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Rudolf Brazda "Das Glück kam immer zu mir"

Als Homosexueller war er von 1941 bis 1945 im KZ. Rudolf Brazda ist einer der letzten lebenden Zeugen, die den "Rosa Winkel" trugen. Alexander Zinn würdigt sein Schicksal.

27.06.2008 00:06
ALEXANDER ZINN
Das Buchenwald-Mahnmal von Fritz Cremer. Foto: dpa

Wir wollen am Christopher Street Day der im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen gedenken. Gerade an einem solchen Tag, an dem wir unser Selbstbewusstsein und unsere Lebensfreude demonstrieren, sollten wir uns daran erinnern, wo wir herkommen. Daran erinnern, unter welchen Bedingungen Homosexuelle vor noch nicht allzu langer Zeit in Deutschland leben mussten. Und vor allem: An jene erinnern, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden.

Obwohl mit Ernst Röhm auch ein führender Nationalsozialist schwul war, ließen Adolf Hitler und seine Parteigenossen nie einen Zweifel daran, dass sie die Homosexualität für eine "widernatürliche Veranlagung", für eine den so genannten "Volkskörper" schädigende "Seuche" hielten, die "auszurotten" sei. (...) Schon im März 1933 waren die schwulen und lesbischen Kneipen Berlins geschlossen worden. Die gesamte Infrastruktur der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, Lokale, Vereine, Verlage und Zeitschriften wurden aufgelöst, zerschlagen und zerstört. 1934 setzte die systematische Verfolgung homosexueller Männer ein. Über 100 000 Männer wurden polizeilich erfasst, rund 50 000 nach Paragraph 175 verurteilt. Zwischen 10 000 und 15 000 wurden in Konzentrationslager verschleppt, mit dem "Rosa Winkel" erniedrigt, gefoltert, zu Tode geschunden und ermordet.

Opferzahlen zu nennen ist gerade bei den Rosa-Winkel-Häftlingen sehr schwierig, denn ihre Verfolgungsgeschichte war über Jahrzehnte tabuisiert. Doch die Diskussion über Opferzahlen ist ohnehin ein fragwürdiges Unterfangen. Zumindest dann, wenn darüber die Einzelschicksale vergessen werden. (...) Im Mittelpunkt meiner Rede soll deswegen das Schicksal eines Einzelnen stehen, das von Rudolf Brazda.

Als mich vor vier Wochen die Nichte von Rudolf Brazda anrief und erzählte, ihr Onkel, der als Homosexueller in Buchenwald gewesen sei, lebe noch und wolle unbedingt zur Einweihung dieses Denkmals kommen, konnte ich es kaum glauben. Bis dahin waren alle davon ausgegangen, dass heute kein Homosexueller mehr am Leben ist, der den NS-Terrors am eigenen Leib erfahren hat. (...)

Rudolf Brazda hat mir viel über sein Leben erzählt. Ich möchte einige "Szenen", wie er es nennt, wiedergeben. (...) Er wird 1913 in Brossen bei Leipzig geboren. Seine Eltern sind tschechischer Herkunft und aus dem damaligen Österreich-Ungarn nach Sachsen eingewandert. Rudolf wächst in Meuselwitz auf, will Schaufensterdekorateur werden. Doch die Lehrstelle gibt man ihm nicht, weil er kein deutscher Staatsbürger ist. So macht er eine Lehre als Dachdecker. Als die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, ist Rudolf keine 20 Jahre alt. Seine Homosexualität hat er gerade erst entdeckt, in Leipzig geht er auf Bälle und Tanzveranstaltungen. Den ersten Freund lernt er in Meuselwitz kennen. (...) Werner heißt der Blonde und wohnt bei einer streng religiösen Dame, einer Zeugin Jehovas, zur Untermiete. Bei der zieht auch Rudolf bald ein. Die alte Dame hat nichts gegen die Liaison, sie überlässt ihnen sogar ihr Schlafzimmer. Anders sehen das Ganze jedoch die Strafverfolgungsbehörden des "erwachenden" Deutschlands.

(...) Auch Rudolf Brazda gerät ins Fadenkreuz der Strafverfolgungsbehörden. Vielleicht wird von anderen Verhafteten sein Name erpresst, vielleicht ist es das allzu offensichtliche Zusammenleben mit seinem Freund. Er wird jedenfalls verhaftet und nach Paragraph 175 angeklagt. Der Prozess in Altenburg erregt einige Aufmerksamkeit. Brazda erinnert sich an die Überschrift in einer Meuselwitzer Zeitung: "Sie lebten zusammen wie Mann und Frau".

Viel mehr kann die Staatsanwaltschaft den beiden allerdings auch nicht vorwerfen, obwohl Brazda freimütig berichtet über ihr Zusammenleben. "Ich erzählte alles wie es war und auch dass ich mich dafür nicht schäme", sagt er. Noch gilt der alte Paragraph 175, der nur die so genannte "widernatürliche Unzucht", also den homosexuellen Analverkehr, unter Strafe stellt. Erst 1935 wird das Strafrecht so verschärft, dass bereits Küsse strafbar sind. Dennoch wird Brazda zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. (...)

Als er aus dem Zuchthaus in Altenburg entlassen wird, steht seine Mutter vor dem Gefängnistor. Sie hält zu ihm. "Bitte gib mir nicht die Schuld daran, dass du so geworden bist", ist ihr einziger Kommentar. Rudolf Brazdas Existenz freilich ist vernichtet. Und nicht nur das. Die deutschen Behörden schieben ihn als vorbestraften "Ausländer" ab in die Tschechoslowakei. Ein Land, das er noch nie gesehen hat, dessen Sprache er nicht versteht. Er geht ins sudetendeutsche Karlsbad.

Dort findet er einen neuen Freund, Toni. Der hat Kontakt zu einer Theatertruppe, der "Fischli-Bühne". Mit dem Ensemble zieht er schließlich drei Jahre durchs Sudetenland, tritt in Operetten auf, schauspielert und tanzt. In einer Nummer imitiert er Josephine Baker.

Doch auch hier holen ihn die Nazis ein. Im Oktober 1938 annektieren sie das Sudetenland. Zuerst werden die jüdischen Mitglieder der "Fischli-Bühne" verhaftet, später trifft es auch Brazda. Einige Zeit sitzt er im Gefängnis von Eger. Ein Prozess wird ihm nicht mehr gemacht. 1941 schließlich geht er auf "Transport". (...)

In Buchenwald kommt er am 30. März 1941 an. Zur "Begrüßung" wird er von SS-Männern in einen Bottich mit Desinfektionsmittel getaucht. Die Prozedur machte ihm nichts aus, sagt er heute. Doch dass ihm der SS-Mann sein goldenes Kettchen mit dem Kreuz vom Hals reißt, das tut ihm in der Seele weh - ein Geschenk seines Freundes.

Brazda muss einen Rosa Winkel tragen mit einem "T" in der Mitte, das steht für Tscheche. Zunächst muss er wie die meisten Homosexuellen in der Strafkompanie im Steinbruch arbeiten. Bei dieser besonders harten Arbeit finden viele Häftlinge den Tod. (...)

Brazda hat das Glück, schon bald zu einer leichteren Arbeit in einem kleinen Verschlag, der als Verbandsraum für die Verletzten dient, eingeteilt zu werden. Ein noch größerer Glücksfall ist es, dass er später als Dachdecker in ein Baukommando überstellt wird, in dem die Arbeitsbedingungen wesentlich leichter sind. Die meisten anderen Homosexuellen haben keine Chance, dem Strafkommando im Steinbruch zu entkommen. Im Baukommando nimmt sich ein kommunistischer Kapo seiner an. Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die Brazda das Leben rettet. Ein Vorfall ist ihm hier besonders im Gedächtnis geblieben: Eines Tages ist er in der Baracke und hört von draußen jemanden rufen: "Was ist das für ein Kommando?" Er ruft zurück, das stehe doch an der Türe. Daraufhin stürzt ein SS-Mann in die Baracke, versetzt ihm einen Tritt, schlägt ihm mit der Faust direkt ins Gesicht. Rudolf Brazda verliert dabei drei Zähne. Der SS-Mann ordnet an, dass er am nächsten Tag abgeholt und per Genickschuss getötet werden solle. Rudolf Brazda erzählt das seinem Kapo, der sich beim Lagerkommandanten für ihn einsetzt. Er sei eine wichtige Arbeitskraft, die er nicht entbehren könne. Damit rettet er Rudolf Brazda das Leben.

Er selbst habe immer wieder Glück gehabt, sagt Rudolf Brazda. Das Leiden der anderen, das er täglich vor Augen hatte, habe ihn viel mehr mitgenommen als seine eigene Situation. So zum Beispiel das Schicksal der fünf Mönche aus einem süddeutschen Kloster, die nach Buchenwald kamen und gleich darauf ins Krankenrevier überstellt wurden. Auch sie beschuldigte man der Homosexualität. "Spritze", sagt Rudolf Brazda und meint, dass die Mönche ermordet wurden, indem man ihnen Gift injizierte. In Buchenwald war dies gängige Praxis. Im Sommer 1942 gab es eine regelrechte Mordaktion, bei der 42 Homosexuelle getötet wurden. (...)

Als die Amerikaner im Frühjahr 1945 auf Buchenwald vorrücken, versuchen die Nazis, das Lager zu evakuieren. Unter den Häftlingen geht das Gerücht, sie sollten als persönliche Geiseln Hitlers auf den Obersalzberg gebracht werden. Noch Anfang April werden 28 000 Häftlinge auf Todesmärsche in andere Konzentrationslager geschickt, die Hälfte kommt dabei ums Leben. Rudolf Brazda hat wieder Glück. Mit Hilfe eines Kapos kann er sich in einem Schweinestall verstecken, bis die Amerikaner das Lager am 11. April 1945 befreien.

Nach seiner Befreiung geht Brazda gemeinsam mit einem anderen ehemaligen Häftling in dessen Heimat nach Süddeutschland. Hier baut er sich ein neues Leben auf, arbeitet als Dachdecker - und findet 1947 einen neuen Freund. Eddi, einen Banater Schwaben, hat er schon länger im Auge. Bis zu Eddis Tod vor sechs Jahren sind die beiden ein Paar.

Rudolf Brazda lebt heute in dem kleinen Häuschen, das sich die beiden gemeinsam gebaut haben. "Das Glück kam immer zu mir", sagt er. Eine Entschädigung für seine KZ-Haft in Buchenwald hat Rudolf Brazda nie erhalten.

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