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Schwindender Einfluss Die USA auf dem Weg nach unten

Die stärkste Weltmacht der Geschichte verliert ihre Bedeutung. Militärische Misserfolge, innere Konflikte und finanzielle Probleme lassen Amerika allein dastehen. Von Parag Khanna

25.04.2008 00:04
PARAG KHANNA
Obdachloser in Los Angeles
Kein gelobtes Land mehr: In den USA sinkt der Lebensstandard für viele Amerikaner. Foto: dpa

Eine Supermacht besteht keine Minute länger, als sie muss. Die USA hatten lange Zeit die militärische Fähigkeit, ihre Konkurrenten zu zermalmen, aber ungeachtet der wiederholten Forderungen von Präsident Bush, die USA müssten "in die Offensive gehen und in der Offensive bleiben",zwischen dem "Krieg gegen den Terror" und der "Achse des Bösen",ist es den USA kein Mal gelungen, die großen Bedrohungen, die sie ausgemacht haben, zu beseitigen.

Außerdem ist der amerikanische Einfluss dort am schnellsten zurückgegangen, wo sie ihre militärischen Muskeln am stärksten spielen ließ: in der arabischen Welt und in Ostasien. (…) Die vermeintliche Vormachtstellung der USA wird in jeder Region der Zweiten Welt als Irrglaube entlarvt: Die EU kann ihren Osten stabilisieren, die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) unter Führung Chinas kann Zentralasien organisieren, Südamerika kann die USA zurückweisen, die arabischen Staaten werden sich nicht mit der amerikanischen Vorherrschaft abfinden, und China kann nicht allein mit militärischen Mitteln in Ostasien eingedämmt werden. Die geopolitische Auflehnung ist in vollem Gange. Braucht die Welt die Vereinigten Staaten nicht länger? (…)

Die USA sind heute viel häufiger auf sich allein gestellt, als es einer echten Führungsmacht ansteht - nicht zufälligerweise just zu dem Zeitpunkt, an dem ihr militärischer, finanzieller und moralischer Einfluss nachlässt. Die Umwandlung der NATO in eine finanziell unzureichend ausgestattete "Achse der Demokratie" wird nicht die Wende bringen: Das gescheiterte Unternehmen im Irak hat die USA die bedingungslose Loyalität Großbritanniens gekostet, und Japan ist in Ostasien immer vorsichtiger, und beide sind kaum mehr als Potemkinsche Alliierte für die USA. Viele andere Staaten, die einst fest unter dem amerikanischen Sicherheitsschirm standen, "entschlüpfen" ebenfalls der Leine und bauen ihre eigenen Streitkräfte auf, um sich unabhängig zu machen. (…)

Der Anteil der USA an der Weltwirtschaft ist seit dem Zweiten Weltkrieg von fünfzig Prozent auf 25 Prozent gesunken - wobei Europa und Asien die anderen beiden Weltregionen aufbauen. Während des Kalten Krieges haben Verbündete der USA die Überbewertung des Dollar hingenommen, da sie wussten, dass sie auf den verlässlichen militärischen Schutz durch die USA angewiesen waren, aber das Wohlwollen, auf dem dieses Ausnahmephänomen beruht, verflüchtigt sich nun rasch. Nicht genug damit, dass China und Japan zusammen die größten US-Dollar-Reserven halten - zum ersten Mal in der Geschichte stammt die wichtigste Weltreservewährung von einem Land, das eine Schuldnernation ist - und bei seinen Rivalen in der Kreide steht.

Die angespannte Lage der Staatsfinanzen und die Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen der USA machen den Dollar nicht länger zum sichersten Hafen für Anlagekapital; dies führt zu einer allmählichen Diversifizierung der Devisenbestände und auch der Abrechnungspreise für Rohstoffe wie Erdöl. Obgleich es auf der Welt mehrere wichtige Währungen gibt, werden nur drei von allen fortwährend im Auge behalten: der US-Dollar, der Euro und der chinesische Renminbi. Je mehr Länder und Investoren auf den Euro umsteigen, desto weniger können die USA ihre Defizite und kostspieligen militärischen Abenteuer finanzieren. (…)

Die USA mögen behaupten, gewisse Ideale für die Welt zu verkörpern - Freiheit, Glück, Selbstverwirklichung -, aber sie müssen dies jetzt im Vergleich zu anderen unter Beweis stellen. Der Begriff Lebensqualität hört sich abstrakt an, aber in seinen konkret messbaren Dimensionen nimmt sie in den USA ab. (…) Die Superreichen leben in einer eigenen Welt, und sie leisten einen genauso großen Beitrag zu den Volkswirtschaften anderer Länder wie zur Ökonomie ihres Landes; die 130.000 wohlhabendsten Privatleute haben ein genauso hohes Einkommen wie die vierzig Prozent der gesamten Bevölkerung (im unteren Bereich der Einkommenspyramide) von 300 Millionen Menschen.

Die Analysten der Citibank bezeichnen die USA als eine "Plutonomie", in der die wenigen Reichen die Volkswirtschaft stärker ankurbeln als die Massen. An der Spitze ist der Markt für benzinfressende SUVs und Diamanten gewachsen, während am unteren Ende der materialistische Rausch bei Discountern und Wal-Mart weitergeht, wo der jährliche Ansturm auf Festtagsgeschenke - der manchmal sogar zu Todesopfern führt - jedes Jahr zu Thanksgiving (wenn nicht schon früher) beginnt. Die USA sind nicht länger eine Mittelschichtnation, und sie werden stattdessen zu einer Kombination von Extremen, wie sie typisch ist für die Zweite Welt. Seit mittlerweile dreißig Jahren haben die amerikanischen Arbeiter keine realen Lohnzuwächse verzeichnet. (…)

Dominante Mächte verteidigen ihren innovativen Vorsprung vor ihren Rivalen durch hervorragende technisch-naturwissenschaftliche Ausbildung, aber die USA sind auch hier auf dem absteigenden Ast. Sie haben zwar ihre Eliteuniversitäten, aber die meisten Amerikaner absolvieren nur eine eingeschränkte Hochschulausbildung. (…) Die Abbruchquote an amerikanischen Highschools liegt bei 32 Prozent - und darunter sind viele heruntergekommene und bankrotte öffentliche Schulen, von denen einige sogar vom US-Militär übernommen wurden und jetzt als Militärakademien weitergeführt werden. (…)

Schlimmer noch, die USA leiden womöglich unter dem gleichen Ölfluch wie viele Staaten der Zweiten Welt. Ein Großteil der Infrastruktur wurde während des Booms nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet, als die USA der größte Ölproduzent und -exporteur der Welt waren - aber heute sind die Wasserrohre verrottet und die Kraftwerke heruntergewirtschaftet, was zu Blei- und Quecksilbervergiftungen und sporadischen, aber massiven Stromausfällen führt. (…)

Die produktivsten Staaten in Europa und Ostasien haben die angelsächsischen Werte individueller Rechte und eines geschrumpften Staates abgelehnt, und die Europäer konnten dadurch, dass sie sich stärker auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte und Technologien statt auf gering qualifizierte Einwanderer konzentrierten, ihre hohen Löhne aufrechterhalten, während sie gleichzeitig ihre Volkswirtschaften automatisierten.

US-Firmen dagegen haben sich selbst zur Versteigerung angeboten und werden von Asiaten oder anderen finanzkräftigen ausländischen Konglomeraten aufgekauft. Arbeiter in der Autoindustrie im amerikanischen Herzland flehen heute geradezu japanische Firmen wie Honda an, Fabriken in ihrer Nähe zu errichten, um ihnen Einkommen und Würde zurückzugeben.

Der blinde Glaube Amerikas an seine Innovationsfähigkeit und die Vorzüge des freien Marktes sind ebendeshalb gefährlich, weil andere Länder ausdrücklich darauf aus sind, seine Schwächen auszunutzen. Obgleich die Volkswirtschaft der USA mit der Weltwirtschaft wächst, rührt ihr Niedergang im Vergleich zu anderen daher, dass Zweitweltländer schneller klüger werden als sie selbst. Ausländische Mächte segeln im Windschatten der USA; sie nutzen deren Wirtschaft für Investitionen und deren Universitäten für den Erwerb von Fachkenntnissen, bis ihre eigenen Märkte, Institutionen und Infrastruktur ähnliche Erträge abwerfen und ihr Kapital und ihre im Ausland ausgebildeten Fachkräfte aufnehmen können.

Die Anzahl chinesischer Studenten an amerikanischen Universitäten ist in jüngster Zeit rückläufig, weil sie zunehmend Bildungsangebote in Europa und China selbst annehmen. Industriestaaten, die sich langsam an das Tempo der globalen Umverteilung von Arbeit und Investitionen anpassen, sind anfällig für die Konkurrenz durch Staaten der Zweiten Welt, die nur darauf warten, sie zu verdrängen.

Eine einzige Weltwirtschaft, in der quer durch alle Sektoren und zwischen allen Regionen intensiver Wettbewerb herrscht, hat zu einer deutlichen globalen mittleren Angleichung geführt, kraft deren noch mehr Länder in die Zweite Welt gezogen werden. (…) Die Erste, Zweite und Dritte Welt werden weiterbestehen, aber die Rollenbesetzung wird sich ständig ändern. (…)

Da heimliche, globale Eskalationen andauern, gibt es vielfältige und immer mehr potenzielle Funken: der Wettstreit um Ressourcen am Kaspischen und Südchinesischen Meer, ein Hyperterrorismus mit Kernwaffen, ein Angriff im Golf von Aden oder der Malakkastraße. Die unsicheren Loyalitäten zweitrangiger, aber trotzdem starker Mächte wie Russland, Japan und Indien könnten ebenfalls zu einer Eskalation führen. (…)

Gleichgewicht setzt voraus, dass die USA, die EU und China gemeinsam die Regeln des geopolitischen Spiels festlegen. Wie in einer Familie basiert das Gleichgewicht auf einer komplexen Reihung von Regelwerken, die die internationalen Beziehungen zivilisieren sollen, wobei auch Kompromissen ein zentraler Stellenwert zukommt. Die Anreize für die Errichtung von Institutionen, die die eigene Macht vermindern und andere Staaten aufwerten, sind schwer fassbar; egoistische Staaten müssen davon überzeugt werden, dass sie durch Zusammenarbeit, die ihren Interessen förderlich ist, Kosten einsparen können. Die USA aber könnten ihren Einfluss steigern, wenn sie ihre Macht zügeln würden.

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