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Putin sorgt für seine deutschen Spezl

Der einstige russische Geheimdienstmann kümmert sich bei "Gazprom Germania" um seine alten Freunde aus der DDR - und Gerhard Schröder sitzt mittendrin. Doch dessen Strahlkraft schwindet.

13.12.2007 00:12
GEMMA PÖRZGEN
Russisches Geld ist willkommen bei den Fußball-Fans von FC Schalke 04. Foto: Imago

Mit Hans-Joachim Gornig und seiner "Gazprom Germania" hat der Moskauer Konzern längst ein deutsches Gesicht bekommen. Die deutsche Filiale mit ihren rund 90 Mitarbeitern residiert schon seit Jahren mitten im Herzen Berlins in der Markgrafenstraße, unweit des Springer-Hauses.

Aber "Gazprom Germania" tritt erst seit kurzem unter dem Namen des Mutterhauses offensiv auf. Nach Einschätzung des deutschen Gasexperten Heiko Lohmann will die Firma damit als in Westeuropa tätiger "Global Player" stärker Flagge zeigen. "Sie werden als Handelspartner und Teil der westlichen Gas-Community mehr und mehr akzeptiert", sagt Lohmann, "das ist ganz klar als Unternehmensstrategie erkennbar."

Seit 2003 lädt die deutsche Tochtergesellschaft in Berlin einmal im Jahr zur Bilanzpressekonferenz und ist in der deutschen Gas-Szene durch Verbandsmitgliedschaften und die Beteiligung an Wirtschaftsforen zum festen Faktor geworden.

Der 64-jährige Gornig war in der DDR Regierungsbeauftragter für den Erdgasleitungsbau in der Sowjetunion,und wer mit "Gazprom Germania" zu tun hat, gewinnt sofort den Eindruck, dass die Firma nicht nur bis heute "ostlastig", sondern auch von alten Seilschaften der DDR-Energiewirtschaft geprägt ist. Dass sich hier Gas-Fachleute zusammengefunden haben und auch nach dem Untergang des früheren Systems alte Freundschaften nach Russland pflegen, ist offensichtlich.

Dass darüber hinaus der KGB-Mann Putin einigen seiner alten Stasi-Freunde auf diesem Wege zu neuen, attraktiven Jobs verholfen hat, halten Russland-Experten für sehr wahrscheinlich. "Gazprom hat jahrzehntelang die DDR beliefert. Aus dieser Zeit gibt es enge Verbindungen, die sich bis heute fortsetzen. Putin will die Leute nicht im Regen stehenlassen, die jahrelang für die Sowjetunion von Nutzen waren, und hat ihnen Jobs beschafft", sagt der Russlandkenner Alexander Rahr.

So soll der Direktor für Finanzen und Controlling bei "Gazprom Germania", Felix Strehober, vor der Wende Stasi-Mitarbeiter gewesen und im Bereich "Kommerzielle Koordinierung" (Koko) für die Devisenbeschaffung der DDR-Wirtschaft zuständig gewesen sein. Westliches Pendant zum Seniorchef Gornig ist der Manager Claus Bergschneider.

",Gazprom Germania' versteht sich als deutsches Unternehmen mit russischem Hintergrund", erläutert Pressesprecher Andreas Böldt das Selbstverständnis der Firma. "Leute, die uns kennen, nehmen uns anders wahr, als Leute, die uns nicht kennen." Die Banken stünden heute bei "Gazprom Germania" Schlange, weil sie wüssten, dass es ein solides Unternehmen sei. Im Kontakt mit Journalisten gibt sich die Firma aber nur sehr begrenzt kooperativ, sondern schottet sich eher ab. Es besteht wenig Interesse, mehr Licht in die wenig durchschaubare Arbeitsteilung zwischen der Moskauer Zentrale und ihrer Berliner Tochterfirma zu bringen. So berichtet Böldt lieber über die vielfältige Sponsorentätigkeit des Unternehmens, vor allem für den FC Schalke 04, aber auch für Ausstellungen russischer Maler in Deutschland oder Gastspiele des Bolschoi-Balletts. Die Firma hat für die Thüringen-Oberschule im Berliner Problembezirk Marzahn-Hellersdorf, wo viele Aussiedler wohnen, ebenso eine Patenschaft übernommen, wie für das Berliner Herdergymnasium, wo der Russischunterricht besonders gefördert wird. Auch Mittlerorganisationen wie das Deutsch-Russische Forum arbeiten schon seit längerem mit "Gazprom Germania" zusammen.

Trotz solcher Anstrengungen zeigt sich Gornig mit dem Ruf seiner Firma nicht zufrieden. "Das Image ist nicht so, wie wir es wünschen", bekannte er in einem Interview. Auf die Frage, wie es denn ausfallen soll, antwortete er: "Wir sind ein zuverlässiger, sicherer Energieversorger, der etwas für seine Kunden tut. Wir würden uns freuen, wenn wir auch so gesehen werden." Zum guten Ruf beitragen sollte im Herbst 2005 vor allem das Engagement des gerade abgewählten Bundeskanzlers Gerhard Schröder für das Vorzeigeprojekt deutsch-russischer Energiepartnerschaft: die Ostsee-Pipeline, die laut Planung 2010 in Betrieb gehen soll.

Aus Moskauer Sicht wird die 1200 Kilometer lange Gasleitung die bereits seit den 1990er Jahren andauernden Probleme mit der Ukraine als Transitland lösen. Auch die rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte das Projekt zu ihrem Anliegen gemacht, um Deutschland durch diesen zusätzlichen, direkten Transportweg eine größere Versorgungssicherheit zu garantieren.

Außenpolitisch entpuppte sich das Großprojekt mit Baukosten von fünf Milliarden Euro von Anfang an als heikel. Vor allem in Polen, das ebenso wie die Ukraine und Weißrussland als Transitland umgangen werden soll, weckte die Ostsee-Pipeline alte Ängste vor dem Zusammenspiel der beiden mächtigen Nachbarn. (…)

Wie sinnvoll das Projekt ist, bleibt umstritten. Kritiker halten die Pipeline durch die Ostsee für überteuert und hätten alternativ eine zusätzliche Landleitung durch Polen befürwortet. Der deutsche Verbraucher werde nun mit seiner Gasrechnung die außenpolitischen Interessen Russlands mitfinanzieren, lautet ihr Vorwurf. Andere Stimmen, vor allem aus der Industrie, halten dem entgegen, dass die neue Pipeline für Deutschlands Gasversorgung einige Vorteile gegenüber anderen Kunden bringe, sollte das Gas einmal knapp werden oder ein neuer Streit Moskaus mit der Ukraine ins Haus stehen. Umweltschützer fürchten ökologische Auswirkungen für die Ostsee.

Zum Skandal geriet das Großprojekt aber vor allem durch die Rolle Gerhard Schröders. Er hatte sich als Bundeskanzler dafür starkgemacht und noch im September 2005, zehn Tage vor der verlorenen Bundestagswahl, für den Vertragsabschluss Pate gestanden. Als bei der Feierstunde in Babajewo Gazprom-Chef Alexej Miller überraschend bekanntgab, dass er Schröder für den Aufsichtsrat der neu geschaffenen Pipeline-Gesellschaft "Nordstream" gewonnen habe, brach in Deutschland ein Sturm der Entrüstung los.

Für ein Jahresgehalt von 250 000 Euro sollte der Bundeskanzler a. D. den Deutschen und den Anrainerstaaten der Ostsee die neue Pipeline nahebringen.(…) Dass der frühere StasiOffizier und enge Putin-Freund, Matthias Warning, als Nordstream-Geschäftsführer mit Schröder zusammenarbeiten sollte, machte die Sache noch schlimmer. Warning war früher als Industriespion für die DDR in Düsseldorf tätig gewesen, wo er westdeutsche Unternehmen und Banken bespitzelt hatte. Später arbeitete er für die Dresdner Bank und Anfang der 1990er Jahre baute er deren Vertretung in St. Petersburg auf. Aus dieser Zeit datiert seine enge Beziehung zu Putin. (…)

Da die Widerstände gegen die Ostsee-Pipeline größer sind, als von den Betreibern erwartet, könnte sich der Zeitplan für den Bau weiter verzögern. Vor allem in den Anrainerstaaten der Ostsee, Finnland und Schweden, stößt der Streckenverlauf wegen der ökologischen Risiken auf große Skepsis. Alternativrouten sind bereits im Gespräch. Gasexperten wie der Brite Jonathan Stern rechnen bereits mit einer Verschiebung um ein oder zwei Jahre.

Die Berufung Schröders ist ein weiteres Beispiel für die Fehleinschätzung westlicher Reaktionen aufseiten von Gazprom. Inzwischen ist sogar zu fragen, ob sich der Einsatz des Ex-Bundeskanzlers für das Pipeline-Projekt nicht als schädlich erweist. Der Focus-Korrespondent in Moskau, Boris Reitschuster, hat das in seinem Buch "Putins Demokratur" schon früh angemerkt: "Hatte der Kreml in Schröder zuvor einen geachteten Ex-Staatsmann als Sympathieträger und Fürsprecher im Westen, so steht heute Schröder als Gazprom-Mann weit weniger ehrenhaft da." Seit er in Berlin, Brüssel und in den Ostsee-Staaten ständige Lobbyarbeit für Putin, Russland und Gazprom leistet, hat Schröder an Glaubwürdigkeit noch mehr eingebüßt.

Als der deutsche Ex-Kanzler die Balten im Frühsommer 2007 während des heftigen Streits zwischen Estland und Russland um die Versetzung eines Sowjetdenkmals öffentlich kritisierte, reagierte der estnische Regierungschef Andrus Ansip sofort und sagte ein geplantes Treffen ab. Bei dem Termin Anfang Mai hatte es eigentlich um die Verlagerung der Ostsee-Pipeline gehen sollen.

Gazprom möchte einen Teil der Leitung über flacheren Meeresboden in estnischen Hoheitsgewässern verlegen und nicht, wie anfangs geplant, durch finnische Hoheitsgewässer. Die estnische Regierung begründete ihre plötzliche Absage mit Schröders Kritik am Vorgehen Estlands. Schröder hatte gesagt: "Es ist stil- und pietätlos, wie in Estland mit dem Gedenken an junge russische Soldaten umgegangen wird, die ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus verloren haben", und damit bei einer öffentlichen Veranstaltung einseitig Partei für Moskaus Position ergriffen. Nun blieben ihm die Türen in Tallinn erst mal verschlossen.

"Schröder hat angefangen als Lobbyist deutscher Konzerne und endet nun als Kreml-Lobbyist", lautet das Urteil der in Berlin lebenden russischen Publizistin Sonja Margolina über Schröders neue Aufgabe.

Gemma Pörzgen: Gasprom. Die Macht aus der Pipeline. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2007, 96 Seiten, 9,90 Euro

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