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Afghanistan Vor dem Abzug kommt der Kampf

Der Krieg soll nicht Krieg heißen, den Kommandeuren in Afghanistan fehlen die Kampftruppen. Irgendwann im letzten Jahr reduzierte sich der Bundeswehreinsatz in Afghanistan auf ein Verteidigen der Feldlager. Der Strategiewechsel bedeutet Ernüchterung.

24.10.2010 13:35
Sabine Siebold
Einsame Patrouille: Ein Bundeswehrsoldat sucht nach Sprengstoff-Fallen. Foto: Getty Images

Irgendwann im vergangenen Jahr war es so weit, dass die Bundeswehr in Afghanistan praktisch nur noch ihre Feldlager verteidigte. Vielleicht war politisch auch nicht mehr gewünscht: Den Kommandeuren vor Ort fehlten die Kampftruppen, der Krieg sollte nicht Krieg heißen, die deutschen Soldaten nicht allzu martialisch auftreten und möglichst keine toten Gegner hinterlassen. Während die Bundeswehr im Norden die Mängel verwaltete, proklamierte die Nato ein klares, wenn auch unerreichbares Ziel: Den Sieg über die Aufständischen. Ein Jahr und einen Strategiewechsel später ist Ernüchterung eingekehrt - die Nato strebt nicht mehr nach dem Sieg, sondern nur noch nach einer halbwegs belastbaren Stabilität als Voraussetzung für den Abzug. Für die Bundeswehr wird die neue Strategie, die Anfang November auch im Norden umgesetzt sein soll, mehr Kämpfe bedeuten.

Der neue Ansatz heißt Partnering: Mit der Einrichtung zweier „Ausbildungs- und Schutzbataillone“ in Masar-i-Scharif und Kundus soll die Zahl der deutschen Armeeausbilder von 280 auf 1400 steigen. Dabei klingt die sperrige Bezeichnung harmloser, als sie gemeint ist: Nachdem die Bundeswehr bisher lediglich den afghanischen Kommandeuren Berater an die Seite stellte, unterfüttert sie ihre Ausbildungshilfe nun mit robusten Kampftruppen. Denn um nichts anderes handelt es sich bei den neuen Bataillonen, die aus jeweils zwei Infanteriekompanien, Aufklärern und Logistikern bestehen und mit Mörsern und Panzerhaubitzen massiv Feuerkraft mitbringen. Ein deutsches Bataillon mit über 600 Soldaten arbeitet jeweils mit einer afghanischen Brigade mit 3500 bis 4000 Mann zusammen.

Aufgabe der deutschen Bataillone und ihrer afghanischen Partner-Brigaden ist es, gemeinsam die Taliban aus einer Region nach der anderen zu vertreiben. Damit unterscheidet sich ihr Auftrag grundlegend vom bisherigen Vorgehen der Deutschen, die zwar von ihren zu Festungen ausgebauten Feldlagern aus ständig auf Patrouillen fuhren, aber nicht dauerhaft in die Fläche gingen. Künftig müssen sich die Soldaten darauf einstellen, wochenlang in weit entfernten Außenposten zu leben und zu kämpfen, ehe sie wieder in eines der großen Feldlager Kundus oder Masar-i-Scharif zurückkommen. Denn bis eine Region soweit stabilisiert ist, dass die Soldaten sie an afghanische Polizei und Entwicklungshelfer übergeben können, können Monate vergehen.

Drittes Bataillon ungewiss

Wie die übrigen Nato-Truppen in Afghanistan wird die Bundeswehr dabei der COIN-Strategie folgen, die der neue Isaf-Kommandeur David Petraeus entwickelt hat, der bereits den Irak-Krieg vor dem Scheitern bewahrte. Die Abkürzung steht für das englische Wort Counterinsurgency, also Aufstandsbekämpfung. Tatsächlich geht es allerdings um mehr: Militärisches Vorgehen und Aufbauhilfe sollen so aufeinander abgestimmt und für die jeweilige Region maßgeschneidert sein, dass die Menschen dort möglichst rasch nach dem Auftauchen der Soldaten eine konkrete Verbesserung ihres Lebens feststellen und langfristig für die Demokratie gewonnen werden.

Die COIN-Strategie gliedert den Einsatz in vier Phasen: Die erste heißt „Shape“ („Gestalten“) und dient der Vorbereitung, um beispielsweise im Gespräch mit Dorfältesten festzustellen, wo die Einheimischen der Schuh drückt. Fehlt ihnen ein Brunnen oder mangelt es im kalten Winter an Decken, Brennholz? In der zweiten Phase des „Clear“ („Säubern“) rücken deutsche und afghanische Soldaten gemeinsam an und vertreiben die Taliban. Zugleich läuft die schnelle Hilfe an: Der dringend benötigte Brunnen wird gebohrt, Decken oder Brennholz geliefert. Um keine Zeit mit der Bürokratie zu verlieren, bringen die Soldaten dafür Handgeld mit.

In der nächsten Phase des „Hold“ („Halten“) übergeben die Soldaten die Region in die Obhut der afghanischen Polizei, die die Verantwortung für die Sicherheit übernimmt. Zum Schluss kommt die Phase des „Build“ („Aufbauen“) - die langfristige Entwicklung der betroffenen Gegend durch Aufbauhilfe. Das erste Schutz- und Ausbildungsbataillon der Bundeswehr in Kundus, das seit Anfang September einsatzbereit ist, kämpft seither in der Provinz Baghlan südlich von Kundus. Durch die Gegend führt die sogenannte Nordroute zur Versorgung der Nato-Truppen im ganzen Land. Die Taliban haben sich dort festgesetzt, weil die Verbindung stark an Bedeutung gewonnen hat, seit die zweite wichtige Route über Pakistan und den Khyber-Pass immer häufiger angegriffen und blockiert wird.

Das zweite deutsche Ausbildungs- und Schutzbataillon soll Anfang November in Masar-i-Scharif seine Arbeit aufnehmen. Damit ist für die Bundeswehr der seit dem Sommer laufende Strategiewechsel abgeschlossen. Probleme zeichnen sich indes beim Aufbau des dritten Ausbildungs- und Schutzbataillons im Norden ab, das ursprünglich andere Nationen in Maymaneh stemmen sollten. Weil sie aber anders entschieden haben, könnte es sein, dass auch hier die Bundeswehr in ihrer Verantwortung für die gesamte Nordregion einspringen muss.

Doch das aktuelle Bundestagsmandat ist mit den beiden Bataillonen in Kundus und Masar-i-Scharif bereits ausgereizt, Anfang 2011 werden wohl 5000 deutsche Soldaten am Hindukusch im Einsatz sein. Und dass der Bundestag im Februar, einen Monat vor der wichtigen Landtagswahl in Baden-Württemberg, eine Mandatserhöhung beschließt, gilt als eher unwahrscheinlich.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Afghanistan

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