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Langfassung Wider den Zeitgeist

Ansprache zur 68. Wiederkehr des 9. November 1938, gehalten am 8. November 2006 in der Frankfurter Westendsynagoge / Von Salomon Korn

09.11.2006 00:11

Im Jahre 2005 wurde der 60. Wiederkehr der Befreiung der Konzentrationslager gedacht, der 60. Wiederkehr des Kriegsendes, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin eröffnet, an die Verabschiedung der antijüdischen, rassistischen Nürnberger Gesetze durch den Deutschen Reichstag vor 70 Jahren erinnert sowie der 60. Jahrestag des Beginns der Nürnberger Prozesse zur Bestrafung von NS - Verbrechen begangen.

Sowohl die geballte Ansammlung solcher Gedenkfeiern als auch zahlreiche Kommentare in der in- und ausländischen Presse, deuteten zusammen mit dem absehbaren Ende authentischer Zeitzeugenschaft auf den Beginn einer Epochenwende, eines Paradigmen- oder Gezeitenwechsels der Erinnerung hin. Der sich allmählich vollziehende Wechsel vom Feuer authentischer Erinnerung der noch lebenden Zeitzeugen zur Glut mittelbarer oder gar distanzierter Erinnerung kommender Generationen bedeutet keineswegs das Ende heftiger Auseinandersetzungen um den angemessenen Umgang mit der jüngsten deutschen Vergangenheit. An einer Geschichte, die gegen alle Versuche ihrer Historisierung in ihren weit verzweigten Nachwirkungen nicht vergehen will, werden sich auch zukünftig immer wieder Debatten entzünden.

Die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht Weimar ist und Vergleiche heutiger Geschehnisse mit Geschehnissen im "Dritten Reich" abwegig sind, bedeutet keineswegs, die einst durch die Vernichtungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands ausgelöste, untergründig nachwirkende langwellige Dünung sei bereits abgeebbt. Deren Ausläufer sind nach wie vor im bundesrepublikanischen Alltag zu beobachten.

Am 9. und 10. November 1938 waren Brandstiftung, Vandalismus und Körperverletzung bis hin zum Mord öffentlich. Das nationalsozialistische Regime setzte in der "Reichskristallnacht" die Verletzung der Menschenrechte vor aller Augen als Mittel einer sich radikalisierenden Politik gegenüber Juden und andere Minderheiten bewusst ein. 68 Jahre später machen die geistigen Erben der damaligen Mörder-Banden zunehmend keinen Hehl aus ihrer Gesinnung. In schwarzer Kleidung mit kurz geschorenen Haaren, ausgestattet mit Kameras, um politische Gegner zusätzlich unter Druck zu setzen, demonstrieren deutsche Neonazis neues Selbstbewusstsein. So sprengten mit demonstrativer Aggressivität Rechtsextreme Ende August 2006 in Berlin Wahlkampfauftritte von SPD, Grünen und der Linkspartei. Systematisch und einer abgesprochenen Taktik folgend wurde unter Androhung und Anwendung von Gewalt der Abbruch von Veranstaltungen erzwungen.

Wenige Wochen zuvor hatte eine Bücherverbrennung im Rahmen einer so genannten "Sonnwendfeier" im sachsen-anhaltinischen Pretzien auch im Ausland für Aufsehen gesorgt. In Anwesenheit des Bürgermeisters und etwa 80 Besuchern marschierten die Mitglieder des "Heimatbundes Ostelbien" mit Fackeln, germanische Flammensprüche skandierend auf die Festwiese. Das dort entzündete Sonnwendfeuer verwandelte sich zum lodernden Scheiterhaufen, als wenig später eine amerikanische Flagge verbrannt wurde. Begleitet von dem "Feuerspruch" "Ich übergebe dem Feuer Anne Frank" - warfen die Pretziener Jugendlichen nationalsozialistischem Vorbild folgend anschließend das Tagebuch der Anne Frank in die Flammen.

Wer 1933 bei der von Goebbels in Szene gesetzten Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschloss, konnte erahnen, dass es sich nicht um einen "studentischen Bierulk" handelte, wie von einigen Zeitgenossen blauäugig behauptet. Ebenso wenig ist der Vorfall in Pretzien im Jahr 2006 ein zufälliger "Jungenstreich nach durchzechter Nacht". Das Tagebuch der Anne Frank ebenso wie die Flagge waren mit Bedacht für diesen Anlass gewählt worden.

Um ein absichtlich verwendetes historisches Zitat handelte es sich auch bei dem Vorfall im ebenfalls sachsen-anhaltinischen Parey. Die rechtsradikalen Jugendlichen bedienten sich bei ihrer Tat gezielt eines weithin bekannten Fotos aus der Zeit wachsenden Terrors gegenüber den deutschen Juden. Die vermutlich 1935 in Hamburg zu Propagandazwecken aufgenommene Fotografie zeigt eine Frau inmitten von SA-Männern, der ein Schild mit der erzwungenen Selbstbezichtigung der "Rassenschande" - wie es im Nazi-Jargon hieß - umgehängt worden war. Die rechten Täter in Parey fertigten eine Kopie dieses Schildes und zwangen einen Mitschüler, der sie angeblich provoziert hatte, mit diesem Schild auf dem Schulhof herumzulaufen.

Wer 2006 nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, erkennt einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Berlin, Sachsen-Anhalt und der Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern: Rechtsextreme Gruppierungen und insbesondere die NPD wandeln Profil und Strategie, um sich in der Mitte der Gesellschaft festzusetzen. "Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen einbeziehen" so lautet die Parole der ausländerfeindlichen Integrationsgegner. Gewaltbereite Jugendliche werden durch den Einsatz bei Störtrupps und Rollkommandos eingebunden, während sich lokal angesehene, als seriös geltende Persönlichkeiten unterdessen der rechtskonservativen, von der Politik enttäuschten Klientel annehmen und ihr rassistisch-antisemitisches Weltbild verbreiten.

Rechte Gesinnung ist in vielen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns längst akzeptierter Teil der Alltagskultur. So bieten einige Bäckereien braun-glänzendes "Glatzen-Brot" an und an Alleebäumen finden sich zuweilen germanische Todes-Runen, die an tödlich verunglückte rechtsradikale Unfallopfer erinnern. Schon die Ergebnisse der Kommunalwahl in Niedersachsen im September lieferten bei genauer Analyse alarmierende Belege für den Erfolg dieser neuen Form eines sich familienfreundlich und bürgernah gebenden Rechtsradikalismus. Die in Deutschland seit Jahrzehnten in Wahlanalysen formulierte Beschwichtigung, die NPD und sämtliche gesinnungsverwandte Parteien seien in den Parlamenten immer über kurz oder lang an sich selbst gescheitert, wird durch den inzwischen gelungenen Einzug der NPD in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern widerlegt.

Besorgniserregend dabei ist: Die demokratischen Kräfte verhalten sich nicht nur passiv, sondern überlassen das Feld den Rechtsextremen. Der sich seit einigen Jahren vollziehende "Gezeitenwechsel" in Sachen Erinnerung dürfte die Vordenker der NPD zusätzlich in ihrem Handeln bestärken. In dem Maße, in dem die nationalsozialistische Diktatur und die daraus zu ziehenden "Lehren der Vergangenheit" ihre mahnende Kraft verlieren, entwickelt sich die NPD, vor allem im Osten Deutschlands, zu einer von immer breiteren Bevölkerungsschichten akzeptierten Stammwähler-Partei.

Dieser Prozess tritt zur Zeit in eine neue Phase ein und droht unumkehrbar zu werden. Zusätzlich befördert wird diese Entwicklung durch die Gleichgültigkeit, mit der die Öffentlichkeit der Verbreitung rechtskonservativer und revisionistischer Haltungen begegnet, ja teilweise dankbar aufnimmt. So geschehen im September im Wiesbadener Landtag. "Was uns leitet - Eckpfeiler einer bürgerlichen Kultur" - lautete die Überschrift einer Veranstaltung über Sinn und Notwendigkeit einer deutschen Leitkultur. Sie bot dem emeritierten Historiker Arnulf Baring Gelegenheit, seine Thesen dem Publikum vorzustellen. Mit der Infragestellung der Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens an den Juden, wie sie in der entlarvenden Feststellung, die Nazi-Diktatur sei lediglich eine "beklagenswerte Entgleisung" gewesen zum Ausdruck kam, konnte Barings Vortrag durchaus als Plädoyer für eine Neubewertung der NS-Diktatur verstanden werden. Arnulf Baring habe dem Publikum "aus dem Herzen" gesprochen, stellte der hessische Justizminister Christean Wagner nach langanhaltendem Applaus der Zuhörer lobend fest. Seiner Sichtweise, Baring habe Meinungen artikuliert, "die überhaupt vor zehn, zwanzig Jahren noch gar nicht zugelassen waren im öffentlichen Bereich", muss - allerdings besorgt - zugestimmt werden.

Akzentverschiebungen in der historischen Interpretation der NS-Zeit lassen sich jedoch nicht nur an Wortbeiträgen wie dem im Wiesbadener Landtag ablesen. Eine fast zeitgleich in Weimar gehaltene Rede zeigt, dass sich auch im Umgang mit überlebenden Opfern und Zeitzeugen ein Wandel vollzieht. Das bei der Eröffnung des "Weimarer Kunstfestes" unmittelbar vor dem Eröffnungskonzert mit dem Titel "Gedächtnis Buchenwald" gehaltene Grußwort des stellvertretenden Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Hermann Schäfer, enthielt keine missverständlichen historischen Deutungen. Der Redner verzichtete schlicht darauf, das Schicksal der Buchenwald-Opfer überhaupt zu erwähnen und rückte stattdessen Flucht und Vertreibung der Deutschen nach Kriegsende in den Mittelpunkt seiner Rede.

Schäfer rechtfertigte sich gegenüber seinen Kritikern mit dem Gegenvorwurf: Wäre er im Vorfeld der Veranstaltung darauf hingewiesen worden, dass in der ersten Reihe der Zuhörer Überlebende des Konzentrationslagers Buchenwald sitzen, hätte er ganz sicher nicht versäumt, in seiner Rede das Schicksal der KZ-Opfer zu erwähnen. Die Betroffenen, denen nach Schäfers Logik der Vorwurf gemacht werden kann, der besseren Kenntlichkeit halber nicht in ihrer ehemaligen Häftlingskleidung erschienen zu sein, zwangen den Redner mit lauten Buhrufen zum Abbruch seiner Rede. Es wird eines der letzten Male gewesen sein, dass sich Zeitzeugen der Naziverbrechen lautstark, mit eigener Stimme gegen das Vergessen zur Wehr setzen konnten.

Überlebende Opfer des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens empfinden gegenüber ihren ermordeten Mithäftlingen und den Millionen anderen Ermordeten die Verpflichtung, als Davongekommene Zeugnis des Gesehenen, Erlebten und Erlittenen abzulegen. Veranstaltungen wie die in Weimar, die Wahrnehmung, dass ein Vertreter der Bundesregierung ihr Schicksal übergeht und damit eine zunehmend zu beobachtende Umdeutung der Geschichte unterstützt, hinterlässt bei den noch lebenden Opfern Enttäuschung, Zorn und Verunsicherung. Sie sind auf zuverlässige Treuhänder ihrer persönlichen Überlieferung angewiesen: auf Nachgeborene, die sich der Verantwortung gegenüber der Geschichte stellen, indem sie den aus den Massengräbern nachhallenden Schreien der Ermordeten nach Weitergabe dessen, was ihnen angetan wurde, Gehör verschaffen.

Der Schriftsteller Günter Grass sah sich über Jahrzehnte in dieser Rolle. Er präsentierte sich als Mahner und moralisches Gewissen der Bundesrepublik Deutschland im Dienste der Opfer. Da dieses Wirken seinen deutsch-polnischen Wurzeln und der daraus stammenden Zeitzeugenschaft von Krieg und Vertreibung entsprang, galten sein Schulterschluss mit den Opfern des Nazi-Terrors wie seine literarischen Appelle zur Wachsamkeit gegen Rechts als glaubwürdig. Seine unverständlich späte Offenbarung, als 17jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, mindert nicht seine Verdienste als Schriftsteller - hinterlässt aber gleichwohl Unbehagen. Nein, nicht die Tatsache, dass es da einen braunen Fleck in der Jugend von Günter Grass gab, enttäuscht. Geschmacklos und - gemessen an Grass' hohem moralischen Anspruch - schäbig ist auch hier die irritierende Unbeschwertheit, mit der das biografische Detail der SS-Mitgliedschaft bagatellisiert und gleichzeitig zur Steigerung der Auflage seines neuen Buches eingesetzt wurde.

Auffallend schnell versandete die Debatte um die SS-Mitgliedschaft des Literatur-Nobelpreisträgers. Der besonders von Angehörigen der Beteiligten-Generation seit jeher gern bemühte, vermeintlich entlastende Hinweis, in den letzten Kriegsmonaten, als das Alter der eingezogenen Soldaten stetig sank, sei der Eintritt in die SS doch eine Lappalie gewesen, da sei keiner mehr zum Täter geworden, genügte auch im Falle Grass, um jeder tiefer gehenden Auseinandersetzung auszuweichen. Inwieweit die überlebenden Opfer des Martyriums eine ähnliche Sicht auf die angeblich so harmlosen Grass'schen Enthüllungen hatten, war von untergeordnetem Interesse. Im Blickpunkt der Medien standen hingegen dessen Drang zur Selbstdarstellung, die Reaktion des Auslandes sowie die Marketingstrategien seines Verlages.

Auch dieses kurze Beben in den Feuilletons verweist auf eine Entwicklung, die über den Fall Grass hinaus reicht: auf den sich gegenwärtig vollziehenden Gezeitenwechsel im Umgang mit der Erinnerung an das nationalsozialistische Menschheitsverbrechen. Der unaufhaltsam bevorstehende Abschied von der Generation der Zeitzeugen - den Opfern wie den Tätern - wird seitens der Öffentlichkeit begleitet von einer nachlassenden Bereitschaft, sich eingehend mit der Erinnerung der Überlebenden auseinanderzusetzen. Es scheint, als sei alles erzählt und das Überlieferte ausreichend gewürdigt. Die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands soll endgültig der Geschichte anheim gegeben werden.

Der Zeitfaktor, das unaufhaltsame Verblassen der Erinnerung an die von Deutschen begangenen Verbrechen, kommt anscheinend auch der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach entgegen. Immer wieder versucht sie interpretatorisch Gelände zu gewinnen und bei der Auslegung historischer Quellen Gewichtungen im Sinne der Vertriebenen vorzunehmen. Ihre Forderungen nach einem nationalen Gedenktag für die Vertriebenen, mit der Begründung, diese hätten "dramatischer als andere Deutsche" unter den Folgen des Krieges gelitten, grenzt nachträglich noch einmal die deutschen Juden als Deutsche aus. Ihr Ansinnen, zum "Tag der Heimat" vor NS-Gedenkstätten die deutsche Fahne aufzuziehen liegt auf derselben Linie und wirft gleichfalls kein gutes Licht auf die von ihr kürzlich in Berlin eröffnete Ausstellung "Erzwungene Wege".

"Wir sind konsequent europäisch" - so das Diktum des für die Ausstellung verantwortlichen Kurators, der in einem Interview erklärte, die "Menschheitsgeschichte (sei) im Grunde eine Geschichte der Vertreibungen". Tatsächlich erfolgt in der Ausstellung eine Ausweitung des Blickfeldes auf den europäischen und internationalen Zusammenhang von Flucht und Vertreibung. Allerdings mit der unausgesprochenen Zielsetzung, die Last nationaler Schuld und Verantwortung durch aufzählende Gleichsetzung zu mindern: Wenn Jahrhunderte hindurch immer irgendwo auf der Welt Menschen gewaltsam zur Flucht gezwungen wurden und Millionen dieser Vertriebenen und Flüchtenden zu Tode kamen, kann vermeintlich die Leidensgeschichte der deutschen Vertreibungsopfer mit Vorstufen der Judenvernichtung gleichgestellt werden.

Eine Europäisierung, ja Globalisierung der nationalen Erinnerung wie sie in der Berliner Ausstellung zu sehen ist, relativiert die Einzigartigkeit des Völkermordes an den Juden und entlastet Täter, Profiteure, Mitläufer. Die damit einhergehende Abwendung von nationaler Geschichtsbetrachtung hat zudem für die Opfer von Krieg und Vertreibung eine weitgehende Anonymisierung ihres individuellen, nationalen Leidensweges zur Folge. Der ursächliche Zusammenhang von deutscher Volkstums- und Vernichtungspolitik einerseits und der Umsiedlung und Vertreibung der Deutschen als Reaktion auf diese menschenverachtende Politik andererseits wird auf diese Weise aufgelöst, Ursache und Wirkung endlich eingeebnet.

Die Opfer des Nationalsozialismus und ihr unermessliches Leid geraten in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend aus dem Blickfeld der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft. Mit einer Mischung aus Überdruss, Scham, schlechtem Gewissen und der Hoffnung, sich allmählich der Verantwortung entziehen und "Normalität" herbeizwingen zu können, werden die Opfer langsam der Geschichte übereignet. Die Nachgeborenen der ermordeten und überlebenden Juden hingegen treten in Deutschland immer sichtbarer in Erscheinung. Der Zuzug von Zuwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat jüdisches Leben in Deutschland gestärkt. Gemeinden, die Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch Überalterung endgültig von der jüdischen Landkarte Deutschlands zu verschwinden drohten, machen sich nun daran, ihre Infrastruktur von Grund auf zu erneuern. In vielen Fällen ist die Freude darüber jedoch von Trauer überschattet, weil die neuen Synagogen, Bethäuser und Gemeindezentren zwischen Rostock und München oft auf den Trümmern der am 9. November 1938 in Brand gesetzten oder zerstörten Synagogen entstehen.

Die 68. Wiederkehr des Gedenkens an die "Reichskristallnacht" steht verstärkt unter dem Eindruck des näher rückenden Endes der Zeitzeugenschaft und Versuchen, die Erinnerung an die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft begangenen Verbrechen durch forcierte Historisierung erkalten zu lassen. Die Prophezeiung des Schriftstellers und Essayisten Jean Améry, der mehrere Konzentrationslager überlebte, ist nach wie vor aktuell: "Was 1933 bis 1945 in Deutschland geschah, so wird man lehren und sagen, hätte sich unter ähnlichen Voraussetzungen überall ereignen können - und wird nicht weiter insistieren auf der Bagatelle, dass es sich eben gerade in Deutschland ereignet hat und nicht anderswo. (…) Die von einem hochzivilisierten Volk mit organisatorischer Verlässlichkeit und nahezu wissenschaftlicher Präzision vollzogene Ermordung von Millionen wird als bedauerlich, doch keineswegs einzigartig zu stehen kommen neben die mörderische Austreibung der Armenier durch die Türken oder die schändlichen Gewaltakte der Kolonialfranzosen. Alles wird untergehen in einem summarischen "Jahrhundert der Barbarei".

Wir, die heute in Deutschland lebenden Juden, werden versuchen, dies so lange wie möglich zu verhindern - und in Sachen Erinnerung, wenn es sein muss, stets auf' s Neue wider den Stachel des Zeitgeistes löcken.

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