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Afghanistan-Krieg Getötete Soldaten aus Seedorfer Einheit

Drei deutsche Soldaten aus einer niedersächsischen Einheit sterben nahe Kundus - weitere werden im stundenlangen Feuergefecht schwer verletzt. Ein Offizier sagt, die Taliban seien "ungewöhnlich schwer bewaffnet" gewesen.

02.04.2010 15:04
Soldaten und Soldatinnen der Oldenburgischen Luftlandebrigade 31 nehmen am 18.02.2010 zur feierlichen Verabschiedung für ihren Einsatz in Afghanistan an einem feierlichen Appell in der Fallschirmjäger-Kaserne in Seedorf (Kreis Rotenburg-Wümme) teil. Foto: dpa

Kabul/Kundus/Berlin. Eine Bundeswehr-Patrouille gerät in der Nähe des deutschen Afghanistan-Hauptquartiers Kundus in einen Hinterhalt. Rund 200 Taliban-Kämpfer zählt der Distriktchef Abdul Wahid Omarchel - sie beschießen die deutschen Soldaten mit Panzerfäusten. Die Patrouille war auf der Suche nach Minen unterwegs auf Sprengfallen gestoßen. Als sie diese entschärfen wollten, begann der Angriff, erklärt Provinzgouverneur Mohammed Omar.

"Wir hatten nicht mit einer solch massiven Kampfkraft der Taliban gerechnet", sagte ein Offizier laut Nachrichtenagentur ddp. Die Taliban seien "ungewöhnlich schwer bewaffnet gewesen". Sie hätten sich "wie immer des Schutzes von Zivilisten bedient, weil sie genau wissen, dass die Bundeswehrsoldaten nach den schlimmen Erfahrungen vom 4. September totale Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen", erläuterte er mit Blick auf den von einem deutschen Oberst angeordneten Luftschlag mit zahlreichen toten afghanischen Zivilisten im vergangenen Jahr.

Die Taliban tragen zivile Kleidung und sind daher nicht von afghanischen Zivilisten zu unterscheiden. Es habe zwar Hinweise auf einen bevorstehenden Angriff der Taliban gegeben, aber ein solcher Einsatz der Aufständischen weise auf eine neue Taktik und lange Vorbereitung hin, sagte der Offizier.

Die Bilanz: Drei deutsche Soldaten werden erschossen. Sie stammen aus einem Verband in Niedersachsen. Ein Sprecher der Bundeswehr teilte am Samstag in Berlin mit, dass sie in der Bundeswehrkaserne in Seedorf stationiert waren.

Als ein gepanzertes Bundeswehrfahrzeug, wahrscheinlich vom Typ Dingo, den Taliban ausweichen will, fährt es auf eine Sprengfalle. Fünf Soldaten werden dabei schwer verletzt - drei weitere tragen Knalltraumata oder posttraumatische Belastungsstörungen davon.

Helikopter transportieren die Verletzten ins Camp in Kundus. Sie befänden sich zum Teil in äußerst kritischem Zustand heißt es. Zwei der Verletzten wurden noch am Abend operiert.

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel verlängert seinen Aufenthalt in Afghanistan, um an der Trauerfeier für die getöteten Bundeswehrsoldaten in Kundus teilzunehmen. Ein Sprecher seines Ministeriums sagte am Samstag in Berlin, nach der Zeremonie am Sonntag sollten die sterblichen Überreste der Soldaten mit dem Minister in derselben Maschine nach Deutschland geflogen werden. Ursprünglich hatte Niebel seine Afghanistan-Reise am Samstag beenden wollen.

Char Darah gilt als gefährlichster der sechs Distrikte in der nordafghanischen Provinz Kundus. Die deutschen Soldaten werden nach Darstellung des Isaf- Kommandeurs für Nordafghanistan, Brigadegeneral Frank Leidenberger, beim Minenräumen von etwa 100 Aufständischen gegen 11.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit angegriffen.

Talibankommandeur getötet

Die Bundeswehr kämpft im Laufe des mehrstündigen Gefechts rund sechs Kilometer westlich von Kundus mit mehreren Kompanien. Zu einer Kompanie gehören etwa 150 Soldaten. Die Truppe wurde aus der Luft unterstützt, laut Leidenberger wurden aber keine Bomben abgeworfen. Die Bundeswehr führt den Einsatz mit afghanischen Soldaten und weiteren Angehörigen der internationalen Schutztruppe durch.

Mindestens ein Taliban-Kommandeur sei verletzt worden, berichtet der Distriktschef. Der Provinzgouverneur Mohammed Omar sagt, dass auch der Taliban-Kommandeur Mullah Habib bei den Kämpfen getötet wurde. Dorfbewohner erzählen von zahlreichen zerstörten Häusern. Zudem sei schweres Gewehrfeuer zu hören gewesen. Das mehrstündige Feuergefecht in der Unruheregion Char Dara südwestlich von Kundus hält am Abend gegen 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit noch an.

Schwerste Verluste seit Bestehen der Bundeswehr

Im Hauptquartier des Bundeswehr-Kontingents in Masar-i-Scharif, mehr als 100 Kilometer westlich von Kundus, herrscht am Nachmittag zunächst Hektik und Trauer. Es dauert lange, bis sich die Lage klärt. Die Bundeswehr informiert - wie immer in solchen Fällen - zunächst die Angehörigen im fernen Deutschland. Erst Stunden später werden die Verluste bestätigt.

Damit erhöht sich die Zahl der in Afghanistan seit Beginn des Einsatzes Anfang 2002 gestorbenen deutschen Soldaten auf 39 - 22 von ihnen starben bei Gefechten. Noch nie seit ihrem Bestehen hat die Bundeswehr in einem Gefecht derart schwere Verluste hinnehmen müssen wie an diesem Tag im Unruhedistrikt Char Darah.

Aus Geheimdienstkreisen in Kabul erfuhr ddp, dass die Taliban der Großoffensive im Süden im Distrikt Helmand "ausgewichen sind und ihre Schwerpunktaktivitäten in die Region um Kundus verlegt haben". Die Bundeswehr werde "jetzt noch mehr unter Druck kommen". Es handle sich um einen "Verdrängungseffekt der Aktivitäten der Taliban aus Helmand nach Kundus".

Dass die Bundeswehr am Karfreitag eines der schwersten Gefechte ihrer Geschichte führte, ist auch eine Folge der neuen Afghanistanstrategie der Nato. Statt sich in ihre Bundeswehrstützpunkte in Kundus oder Masar-i-Scharif zurückzuziehen, sollen sie nach dem Willen der Bundesregierung mehr "Präsenz in der Fläche" zeigen. Doch das ist mit hohen Risiken verbunden.

Brigadegeneral Leidenberger sieht keinen Anlass für einen Strategiewechsel in Afghanistan. "Die Lage ist unverändert", sagte er am Freitagabend im Hauptquartier des Regionalkommandos Nord in Masar- i-Scharif. "Es ist auch ganz klar, dass die Opfer, die gebracht werden, nicht umsonst sein dürfen." Die Bundeswehr werde ihren Auftrag, die Bevölkerung vor den Taliban zu schützen, weiter durchführen. "Es ist sicher eine schwierige Phase, aber wir sind hier, um diesen Auftrag zu einem erfolgreichen Ende zu führen."

Niebel in Afghanistan

Der tödliche Angriff ereignet sich in einer Woche, in der gleich zwei Mitglieder der Bundesregierung in Afghanistan waren: Zunächst Innenminister Thomas de Maizière (CDU), dann Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP).

Niebel zählt zu den ersten, die von dem tödlichen Angriff in der Region Kundus erfahren. Als er am Nachmittag mit einem US-Transportflugzeug im Hauptquartier des von Deutschland geführten Regionalkommandos Nord eintrifft, wird er mit der schlechten Nachricht empfangen.

Bei einem "Beschuss" einer Bundeswehr-Patrouille habe es mehrere Verletzte gegeben, hieß es. Von Toten ist zunächst nicht die Rede. Der Kommandeur, Brigadegeneral Frank Leidenberger, kommt nicht wie geplant zum Flugfeld, um Niebel abzuholen. Es gibt wichtigeres zu tun.

Guttenberg unterbricht Urlaub

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kehrt wegen des tödlichen Überfalls auf die Bundeswehr-Patrouille in Afghanistan vorzeitig aus dem Osterurlaub in Südafrika nach Deutschland zurück.

In einer Erklärung zeigt sich der CSU-Politiker betroffen über den Tod der Soldaten. Er sei in Gedanken und Gebeten bei den Soldaten und ihren Familien. "Angesichts von Gefechten dieses Ausmaßes wird deutlich, wie gefährlich der gleichwohl notwendige Einsatz in Afghanistan ist."

"Holt Soldaten nach Hause"

"Holt die Soldaten aus Afghanistan zurück", fordert dagegen Wolfgang Gehrcke, außenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE, angesichts der schweren Gefechte und der Toten nahe Kundus. Gehrcke in einer Pressemeldung: "Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der ums Leben gekommenen Soldaten. Unsere Gedanken sind bei den Verletzten, denen wir eine schnelle Genesung wünschen."

Auch SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier verurteilte den "feigen und hinterhältigen Anschlag" und sprach den Angehörigen und Freunden der getöteten Soldaten sein "ganzes Mitgefühl" aus. Die Grünen-Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin äußerten sich "bestürzt und tief betroffen". Der Vorfall zeige, wie dringend eine Stabilisierungs- und Abzugsperspektive für Afghanistan ist.

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Bundesregierung bestürzt

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte den Angriff aufs Schärfste. "Mit großer Bestürzung habe ich von dem verabscheuungswürdigen und hinterhältigen Angriff auf unsere Soldaten in Afghanistan gehört", erklärte sie. "Mein Mitgefühl gilt in diesen schweren Stunden vor allem den Angehörigen der ums Leben gekommenen und verwundeten Soldaten. Den verwundeten Soldaten wünschte sie "rasche und vollständige Genesung."

Außenminister Guido Westerwelle sagte: "Ich verurteile diesen hinterhältigen Angriff, der sich nicht nur gegen deutsche Soldaten richtete, sondern auch gegen das ganze afghanische Volk. In diesem schweren Moment sind unsere Gedanken bei den Familien und Angehörigen der Opfer." Den Verletzten wünschte er "rasche und vollständige Genesung".

"Rechtfertigung brüchig geworden"

Unterdessen erneuerte die evangelische Kirche ihre Kritik am deutschen Afghanistan-Einsatz. Der Konflikt sei aus dem Ruder gelaufen, sagte der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, dem "Hamburger Abendblatt". Die Rechtfertigung des Bundeswehr-Einsatzes sei äußerst brüchig geworden. "Wir laufen Gefahr, dass der Einsatz völlig seine Legitimation verliert", warnte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Deutschland dürfe nicht "zu so etwas wie einem langjährigen Besatzer werden". Das wäre eine fatale Entwicklung. Daher müsse sich im Windschatten der amerikanischen Exit-Strategie auch für Deutschland eine Abzugsperspektive ergeben. Zudem müsse deutlich gesagt werden, "was in Afghanistan passiert, ist Krieg". Wenn die Politik keine klaren Worte finde, müsse die Kirche dies tun.

Der Bundestag hatte Ende Februar ein neues Mandat für den Bundeswehreinsatz beschlossen, mit dem die Bundesregierung die Weichen für einen Abzug aus Afghanistan ab 2011 stellen will. Die neue Strategie legt den Schwerpunkt auf die Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei sowie auf die zivile Hilfe.

Bei der Bundeswehr soll die Zahl der Ausbilder für die afghanischen Sicherheitskräfte von 280 auf 1400 steigen. Die zivile Wiederaufbauhilfe wird auf 430 Millionen Euro verdoppelt. Derzeit sind nach Angaben der Bundeswehr 4540 deutsche Soldaten am Hindukusch im Einsatz. Das Mandat zieht eine Obergrenze 5350 Soldaten, wovon 350 als Reserve dienen.

"Einsatz fordert Menschenleben"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Ende Januar vor der jüngsten Aufstockung des deutschen Kontingents auf bis zu 5350 Soldaten die deutsche Bevölkerung auf weitere Opfer eingestimmt. "Ja, der Einsatz fordert Menschenleben", sagte die Kanzlerin im Bundestag. Die internationale Gemeinschaft habe in Afghanistan eine Bewährungsprobe zu bestehen. Dabei gehe es um den Kampf gegen den Terror, die internationale Sicherheit und auch die Verteidigung der Menschenrechte. (dpa/rtr/afp/ddp/kho)

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