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Francis Ford Coppola "Ich war wie eine Prostituierte"

Der Regisseur über seine Selbstzweifel, den Kampf mit dem Alter und die neue Radikalität, die er mit seinem neuen Film "Jugend ohne Jugend" vorexerziert.

09.07.2008 00:07
Francis Ford Coppola, Regie-Legende aus Detroit. Zehn Jahre lang hat der Mann, der einst mit "Der Pate" und "Apocalypse Now" zwei Meilensteine der Kinogeschichte gesetzt hat, keinen Film mehr gedreht. Nun meldet sich der 69-Jährige zurück. Foto: ap

Mr. Coppola, Sie haben sich zehn Jahre Zeit gelassen mit Ihrer neuen Regiearbeit. Hatten Sie die Lust an Ihrem Job verloren?

Überhaupt nicht; einen Film auf die Beine zu stellen, dauert eben, vor allem wenn Sie das Drehbuch selbst schreiben. Dass sich alle Bausteine zusammenfügen, ist so etwas wie ein Lotteriegewinn. Ich hatte einige Jahre sehr hart an einem Science-Fiction-Stoff gearbeitet, "Megalopolis", und der war so ambitioniert, dass ich ihn nicht realisieren konnte. Aber ich mag nun mal ehrgeizige Projekte. Lieber mache ich etwas Überambitioniertes und scheitere, anstatt mit etwas Unterambitioniertem Erfolg zu haben und einen der üblichen formelhaften Filme zu machen.

Das klingt so, als würden Sie von Ihrem aktuellen Film "Jugend ohne Jugend" sprechen, der bei Publikum und Kritik in den USA durchfiel.

Das passiert immer, wenn Sie die Regeln brechen. "Apocalypse Now" verletzte auch alle Konventionen, als es herauskam, und prompt war es ein Desaster. Ich habe ja selbst meine Denkschranken. Als ich Kubricks "2001" oder "Shining" sah, gefielen sie mir erst auch nicht. Ich musste die Filme ein zweites Mal sehen, um sie richtig einschätzen zu können.

Das heißt, die schlechten Kritiken sind Ihnen gleichgültig?

Ich erinnere mich an die Reneznsion zu "Jugend ohne Jugend" in der "Variety". Da hieß es, der Film sei ein Mischmasch von Geschichten, und er wüsste nicht, was er erzählen wollte. Aber genau das war ja mein Plan. Als ich die Romanvorlage von Mircea Eliade las, war es, als sei ich vom Blitz getroffen. Alle zwei Seiten passierte etwas Verrücktes. Die Geschichte beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Traum und Wirklichkeit, und daher versuchte ich, einen künstlerischen Ausdruck für diese Wahrnehmungsebenen zu finden. Ein Film ist - wie jede Kunst - ein Weg, um die Beschränkungen unseres Gehirns zu überwinden. Aber dafür muss er neue Wege beschreiten.

Filme wie "Der Pate" indes können auch als Kunst gelten und sind doch erfolgreich.

Aber ich war mir sicher, dass "Der Pate" ein Desaster würde. Die Dreharbeiten liefen nicht gut, das Studio mochte das abgedrehte Material nicht. Ich hatte auch keine Ahnung von der Mafia. Ich kannte mich nur mit italienischen Familien aus, und die steckte ich in die Handlung eines Jimmy Cagney-Gangsterfilms. Aber dass das funktioniert hat, war Glück. Du kannst nie wissen, welche Wirkung ein Film haben wird. Alles, was ich in meinem Leben machen wollte, war, persönliche Geschichten zu erzählen, so wie die großen Autorenfilmer des europäischen Kinos. Ich könnte auch sagen, ich wollte zur Avantgarde gehören - so suspekt dieser Begriff den Leuten in Hollywood auch ist. Ich hatte jedenfalls nie vor, so viel Erfolg zu haben.

Bedauern Sie das?

Es war schön, dass ich dadurch den Mitgliedern meiner Familie Türen in der Branche öffnen konnte. Ich galt ja immer als viel unbegabter als alle anderen, war das schwarze Schaf, der Familiendepp. Aber das ganze Geld und der Ruhm, die damit verbunden waren, lenkten mich von meinen ursprünglichen Plänen ab. Ich kaufte ein großes Haus, investierte in ein Magazin; natürlich verlor ich das alles wieder...

Durch das große Fiasko mit "Einer mit Herz", den Sie selbst finanzierten.

So etwas könnte mir nicht wieder passieren, weil ich nicht mehr so viel Geld für einen Film ausgeben würde. Aber was mich heute noch wurmt, ist, dass ich ihn nur mit einer Kamera gedreht habe. Ursprünglich sollte das wie Live-Fernsehen gefilmt werden, mit mehreren Kameras, wo ich von einer zur anderen hätte schneiden können. Aber mein Kameramann sagte, er wäre nicht imstande, das alles auszuleuchten, und so ließ ich ihn gewähren. Das war das Einzige, was ich je im Leben bedauere.

Das Einzige?

So ist es. Im Rückblick betrachtet bestand mein Leben aus lauter Glücksmomenten. An Negativität glaube ich nicht.

Aber nach diesem Debakel waren Sie gezwungen, Ihr Geld mit Auftragsarbeiten wie "Peggy Sue hat geheiratet" oder "Dracula" zu verdienen. Wie sehen Sie diese Filme heute?

Wie Sie schon sagten: Es waren Jobs. Ich hatte teilweise gar keinen Einfluss aufs Drehbuch - wie bei "Peggy Sue"; dieses Skript mochte ich gar nicht, um ehrlich zu sein. Aber ich hatte keine andere Wahl. Und so versuchte ich, in diesen Geschichten Themen zu finden, die mich interessierten, diesbezüglich war ich wie eine Prostituierte. Die sucht auch bei jedem Kunden nach etwas, das sie mag, sonst kann sie nicht mit ihm ins Bett: Der eine hat schöne Augen, der andere eine süße Stimme, der nächste ist sanft. Aber inzwischen bin ich dank meines Weingutes unabhängig. Und auch eine Prostituierte kann einmal einen Mann finden, den sie liebt und heiratet, und so steigt sie aus diesem ganzen Spiel aus und lebt glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Ist diese Finanzquelle krisensicher bis ans Ende Ihrer Tage?

Was ist schon krisensicher? Aber auf jeden Fall ist der Erfolg viel stetiger als im Filmgeschäft. Das Ganze ist ja ein richtiges Unternehmen geworden - mit rund 500 Angestellten. Ich glaube, wir sind der zehntgrößte Weinproduzent der USA. Und auf diese Weise kann ich jetzt als alter Mann die Karriere eines jungen haben. Wie ein Student mache ich experimentelle Filme, von denen ich gar nicht weiß, wie ich sie machen soll. Die sind vielleicht nicht perfekt, aber dafür interessant.

Möchten Sie mit Ihren Filmen nicht auch Geld verdienen?

Wenn Sie mich fragen, sollte alle Kunst kostenlos sein. Das Publikum sollte die Möglichkeit haben, Filme und Musik umsonst herunterzuladen. Denn der kommerzielle Druck schafft nur Gleichförmigkeit. In den ersten 20 Jahren des Stummfilms probierten die Kreativen alles aus - so wie Abenteurer und Entdecker - und die Finanziers waren so heiß drauf, diese Produkte dem Publikum zu zeigen, dass sie ihren Leuten keine Vorschriften machten. Aber jetzt, wo man weiß, wie viel Geld sich damit verdienen lässt, hat man das Kino in Ketten gelegt - so wie Prometheus. Es könnte so viel Magie entfalten, aber man lässt nicht zu, dass es sich weiterentwickelt. Jeder Film soll wie alle anderen Filme sein. Und diejenigen, die davon abweichen, werden attackiert oder lächerlich gemacht.

Aber wie sollen Leute Filme machen, wenn sie damit kein Geld verdienen können?

Im Prinzip sollten die Kreativen ihr Geld mit anderen Jobs verdienen, wenn sie nicht gerade einen reichen Onkel haben. Aber leider funktioniert das sowieso nicht. Denn sobald das Publikum etwas umsonst haben kann, bringt es dafür keine Wertschätzung auf. Außerdem brauchst du ja immer noch einen Verleih, der deinen Film herausbringt. Und der lässt sich dann nicht mehr ohne weiteres finanzieren - die einzige Lösung wäre nur das Internet. Andererseits gelten nur die Filme, die im Kino gelaufen sind, als gut.

Sehen Sie Regisseure, die ähnlich radikale Ansätze verfolgen wie Sie?

Von den Etablierteren ist das vor allem David Lynch. Steven Soderbergh zum Teil - er macht es ähnlich wie ich früher, indem er kommerziellere und persönliche Projekte kombiniert. Es gibt auch viele jüngere Filmemacher: Wes Anderson, Paul Thomas Anderson, Alexander Payne oder Tamara Jenkins. Und manche davon sind sehr puristisch. Anstatt Aufträge für Geld anzunehmen, leben sie lieber unter schäbigen Umständen und arbeiten an ihren Drehbüchern, in der Hoffnung, dass ihnen jemand Geld dafür gibt.

Wie ist es mit Ihrer Tochter Sofia?

Die gehört natürlich dazu. Sie ist ein harter Brocken, das kann ich Ihnen sagen. Sie folgt nur ihren eigenen Maßstäben, und daher strahlen auch ihre Filme ihre Persönlichkeit aus. Sie mag eben nicht die üblichen Konfliktszenen, wo sich die Ehegatten gleich nach zwei Sekunden streiten und die Frau dann geht. Stattdessen verzichtet sie auf unnötige Dialoge und erzählt mit visuell-poetischen Mitteln. Aber auf diese Weise drückt sie ihren Film ihren eigenen Stempel auf.

Haben Sie noch die Energie, mit dieser jungen Generation mitzuhalten?

Meine Seele ist ja noch jung. Ein alter Mann kann das Gleiche machen wie ein junger, nur nicht so häufig. Fünf Tage die Woche halte ich den ganzen Stress des Filmemachens durch, aber bei sechs Tagen wird es kritisch. Mein Körper fällt eben doch langsam auseinander. Mein Übergewicht ist nicht zu übersehen.

Tun Sie nichts für Ihre Fitness?

Ein bisschen; aber damit kannst du das Alter auch nicht ewig auf Distanz halten. Die meiste Energie bekomme ich letztlich noch vom Kino. Wenn man mir sagt: "Geh die Stufen hoch", dann stapfe ich eben keuchend nach oben. Aber sobald es heißt: "Von da oben gibt es eine tolle Einstellung", dann renne ich, so schnell ich kann, hinauf. Es ist nur eine Frage der Motivation.

Was gibt Ihnen als Nächstes diese Motivation?

Ich drehe jetzt ein Familienepos in Argentinien. Durch "Jugend ohne Jugend" habe ich den Mut bekommen, wieder eigene Drehbücher zu schreiben. Das finanziere ich wieder selbst und muss niemanden um Erlaubnis fragen. Bislang ist es mir noch nicht gelungen, einen leidenschaftlich bewegenden Film zu machen - so wie Teile von "Rocco und seine Brüder" oder die Stücke von Tennessee Williams. Und vielleicht gelingt es mir mit diesem Familienepos. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich noch so eine Geschichte erzählen will, bevor ich aufhöre.

Hatte man Ihnen das Drehbuch dazu nicht gestohlen?

Man hatte uns Computer gestohlen, auf denen die aktuelle Fassung des Drehbuchs abgespeichert war. Zum Glück lag eine Neufassung auch bei unserem Hauptdarsteller. Ich könnte jetzt sagen: Das Skript war ein absolutes Meisterwerk, das unwiederbringlich verloren ist. Wenn der Film nicht so gut wird, könnte ich die Schuld auf die Einbrecher schieben.

Oder Sie könnten stattdessen noch einmal einen großen Kriegsfilm drehen - ein "Apocalypse Now" des Irakkonflikts.

Nein, so eine Art von Projekt fände ich nicht richtig. Mittlerweile zeigt man den Soldaten ja "Apocalypse Now", um sie für den Kampf heiß zu machen.

Ein bekanntes Phänomen: die späte Umwidmung eines Kunstwerks.

Deshalb sollte ein moderner Film über den Krieg eher so sein wie "Kundun", Martin Scorseses Dalai Lama-Biografie. Er müsste regelrecht Frieden ausdünsten, ein Film von Schönheit und Harmonie sein. Das ist die einzige Methode, wie man mit den Mitteln des Kinos einen Krieg stoppen könnte. Aber das wäre zu teuer; mein eigenes Geld würde dafür nicht reichen. Ich müsste alle möglichen Leute treffen: Rechtsanwälte, Banker, Studiomanager. "Hallo ich bin Francis Ford Coppola und ich brauche ihre Unterstützung."

Sie müssten Klinken putzen wie ein Neuling?

Und das kann Jahre dauern. Ich will Filme drehen, so lange ich noch gehen kann.

Interview: Rüdiger Sturm

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