jetpiloten fragen, ob sie im Tiefflug über die Sandbank fliegen sollen, als Warnung an die Leute am Boden. Dieses Angebot lehnen die Deutschen ab. Im Gegenteil, sie weisen Dude 15 und seinen Begleiter an, sich zu verstecken, außer Sicht- und Hörweite zu bleiben.

Anders als die B1B-Bomber, die seit 20 Minuten nicht mehr im Einsatzgebiet sind, können die Leute am Boden die Fluggeräusche der beiden Kampfjets nun offenbar nicht hören.

Die US-Flugzeugbesatzungen diskutieren untereinander, nach welcher Einsatzregel sich ein Angriff überhaupt rechtfertigen lässt. Sie sorgen sich beispielsweise um den Fahrer des einen Lastzugs, der doch weiterhin bei den Fahrzeugen festgehalten werde. Erneut bieten sie einen Tiefflug an. Das Angebot wird wieder abgelehnt.

+++ 1.27 Uhr +++

Die Kampfjet-Besatzung meldet den Deutschen, dass sich von Süden her offenbar weitere Feinde der Sandbank näherten. Auch von Fahrzeugen ist die Rede. "Red Baron" schlägt vor, fünf 500-Pfund-Bomben auf die Sandbank abzuwerfen sowie eine 2000-Pfund-Bombe auf die Flussufer, um die dort befindlichen "Feinde" auszuschalten. Die Bomber-Piloten beginnen einen mehrminütigen Dialog mit den Deutschen, wie viele und welche Bomben sie abwerfen sollen.

+++ 1.28 Uhr +++

Die US-Crew fragt erneut nach, ob es sich bei den Leuten am Boden wirklich um "Feinde" handele. Der deutsche Fliegerleitoffizier bestätigt und nennt als Quelle "Geheimdienstinformationen".

Die Crew beobachtet daraufhin, wie eine größere Gruppe von der Sandbank aus durch das flache Wasser in Richtung Norden läuft. Am Südufer sind inzwischen elf Fahrzeuge eingetroffen. Erneut meldet sich der afghanische Informant und bestätigt, dass sich ausschließlich Taliban in und um die Trucks befänden.

+++ 1.30 Uhr +++

Oberst Klein lässt den Kampfjet-Crews die Anweisungen für den Luftangriff durchgeben. Als Ziel gibt er die Aufständischen am Boden sowie die gestohlenen Fahrzeuge an. Im Zielgebiet befänden sich keine "Freunde", stellen die Deutschen klar.

Dude 15 fragt, ob die Bomben über oder zwischen den Fahrzeugen detonieren sollen. Seine Frage: "Wollen Sie die Fahrzeuge oder die Leute treffen?" Daraufhin antwortet Red Baron: "Wir wollen versuchen, die Leute zu treffen."

Dies ist das einzige Mal in dieser Nacht, dass ausschließlich die (vermeintlichen) Talibankämpfer als Ziel genannt werden.

+++ 1.36 Uhr +++

Die Flugzeug-Piloten bieten in kurzer Folge zwei Mal an, im Tiefflug das Zielgebiet zu überfliegen. Nein, entgegnet "Red Baron": "Ich will, dass ihr direkt angreift." Insgesamt fünf Mal lehnen die Deutschen das Angebot ab, die Leute am Boden vor dem Bombardement zu warnen.

Im Gespräch sind nun zwei 500-Pfund-Bomben, die jeweils nahe einem Tanklaster in der Luft gezündet werden sollen. Der frühere Plan, auch die Flussufer südlich und nördlich der Furt zu bombardieren, wird ohne Angaben von Gründen nicht mehr verfolgt.

+++ 1.40 Uhr +++

Die Deutschen wollen wissen, wie lange es dauert, bis die Bomben einsatzbereit sind. "Dude 15" antwortet: "Fünf Minuten."

+++ 1.46 Uhr +++

Die US-Crew fragt ein letztes Mal, ob tatsächlich eine "unmittelbare Gefahr" bestehe. Die Deutschen antworten: "Ja, diese Leute sind eine unmittelbare Bedrohung. Diese Aufständischen wollen sich des Treibstoffs aus den Tanklastern bemächtigen, sich anschließend neu gruppieren und sehr wahrscheinlich, so unsere Geheimdienstinformationen, das Lager Kundus angreifen."

+++ 1.48 Uhr +++

Die US-Crew meldet: Noch eine Minute bis Abwurf.

+++ 1.49 Uhr +++

Zwei 500-Pfund-Bomben (GBU 38) detonieren jeweils nahe einem Tanklaster.

+++ 1.50 Uhr +++

Die beiden Kampfjets bleiben weitere 30 Minuten im Luftraum, um eine erste Schadensbilanz des Einsatzes zu ziehen. Sie beobachten etwa 25 Leute, die die Sandbank in nördlicher Richtung verlassen.

+++ 2.00 Uhr +++

Zum letzten Mal in dieser Nacht meldet sich der afghanische Informant bei seinem Führungsoffizier. Er berichtet von 70 getöteten Aufständischen, darunter die Talibanführer Saidi und Amanullah. Rahman und Naser seien hingegen entkommen. Zivile Opfer habe es nicht gegeben.

+++ 2.35 Uhr +++

Erst eine dreiviertel Stunde nach dem Luftschlag informiert Oberst Klein die Kollegen im benachbarten regulären Gefechtsstand des Feldlagers Kundus über die erfolgte Operation, die später als folgenreichster Militärschlag im Auftrag der Bundeswehr bezeichnet werden wird.

+++ 3.13 Uhr +++

Bald anderthalb Stunden dauert es, bis das Regionalkommando Nord, das Hauptquartier der Deutschen in Masar-i-Sharif, von dem Vorfall per E-Mail unterrichtet wird. Klein hat es nicht für erforderlich gehalten, seinen Vorgesetzten, General Jörg Vollmer, zu informieren. In der Meldung ist von 56 getöteten Aufständischen die Rede, 14 Kämpfer seien geflohen, Zivilisten seien nicht zu Schaden gekommen.

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