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Kinder Bildung schützt vor Armut nicht

Im Kampf gegen (Kinder-)Armut sind Kenntnisse und Fertigkeiten hilfreich. Wichtiger aber ist das nötige Geld, um an der gesellschaftlichen Kultur teilhaben zu können. Von Christoph Butterwege

13.06.2008 00:06
CHRISTOPH BUTTERWEGGE
...und der Weg zurück in die Gesellschaft ist so einfach auch wieder nicht. Foto: ddp

Neben den beiden Forderungen nach einem (gesetzlichen) Mindestlohn und diversen Steuererleichterungen stehen Bemühungen um mehr Bildungsanstrengungen der Betroffenen wie des Staates im Zentrum der Diskussion über Maßnahmen zur Bekämpfung der (Kinder-)Armut. So wird im 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung eine Verbesserung der "Teilhabe- und Verwirklichungschancen" gefordert und die Bildung als "Schlüssel für Teilhabe und Integration" bezeichnet.

Niemand bezweifelt, dass Armut mehr ist, als wenig Geld zu haben, und mit vielfältigen Benachteiligungen vornehmlich im (Aus-)Bildungs-, Kultur-, Gesundheits-, Wohn- und Freizeitbereich verbunden ist. Dies hat Angehörige materiell bessergestellter Schichten immer schon veranlasst, die Armen nach dem Motto "Geld macht ohnehin nicht glücklich!" regelrecht zu verhöhnen, verleitet jedoch heute noch manche Kommentatoren dazu, Armut auf die "Bildungsferne" oder Sozialisations- bzw. Kulturdefizite der Betroffenen zurückzuführen. Wenn diesen selbst die Schuld zugeschoben wird, gerät die Verantwortung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft aus dem Blick.

Gleichzeitig tut man so, als verhindere eine gute Schulbildung oder Berufsausbildung automatisch, dass jemand arm wird. Tatsächlich führen Bildungsdefizite häufig dazu, dass junge Menschen auf einem flexibilisierten Arbeitsmarkt nicht (sofort) Fuß fassen. Auch trägt die Armut von Familien oft dazu bei, dass deren Kinder keine weiterführende Schule besuchen oder sie ohne Abschlusszeugnis wieder verlassen. Armut in der Herkunftsfamilie zieht spätestens in der Sekundarstufe erhebliche Bildungsdefizite nach sich. Der umgekehrte Effekt ist sehr viel weniger signifikant: Ein schlechter oder fehlender Schulabschluss verringert zwar die Erwerbschancen, wirkt sich aber weniger nachteilig auf den Wohlstand einer Person aus, wenn diese vermögend ist oder Kapital besitzt.

Wenn man die "soziale Vererbung" der Armut durch schon im Kindesalter wirksame Selektionsmechanismen bekämpfen möchte, sind ein quantitativer Ausbau und eine qualitative Verbesserung des Bildungssystems der Bundesrepublik vom Elementarbereich bis zum Hochschulwesen unerlässlich. Die soziale Selektivität unseres Bildungssystems wird von den meisten Diskussionsteilnehmern jedoch gar nicht infrage gestellt, verteidigen sie doch anderslautenden Pisa-Ergebnissen zum Trotz die hierarchische Gliederung des Sekundarschulwesens und die Privilegierung des Gymnasiums, das ein borniertes Bürgertum am liebsten für den eigenen Nachwuchs reservieren möchte.

Unglaubwürdig wird, wer die Bildungs- als besonders zukunftsträchtige Form der Sozialpolitik interpretiert und gleichzeitig von der Schule über die Weiterbildung bis zur Universität alle Bereiche privatisieren möchte. Denn in einem solchen Bildungssystem stoßen Kinder nur noch auf Interesse, wenn sie (bzw. ihre Eltern) als zahlungskräftige Kunden firmieren. Kontraproduktiv wirken zweifellos die Beschneidung der Lernmittelfreiheit (Verpflichtung der Eltern zur Zahlung von Büchergeld), die Schließung von (Schul-)Bibliotheken aus Kostengründen und die Einführung von Studiengebühren.

Dass die Spitzenpolitiker der etablierten Parteien das Mantra "Bildung, Bildung, Bildung" nach Art einer tibetanischen Gebetsmühle ständig wiederholen, verweist auf einen im neoliberalen Sinn veränderten Gerechtigkeitsbegriff: Selbst wenn die soziale Gerechtigkeit nicht unter Hinweis auf die Globalisierung als "Standortrisiko" im Kampf um Absatzmärkte und Großinvestoren denunziert wird, ist der Zwang zur ökonomischen Selbstverwertung an die Stelle des Rechts auf persönliche Selbstverwirklichung getreten. Eine bessere (Aus-)Bildung erhöht die Konkurrenzfähigkeit eines Heranwachsenden auf dem Arbeitsmarkt, ohne Erwerbslosigkeit und (Kinder-)Armut als gesellschaftliche Phänomene zu beseitigen. Hierfür bedarf es in einem Land, das noch nie so reich wie heute war, nämlich weiterhin der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen.

Arbeitslosigkeit und Kinderarmut lassen sich weder durch eine Pädagogisierung der Armut noch durch die Mythologisierung der Bildung bewältigen und durch politische Leerformeln wie "Chancengerechtigkeit" oder "Verwirklichungschancen" nur ideologisch entsorgen. Floskelhafte Bekenntnisse zur Gerechtigkeit sind keine Lösung, wenn man die tiefe Spaltung der Gesellschaft beenden und der Herausbildung von Parallelwelten (Suppenküchen hier - Reichenghettos dort) begegnen will. Die formale Chancengleichheit, um deren Verwirklichung sich die etablierten Parteien bemühen, garantiert höchstens Verfahrensgerechtigkeit. Für jene Menschen, deren soziale Lage prekär ist, resultiert daraus selten die Möglichkeit, beruflich Fuß zu fassen und aufzusteigen.

Viel entscheidender als die Umverteilung von Geld sei, dass Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu den Bildungsinstitutionen und zum Arbeitsmarkt erhalten, heißt es immer häufiger. Zu fragen wäre freilich, weshalb die Bedeutung des Geldes für die Teilhabe der Menschen am gesellschaftlichen Leben ausgerechnet zu einer Zeit gesunken sein soll, wo es in sämtlichen Lebensbereichen wichtiger als früher, aber auch ungleicher denn je verteilt ist. Je stärker Bildung, Freizeit und Kultur ökonomisiert, privatisiert bzw. kommerzialisiert werden, umso mehr manifestiert sich (Kinder-)Armut in fehlender Chancengleichheit. Um durch Nachhilfeunterricht in der Schule mithalten und mit der ganzen Familie das Theater, den Zoo oder die Oper besuchen zu können, braucht man nun mal finanzielle Mittel. Geld ist weiß Gott nicht alles, aber ohne Geld sind die meisten kulturellen und Bildungsambitionen nicht viel wert!

Mehr soziale Gleichheit bzw. Verteilungsgerechtigkeit bildet die Basis für größere Partizipationschancen der Unterschichten. Ohne entsprechende materielle Ressourcen steht etwa die Chance für Erwerbslose, an Fortbildungskursen teilzunehmen und ihre persönlichen Arbeitsmarktchancen zu verbessern, nur auf dem Papier. Es ist pure Heuchelei, den Armen "Bildet euch!" zu predigen, im Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger dafür jedoch keinen Cent vorzusehen. Kinder unter 14 Jahren erhalten 1,79 Euro im Monat für Schulmaterialien und 2,72 Euro pro Tag für Nahrung. Wer seinen Bildungshunger stillen will, muss indes zunächst einmal satt zu essen haben!

Wird die Bildung zum Fetisch erhoben, kann sie ihre segensreiche Wirkung gar nicht entfalten. Bildung darf nicht auf (berufliche) Qualifizierung reduziert und zum Ersatz für eine gerechtere Verteilung des wachsenden gesellschaftlichen Reichtums gemacht werden. So wichtig mehr Bildungs- bzw. Kulturangebote für Kinder aus "Problemfamilien" sind, so wenig können sie das Armutsproblem lösen. Zwar werden die Armen häufig dumm (gemacht), die Klugen aber deshalb nicht automatisch reich. Zu den Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit so wenig verdienen, dass sie sich und ihre Familie kaum ernähren können, gehören keineswegs nur schlecht ausgebildete. Längst haben Fachkräfte geringer Qualifizierte aus vielen Jobs verdrängt - auch im Niedriglohnsektor.

Eine fehlende, schlechte oder falsche (Schul-)Bildung kann die Armut potenzieren und im Lebensverlauf zementieren. Sie ist jedoch nur deren Auslöser, nicht etwa die Ursache materieller Not. Bildung stellt deshalb auch ein nur begrenzt taugliches Mittel gegen die (Kinder-)Armut dar, weil sie zwar durch soziale Diskriminierung entstandene Partizipationsdefizite junger Menschen mildern, allerdings nicht verhindern kann, dass materielle Ungleichgewichte auf deren Arbeits- und Lebensbedingungen durchschlagen. Bildungs-, Erziehungs- und Kultureinrichtungen sind für eine gedeihliche Entwicklung und die freie Entfaltung der Persönlichkeit sozial benachteiligter Kinder unentbehrlich, weshalb sie nicht - dem neoliberalen Zeitgeist entsprechend - privatisiert, sondern weiterhin öffentlich finanziert und ausgebaut werden sollten. Bildung ist eben keine politische Wunderwaffe im Kampf gegen die Kinderarmut, zumal sie derzeit immer mehr zur Ware wird. Studiengebühren, hohe Fahrtkosten und Schul- oder Büchergeld schrecken gerade die Kinder aus sozial benachteiligten Familien vom Besuch einer weiterführenden bzw. einer Hochschule ab.

"Aufstieg durch Bildung" verspricht die Bundesregierung den Teilnehmern ihrer Qualifizierungsinitiative, obwohl selbst viele Hochqualifizierte arbeitslos sind. Zwar kann man durch die Beteiligung an (Aus-)Bildungsprozessen einer prekären Lebenslage entkommen, eine gesamtgesellschaftliche Lösung bieten sie aber keineswegs. Eine bessere (Aus-)Bildung erhöht die Konkurrenzfähigkeit eines Heranwachsenden auf dem Arbeitsmarkt, ohne jedoch Erwerbslosigkeit und (Kinder-)Armut als gesellschaftliche Phänomene zu beseitigen. Was unter günstigen Umständen zum individuellen beruflichen Aufstieg taugt, versagt als Patentrezept. Denn wenn alle Jugendlichen - was durchaus wünschenswert wäre - mehr Bildungsmöglichkeiten bekämen, würden sie um die wenigen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze womöglich nur auf einem höheren Niveau, aber nicht mit besseren Chancen konkurrieren. Dann gäbe es wieder mehr Taxifahrer mit Abitur oder Hochschulabschluss, aber nicht weniger Arme. Statt die Armen mit leeren Bildungsversprechen und illusionären Aufstiegshoffnungen abzuspeisen, wie das gegenwärtig geschieht, müsste der Bund die Reichen stärker zur Kasse bitten und mit den Steuermehreinnahmen die soziale Infrastruktur für überforderte und hilfebedürftige Familien verbessern.

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