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Magersucht 18 Jahre, 1,73 Meter, 36 Kilo

Sie war nur noch Haut und Knochen - und wollte noch dünner werden. Zwangsernährung und sechs Jahre Therapie befreiten Elena nicht von ihrer Magersucht. Geholfen hat ihr eine neue Methode namens Spiegeltherapie. Von Anne Meyer

13.10.2008 00:10
Hand einer Magersüchtigen. Foto: dpa

Halbnackt, nur mit Büstenhalter und Unterhose bekleidet, steht Elena Leonidis vor dem Spiegel. Ihr erster Blick zielt auf die Beine. Ist da eine Lücke zwischen den Oberschenkeln zu erkennen? Je größer sie ist, desto besser. Sie beugt den Oberkörper zurück. Wenn die Schenkel sich immer noch nicht berühren, ist sie zufrieden und kann sich dem Bauch zuwenden. Ist er wirklich nicht runder geworden? Sie dreht sich seitlich zum Spiegel. Wie sehen die Oberarme im Profil aus? Lassen sie sich mit einer Hand umfassen? Bange Fragen, die sie zwingen, immer wieder diese Kontrollen zu wiederholen. Um sicherzugehen, dass sie sich nicht verguckt hat.

Mindestens einmal am Tag führt sie dieses Ritual durch. Doch je energischer sie versucht, ihren Körper zu kontrollieren, desto mehr entgleitet er ihr. Abnehmen ist für Elena zur Sucht geworden, zum einzigen Lebensinhalt. Es ist Frühjahr 2007. Elena Leonidis lebt zu diesem Zeitpunkt nur noch, um dünn zu sein.

Nicht viel hätte gefehlt und sie wäre damals an Auszehrung gestorben. Wie viele andere, denn Magersucht ist unter allen psychischen Krankheiten die gefährlichste. Zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter so genannter Anorexie. Jeder zehnte Patient stirbt an den Folgen. Fast immer sind es Mädchen, nur jeder zehnte Patient ist männlich.

Die Sterberaten bei "Binge-Eating", einer Ess-Anfallstörung, und Bulimie, bei der sich die Betroffenen nach den Ess-Attacken erbrechen, liegen nicht so hoch. Allen Arten von Essstörungen ist aber gemeinsam, dass die Betroffenen ihren Körper verzerrt wahrnehmen und sich zu dick finden, auch wenn sie ein normales Gewicht auf die Waage bringen oder sogar untergewichtig sind.

Warum das so ist, und wie man diese Wahrnehmung mit einer "Körperbildtherapie" wieder gerade rücken kann, untersuchen zurzeit Psychologen der Universität Freiburg.

Zu Beginn der Pubertät hatte Elena den Kampf gegen den eigenen Körper aufgenommen. Die Folge war, dass sie den Großteil ihrer Zeit in Kliniken und Psychiatrien verbrachte, wo sie zwangsernährt und aufgepäppelt wurde. Doch sobald sie nach Hause zu den Eltern zurückgekehrt war, hungerte sie wieder und magerte ab. Bis auf die Knochen.

Heute ist Elena 20, ein hübsches Mädchen mit großen braunen Augen und langem schwarzen Haar. Sie ist immer noch zu dünn, wiegt nur 54 Kilo bei einer Größe von 1,73 Metern. Immerhin fast 20 Kilo mehr als vor anderthalb Jahren. Auf 36 Kilo abgemagert, kam sie damals nach Prien am Chiemsee, in eine Spezialklinik für Essstörungen. Und zu ihrem Glück in die Hände der Therapeutin Jennifer Svaldi.

Mit ihr schloss sie einen Gewichtsvertrag ab, der besagte, dass sie jeden Tag 100 Gramm zunehmen müsste, andernfalls würden Bettruhe und schließlich die Entlassung drohen. Zweimal stand Elena kurz vorm Rauswurf, dann begann sie zu essen. Brötchen, Butter, Sahnetorte - Speisen, die sie seit Jahren nicht mehr angerührt hatte.

"Früher lief die Therapie so ab: Mahlzeitenplan, Zunehmen, fertig", erklärt Svaldi, die an der Freiburger Studie beteiligt ist. Die Patientinnen hatten dann zwar ein normales Gewicht und wurden als gesund nach Hause geschickt. "Aber sie waren natürlich noch immer essgestört." Und noch müssen Patientinnen entlassen werden, weil sie nicht kooperieren. Viele schummeln, um das Entlassungsgewicht zu erreichen, auch Elena hat es häufig gemacht. "Gewicht antrinken" nennt sie das. Ein Kilo zu wenig? Also schnell einen Liter Wasser reinkippen, und die Ärzte sind überlistet.

Die meisten Patientinnen kommen wieder. Nur jede zweite Magersüchtige überwindet ihre Krankheit endgültig. "Ob jemand rückfällig wird, hängt vor allem davon ab, ob die Patientin gelernt hat, ihren normalgewichtigen Körper zu akzeptieren", sagt Svaldi. Dabei hilft die Körperbildtherapie, auch Spiegeltherapie genannt, die bei der Freiburger Studie im Mittelpunkt steht.

Elena Leonidis stand schon als Grundschülerin pausenlos vorm Spiegel und verglich sich mit Mitschülerinnen, vor allem aber mit der jüngeren und dünneren Schwester. Obwohl sie kein übergewichtiges Kind war, kam sie sich zu dick vor. "Ich wollte so gerne dünnere Oberschenkel haben", sagt sie. Ein paar Mal hörte sie, wie Jungs sie "fette Kuh" nannten. Mit 13 bekam sie ihre Periode. "Ich war die erste von meinen Freundinnen und bin überhaupt nicht damit klargekommen."

Immer häufiger stritt sie sich mit ihrer Mutter, von der sie sich kontrolliert fühlte. "Sie hat meine Grenzen nicht respektiert", sagt sie, also respektierte auch sie die Grenzen der Mutter nicht. Sie schubste die Mutter herum, die Mutter schubste sie herum, erst nur mit Worten, dann mit Händen. Elena begann, weniger zu essen. Bei Tisch packte sie heimlich Essen von ihrem Teller in ein Taschentuch und spülte es im Klo runter. Bald blieb die Periode aus. Mit 14 kam sie das erste Mal in die Kinder- und Jugendpsychiatrie.

"Sehr oft sind Hänseleien in der Schule der Auslöser für Essstörungen", sagt Svaldi. "Die Krankheit bricht meist dann aus, wenn Mädchen in die Pubertät kommen und der Körper sich verändert, Becken und Brust größer werden. Damit kommen viele nicht zurecht."

Morgens ein paar Esslöffel Cornflakes mit Milch. Mittags Frisobin, eine Flüssignahrung aus der Apotheke. Abends ein Joghurt und einen Apfel. So sah Elenas Speiseplan aus, wenn es ihr gut ging. Waren die Streitereien mit ihrer Mutter schlimm, verzichtete sie auf das Mittagessen, trank nur eine Cola light und steckte ein Kaugummi in den Mund. "Je nachdem, wie fetthaltig die Milch war, die ich zum Frühstück hatte, habe ich den Joghurt am Abend ausgewählt", sagt Elena. "Nach Milch mit anderthalb Prozent Fett hätte ich niemals einen Joghurt mit normalem Fettgehalt gegessen."

Um das Essen vorzubereiten, brauchte sie eine halbe Stunde. Alles musste sie vorher genau berechnen und abwiegen. "Es hat mich jedes Mal riesig unter Stress gesetzt", gesteht Elena Leonidis und zupft nervös die Fransen ihres weißen Schals glatt. "Ich habe mir erst lange die Hände gewaschen, dann mein Besteck gespült und auf ein Taschentuch gelegt. Dann habe ich den Joghurtbecher unter Wasser gehalten, weil da Dreck dran sein konnte oder Spuren von anderem Essen aus dem Kühlschrank."

Sie besaß ein eigenes Besteck, weil sie nicht das gleiche wie ihre Eltern benutzen wollte. "Das wurde ja mit demselben Schwamm gespült wie die fettigen Pfannen." Wenn sie beim Essen aus Versehen den Tisch berührte, sprang sie sofort auf und wusch sich erneut die Hände.

Jedes Detail wurde Tag für Tag genau dokumentiert. Sie notierte ihr Gewicht, wie viele Kalorien, wie viel Fett sie zu sich genommen hatte, und braute sich abstruse Theorien zusammen. "Manchmal habe ich die Kalorien bewusst erhöht, weil ich dachte, jetzt wird mein Stoffwechsel angekurbelt, und ich nehme schneller ab." Danach geriet sie oft in Panik: Was, wenn es diesmal doch nicht klappt!

Dazu kam ein starker Bewegungsdrang. Nach jedem Essen wanderte sie stundenlang durch Köln. Der Drang war so stark, dass sie sich nicht einmal die Zeit gönnte, in ein Schaufenster zu schauen. "Dazu hätte ich ja einen Moment stehen bleiben müssen." Ihre Umgebung blendete sie völlig aus. "Manchmal, wenn meine Mutter mit ging, hat sie gesagt, dass die Leute mich anstarrten und über mich redeten, weil ich extrem dünn war."

Elena war das nie aufgefallen. Nach dem Abendessen lief sie in ihrem Zimmer hin und her. "Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich durfte mich erst um viertel nach acht hinsetzen, erst dann kam auch etwas für mich im Fernsehen."

Im Fernsehen sah sie sich oft Kochsendungen an. Einige Male entschloss sie sich sogar, einen Kuchen zu backen. Aber wenn es soweit war, konnte sie den Geruch nicht ertragen. "Ich habe mir tatsächlich eingebildet, ich könnte davon zunehmen." Manchmal, wenn es in der Wohnung nach Fleisch und Knoblauch roch, lief sie ins Bad und spülte sich den Mund aus. "Ich weiß nicht, ob es damals auch nur eine Stunde gegeben hat, in der ich nicht an Essen gedacht habe."

Immer wieder kam sie in Kliniken, immer wieder wurde sie rückfällig. Als sie nur noch 36 Kilo wog, bekam sie Angst. "Ich wusste, das geht nicht mehr lange gut." Ihre Eltern wollten sie wieder in die Psychiatrie bringen. "Wenn ihr mich nicht in Ruhe lasst", sagte sie ihrem Vater, "springe ich in den Rhein." Sie bat um Hilfe, aber gleichzeitig erschien ihr jede Hilfe als Bedrohung. Ihre Eltern schlossen sie in ihrem Zimmer ein und riefen den Krankenwagen.

In der Klinik legten sie ihr einen Katheter vom Hals direkt in die Vene vor dem Herzen. Durch Infusionen wurde sie direkt über die Blutbahn ernährt, doch wenn sie sich unbeobachtet fühlte, klemmte sie die Sonden ab. Die Möglichkeit, sie mit einer Sonde durch die Bauchdecke zu ernähren, schlossen die Ärzte von Anfang an aus. Das wäre noch leichter zu manipulieren gewesen.

Manche Patientinnen spritzen sich Abführmittel direkt in den Magen. "Morgens war ich in Panik, weil ich meinen Hals mit dem Schlauch drin nicht bewegen konnte", sagt Elena. Schließlich verursachte der Katheter eine Herzklappenentzündung. Elena hatte den Tiefpunkt erreicht. Und trotz Zwangsernährung nahm sie kaum mehr zu.

Dann traf sie die Therapeutin Jennifer Svaldi - und schloss mit ihr den "Gewichtsvertrag" ab. Ein strenges Regelwerk stellt seither sicher, dass Elena ihren penibel strukturierten, allein aufs Abnehmen fokussierten Tagesablauf aufgibt. Als Erstes wird der Spiegel in ihrem Zimmer überklebt. Sie darf die täglichen Körperkontrollen nur noch zusammen mit ihrer Therapeutin machen.

Weil sie langsam zunimmt, fallen ihr die Spiegelübungen sehr schwer. Sie muss lernen, einen Körper zu akzeptieren, den sie jahrelang nicht mehr hatte. Trotzdem muss sie hingucken, so wie ein Mensch mit Höhenangst bei einer Konfrontationstherapie nicht umhinkommt, immer wieder über Brücken zu gehen, auf Türme zu steigen.

In der Gruppentherapie bekommt Elena Leonidis ein Seil in die Hand gedrückt. Damit soll sie ihren Körperumfang schätzen. Das Ergebnis überrascht kaum, als der tatsächliche Umfang nachgemessen wird. Sie und auch die anderen haben sich breiter eingeschätzt, als sie tatsächlich sind.

Während sie sich im Spiegel betrachtet, wird eine Videoaufnahme von ihr gemacht. Die Kamera folgt dabei exakt ihren Blicken. Konzentriert Elena sich auf den Bauch, zoomt die Kamera den Bauch heran. Starrt sie auf die Oberschenkel, folgt auch die Kamera. "Als wir uns das nachher angesehen haben, erkannten wir, dass Oberschenkel und Bauch groß wirken, weil sie den ganzen Monitor einnehmen. Ich habe mich so dick gefühlt, weil ich allein diese Stellen betrachtet habe."

Außer in Kliniken werden Spiegel-übungen kaum gemacht. Nach Ansicht der Freiburger Psychologen ist das ein großer Fehler. "Weil das Training für beide Seiten sehr anstrengend ist, neigen Therapeuten dazu, ihren Patienten zu sagen: Reden wir lieber über Ihre Mutter."

Magersüchtige Mädchen leiden häufig unter einer perfektionistischen Mutter, weshalb Therapeuten die Krankheitsursache oft auf eine gestörte Mutter-Tochter-Beziehung reduzieren. Seit die Psychologen im Internet nach Probandinnen für ihre Studie suchen, bekommen sie aber viel Post von Betroffenen. "Sie schreiben, dass sie kein kein normales Bild von ihrem Körper mehr hätten. Genau das sei ihr Problem."

Herbst 2008. Elena hat die Zwangsgedanken an ihren Körper nahezu abgelegt. Nur, wenn es wieder Streit mit ihrer Mutter gibt, hat sie das Gefühl, ihre Kleidung sei enger geworden. Sie hat das Abitur gemacht, ist aus Köln nach Süddeutschland gezogen und studiert. Manchmal glaubt sie, dass sie wirklich gesund geworden ist - und fühlt sich schlecht.

Mit den Jahren ist das Hungern zu einem Teil ihrer Persönlichkeit geworden. "Ich bin mit der Magersucht aufgewachsen, damit habe ich mich immer sicher gefühlt", sagt sie. "Wenn ich gesund bin, muss ich das ganze Erwachsenenzeug alleine machen."

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