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Ein russischer General

Immer mehr Ex-Militärs und Geheimdienstler übernehmen für den Kreml die Macht in den Regionen

19.01.2001 00:01
Florian Hassel (Uljanowsk)

Wladimir Schamanow ist immer im Dienst. Vor seinem Fenster vergnügen sich die Bürger von Uljanowsk zum Orthodoxen Weihnachtsfest mit Pferdeschlitten und Eisrutschen für die Kinder. Doch Schamanow, erst tags zuvor als neuer Hausherr in den Gouverneurspalast eingezogen, bereitet ein Treffen mit einer hochrangigen Kommission aus Moskau vor. Die will der darbenden Landwirtschaft in Uljanowsk auf die Beine helfen, einer Region von der Größe Baden-Württembergs, 700 Kilometer südöstlich von Moskau.

Sind die Agrarexperten abgereist, empfängt Schamanow den Stellvertreter von Russlands Energiezar Anatoli Tschubais, um zu überlegen, wie man den Stromausfällen ein Ende machen kann, die viele der eineinhalb Millionen Einwohner oft im Dunkeln sitzen lassen. Zudem muss sich Schamanow, ein schwerer Mann mit kurzen Haaren und breiter Stupsnase, um seine offizielle Amtseinführung am heutigen 19. Januar kümmern, zu der er auch Präsident Wladimir Putin eingeladen hat.

Noch vor gut einem Jahr war der 43 Jahre alte Schamanow mit anderen Dingen als verarmten Bauern und bankrotten Elektrizitätswerken beschäftigt. Im zweiten Tschetschenien-Krieg rückte der gelernte Fallschirmspringer als Kommandeur der 58. russischen Armee vom Westen her auf die Hauptstadt Grosny vor. Schamanow bestätigte seinen im ersten Tschetschenien-Krieg erworbenen Ruf, seine Soldaten rigoros zu verteidigen und grausam gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen. "Seine Untergebenen sind definitiv an Kriegsverbrechen schuldig. Eine ernsthafte Untersuchung würde auch Schamanows direkte Schuld an Kriegsverbrechen zeigen, dass er sie befohlen hat", sagt Oleg Orlow, Direktor der von Nobelpreisträger Andrej Sacharow gegründeten Menschenrechtsorganisation "Memorial".

Diederik Lohmann vom Moskauer Human-Rights-Watch-Büro fällt eine Reihe von Orten ein, wo Schamanows Männer geplündert, vergewaltigt und gemordet haben sollen: Katyr-Jurt, Schami-Jurt, Gechi-Tschu. Zum Symbol des Schreckens für Tschetschenen wurde vor allem Alchan-Jurt, 15 Kilometer westlich von Grosny. Als Schamanows Truppen das Dorf nach hartem Kampf gegen die Rebellen am 1. Dezember 1999 erobert hatten, plünderten sie etwa 500 Dorfbewohner aus und ermordeten Dutzende von Zivilisten.

Aindi Altamirow etwa wollte zwei Tage nach dem Einzug der Russen eine Kuh von der Weide holen. Kinder beobachteten, wie Soldaten den jungen Mann auf ihren Mannschaftswagen zerrten. Später fanden wiederum Kinder erst Aindis Rumpf und danach seinen Kopf. "Die Soldaten hatten den Kopf offenbar auf einen Weidepfahl gesteckt und dann mehrmals auf ihn geschossen", berichtete sein Vater.

Doch als russische Fernsehreporter Schamanow auf Alchan-Jurt ansprachen, fauchte der General: "Die Soldaten und Offiziere der russischen Armee vollbringen heute eine heilige Tat: Sie verteidigen Russland. Wagt es nicht, den russischen Soldaten mit Euren dreckigen Pfoten zu besudeln." Schamanow musste sich nicht sorgen. Das Untersuchungsergebnis wurde nie veröffentlicht; kein Staatsanwalt erhob je Anklage.

Dem Kreml, dem der TschetschenienKrieg als wichtigstes Propagandamittel zur Regelung der Jelzin-Nachfolge diente, war die Glorie der Armee wichtiger als die Bestrafung von Kriegsverbrechern. "Die Menschen haben begonnen, die Armee hoch zu achten, und das ist für uns sehr wichtig (. . .) Die Armee hat sich einwandfrei verhalten", sagte Präsident Boris Jelzin, als er Schamanow auf dem Höhepunkt der Empörung über Alchan-Jurt demonstrativ den höchsten Staatsorden "Held Russlands" ans Revers heftete.

"Russland lässt solche Generäle (. . .) nicht fallen", bekräftigte Nachfolger Wladimir Putin und beförderte Schamanow zum Generalleutnant. Im Sommer 2000 verkündete Schamanow seinen Einstieg in die Politik, am 24. Dezember wählten ihn die Einwohner von Uljanowsk mit knapp 53 Prozent der Stimmen gegen sechs andere Kandidaten zum Gouverneur.

Als Schamanow die FR im neuen Amtszimmer zum ersten Interview mit der westlichen Presse empfängt, möchte er erst gar nicht über Tschetschenien reden. Noch vor wenigen Monaten sprach er der Wochenzeitung Nowaja Gaseta aufs Band, auch Frauen und Kinder tschetschenischer Rebellen seien "Banditen". Davon will Schamanow, der die Uniform gegen einen dezenten Nadelstreifenanzug und Krawatte getauscht hat, nichts mehr wissen.

Sein Interesse für die Meinung anderer hält sich in Grenzen. "Welche Bewertungen mir andere geben, interessiert mich zu allerletzt. Ich bin ein russischer General." Die Vorwürfe wegen Kriegsverbrechen seiner Truppen seien "absolute Lügen", sagt er. Was Alchan-Jurt angehe: "Vier Kommissionen sind dagewesen, darunter eine der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)." Nicht eine habe Belege für Kriegsverbrechen gefunden. Doch Mans Nyberg vom Wiener OSZE-Hauptquartier sagt: "Wir haben weder Alchan-Jurt noch irgendwelche anderen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien untersucht, schon gar nicht mit einer Kommission."

Die Einwohner von Uljanowsk interessieren sich mehr für neue Arbeitsplätze und pünktliche Lohnauszahlung als für Demokratie und Menschenrechte. "Schamanow soll unser Lebensniveau steigern", sagt Olga Maijesejewa (35), die in einem ärmlichen Lebensmittelgeschäft Konserven verkauft. Rima Wasiljewna, die als Wächterin im marmorglänzenden Lenin-Museum ihre Rente aufbessert, zuckt über die Vergangenheit des neuen Gouverneurs nur die Schultern. "Wenn Schamanow grausam ist, wird es wohl besser für uns sein. Was wir brauchen, ist Grausamkeit." Der Polier Farit Awbasow (36) stimmt zu: "Krieg ist Krieg. Wir brauchen mehr Leute wie Schamanow. Unter ihm werden die Leute ihre Arbeit machen. Eine Menge unserer Kriminalität kommt aus Tschetschenien. Zuerst müssen wir dort aufräumen, dann hier bei uns."

Dafür bietet Uljanowsk, die Geburtsstadt Lenins, reichlich Gelegenheit. Kamen früher zehntausende Touristen jährlich, so verstauben heute die Broschüren "In Treue zu Lenin!" und die Jubelschriften auf den Kosmonauten Juri Gagarin in der Verkaufstheke im Lenin-Museum. Die zahlreichen Rüstungswerke krebsen am Rande des Bankrotts; selbst im Zentrum der Dreiviertelmillionenstadt sind die Straßen schon am späten Nachmittag wie ausgestorben. Uljanowsks einziger Reichtum, so scheint es, ist der prächtige Ausblick auf die mehrere hundert Meter breite Wolga.

Vierzehn Jahre lang wurde Uljanowsk von Juri Gorjatschew regiert, erst KP-Chef, dann Gouverneur. Gorjatschew fror nicht nur den Brotpreis ein - zehn Pfennig pro Laib -, sondern ganz Uljanowsk. Während die Nachbarregion Samara wirtschaftlich davonzog, hielt Gorjatschew westliche Lebensmittel von den Regalen fern und die Opposition klein. "Die Menschen haben weniger für Schamanow als gegen den Gouverneur gestimmt", gibt der Geschäftsmann Jurij Kasakow, Mitglied von Schamanows Wahlkampfstab, zu. "Jeder Kandidat mit halbwegs Charisma hätte gegen Gorjatschew gewonnen."

Ob Präsident Putin oder Kreml-Stabschef Alexander Woloschin ihm den Gouverneursposten angeboten haben, will Schamanow nicht sagen. "Diese Frage betrifft die Sphäre staatlicher Beziehungen." Dann wird er deutlicher: "Langsam, aber sicher vereinigt der Präsident um sich Männer einer neuen Formation. Heute findet ein Wechsel der Elite Russlands statt. Und Ihr bescheidener Diener ist Teil dieser neuen Elite." Fest steht, dass Putin seit Beginn seiner Präsidentschaft auf Ex- Generäle oder Geheimdienstler setzt, um seine zunehmend autoritäre Herrschaft zu sichern. Fünf der sieben Kreml-Bevollmächtigten in den Regionen kommen aus der Armee oder dem früheren KGB.

Auch Uljanowsk wählt nun den geraden Weg vom Kommunismus zum Putinismus. Schamanow, Kandidat der Kreml-Partei Jedinstwo ("Einheit"), durfte schon Wochen vor dem Wahltag Pressekonferenzen im Moskauer Presseministerium geben und mit Stromchef Anatoli Tschubais über die Zeit nach seinem Sieg verhandeln. Die Experten der Moskauer Werbeagentur Publicity gewöhnten Schamanow seine derben Flüche ab und schickten ihn mit folgendem Kompetenznachweis vor seine potenziellen Wähler: "Was Ihr im zivilen Leben ,ein Problem‘ nennt, nennen wir in der Armee ,den Feind‘. Der Rest ist ähnlich."

Schamanows Wähler geben zu, dass sie den General kaum über solche Wahlkampfslogans hinaus kennen. "Ich habe viel Gutes über Schamanow gelesen: dass er seine Untergebenen gut behandelt und ein guter Familienvater ist", sagt die Lebensmittelverkäuferin Olga Maijesejewa. "Er ist jung, er ist General und wird härter gegen das Verbrechen durchgreifen. Aber es stimmt schon, wir wissen fast nichts über ihn", gibt die 28 Jahre alte Krankenschwester Olga Iwanowa zu. Für den ehemaligen Ingenieur Semjon Sasmanowskij (70), der sein Kreuz auf dem Wahlzettel bei der Rubrik "Gegen alle" gemacht hat, zeigt Schamanows Sieg Russlands alte Schwäche. "Leider haben wir die letzten zehn Jahre nicht genutzt, um Demokraten zu werden und endlich nachzudenken, statt die Propaganda des Kreml zu schlucken. Alles, was wir können, ist, jemand zu wählen, der unsere Probleme als starker Führer lösen soll."

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