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Lebensborn Ungeliebte Deutschenkinder

Sie sind als Teil der Nazi-Rassenideologie geboren worden. Sie leiden bis heute. Vom Schicksal der Lebensborn-Kinder. Von Petra Pluwatsch

27.06.2008 00:06
PETRA PLUWATSCH
Wernigerode um 1943 bis 1945: Der Junge auf dem Bild ist der Sohn das damaligen Hausmeisters und das Mädchen die Tochter der ebenfalls auf dem Bild zu sehenden Oberschwester. Der SS-Offizier ist der Heimarzt und Heimleiter, Oberstrumbannführer Dr. Kern. Foto: © Lebensspuren e.V., Wernigerode

Als Volker Röder seiner Mutter zum ersten Mal gegenübersteht, ist er 57 Jahre alt. Er trifft sie in einem Altersheim in Wernigerode. Eher zufällig hat Röder erfahren, dass seine Mutter noch lebt. Volker Röder möchte mit ihr über die dunkle Seite der Familiengeschichte reden, aber seine Mutter blockt ab. Mit der Vergangenheit wolle sie nichts mehr zu tun haben.

"Ich bin mehr als 50 Jahre durchs Leben getaumelt", sagt Röder heute, sieben Jahre nach dem Treffen mit seiner Mutter, und noch ein paar mehr habe er gebraucht, um "einigermaßen auf die Reihe zu kommen". Zwei seiner Ehen scheiterten, fünfmal wechselte er den Beruf, der Kontakt zu seiner ältesten Tochter ist abgerissen.

In einem Bücherregal in seiner Berliner Wohnung stehen Fotos seiner zweiten Tochter und seiner dritten Ehefrau. Andere Familienbilder bewahrt er in einem Umschlag auf. Er zeigt sie nicht jedem, die Fotografien vom Vater, von dem er sich bis heute fragt, was dieser Karl S. (Name von der Redaktion geändert) wohl getan haben mag während der Nazi-Zeit, damals, als er zum Polizei-Wach-Bataillon Dänemark in Kopenhagen gehörte; die Bilder von Hans, dem 13 Jahre älteren Halbbruder, den er zum ersten Mal vor drei Jahren am Rande einer Autobahnabfahrt traf; und schließlich die Aufnahmen von sich selbst als Säugling, zusammen mit zwei weiteren Neugeborenen in einem Kinderbett im "Lebensborn"-Heim "Harz".

Dort, im Brockenweg 1 in Wernigerode, wird Volker Röder am 4. Februar 1944 geboren, als Mitglied einer "rassischen Elite", die nach der Ideologie der Nationalsozialisten dazu ausersehen ist, den "Adel der Zukunft" zu bilden. Röder wird das erst 42 Jahre später erfahren, und es wird weitere 15 Jahre dauern, bis er begreift, wie stark sein Leben davon beeinflusst wurde.

7000 bis 8000 Kinder sind zwischen 1936 und 1945 in den geheimnisumwitterten Geburtskliniken der Waffen-SS zur Welt gekommen, handverlesener arischer Nachwuchs. In den neun Heimen dürfen allein "rassisch und erbbiologisch wertvolle werdende Mütter" entbinden, von denen "anzunehmen ist, dass sie gleich wertvolle Kinder zur Welt" bringen.

Etwa die Hälfte der Mütter ist nicht verheiratet. Die Aufnahmekriterien der "Lebensborn"-Heime besagen, dass die Schwangeren einen "Erbgesundheitsbogen" vorlegen sowie eine Ahnentafel, die bis zum 1. Januar 1800 zurückreicht. "Rein westische, rein ostische und rein ostbaltische Frauen entsprechen nicht dem Ausleseprinzip", heißt es in einem Anforderungskatalog des Lebensborn e.V. aus dem Jahr 1944. Auch die Erzeuger, viele von ihnen Mitglieder der SS, müssen nachweisen, dass sie "erbgesund" und von "arischer" Herkunft sind.

Röders Mutter hat, wie ihr Sohn sagt, "die klassische Nazikarriere gemacht": Jungmädel, BDM, 1937 Eintritt in die NSDAP. Ihre Mitgliedschaft erlischt erst mit dem Zusammenbruch des Faschismus. Schon 1942 hat die junge Frau im Heim "Harz" ein Kind geboren. Vater beider Kinder ist Karl S., 17 Jahre älter als seine junge Geliebte und mehrfacher Familienvater. Sie haben sich im Polizeipräsidium Rostock kennengelernt, in dem beide arbeiten. In welcher Funktion sein Vater in Rostock tätig war, weiß Röder nicht.

Die Mutter entschließt sich noch vor der Niederkunft, Volker zur Adoption freizugeben. Über die Gründe schweigt sie. Auch der Vater, inzwischen nach Kopenhagen zum Polizei-Wach-Bataillon Dänemark versetzt, scheint einverstanden. Wenige Wochen nach der Geburt wird der Säugling von Wernigerode in ein Heim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt nach Thale verlegt. Einmal noch, an seinem ersten Geburtstag, besucht die Mutter ihren Zweitgeborenen in Thale.

Nach der Niederlage des Nationalsozialismus gelten Himmlers Vorzeigekinder als Auswüchse eines Rassenwahns, den man so schnell wie möglich vergessen will. Für Volker Röder beginnt im Frühjahr 1945 eine Odyssee, die mehr als ein halbes Leben währen sollte. Wenige Wochen vor Kriegsende fällt der gerade Einjährige in die Hände von Pflegeeltern, die ihn regelrecht "aus Thale rauben". Er erinnert sich an eine lieblose, von Angst besetzte Kindheit, in der er "gemaßregelt und abgerichtet" wurde. Er ist sechs, als ihm durch Zufall ein Dokument mit seinem Namen und den SS-Runen in die Hand fällt: Sein Namensgebungsbuch, das er im Haus "Harz" bei der Namensweihe erhalten hat, einem der Taufe ähnlichen Ritual der SS.

Zwei Jahre später fällt ihm auf, dass sein Nachname nicht identisch ist mit dem der verhassten Pflegeeltern. Sie habe ihn als Säugling in einem Krankenhaus in Quedlinburg aufgelesen und aus Mitleid mitgenommen, erklärt die Pflegemutter. Eine Lüge, wie er heute weiß. Seine leibliche Mutter lebe noch, womöglich in Wernigerode, erzählt die Pflegemutter und erwähnt mögliche Geschwister. Mehrmals reißt der Heranwachsende in den folgenden Jahren aus, Richtung Wernigerode, Richtung Mutter.

Mit 14 landet Röder in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Schafft so gerade den Hauptschulabschluss. Verpflichtet sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr. Macht schließlich in Berlin eine Ausbildung zum Fernmeldemonteur. Die nächsten 30 Jahre vergehen im Bemühen, "Boden unter die Füße zu bekommen". Er sei ein Mensch ohne Halt und Selbstvertrauen gewesen.

Vielen seiner Schicksalsgenossen ergeht es kaum anders. "Man steht ein Leben lang auf emotional schwankendem Boden", sagt die Psychotherapeutin Gisela Heidenreich, 65.

Sie wurde im Heim Klekken in Norwegen geboren und teilt mit Röder die Erfahrung, als Kind von ihren nächsten Bezugspersonen abgelehnt und ausgegrenzt zu werden. "Man denkt irgendwann, mit einem selber stimmt etwas nicht, und traut den eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen nicht mehr. Bitter sei für die erwachsenen "Lebensborn"-Kinder die Erkenntnis, "ein Symbol zu sein für ein Regime, das so viel Leid über die Menschheit gebracht hat".

Jeder von ihnen stehe irgendwann vor der Frage, ob er als Kind erwünscht gewesen sei oder "das Produkt einer furchtbaren Rassenideologie". Gisela Heidenreich begann erst mit 50 Jahren, den Umständen ihrer Geburt nachzuspüren, und bewältigte das mühsam Erfahrene in dem Buch "Das endlose Jahr".

Volker Röder erfährt 1986 von einer Halbschwester, dass er in einem "Lebensborn"-Heim zur Welt gekommen ist. Doch erst im September 2001 reist er nach Wernigerode, um seinen Geburtsort zu besuchen. Auf dem Standesamt erfährt er, dass die Mutter, deren Namen er aus seiner Geburtsurkunde kennt, noch lebt, in einem Altersheim in der Nähe.

Spontan macht er sich, zusammen mit seiner Frau, auf den Weg. Wie ist so Wiedersehen von Mutter und Sohn nach bald 60 Jahren? Röder hat schlechte Erinnerungen an jenen Septembertag vor sieben Jahren. Vor ihm habe eine fremde Frau "mit sehr wachen, prüfenden Augen" gesessen und fremd sei sie ihm bis zum heutigen Tage geblieben. Fragen nach den Umständen seiner Adoption wehrt sie ab.

Wie so manches "Lebensborn"-Kind hat Röder in den folgenden Jahren "Geschwister gesammelt", mütter- wie väterlicherseits. Nicht jede Begegnung war eine Freude, nicht jeder Kontakt hat gehalten. Dennoch hat Röder sich Schritt für Schritt der eigenen Geschichte genähert. "Ich bin zum ersten Mal mit mir im Reinen", sagt er. Noch aber bleiben Fragen: Warum war der Vater in Dänemark stationiert? Warum hat die Mutter in einem "Lebensborn"-Heim entbunden?

Ein Gespinst aus Lügen und Heimlichkeiten erschwert bis heute vielen seiner Schicksalsgefährten die Suche nach den eigenen Wurzeln. Mehr als die Hälfte der einstigen Elitekinder ist unehelich geboren; die Namen der Väter wurden, falls von diesen gewünscht, weder in den Geburtenbüchern der Standesämter noch in den Geburtsurkunden der Kinder verzeichnet. Die Unterlagen der "Lebensborn"-Zentrale in München sind seit Kriegsende spurlos verschwunden. Die Mütter vieler ehemaliger "Lebensborn"-Kinder schweigen beharrlich.

Der Historiker Georg Lilienthal, unter dessen Fittichen sich 2002 erstmals ehemalige " Lebensborn"-Kinder zum Austausch trafen, erklärt deren Verhalten damit, dass der Ort der Geburt und die Unehelichkeit der Kinder nach dem Krieg ein doppeltes Stigma für die Mütter gewesen seien. Zwar waren die "Lebensborn"-Einrichtungen, wie man heute weiß, weder "Zuchtanstalten" noch verkappte Bordelle. Dennoch "war es keine Empfehlung, zu sagen: Ich habe ein Kind in einem SS-Heim bekommen", sagt Lilienthal. Die Scham, Teil dieses Systems gewesen zu sein, mag ihr übriges zum Verstummen der Mütter beigetragen haben.

Erst vor wenigen Jahren haben in Deutschland erste "Lebensborn"-Geborene den Mut gefunden, sich offensiv und öffentlich mit ihrer Lebensgeschichte zu beschäftigen. Zu groß war zuvor die Scham, ungewollt Teil einer unmenschlichen Rassenpolitik gewesen zu sein, zu groß die Scheu, sich mit den möglichen Verstrickungen der Väter auseinander setzen zu müssen.

Violetta Wallenborn, Jahrgang 1943, hat erst nach ihrer Pensionierung die Kraft gefunden, dem Geheimnis ihrer Herkunft nachzuspüren. Sie erfährt Mitte der 90er Jahre, dass sie im norwegischen "Lebensborn"-Heim Klekken zur Welt gekommen ist. Ihr Mutter Margrethe J., eine norwegische Opernsängerin, ist inzwischen gestorben, über die Vergangenheit hat sie mit der Tochter, die einer Liaison mit einem Deutschen entstammt, nie gesprochen.

"Meine Mutter hat mich eher gehasst, vielleicht, weil ich meinem Vater so ähnlich war", sagt Violetta Wallenborn. Im April 1940 überfielen deutsche Truppen Norwegen; im selben Jahr wird der Kapellmeister Fritz Wilhelm W. aus Stuttgart als Leiter der Abteilung Musik beim norwegischen Rundfunk eingesetzt. Seine Familie bleibt in Deutschland. In Oslo beginnt der dreifache Familienvater eine Affäre mit der ebenfalls verheirateten Margrethe J., im Februar 1943 wird die gemeinsame Tochter Violetta geboren.

Sie gehört damit zu denen, die man in ihrem Geburtsland "Tyskerbarn" schimpft, Deutschenkinder. Etwa die Hälfte der 12 000 Kinder aus deutsch-norwegischen Beziehungen werden während der Besatzungszeit in einem "Lebensborn"-Heim geboren. Nach Ende des Krieges werden die "Tyskerbarn" diskriminiert, misshandelt, einige in psychiatrische Anstalten abgeschoben. 2001 verklagen einige "Deutschenkinder" den norwegischen Staat wegen "lebenslanger Diskriminierung" auf Wiedergutmachung. Vergebens. Eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg wird 2007 ebenfalls abgewiesen.

Violetta Wallenborn wächst behütet in Bergen bei den Großeltern auf. Offiziell weiß zwar niemand, dass sie die Tochter eines Deutschen ist, doch sie empfindet ein latentes Unwohlsein. "Vermutlich haben es viele geahnt", sagt sie. "Ich war nicht wie diese glücklichen norwegischen Kinder, sondern fühlte mich immer ausgegrenzt und fremd, als würde ich nicht dazugehören."

Die Mutter, inzwischen mit einem Deutschen verheiratet, lässt sich nur sporadisch in Bergen blicken. Sie sei eine kalte, jähzornige Frau gewesen, sagt die Tochter, habe zu harten Worten geneigt und zuschlagen können. Allein die Großeltern kümmern sich liebevoll um ihre Enkelin

Fritz Wilhelm W. hat das Land bereits im Januar 1945 verlassen; von seiner Existenz erfährt das Kind durch einen Zufall. In einer Schublade, unter Tischdecken verborgen, findet es beim Spielen ein Foto von sich selber auf dem Arm eines fremden Mannes. Die Großmutter zeigt auf den Unbekannten: Das ist dein Vater. Violetta muss 18 Jahre alt werden, ehe sie ihn kennenlernt. Im August 1961 reisen Mutter und Tochter gemeinsam nach Deutschland, um ihn zu besuchen.

Mit 21 flieht Violetta Wallenborn vor der Mutter nach Deutschland. Doch auch der Vater bleibt ein Fremder, und was genau der deutsche Kapellmeister in Norwegen gemacht hat, damals, zwischen 1940 und 1945, wird sie nie erfahren. "Ich habe nie Wurzeln gehabt", sagt sie. "Meine Eltern waren ja nur Schaufiguren in meinem Leben." Mit Trauer erfüllt sie auch, dass Norwegen bis heute die "Tyskerbarn" ausgrenzt und ihr Leid leugnet.

Inzwischen hat sie sich dem Verein Lebensspuren angeschlossen. Hier, unter Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie sie, fühlt sie sich zum ersten Mal aufgehoben und verstanden. "Ich musste mehr als 60 Jahre alt werden", sagt Violetta Wallenborn, "um ein Teil von irgendetwas zu sein."

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