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Über den Holocaust müssen alle Bescheid wissen

Es kommt immer wieder vor, dass sich Kinder aus arabischen oder türkischen Elternhäusern weigern, am deutschen Geschichtsunterricht über die Vernichtung der Juden teilzunehmen. Als Grund geben sie an, durch die israelische Politik in ihren eigenen Gefühlen verletzt zu sein. Der Weigerung nachzugeben ist gefährlich.

07.03.2007 00:03
Wolfgang Benz
WIRECENTER
Foto: TU Berlin

Der Alltagsantisemitismus in unserer Gesellschaft beruht auf dem stillschweigenden Einverständnis der Mehrheit über die Minderheit. Man muss, da über Chiffren kommuniziert wird, nichts aussprechen, sondern man kann mit Andeutungen operieren: "Diese Leute, na, Sie wissen schon." Damit ist der Konsens hergestellt und man bleibt auf jeden Fall scheinbar innerhalb der Bereiche der politischen Kultur, wenn man Klartext vermeidet.

Antisemitismus ist kein Reflex auf das Verhalten oder auf Handlungen von Juden, das betone ich immer wieder. Trotzdem aber ist die Abneigung gegen Juden ritualisiert und operiert mit diesem Vorwurf, die Juden seien schuld, dass man sich ihnen gegenüber so verhalte. Man ermahnt die Juden auch gern: Sie sollen doch still und freundlich sein, sich nicht auffällig verhalten, nichts kommentieren, was in der Gesellschaft passiert, denn das würde den Antisemitismus wecken.

Die alltäglichen Manifestationen von Judenfeindschaft sind Friedhofschändungen, Propagandadelikte, bei denen die immer gleichen Stereotypen eingesetzt werden. Eine Manifestation ist auch die Verständigung der Mehrheit, sei es am Arbeitsplatz, in der Schule, im Straßenverkehr darüber, dass Juden auf eine unangenehme Art anders sind als Nichtjuden.

Ein im Vormarsch befindliches Mittel ist die Trivialisierung der Stigmatisierung von Juden. "Jude" wird in vielen Zusammenhängen immer mehr ein alltägliches Schimpfwort, ähnlich wie "Opfer". "Opfer" ist unter Schülern ein böse gemeintes Verdikt. Der Schiedsrichter beim Fußballspiel, dessen Entscheidung missbilligt wird, wird seit einiger Zeit mit steigender Tendenz als "Jude" bezeichnet, das soll ihn brandmarken, darüber soll er sich kränken.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Israelfeindschaft, die etwas anderes ist als die Kritik an der israelischen Regierung für bestimmte politische Handlungen oder Einstellungen. Israelfeindschaft unter dem Schlagwort Antizionismus dient in unserer Gesellschaft nun seit einiger Zeit als Ventil für Gefühle, die zu Recht durch die Regeln unserer politischen Kultur sanktioniert sind, die nicht offen artikuliert werden können, aber unter dem Deckmantel der Israelfeindschaft, die sich als Israelkritik tarnt, wie man aber unschwer erkennen kann, eigentlich immer die Gesamtheit der Juden meint. Es läuft immer sehr schnell auf "Charaktereigenschaften" und generalisiertes Verhalten "der Juden" hinaus. Das scheint manchen wohl immer mehr ein Ausweg aus dem Gehege gesellschaftlich gebotenen Verhaltens zu sein.

Die Nutzanwendung von Erkenntnissen der Antisemitismus- und Holocaustforschung ist sicherlich das schwierigste Feld, das am meisten nachgefragt wird, das den Wissenschaftler, der sich als Forscher mit diesen Phänomenen beschäftigt, besonders oft ratlos macht.

Welche unmittelbaren Konsequenzen müssen aus historischem Wissen, also aus der Kenntnis der Ereignisse des Holocaust erfolgen? Hier ist die deutsche Gesellschaft als Gesellschaft eines Einwandererlandes besonders gefragt. (…) Denn in der Zuwanderergesellschaft gibt es eine Art Erinnerungskonkurrenz.

Der in Deutschland geborene junge Mann tschechischer Abkunft hat in der Schule Mühe, seine Emotionen angesichts des Lehrstoffs "Flucht und Vertreibung" zu ordnen, denn seine Großmutter spricht nur Tschechisch, hat "die Deutschen" als brutale Okkupationsmacht in Erinnerung und hat Probleme, die Tatsache zu verarbeiten, dass ihre Kinder nach Deutschland ausgewandert sind. Ähnlich ergeht es einer jungen Frau, deren Eltern aus Polen zugewandert sind und die trotz erfolgter Integration in die deutsche Gesellschaft natürlich noch enge Bindungen an die frühere Heimat haben.

Wie stark müssen sie sich jetzt als Einwanderer in die Tradition der Nation, der sie nun angehören, einbringen? Das ist eine der spannenden Fragen, die uns insbesondere auf dem Bildungssektor beschäftigen müssen.

Das Verständnis und die Aneignung deutscher Geschichte, wie sie über den Schulunterricht erfolgt oder erfolgen sollte, muss nicht zwangsläufig als Identitätskonflikt dargestellt werden, aber es lässt sich unschwer ausrechnen, dass häufig der Verzicht auf die Beschäftigung mit historischen Themen und den daraus erwachsenden moralischen Postulaten als Ausweg gesucht wird. Das gilt auch, und zwar in ungleich stärkerem Maße, für Zuwanderer aus ferneren Kulturen.

Politische, kulturelle und religiöse Positionen, die die Emotionen im Haushalt der Zuwanderer aus der islamischen Welt bestimmen, sind durch kognitive Einwirkung - durch Schulunterricht, durch den Besuch von Gedenkstätten, durch Projektarbeit - in der Regel nicht leicht zu verändern. Der Druck des Elternhauses, der die Loyalitäten und damit die Aufnahmebereitschaft für Informationen bestimmt, macht sich etwa an Berliner Schulen bemerkbar, wenn Schüler sich unter Berufung auf Emotionen und Loyalitäten weigern, am Unterricht teilzunehmen, wenn der Holocaust und generell das Schicksal der Juden Gegenstand des Lernens ist. Israelfeindschaft und unbedingte Parteinahme für die Sache der Gegner der Juden sind Anlass einer Verweigerung, die mit der Festigung von Vorurteilen und Feindbildern einhergeht.

Dieses ist, meiner Meinung nach, unter gar keinen Umständen hinzunehmen, wenn wir eine Einwanderergesellschaft sind und das sind wir gottlob. Man muss nicht auf Assimilation als unbedingte Preisgabe eingebrachter Identität drängen, aber man muss darauf drängen, dass der soziale und kulturelle Konsens der Aufnahmegesellschaft von den Menschenrechten bis hin zum korrekten Umgang mit dem Phänomen Holocaust, von allen Bürgern, egal aus welchem ethnischen oder kulturellen Zusammenhang sie in diese Gesellschaft gekommen sind, geteilt wird.

Daraus folgt, Zuwanderer bringen erstens ihre Geschichte und zweitens die Erinnerung daran mit. Sie dürfen erwarten, dass ihr kollektives Gedächtnis respektiert wird. Aber auch die Gesellschaft des Immigrationslandes erwartet drittens, dass Zuwanderer von der Geschichte dieses Landes und der Verortung der prägenden Elemente im nationalen Gedächtnis der Aufnahmegesellschaft Kenntnis haben.

Das Akzeptieren der Normen des Menschenrechtsverständnisses der Zuwanderergesellschaft ist viertens die Voraussetzung für die Integration, für das Bürgerrecht. Das bedeutet - selbstverständlich ohne Beeinträchtigung der Autonomie der eigenen Traditionen -, dass im kollektiven Gedächtnis der Mehrheit der Autochthonen und der Minderheit der Immigranten für beide Traditionen Raum sein muss. Die gegenseitige Kenntnisnahme und Akzeptanz prägender Geschichte ist Voraussetzung des Zusammenlebens in einer friedlichen Gesellschaft, die zur integrativen Konfliktlösung bereit ist und nicht auf die Ausgrenzung der Minderheit durch die Mehrheit, auf Gettoisierung oder die Etablierung und Duldung von Parallelgesellschaften ausweicht.

Das bedeutet fünftens, dass Schüler türkischer oder arabischer Herkunft von Fixpunkten deutscher Geschichte wie dem Nationalsozialismus, von Antisemitismus und dem Holocaust und ihrem Verständnis in der deutschen Gesellschaft ebenso Kenntnis haben müssen wie etwa vom Völkermord an den Armeniern, und dass die Betrachtung dieser Ereignisse nicht verweigert werden kann unter Hinweis auf patriotische Empfindungen und Loyalitäten gegenüber der Herkunftsgesellschaft. Das bedeutet in diesem Falle auch, dass die argumentative Auseinandersetzung mit der türkischen Kurdenpolitik oder dem Verhältnis Deutschlands zu Israel nicht zur Disposition steht mit Alternativen wie Gefühlswallungen des Abscheus und der Parteinahme nationalistischer Provinienz oder unter dem Postulat der Wahrung von Herkunftsidentität.

Betroffenheit, eine ohnehin nicht zwangsläufig erkenntnisfördernde Haltung, darf schließlich, sechstens, von Zuwanderern aber ebenso wenig verlangt werden wie die Bereitschaft zu Gefühlen von Scham oder gar Schuld angesichts unangenehmer Tatsachen der deutschen Geschichte. Aber der Zuwanderer darf Informationen über Inhalte des kollektiven Gedächtnisses der Mehrheit nicht ablehnen, weil das ein Indiz für die Verweigerung von Werten der Verfassungsordnung und der geltenden Idee der Menschenrechte ist.

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