Lade Inhalte...

Virginia Die Kuppen fliegen weg

Mountaintop Removal Mining oder wie man im US-Bundesstaat West Virginia leichter an die Kohle kommt. Von Dietmar Ostermann

01.07.2008 00:07
DIETMAR OSTERMANN
Foto: FR-Infografik

Die Katastrophe spielte sich vor den Augen von Maria Gunnoe ab. "Eine gewaltige Flutwelle kam den Berg hinunter und spülte alles weg." Der kleine Gebirgsbach vor ihrem Haus hatte sich in einen reißenden Strom verwandelt. Ihre Scheune versank knietief im Schlamm, von den Hängen gingen Erdrutsche nieder. Selbst die Auffahrt zu ihrer alten Brücke unten am Fluss, in den der Bach mündet, wurde weggerissen. Ihr Grundstück kann Maria Gunnoe seither nicht mehr mit dem Auto erreichen. Sie parkt jetzt am anderen Flussufer und balanciert zu Fuß über Holzplanken. "Das Kohleunternehmen hat alle natürlichen Bäche und Abflüsse verändert." Das Nachbartal wurde mit Gesteinsschutt aufgefüllt. Neunmal in den vergangenen fünf Jahren hatte Maria Gunnoe Hochwasser vorm Haus.

Schwarzes Wasser im Tal

Die Frau mit dem streng nach hinten gebundenen Haar wohnt in einer kleinen Talmulde zwischen zwei Berghängen. Das schlichte, geduckte Haus steht etwas abseits am Ortsrand von Bob White, einem Bergarbeiterstädtchen im Süden West Virginias. "Als Kinder haben wir jedes Wochenende in den Wäldern gespielt", erzählt Maria Gunnoe, "wir haben Pilze, Beeren, Nüsse gesammelt. Das Leben in den Bergen ist Teil unserer Kultur."

Vor ein paar Jahren aber fuhren auch am Island Creek Mountain hinter ihrem Grundstück gewaltige Schaufelbagger auf. Explosionen ließen die Fenster im Haus zittern, Staub bedeckte den Garten. Die Bergkuppe war weggesprengt worden, um an die Kohle darunter zu gelangen.

"Mountaintop Removal Mining" heißt die Methode, der in den Appalachen seit Ende der 70er Jahre rund 500 Bergkuppen zum Opfer fielen. Erst wird der Laubwald abgeholzt, einer der artenreichsten in den USA. Dann kommen die Sprengmeister. Ist der Berg nur mehr ein Schutthaufen, wird das Geröll ins nächste Tal verklappt. Zum Vorschein kommt die Kohle. Man spart sich so die Stollen. Im Tagebau kann das freigelegte Flöz billiger und schneller ausgebeutet werden.

Von den Tälern lässt sich das Ausmaß der Eingriffe in die Natur nicht mal ahnen. "Wenn Sie in New York auf der Straße stehen", sagt Gunnoe, "können Sie ja auch nicht sehen, was auf den Dächern der Wolkenkratzer vor sich geht." Ihr Grundstück ist noch immer ein kleines, grünes Idyll. Man muss schon einen Hubschrauber nehmen oder bei Google Earth auf den Landkreis Boone County zoomen, um sich ein Bild von der Mondlandschaft jenseits der "Betreten verboten!"-Schilder oben am Hang zu machen.

Die ständigen Überschwemmungen sind nicht das einzige Problem. Am Berg hat die Massey Energie Company zwei Rückhaltebecken für sogenanntes schwarzes Wasser angelegt, giftigen Schlamm aus dem Kohleabbau. Mehr als einmal kam die Brühe nach heftigen Unwettern den Hang runter. Seither kann Gunnoe ihren Brunnen nicht mehr benutzen. Den Hund hält sie vom Gebirgsbach fern, wegen des hohen Schwermetallgehalts.

Maria Gunnoe hätte wegziehen können, doch sie ist geblieben - und kämpft. "Ich glaube nicht für eine Minute, dass ich vor der Kohle weglaufen kann, nicht in West Virginia", sagt die 40 Jahre alte Mutter zweier Teenager. Sie arbeitet inzwischen für die Ohio Valley Environmental Coalition (OVEC), eine jener lokalen Umweltorganisationen, die in den Appalachen gegen die Folgen des rücksichtslosen Kohleabbaus protestieren. "Maria ist eine mutige Frau", sagt Richard Wright, ein pensionierter Bergmann und OVEC-Aktivist aus dem nahen Twighlight, "sie haben ihr mehr als einmal Sand in den Tank geschüttet und die Autoreifen durchstochen." Das war im Sommer des vergangenen Jahres, als Gunnoe erfolgreich gegen das Zubaggern der Gebirgsbäche am Island Creek Mountain geklagt hatte. Die Massey Energy Company hatte daraufhin die Arbeiten vorübergehend einstellen müssen und ein paar Dutzend Arbeiter entlassen.

In West Virginia regiert noch immer "König Kohle". Der Bundesstaat ist nach Wyoming das größte Kohlerevier der USA. Rücksichten muss die mächtige Industrie in einer der ärmsten Regionen des Landes kaum nehmen. Jede dritte Tonne wird hier inzwischen mit der Methode des "Mountaintop Removal Mining" gewonnen, mehr als irgendwo sonst.

Staatliche Behörden nehmen es mit ökologischen Auflagen oft nicht so genau. Gerichte befassen sich meist erst mit Klagen, wenn der Schaden schon angerichtet ist, und verhängen selten mehr als bescheidene Bußgelder. West Virginia lockt Touristen mit dem Slogan "wild und wunderschön". Doch der Raubbau an der Natur hinterlässt tiefe Spuren. Fische gelten als verseucht, weil die Flüsse zu viel Quecksilber enthalten.

Die Kohleindustrie gibt sich derweil selbstbewusster denn je. Die Energiepreise steigen, die Politik will die Abhängigkeit von Ölimporten verringern - da empfiehlt sich die Branche als patriotische Antwort auf dem Weg zu Amerikas "Energie-Unabhängigkeit". Ein Viertel der weltweiten Kohle-Vorkommen und -Reserven liegen in den USA. Gut die Hälfte des US-Stroms wird derzeit in Kohlekraftwerken produziert. Nicht zuletzt deshalb ist das Land Weltmeister im Ausstoß von klimaschädlichen Gasen. Klima-Guru James Hansen fordert ein "Kohle-Moratorium" als kurzfristig wirksamste Maßnahme gegen die Erderwärmung.

Das heftig umstrittene "Mountaintop Removal Mining" wird jedoch noch beschleunigt. Bis 2012 sollen in den Appalachen auf der doppelten Fläche des Saarlands Berge plattgemacht werden. Nicht mal der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama, sonst um ein modernes Öko-Image bemüht, erhörte im Wahlkampf die Bitten von Umweltaktivisten, sich von der brutalen Methode zu distanzieren. Die Industrie verweist auf Golfplätze, die bei der Rekultivierung auf enthaupteten Bergruinen entstanden: Ebenes Land sei doch prima, weil selten in West Virginia.

Für Maria Gunnoe ist Kohle nicht Segen, sondern Fluch: "Unsere Jugend zieht weg, Geschäfte machen zu, Städte sterben aus. Die Kohle hat Boone County nichts als eine Spur der Verwüstung gebracht." 1948 arbeiteten in der Kohleindustrie von West Virginia noch 125 000 Menschen, 2005 nur mehr 19 000. Anders als in den unterirdischen Gruben werden im Tagebau kaum Arbeitskräfte gebraucht. "Die Schaufelbagger verwandeln das Land in eine Müllhalde und ziehen weiter", sagt Maria Gunnoe, "wir müssen hier leben."

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen