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Ein Essay von Frank Schätzing Der erste Satz ist heilig

Am Anfang war das Wort. Aber mit welchem Wort soll man anfangen? Ein Essay über die Kunst, einen Roman zu eröffnen, und einen der schlechtesten ersten Sätze überhaupt. Von Frank Schätzing

12.10.2009 17:10
Frank Schätzing

Manchmal reichen nur drei Wörter, um einen Roman groß zu eröffnen. "Nennt mich Ismael" aus Herman Melvilles "Moby Dick" beispielsweise. Oder: "Ilsebill salzte nach" aus dem "Butt" von Günter Grass, der bei einem Literatur-Wettbewerb der Stiftung Lesen seinerzeit als bester erster Satz ausgezeichnet worden ist. So kurz beide Sätze sind, wecken sie umso mehr unsere Neugierde.

In "Nennt mich Ismael" schwingt schon viel mit. Im Grunde nimmt Melville einen Schritt des Kennenlernens voraus, indem er Ismael den Leser direkt ansprechen lässt. Er sagt uns damit auch: "Du hast mich schon gesehen, hast dir womöglich schon ein Bild von mir gemacht. Aber ich bin vielleicht jemand ganz anderes - nennt mich Ismael." Ähnlich und doch wieder anders verhält es sich mit "Ilsebill salzte nach". Auch diese drei Wörter beziehen sich auf Vorausgegangenes.

Nachsalzen heißt, dass zuvor schon gewürzt wurde. Grass beginnt die Geschichte also nicht wirklich, sondern steigt mitten ins Geschehen ein, das wir aber noch nicht kennen. Wir wollen mehr erfahren, wir lesen weiter. Und auch diese drei Worte bergen eine Vorgeschichte: "Geht´s wieder hinauf?" Aha. Offenbar ging´s vorher runter. Für wen? Warum? Jules Verne eröffnet damit ziemlich gekonnt seine "Geheimnisvolle Insel".

Es ist ungemein wichtig, wie man ein Buch anfängt. Aber was unterscheidet einen guten von einem schlechten ersten Satz? Meines Erachtens ist die Antwort sehr simpel. Ein guter erster Satz macht Lust auf den zweiten - und der zweite Lust auf den dritten. Er ist das Entree, er öffnet mir die Tür, bittet mich herein. Und dann trete ich ein, schaue mich um und muss entscheiden, ob ich auch die anderen Räume noch sehen möchte. Ob das funktioniert, hängt davon ab, ob sie mich ansprechen. Sie können Spannung erzeugen oder mich irritieren und verstören - nur langweilen dürfen sie mich nicht. Aber es gibt keine allgemeingültige Regel für das Verfassen von ersten Sätzen, das ist nichts, was man in Creative-Writing-Seminaren lernen könnte.

Es gibt großartige kurze erste Sätze wie bei Melville oder Grass. Es gibt auch verschwurbelt lange wie diesen hier: "Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein. Das hat, so sonderbar es scheinen mag, doch seine Berechtigung." So beginnt Karl Mays "Winnetou I" mit einem drolligen Schachtelsatz, der auf verhältnismäßig geringem Raum versucht, sehr viel zu erzählen. Auch das macht einen interessanten ersten Satz aus.

Es gibt erste Sätze, die uns mit Orts- und Zeitangaben in ein Geschehen hineinkatapultieren, und andere, die uns amüsieren, weil sie mit einem "Aber" oder "Dennoch" beginnen. Stanislaw Lem hat in manchen seiner ersten Sätze genüsslich sein eigenes Genre persifliert, die Science Fiction, etwa in den Sterntagebüchern des Ijon Tichy: "In der Kosmozoologie, Professor Tarantogas berühmtem Werk, habe ich von einem Planeten gelesen, der um den Doppelstern Erpeya kreist und angeblich so klein ist, dass seine Bewohner nur auf einem Bein stehend darauf Platz fänden, wollten sie alle auf einmal ihre Wohnungen verlassen."

Und es gibt erste Sätze, die sind deshalb so reizvoll, weil sie uns rätselhaft erscheinen. Beispielsweise die Eröffnung von Jonathan Franzens "Schweres Beben": "Wenn Eileen Holland gefragt wurde, ob sie Geschwister habe, musste sie manchmal einen Augenblick nachdenken". Großartig. Aus der gleichen Liga Samuel Becketts Auftakt zu "Murphy": "Die Sonne schien, da sie keine Wahl hatte, auf nichts Neues". Auch Walters Moers beweist Talent für die humorvolle Verstörung: "Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt, meines nicht", lesen wir im ersten Satz zu seinem Buch "Die 13 ½ Leben des Käpt´n Blaubär".

Derzeit einer meiner Lieblingssätze: "Da Maria beschlossen hatte zu sterben, würde ihre Katze sich alleine durchschlagen müssen". Tom Rob Smith konfrontiert uns in "Kind 44" gleich mit zwei Schicksalen und jeder Menge Fragen. Doch, erste Sätze sind heilig, keine Frage. Manchen Autoren sind sie sogar so heilig, dass sie tagelang in Ehrfrucht erstarren und nichts zu Papier bringen. Ich selbst zermartere mir nicht das Hirn auf der Suche nach dem ultimativen ersten Satz. Meine Einstiege fallen mir meistens en passant ein, unter der Dusche oder beim Joggen. Beispiel "Schwarm": "An jenem Mittwoch erfüllte sich das Schicksal von Juan Narciso Ucanan, ohne dass die Welt Notiz davon nahm".

Der Satz ging mir beim Joggen am Strand von Sylt durch den Kopf, kam einfach so angeflogen, und ich wusste im selben Moment: Das isser. Beim Auftakt zu "Limit" war ich auch wieder in Bewegung, joggte am Rhein-Ufer entlang, summte dabei Sinatras "New York, New York" vor mich hin. Keine Ahnung warum. Vielleicht hatte ich den Song gerade vorher im Radio gehört. So kam mir die Idee, es wäre doch auf ungewöhnliche Weise erdverbunden, wenn dieser Astronaut dort oben im All ein Sinatra-Faible hätte. Also habe ich den guten alten Frankieboy das Buch eröffnen lassen: "I want to wake up in a city that never sleeps".

In jedem meiner Bücher ist der erste Satz immer auch der zuerst geschriebene Satz. Nachträglich habe ich kein Wort mehr daran geändert. Kein einziges Mal. Das ist für mich jedes Mal wie eine Grundsteinlegung. Man buddelt ja auch beim Hausbau nicht mittendrin das Fundament wieder aus. Ich habe noch nie einen ersten Satz wieder umgeschrieben, wünschte mir in einigen wenigen Büchern allerdings, der Autor hätte es getan. Es gibt entsetzlich schlechte erste Sätze. Wobei ich mich noch zu den toleranten Lesern zähle. Wenn mich das Thema interessiert, lese ich über den verkorksten Einstieg hinweg. Aber manchmal nimmt die Qual mit jedem Satz zu.

Ich glaube, das schlechteste Buch, das ich je gelesen habe, war Svende Merians "Der Tod des Märchenprinzen". Im Grunde gibt es da gar keinen ersten Satz. Der Roman beginnt mit einem Zitat aus Goethes "Faust I", gefolgt von einem Gedicht, erste Zeile: "Ritt er da nicht eben?". Daran schließt sich ein "Vorwort an Männer" an, auf das abermals ein Gedicht folgt - schließlich eine Art Kontaktanzeige: "Linke Frau, 24, möchte gerne unmännliche Männer, gerne jünger, kennen lernen." So viele Sätze und kein einziger erster Satz.

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