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Michail Chodorkowskij Häftling Nummer Eins

"Auch die neue Anklage gegen mich ist Blödsinn", schreibt Ex-Oligarch Michail Chodorkowskij in einem Brief an die FR. Ihm drohen weitere 22 Jahre in Sibirien.

20.08.2008 00:08
Von Florian Hassel
Der einstmals reichste Mann Russlands, Michail Chodorkowskij, hinter Gittern - bei einer Voranhörung im Gericht der sibirischen Provinzstadt Tschita. Foto: dpa

E s ist nicht so, dass Michail Chodorkowskij hinter Gittern keine Siege errungen hätte. Als Russlands ehemals reichster Mann im sibirischen Arbeitslager wegen des angeblich verbotenen Besitzes von zwei Zitronen einen Verweis bekam, wurde der vor Gericht aufgehoben. Und seit das Oberste Gericht einer Klage Chodorkowskijs stattgab, dürfen ihn seine Anwälte nicht erst abends, sondern auch tagsüber besuchen.

Anwälte und Klient haben viel zu besprechen. Vom morgigen Donnerstag an wird vor Gericht über einen Antrag Chodorkowskijs auf Freilassung auf Bewährung entschieden.

Fast fünf Jahre ist es her, dass der damalige Chef des Ölkonzerns Jukos verhaftet und zu acht Jahren Straflager verurteilt wurde. Häftlinge, die mehr als die Hälfte des Strafmaßes abgesessen und sich gut geführt haben, werden in Russland für gewöhnlich freigelassen. Jedenfalls, wenn sie nicht wie Michail Chodorkowskij das Machtmonopol des Kreml in Frage gestellt haben.

"Lebten wir in einem normalen Land mit einem normalen Justizsystem, wäre ich nicht im Gefängnis und müsste mich auch jetzt nicht vor Gericht verantworten", sagt Chodorkowskij, als er sich kürzlich in einer Vorverhandlung dem Richter erklärt. Es ist ein heißer Sommertag. Vor den offenen Fenstern des Gerichtssaals jagen Schwalben durch den wolkenlosen Himmel.

Chodorkowskij sitzt in einem Metallkäfig, so wie alle Angeklagten in russischen Gerichtssälen. Sein Kopf ist frisch geschoren, er trägt eine randlose Kunststoffbrille. Das schwarze T-Shirt, das er zur blauen Jeans trägt, betont die Blässe des Gefangenen. Doch Chodorkowskij wirkt fit, seine Oberarmmuskeln sind kräftig. "Ich halte mich seit Kindesbeinen mit Gymnastik in Form - auch im Gefängnis. Es ist alles eine Frage der Selbstdisziplin", schreibt er in einem Brief an die Frankfurter Rundschau. Sein Anwalt hat ihm schriftliche Fragen übermittelt. Ein Interview im Gerichtssaal verbieten die ihn bewachenden Justizbeamten.

Das Gericht, ein zweistöckiger roter Backsteinbau, steht in Tschita, gut 6000 Kilometer östlich von Moskau. Im Zentrum der verschlafenen Provinzstadt wird der Brachialcharme von Lenin-Denkmal und dem Betonklotz des Ex- Hauptquartiers der Kommunistischen Partei durch schiefe Holzhäuser und farbenfroh gestrichene Adelshäuser der Zarenzeit gemildert.

Laut Gesetz haben Russen Anspruch, am Ort der angeblichen Verbrechen vor Gericht zu kommen und im Fall eines Schuldspruchs auch dort ihre Haft zu verbüßen. Doch Chodorkowskij wurde nach seiner Verurteilung von Moskau ins Arbeitslager von Krasnokamensk verlegt, ein paar 100 Kilometer von Tschita, unweit der Grenze zur Mongolei. "Diese Schikane sollte uns den Umgang mit Mischa möglichst beschwerlich machen und dafür sorgen, dass möglichst wenig Journalisten den Weg zu ihm finden", sagt Chodorkowskijs Mutter Marina. 74 Jahre alt ist sie und ist doch in diesen Sommertagen wieder nach Tschita geflogen, um ihren Sohn für ein paar Stunden im Untersuchungsgefängnis zu treffen.

Für eine Freilassung auf Bewährung ist tadellose Führung unverzichtbar. Doch die Lagerleitung schrieb Chodorkowskij Rügen ins Führungszeugnis - wegen der Zitronen, unerlaubten Teetrinkens im Aufenthaltsraum oder des Besitzes von "für Häftlinge verbotener Literatur": Wärter hatten in seiner Kommode die Kopie eines Erlasses des Justizministers über Häftlingsrechte gefunden. Die Rügen wurden vor Gericht annulliert - bis auf die letzte.

Ende 2006 wurde Chodorkowskij aus dem Arbeitslager ins Untersuchungsgefängnis von Tschita verlegt. Seit Februar 2007 war dort der fünffache verurteilte Autodieb Igor Gnesdilow sein Zellengenosse. Nun sitzt er in einem Café in Tschita und erzählt von Chodorkowskij: "Wir diskutierten über Russen und Amerikaner, sahen fern oder lasen. Michail Borisowitsch hatte immer Dutzende Bücher in der Zelle: vor allem historische und soziologische Studien. Wenn wir uns stritten, holte er die Encyclopaedia Britannica unter dem Bett hervor - und zeigte mir, dass ich Unrecht hatte."

Die größte Belastung beim zwangsweisen Zusammenleben mit Chodorkowskij sei die ständige Überwachung, sagt Gnesdilow. "Chodorkowskij ist Häftling Nummer Eins. Der gesamte, speziell für ihn umgebaute Gefängnistrakt einschließlich Spaziertrakt, Dusche und natürlich der Zelle wird mit Kameras rund um die Uhr überwacht. Gefängnis-Extras sind für ihn und seine Zellengenossen unmöglich."

Doch trotz der strengen Regeln treiben russische Häftlinge und Wärter rege Geschäfte: Häftlinge erhandeln sich Mobiltelefone oder eine Flasche Cognac. Gnesdilow kaufte sich 2004 ein ungestörtes Schäferstündchen, nachdem er sich auf dem Gefängnishof in die verurteilte Mörderin Swetlana verliebte. Neun Monate später brachte Sweltana in einem leeren Verhörzimmer Danil zur Welt und zog ihn im Gefängnis auf.

Am dritten Geburtstag müssen Gefängnis-Kinder die Mutter verlassen und kommen, wenn kein Verwandter bereitsteht, in Waisenhäuser. Gnesdilow wollte sich nach seiner bevorstehenden Entlassung auf Bewährung um seinen Sohn kümmern. Ein Justizbeamter erklärte Gnesdilow, er werde nur dann entlassen, wenn er Michail Chodorkowskij belaste: dass er beim Spaziergang trotz Befehls nicht die Hände hinter dem Rücken verschränkt habe.

Gnesdilow unterschrieb die vorbereitete Aussage. Chodorkowskij erhielt eine neue Rüge. "Ich habe mich gegenüber Michail Borisowitsch nicht verhalten, wie es die Ehre gebietet", sagt Gnesdilow heute, acht Monate nach seiner Haftentlassung. "Aber es ging um meinen Sohn. Zum ersten Mal habe ich jemanden, für den ich sorgen muss." Wenn Gnesdilow den Lkw-Führerschein schafft, kann er in einer Spedition anfangen. Abends und am Wochenende ist er ganz für Danil da. "Ich hoffe, dass ich mein Leben nun in den Griff bekomme."

Chodorkowskijs Anwälte wollen die Rüge bei der Verhandlung am Donnerstag anfechten und "hoffen auf eine positive Entscheidung", sagt Anwalt Boris Grusd. Doch selbst in diesem Fall kommt Russlands berühmtester Gefangener nicht frei. Der Staatsanwalt hat Chodorkowskij und seinen Ex-Geschäftspartner Platon Lebedew bereits wegen angeblicher Unterschlagung erneut angeklagt. Der angebliche Gesamtschaden: 23 Milliarden Dollar.

Der Staatsanwalt wirft Chodorkowskij vor allem vor, dass Jukos seinen Tochterfirmen das von ihnen geförderte Öl billig abkaufte und auf dem Weltmarkt zum mehrfachen Preis verkaufte. Anwalt Grusd nennt die Anklage "absurd". Das sehen Experten wie Ex-Premier Jegor Gaidar ähnlich. "Diese Geschäfte waren legal", urteilte Gaidar im russischen Wochenmagazin New Times. Staatliche oder kremlnahe Öl- und Gasfirmen wie Gasprom, Rosneft oder Lukoil nutzten oder nutzen Steuersparmodelle und unterschiedliche Öl- und Gaspreise im In- und Ausland bis heute. Aber Jukos wurde angeklagt.

"Wir könnten leicht beweisen, dass Chodorkowskij kein einziges Verbrechen begangen hat. Doch man lässt die Verteidigung nicht", sagt Anwalt Grusd. Zu Beginn der Jukos-Affäre beschlagnahmten die Fahnder die gesamte Jukos-Datenbank samt Buchhaltung, Steuererklärungen, Jahresabschlüssen und Prüfberichten des Finanzamtes, russischer Ministerien und westlicher Rechnungsprüfer. Die Staatsanwaltschaft nutzt die Firmenunterlagen für die Anklage, doch verweigert Chodorkowskij und seinen Anwälten die Einsicht.

"Unsere elektronische Datenbank würde zeigen, dass in Wahrheit nichts unterschlagen wurde, sondern alles in der Firma blieb", sagt Chodorkowskij bei der Vorverhandlung in Tschita. "Unsere Originalabschlüsse belegen, dass die Staatsanwaltschaft im Beweismaterial absichtlich Daten fälscht. Nicht eine Zahl der von der Staatsanwaltschaft bestellten Gutachten stimmt mit den tatsächlichen Zahlen unserer Abschlüsse überein."

Die Staatsanwältin will dem Angeklagten Chodorkowskij die eigenen Unterlagen weiter verweigern. "Die Staatsanwaltschaft hat die Pflicht zum Schutz des Beweismaterials. Sie kann nicht überzeugt sein, dass das Material unversehrt bleibt, wenn der Angeklagte es bekommt" - ein im Zeitalter vielfältiger Kopiermöglichkeiten kurioses Argument. "Die Anträge sind klar auf Verschleppung des Verfahrens aus. Jukos war eine große Firma. Das ganze Material durchzugehen, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen", so die Staatsanwältin. Am Ende lehnt der junge Richter Chodorkowskijs Antrag ab, sich mit Hilfe der eigenen Unterlagen und unabhängiger Gutachter verteidigen zu dürfen.

Sergej Taratuchin, Vorgesetzter von Putzfrauen und Ikonenverkäuferinnen in Tschitas Kathedrale, wundert sich nicht über den Richterspruch. Früher war Taratuchin Vater Sergej, Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche in Krasnokamensk und Seelsorger der Häftlinge im dortigen Straflager.

Vater Sergej besuchte auch Chodorkowskij - und sagte der Lagerleitung, er weigere sich, das Verwaltungsgebäude zu weihen, "so lange ihr einen politischen Gefangenen im Lager habt". Wenige Tage nach einer Beschwerde der Lagerleitung an den Bischof von Tschita wurde Taratuchin in ein kleines Dorf versetzt.

Nachdem er auch noch seinen obersten Vorgesetzten, Patriarch Alexi wegen dessen Passivität im Fall Chodorkowskij kritisierte, entzog der Patriarch ihm die Priesterwürde. Hoffnung, sie wiederzubekommen, hat Taratuchin nicht. Seine Meinung über Chodorkowskij hat er nicht geändert. "Würden in Russland alle bestraft, die in den 90er Jahren große Vermögen zusammengerafft haben, wäre es eine Sache. Wenn nur ein Chodorkowskij bestraft wird, ist es Anti-Justiz." Der entweihte Priester bittet seinen Gott täglich: "Herr, vergib allen Quälgeistern Chodorkowskijs. Amen."

Als Michail Chodorkowskij im Oktober 2003 verhaftet wurde, "habe ich gewusst, dass er lange im Gefängnis verbringen wird", erzählt seine Mutter beim Tee in einer kleinen Wohnung, die die Chodorkowskijs in Tschita für Familienangehörige und Anwälte gemietet haben. "Russland wird wieder von einem KGB-Mann geführt. Wir Sowjetmenschen wissen, was das bedeutet."

Auch Ehefrau Inna und die älteste Tochter Nastja besuchen Michail Chodorkowskij in Tschita. Den kleinen Zwillingen hat Inna den Besuch verboten, seit die Jungen bei einem Besuch beim inhaftierten Vater die Glasscheibe zerschlagen wollten, die sie von ihm trennte.

Aus dem Briefwechsel der FR mit Michail Chodorkowskij:

Es gibt viele Versionen darüber, warum der Kreml Sie 2003 verhaften liess und Jukos zerstörte. Es heißt, Jukos habe zu eigenständig gehandelt, mehr als 100 Abgeordnete des Parlaments kontrolliert, eine eigenständige Energiepolitik betrieben. Bei einem Treffen mit Wladimir Putin im Kreml prangerten Sie im Februar 2003 Korruption in seinem Umfeld an. Als er Ihren Vorschlag für eine Jukos-Pipeline nach China ablehnte, sollen Sie geantwortet haben: "Wladimir Wladimirowitsch, Sie verstehen die Wichtigkeit der Beziehungen zu China nicht." Sind Sie gestürzt, weil Sie dem Zaren nicht die nötige Ehre erwiesen?

Wenn wir wirtschaftliche Interessen beiseite lassen, dann bleibt, dass ich mich gesellschaftlich aktiv einbrachte und persönlich Oppositionsparteien finanziell unterstützte. Bei dem Treffen mit dem Präsidenten hielt ich einen Vortrag über Korruption in den höchsten Ebenen der Macht. Dieser Vortrag war das Resultat von Diskussionen mit vielen Leuten, auch der Kreml-Verwaltung. Einige von ihnen mussten den Kreml danach verlassen. Das sind die Fakten. Der Rest sind Mythen. So ist auch die neue Anklage gegen mich ist völliger Blödsinn.

Bereuen Sie es, 2003 trotz Warnungen vor einer Verhaftung nicht ins Ausland geflohen zu sein?

Mir tun andere, ebenfalls zu Gefängnis verurteilte Jukos-Leute leid, und meine Familie. Aber für mich ging es vor allem um meine Ehre, um Glauben oder Verrat, letztlich auch um Patriotismus. In dieser Situation konnte ich unmöglich weglaufen.

Was würden Sie tun, wenn man Sie freiliesse? Wieder Geschäftsmann werden, Politiker, oder was sonst?

Ich habe, wenn auch unfreiwillig, eine große Schuld gegenüber meiner Familie aufgetürmt. Ich würde mich vor allem damit beschäftigen, sie abzutragen.

Wird Michail Chodorkowskij im neuen Prozess schuldig gesprochen, kann er zu weiteren 22 Jahren Straflager verurteilt werden. Das haben seine Anwälte errechnet. Er wäre dann bei seiner Haftentlassung 67 Jahre alt.

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