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Afghanistan "Verlieren Sie bitte nicht die Geduld mit uns"

Mohammad Aqbal Azizi, Gouverneur der Provinz Laghman, spricht im FR-Interview über Fortschritte bei der Sicherheit und beim Wiederaufbau, das trotz des Kundus-Zwischenfalls immer noch positive Bild der Bundeswehr im Land und den Kampf gegen den Drogenanbau.

16.11.2010 14:34
Mohammad Aqbal Azizi, Gouverneur der afghanischen Provinz Laghman. Foto: privat

Herr Azizi, was sagen Sie zu der Abzugs-Debatte? Sie hat kurz vor dem Nato-Gipfel am Freitag durch den Vorschlag der US-Regierung neue Nahrung erhalten, die Kampftruppen bis 2014 nach Hause zu holen. Bis dahin sollen afghanische Polizisten und Soldaten für Sicherheit in Ihrem Land sorgen.

Ich möchte mich zunächst einmal für den Einsatz der Deutschen und ihrer Verbündeten bedanken. Sie helfen uns sehr dabei, unser Land aufzubauen. Deshalb können beispielsweise Schulen und Straßen gebaut, Polizisten und Soldaten ausgebildet werden. Grundsätzlich hilft eine Diskussion über einen Abzug dem Feind. Er braucht nur zu warten. Wir müssen also stärker über die Bedingungen des Abzugs der Kampftruppen sprechen.

Was sind Ihre?

Die afghanischen Polizisten und Soldaten müssen in der Lage sein, selbst für die Sicherheit zu sorgen. Erst damit werden die Erfolge und Fortschritte der vergangenen neun Jahre bewahrt werden können. Etwas anderes kann niemand wollen.

In Deutschland und anderen führenden Nationen des Afghanistan-Einsatzes ist die Mehrheit der Bevölkerung für einen Abzug der Truppen aus dem Land. Was sagen Sie diesen Menschen?

Verlieren Sie bitte nicht die Geduld mit uns. Der Aufbau des Landes braucht Zeit. Messen Sie uns dabei nicht an den Standards in den Heimatländern der Soldaten. Vor zehn Jahren gab es zur Zeit der Taliban-Herrschaft in Afghanistan fast nichts, es gab keine Schulen, kein demokratisch gewähltes Parlament, kaum Straßen. Das hat sich dramatisch geändert. Jetzt haben die Menschen ein Perspektive. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass Sie Ihre Sicherheit auch in Afghanistan verteidigen. Seien Sie froh, dass der Kampf gegen den Terror nicht auf dem Boden in ihrer Heimat ausgefochten wird.

Wie werden deutsche Soldaten der Internationalen Schutztruppe (Isaf) nach dem Bombardement in Kundus wahrgenommen, bei dem im vergangenen Herbst bis zu 140 Menschen starben?

Deutsche Soldaten sind nach wie vor beliebt. Sie waren in den vergangenen neun Jahren stärker beim Schutz des Aufbaus engagiert als andere Nationen wie die USA oder Großbritannien, die häufiger im Kampfeinsatz waren. Der traurige Zwischenfall in Kundus hatte dramatische Folgen. Die Ursache war allerdings eine Fehlentscheidung und hat kein System. Deshalb und auch, weil die Bundesregierung den Fall untersuchte und sich anschließend bei den Angehörigen der Opfer entschuldigte, wird die Arbeit deutscher Soldaten bei Afghanen noch immer sehr geschätzt.

Die Menschen hier trauen den Fortschritten nicht. Afghanistan scheint zudem trotz aller Isaf-Soldaten immer unsicherer zu werden.

In den westlichen Medien überwiegen schlechte Nachrichten über mein Land. Tatsächlich ist vieles besser, als hier wahrgenommen wird. Das gilt auch für die Sicherheit. In der Provinz Laghman, in der ich Gouverneur bin, sorgen afghanische Polizisten und Soldaten fast überall für die Sicherheit. Insgesamt ist die Zahl der Anschläge und Gefechte in den letzten Wochen sogar zurück gegangen.

Die Korruption in Afghanistan ist ein weiterer Grund für die sinkende Unterstützung des Einsatzes.

Präsident Hamid Karsai kämpft intensiv gegen die Korruption und hat dabei schon wichtige Schritte unternommen. Jetzt haben wir dafür auch Kapazitäten, die es vor einiger Zeit noch gar nicht gab. Deshalb sind auch schon einige Täter verhaftet worden. Bei der Diskussion wird aber häufig vergessen, dass Afghanen lediglich über 20 Prozent des Geldes bestimmen, mit dem das Land aufgebaut wird. Die restlichen 80 Prozent investieren die Geberländer in eigener Regie. Auch das zeigt, wie komplex das Problem ist.

Die US-geführte internationale Gemeinschaft will mit den Taliban verhandeln, um sie politisch wie sozial zu reintegrieren. Welcher Preis wird dafür gezahlt werden müssen?

Die Taliban werden schwächer. Und sie sind isoliert - auch, weil die meisten Afghanen andere Ziele haben. Die Tür steht aber allen offen, die sich am Aufbau des Landes beteiligen wollen. So kann sich jeder zur Wahl für das Parlament stellen. Für die Reintegration der Taliban oder anderer Aufständischer gibt es allerdings Bedingungen. Sie müssen den Fortschritt im Land und die afghanische Verfassung akzeptieren.

Sie fürchten also nicht den Ausverkauf von Menschenrechten?

Nein. Wie ich bereits sagte: Für die Reintegration gibt es unverhandelbare Bedinungen.

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde kaum noch über das Problem des Drogenanbaus gesprochen. Soll das Problem erst nach dem Abzug gelöst werden?

Nein. Die Karsai-Regierung geht auch gegen den Drogenanbau vor. Und auch hier gibt es mehr Fortschritte als viele denken. In der Provinz Laghman wird etwa kein Mohn angebaut. Grundsätzlich wird bei diesem Problem allerdings vergessen, wo der Markt für Heroin ist und wer den Schmuggel organisiert.

Müssen also die Industrienationen, wo der überwiegende Teil des Heroins hingeht, ihr Drogenproblem lösen, bevor Afghanistan seines lösen kann?

Wir müssen gemeinsam gegen das Drogenproblem vorgehen so ähnlich, wie wir gemeinsam gegen den Terror kämpfen. Nur dann haben wir eine Chance.

Interview: Andreas Schwarzkopf

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