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Interview "Dafür bin ich zu deutsch"

Skandal-Rapper Bushido über seine Schlägereien, Kleinkriminalität und warum er trotzdem nie ganz abgestürzt ist.

30.09.2008 00:09
"Mich haben viele Rapper gedisst, bei Youtube beispielsweise." Skandal-Rapper Bushido. Foto: dpa

Herr Ferchichi, Sie hatten gerade einen Auftritt bei MTV. Seltsam: Es ist doch noch gar nicht so lange her, da hatte der Sender Ihre Videos komplett aus dem Programm gestrichen. Man verdächtigte Sie offenbar, hinter einer Messerattacke auf einen ehemaligen Kumpel und heutigen Konkurrenten zu stecken.

Das ist längst geregelt. Wäre ich nicht so erfolgreich, hätten manche Leute mir manche Sachen sicher nicht so leicht verziehen. Hätten manche keine Paranoia vor mir und meinem Umfeld, hätte man mir manche Sachen auch nicht verziehen. Viele Leute lachen dir natürlich nur ins Gesicht, weil sie sich in die Hosen scheißen.

Die machen sich in die Hosen, weil Sie unverhohlen drohen. Ihre ganze Biografie ist eine einzige dunkle Drohkulisse.

Ich drohe, ja. Das ist wie beim Bodybuilding. Die stellen sich auf die Bühne und zeigen ihre Muskeln. Es ist eine Darstellung der eigenen Fähigkeiten.

Sie zeigen nicht nur Muskeln, Sie schlagen auch zu.

Damals in Linz, als ich mit diesen Typen Ärger hatte, weil sie mein Auto kaputt gemacht haben, habe ich nicht darüber nachgedacht.

Einer erlitt einen Schädelbruch. Er hätte sterben können.

Wie gesagt, wenn man nicht nachdenkt, passieren schlimme Dinge. Das stimmt. Dann hätte ich wahrscheinlich für mindestens acht Jahre in Österreich im Gefängnis gesessen. So musste ich nur einige Wochen in U-Haft und anschließend 20000 Euro Bußgeld zahlen.

Sie beschreiben in der Biografie, wie Ihr Vater Ihre Mutter mit einem Telefonhörer verprügelt. Sie sagen, Sie haben ihn dafür gehasst. Aber auch Sie selbst schlagen Frauen immer wieder, in einem Berliner Club etwa.

So, wie Sie das sagen, stimmt das nicht. Eine hat tatsächlich mal Schellen bekommen, keine Schläge, weil sie meine Mutter beleidigt hatte. Aber nicht so, wie sie ein Mann gekriegt hätte. Ich sage ganz ehrlich: Wenn da ein Mädchen steht und mich Hurensohn nennt, dann gebe ich der eine mit.

Wenn ich Sie jetzt beleidigen würde, würden Sie mich dann verprügeln?

Nein.

Und wenn es kein Interview im MTV-Gebäude wäre?

Würden Sie mich als Hurensohn bezeichnen, dann ja. Arschloch, Wichser, Penner: Bei solchen Lappalien würde ich nie ausrasten. Neulich war ich an der Tankstelle, ein Typ hat mich erkannt und meiner Freundin den Mittelfinger gezeigt. Ich bin zu ihm hingegangen. Mitten auf der Tankstelle, überall sind Kameras. Ich stehe also vor dem Typen. Wenn ich ihn nicht schlage, verliere ich vor meiner Freundin meine Männlichkeit. Das muss keiner verstehen, aber für mich persönlich ist das so. Ich kann ihn aber nicht schlagen - wegen der Videoüberwachung. Ich sage ihm also: "Wüsste ich jetzt nicht, dass a) du mich anzeigst und b) die Kameras laufen, würde ich dich hier an Ort und Stelle begraben. Ich kann aber nicht, Alter. Also hast du Glück gehabt - du Hurensohn." Ich versuche, ihn so zu beleidigen, dass er mich schlägt, damit das dokumentiert ist - und dann kann ich ihn auch verprügeln.

Sie drohen auch gern mit "Brüdern", mit Ihren Kumpels. Zeigen Sie damit nicht Schwäche - weil Sie allein nicht stark genug sind?

Das ist wie in einem Staat. Da gibt es auch eine Gewaltenteilung. Die Bullen machen als Exekutive die Drecksarbeit, andere machen die Gesetze. Natürlich habe ich Kumpels, die mir sagen: "Du fasst niemanden an, wir machen das."

Dass Sie vom Abitur-Abbrecher und Kleindealer zum Rap-Millionär geworden sind, hängt entscheidend damit zusammen, dass Sie sich mit einem der mächtigsten arabischen Familienclans in Berlin zusammengetan haben. Die haben Ihnen geholfen, nun sind Sie ihnen verpflichtet. Sie wehren sich allerdings gegen die Bezeichnung Schutzgeld. Wie würden Sie es nennen?

Gute Frage. Ich würde auch sagen, dass ein großer Teil der Steuer, die ich zahle, Schutzgeld ist. Legales Schutzgeld. Der Staat kommt und sagt: Du musst das hier bezahlen. Ich habe noch nicht einmal einen Deal mit dem Staat. Für die Nutzung der Straßen verlangt er aber Geld. Ich finde, dass das wesentlich schutzgeldmäßiger ist als die Geschäfte, die ich mit Leuten mache, die...

...Ihre Exekutive sind, die Polizei in Ihrem Staat.

Die teilweise auch Exekutive sind. Die aber als Schutzgelderpresser dargestellt werden. Das ist Schwachsinn. Es ist aber tatsächlich so, dass ich viele meiner Geschäfte mit einem Herren mache, der mir einmal sehr geholfen hat. Wir betreiben beispielsweise eine Immobilienfirma.

Die Hilfe bestand auch darin, dass Ihre "Brüder" manche Ihrer Rap-Konkurrenten regelrecht aus der Hauptstadt vertrieben haben. Einer etwa ist nach Heidelberg geflohen. Außerdem sorgen Sie dafür, dass Sie von anderen Rappern nicht gedisst werden, dass diese also keine Tracks produzieren, in denen Bushido beleidigt wird.

Jetzt spitzen Sie die Sache zu. Mich haben viele Rapper gedisst, bei Youtube beispielsweise. Es sollte aber eine gewisse Grenze nicht überschreiten. Ohne dass ich etwas getan hatte, fing etwa ein Künstler eines bestimmten Labels an, zu rappen, er würde mein Tattoo herausschneiden.

Wenn der Diss Grenzen überschreitet, ist Gewalt legitim, um dem ein Ende zu machen?

Genau.

Das entspricht nicht unbedingt dem Ursprungsgedanken des Rap: ein musikalischer Battle anstelle einer Schlägerei.

Ich könnte es auch wie Jesus machen und die andere Wange hinhalten. Sicher: Das ist ein Manko, dass ich es nicht tue. Eines, das zu mir gehört.

Ihre Beschützer wirken nicht nur im Hintergrund. Sie besuchen auch Preisverleihungen wie den Echo und verteilen "Nackenschellen" an ausgewählte Interpreten. Als Oliver Pocher einen Scherz über Sie machte, wurde seine Freundin kurz in die Katakomben verschleppt. Was da mit ihr passierte, schreiben Sie allerdings nicht.

Oli ist ein Freund von mir. So viel dazu. Im Prinzip ist das doch lustig. So wie afroamerikanische Rapper, die sich rosa Diamanten kaufen und mit ihrer Million komische Sachen machen. So ähnlich ist das bei uns auch. Meine Jungs haben plötzlich die Möglichkeit, mit Leuten rumzuhängen, die sie sonst nie treffen würden, und spielen dann ein bisschen verrückt. Das ist gar nicht böswillig. Wenn man von Nackenschellen spricht, stellt man sich das gruselig vor. Es ist aber nur, als würde dir jemand auf die Schultern hauen.

Fast zeitgleich mit Ihrer Biografie ist das Buch "Arabboy" erschienen, über einen Araberjungen aus Neukölln, der kriminell wird, drogensüchtig, und dessen Leiche am Ende im Mittelmeer treibt. Bei ihm geht es nur nach unten. Hätte Ihnen das auch passieren können?

Um als Junkie tot im Mittelmeer zu schwimmen, dafür bin ich zu deutsch. Dafür habe ich einen zu kühlen und zu berechnenden Kopf. Ich habe es nie übertrieben, habe keine Bank überfallen, war nur einmal einige Wochen in U-Haft. Natürlich sehe ich südländisch aus und habe auch ein ziemliches Temperament. Aber wenn es hart auf hart kommt, habe ich dieses Deutsche in mir, das mir sag: "Hey! Fünf Jahre Knast würden sich nicht so lohnen. Also denk mal drüber nach!"

Interview: Johannes Gernert

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