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Harald Schmidt "Wenn schon sterben - woran bitte?"

Harald Schmidt über den Imagefaktor von Krankheiten, das erste Ehrenamt seines Lebens und den humanistischen Kern unter seiner zynischen Oberfläche.

19.09.2008 00:09
"Beliebt oder unbeliebt - das interessiert mich gar nicht", sagt Harald Schmidt. Foto: ddp

Herr Schmidt, wir möchten mit Ihnen über Depressionshilfe sprechen.

Gerne, brauchen Sie welche?

Das geht ja gut los. Sie sind seit neuestem ehrenamtlicher Schirmherr der Deutschen Depressionshilfe. Wieso engagiert sich ein Berufszyniker wie Sie für Depressive?

Weil ich das Thema enorm interessant finde, vor allem die Frage: Was ist der Unterschied zwischen "Ich bin depri." und "Ich habe eine Depression."? Inzwischen weiß ich vom Stiftungschef Professor Ulrich Hegerl, der Chef der Psychiatrie an der Uniklinik Leipzig ist, dass etwa vier Millionen Deutsche depressiv oder gefährdet sind. Und viele davon wissen es gar nicht. Es gibt einen Unterschied, ob man einen schlechten Tag hat oder einfach mal gepflegt melancholisch ist - oder ob man ernsthaft krank ist. Dann hilft es nämlich gar nichts, wenn Verwandte sagen: "Jetzt stell dich mal nicht so an, geh mal raus ein bisschen Rasen mähen, damit du auf andere Gedanken kommst!" Dann muss derjenige zum Arzt. Ich helfe gern, diese Botschaft zu verbreiten.

Haben Sie je unter Depressionen gelitten?

Nein, ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch. Natürlich kenne ich so Depri-Phasen, aber meine Gefährdung liegt eher im Sucht-Bereich. Vor allem Alkohol. Aber das habe ich im Griff, nach der zweiten Flasche Rotwein ist für mich Schluss. An den Depressionen hat mich eher das Medizinische interessiert. Und der Aspekt, dass das ein Massenphänomen ohne Lobby ist. Als ich diese ganz unprätentiöse Anfrage bekam, war mir sofort klar: Das ist ein Thema, von dem viel mehr Leute in Deutschland betroffen sind als zum Beispiel von Aids.

Ihre Motivation ist völlig selbstlos?

In gewisser Weise. Aber mehr im Sinne von (klatscht zweimal schnell in die Hände): "Hallo! Kinder! Depression ist ein Thema! Ihr kümmert euch, ich bin wieder weg, ciao ciao."

Haben Sie sich für Depressionshilfe entschieden, weil es besonders selbstlos wirkt, sich nicht wie alle anderen auf anrührenden Fotos mit Kindern in Afrika zu zeigen?

Ja, ich wollte etwas machen, worüber man zweimal nachdenken muss. Was erstmal nicht zusammenpasst, und was dadurch sofort hohe Aufmerksamkeit erzielt.

Aber wie passt Harald Schmidt, der Jäger des Spotts, zur Depressionshilfe?

Als ich meine Show noch täglich moderierte, sagten mir komischerweise viele Leute, die psychisch ein paar Probleme hatten, dass ich ihnen abends ein bisschen geholfen hätte. Beim Einschlafen. Nach dem Motto: "Alles doch nicht so tragisch".

"Lachen ist die beste Medizin"? Wenn Sie sonst solch banale Weisheiten verkündeten, würde jeder denken: Das meint der jetzt doch wieder ironisch.

Also, der Professor Hegerl sagte mir, er habe bei mir unter der zynischen Oberfläche einen humanistischen Kern entdeckt. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Seitdem sehe ich das genauso. Ich habe es zwar dumpf geahnt, aber wenn Ihnen das so eine medizinische Kapazität auf den Kopf zu sagt, hat das natürlich eine andere Wirkung.

Welche Aufgaben haben Sie denn als ehren-amtlicher Schirmherr?

Ich soll zunächst mediale Anschubhilfe leisten. Es gibt ja eine Art Hierarchie der Krankheiten in der Medienaufmerksamkeit. Mich hat das schon immer gestört, dass Krankheiten einen Imagefaktor haben. Unsere Krankheit Nummer Eins ist sicher Krebs, gefolgt vom guten alten "Herzkaschper" - wozu der Klassiker gehört, sich drei Tage später schon im Jogginganzug in der Reha auf dem Fahrrad fotografieren zu lassen und zu sagen, "Ich bin wieder fit, ich werde mein Leben ändern, jetzt weiß ich, was meine Familie für mich bedeutet" und so weiter. Bei Depressionen ist das eben nicht so einfach. Und obwohl die Krankheit sehr weit verbreitet ist, wagen sich die Betroffenen nicht, offen darüber zu sprechen.

Herr Schmidt, nur 35 Prozent der Deutschen finden Sie sympathisch. Sie sind weit abgeschlagen im Vergleich zu Günther Jauch, der es auf 69 Prozent bringt. Wäre es für Sie nicht besser, sich für, sagen wir, kranke Kinder zu engagieren, um diese schlechten Umfragewerte aufzubessern?

Nee, das interessiert mich gar nicht. Ich bin seit Jahren bei diesen Werten solide zwischen Wolfgang Lippert und Gregor Gysi. Wir sind ganz hinten: Um unsere Ergebnisse zu sehen, müssen Sie immer umblättern. Ganz vorne ist immer Jauch, dann kommt lange nichts, und dann drängen sich Pilawa, Kerner, Gottschalk. Aber mir gefällt die Gesellschaft auf den hinteren Plätzen eigentlich. Ich habe schon mal überlegt, ob man nicht mal ein Essen organisieren sollte mit den Unbeliebten. Gysi finde ich ja wirklich witzig, dazu Lippert und Kauder. Nur Westerwelle verlässt die Runde in letzter Zeit und geht in Richtung "beliebt". Aber ich sehe das als verschiedene Märkte. Uns alle in eine Umfrage zu packen, ist doch so, als fragte man jemanden, der einen Ferrari kaufen will, was er von der neuen integrierten Kindersitzstruktur vom Ford Galaxy hält.

Ist denn die Depressionshilfe gut beraten, so einen Unsympathieträger wie Sie zum Schirmherren zu ernennen?

Am bisherigen Effekt gemessen schon, weil sofort großes Medienaufkommen herrschte, als wir die Pressekonferenz in Berlin gemacht haben. Und weil auf den ersten Blick der Gegensatz auffällt: "Ach, Schmidt macht doch bestimmt wieder Witze, über diese Leute, die Depressionen haben!"

Aber Sie sind doch tatsächlich in dieser Sarkasmusfalle gefangen: Man weiß nie, ob ein Lob von Ihnen nicht vergiftet ist oder ob Sie einen Appell an die Menschlichkeit ernst meinen. Schadet dieser Ruf Ihrem Ehrenamt?

Nein, weil ich mich medizinisch keine Sekunde äußere. Ich sage ganz klar: "Ich bin hier, weil 80 Prozent von Ihnen, verehrte Journalisten, nicht hier wären, wenn es nur eine normale Pressekonferenz wäre." Und wenn ich diese Menschen in den Kurzarmhemden da unten sitzen sehe, weiß ich ja auch, dass ich denen damit auch wieder drei Zeilen liefere, die sie abrechnen können.

Haben Sie vorher schon etwas Ehrenamtliches gemacht?

Nein. Ich bin eigentlich total dagegen.

Genau so hatten wir Sie eigentlich eingeschätzt. Ehrenämter sind ja eher was für glamouröse Stars, die ein schlechtes Gewissen haben wegen ihrer Oberflächlichkeit oder wegen ihres Reichtums.

Ich selbst wäre auch gern Rockefeller, um ein Krankenhaus zu bauen, in dem die besten Ärzte arbeiten und forschen zu können - ohne jede Rücksicht auf Publikumswirksamkeit. Denn ich weiß das von Ärzten: Herzkranke Kinder haben gar keine Lobby. Für die gibt es viel weniger Geld, obwohl sie viel teurere Geräte brauchen, aber natürlich rührt ein krebskrankes Kind mit so einer kleinen Baseballmütze und Haarausfall mehr ans Herz. So. Da muss ich jetzt an dieser Stelle natürlich sofort wieder den Sermon dranhängen: "Selbstverständlich möchte ich diesen krebskranken Kindern nicht das Geld wegnehmen" und Pipapo. Mein Traum ist deshalb "The Harald Schmidt Mount Sinai Cedars Of Lebanon Medical Research Center For The World's Greatest Turbobeschleunigerforschung". Mitten in Frankfurt rein, das fänd ich toll.

Und was hätten Sie davon?

Ich träume im Grunde schon lange davon, mit einem Herzkaschper ins "Cedars Of Lebanon" oder "Mount Sinai" eingeliefert zu werden. Allein die Namen! Also, das Kreiskrankenhaus Hanau ist sicher auch toll. Aber "Zedern des Libanon", das klingt doch schon ganz anders. Leider habe ich nicht so viel Geld.

Noch mal zurück zu Ihrem Ehrenamt: Haben Sie sich in irgendeiner Weise speziell auf diese Aufgabe vorbereitet?

Ja, ich habe mich eingelesen, und ich habe sofort auf der Homepage der Stiftung den Selbsttest gemacht, "Wie gefährdet bin ich?".

Und?

Beim ersten Mal war alles tief rot: schwer gefährdet Und dann habe ich ihn gleich nochmal gemacht und habe mich ein bisschen weniger depressiv angeklickt.

Jetzt machen Sie sich schon wieder darüber lustig. Ist Sarkasmus womöglich doch kein Heilmittel gegen Depressionen, sondern eher ein Symptom der Krankheit?

Ich glaube nicht. Ich denke eher, man lässt durch Sarkasmus gewisse Dinge nicht so an sich heran. Professor Hegerl sagt, es ist wichtig, über eigenes Versagen lachen zu können. Depressive scheitern oft an zu hohen Ansprüchen an sich selbst. Ein sarkastischer Blick auf die Welt kann als Schutzreflex wirken, der depressiven Menschen oft fehlt. Aber soweit ich es begriffen habe, ist eine Depression vor allem ein chemischer Vorgang im Gehirn. Es mangelt dem Hirn an Botenstoffen, das hat mit Laune nicht viel zu tun.

Herr Schmidt, von Ihnen sind Sätze bekannt wie: "Wenn ich heute lese, ,Hinter Zahnfleischbluten kann mehr stecken', sitze ich morgen beim Arzt". Weiß ein bekennender Hypochonder wie Sie, wie man Depressionen vorbeugen kann?

Das Schlimme ist, das kann man nur bedingt. Deshalb beruhigt es mich, jetzt den Kontakt zur Depressionshilfe in Leipzig zu haben. Mir gefällt schon der Satz "Bin in Therapie in Leipzig". Das klingt nach einem Wahnsinnsspezialisten. In die Berliner Charité geht jeder, aber Leipzig klingt wie "jung, Silicon Valley, jeder kriegt'n Nobelpreis". Wer als Spezialist nach Leipzig geht, klingt nach einem, der auch nach Harvard hätte gehen können, aber Leipzig vorgezogen hat, weil die Lofts günstig sind und die Sächsische Schweiz so nah ist. Ich finde, der Satz "Lässt sich in Leipzig therapieren, möchte sich aber dazu nicht weiter äußern", klingt nach "Rehab in Malibu".

Jetzt kommen Sie wieder richtig in Fahrt, so wie in jenen Zeiten, als Sie sich nur mit der "BSE-Schleife" am Revers zeigten: Ihrer gescheckten Parodie auf die rote Aids-Schleife in Zeiten der BSE-Hysterie.

Klar, aber das ist kein Widerspruch. BSE wurde ja schnell durch das gute alte Gammelfleisch abgelöst, und dann musste man schon wieder aufpassen, dass man nicht Dengue-Fieber bekommt oder Vogelgrippe. Ich bin sehr dafür, dass auf solche Krankheiten aufmerksam gemacht wird.

Herr Schmidt...

Im Ernst: Ich bin einfach für Zahlen. Also: Es sterben nicht genug Deutsche, das schreibt ja auch die Frankfurter Rundschau, unser Rentensystem ist in Gefahr. Also frag ich mich: Wenn schon sterben, woran bitte? Und jetzt mal Zahlen auf den Tisch: Krebs, Herz-Kreislauf und so weiter. Aids ist zum Beispiel eine quantité négligeable in diesem Zahlenpott, hat aber unglaubliche mediale Aufmerksamkeit, weil so viele Akkordeonspieler daran erkranken.

In den Statistiken steht auch, dass die Krankschreibungsrate wegen depressiver Erkrankungen zwischen 2000 und 2006 um 42 Prozent zugenommen hat.

Also, das finde ich jetzt sehr zynisch von Ihnen, diese volkswirtschaftliche Komponente ins Spiel zu bringen.

Forscher sagen, dass eine Depression durch Stress und Versagensangst ausgelöst werden kann. Ist sie das moderne Volksleiden unserer Tage? Auch weil der Einzelne am Zwang der Spaßgesellschaft scheitert, permanent gut drauf zu sein?

Diese These gibt es. Und die Materie ist noch nicht sehr erforscht. Aber ich kann mir da, nur weil ich Schirmherr bin, kein Urteil erlauben. Ich kann nur sagen: Wenn ihr einen Ball der Depressiven macht, um Milliarden zu generieren, bin ich bereit, den zu moderieren.

Bei so einem Vorschlag merkt man erst, wie seltsam das Wort "Aids-Gala" klingt - die gibt es aber längst.

Ja: Schlaganfall, Aids, Kinderkrebs - eine Gala jagt die nächste. Aber Depressionen? Da ist noch nix. Ich freue mich schon auf die zuständigen TV-Gremien und Intendanten, wenn wir sie ansprechen: Wir machen eine Depressions-Gala, wollt ihr das nicht übertragen?

Da werden die TV-Chefs bestimmt zusammenzucken, weil sie unangemessene Zynismusattacken befürchten.

Das ist das Seltsame: Alles, was bei einer "Krebs-Gala" üblich ist, würde dann als zynisch empfunden - totaler Quatsch. Beim Wort "Depressions-Gala" sagt man "zynisch", aber wenn bei der "Aids-Gala" jemand singt, "Who wants to live forever", treibt es dem Publikum die Tränen in die Augen.

Nehmen wir Sie mal beim Wort: Wie könnte so eine Depressions-Gala denn aussehen?

Weiß ich nicht. Vielleicht, hm... Keine Ahnung, das müsste man sehen. Aber es würde mich reizen, das Konzept zu entwickeln. Gespräche mit Betroffenen, Promi-Telefone im Hintergrund, etwas Volksmusik...

Am 27. November werden Sie zum dritten Mal die Gala zum "Bambi"-Medienpreis moderieren, der in diesem Jahr zum 60. Mal verliehen wird. Wie würde sich eine Depressions-Gala von solchen Auftritten unterscheiden?

Gar nicht. Formal und handwerklich würde sich das überhaupt nicht unterscheiden.

Sie beherrschen fast als Einziger im deutschen Unterhaltungsbetrieb die Kunst, ein Teil von diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu sein und gleichzeitig doch über den Dingen zu stehen. Haben Sie da eine Methode entwickelt?

Ich habe mal über den Rolling-Stones-Gitarristen den Halbsatz gelesen: "der immer freundliche und gut gelaunte Ron Wood, der überall dort auftaucht, wo es was zu verdienen gibt". Man geht halt rein, bewahrt seine gute Laune...

Und sagt sich, frei nach Zappa: I'm only in it for the money?

So in etwa. Wobei ich das dann wirklich spende, aber ich gehe da so ran: "Was ist denn hier gerade los? Ach, Bambi? Hallo! Und was ist hier? Olympia - auch nicht schlecht. Und was habt ihr noch? Fußball? Hmmm, Österreich ist nicht so interessant für mich..."

Und was geht Ihnen dann durch den Kopf, wenn Sie plötzlich mittendrin stehen und mitbekommen wie der Scientologe Tom Cruise 2007 einen Bambi für "Courage" bekommt?

Da geht mir nur durch den Kopf, "Hoffentlich haben sie bei mir in der Produktionsfirma die Laudatio von Schirrmacher für meine Show mitgeschnitten!" Denn das Ganze geht ja weiter, wenn der Stauffenberg-Film kommt, und dann ist das einfach eine Traumkonstellation. Es sind schon Erweckungserlebnisse, wenn der Mitherausgeber der FAZ diese Laudatio hält, dann kommt der tiefgründigste Historiker, den wir weltweit haben, Tom Cruise, hält eine Rede, die mit dem Stauffenberg-Zitat "Es lebe das heilige Deutschland" endet, man sagt "Donnerwetter", und dann geht es weiter im Programm mit Sophia Loren.

Interview: Steven Geyer

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