Lade Inhalte...

Es hat ein Vermögen gekostet, authentisch zu sein

Immer mehr Frauen und Männer legen sich unters Messer von Schönheitschirurgen. Ist das moralisch verwerflich, weil damit der Natur ins Handwerk gepfuscht wird? Nein, sagen Kurt Bayertz und Kurt W. Schmidt. Sie zeichnen die Entwicklung vom Naturverständnis der Antike zum Ideal der Moderne nach.

09.05.2006 00:05
Der Mensch hat die Macht über den eigenen Körper erlangt: Tänzer des "Cloud Gate Dance Theatre". Foto: dpa

Zufrieden waren die Menschen mit ihrem eigenen Körper noch nie. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit in praktischen Dingen, sondern vor allem auch in ästhetischer Hinsicht. Heutzutage scheint die Kultivierung und Ästhetisierung des menschlichen Körpers mit Hilfe des Skalpells immer beliebter zu werden. Im Jahr 1999 sollen 4,6 Millionen Amerikanerinnen eine kosmetische Operation haben durchführen lassen; in Deutschland spricht man derzeit von 100 000 bis 400 000 Eingriffen jährlich. Dabei sind es längst nicht mehr allein die Folgen des Alterns, gegen die sich die Eingriffe richten, denn etwa ein Viertel aller Patientinnen ist 15 bis 25 Jahre alt. Und im Übrigen sind es nicht nur Frauen - jeder fünfte Eingriff wird heute an einem Mann durchgeführt.

Trotzdem lösen diese Eingriffe immer wieder Unbehagen aus. Solche Gefühle sind legitim, aber keine hinreichende Grundlage für ein moralisches Urteil. Aus der Vielzahl der Argumente, die vorgebracht werden könnten, möchten wir im Folgenden ein Argument herausgreifen und kritisch untersuchen: Verletzt der ästhetische Eingriff die Integrität der menschlichen Natur? Dazu müssen wir zuerst die Frage beantworten: Wie kann ein inhärenter Wert der menschlichen Natur begründet werden? Allerdings werden wir diese Frage nicht direkt zu beantworten versuchen, sondern einen indirekten Weg einschlagen. Wir werden nämlich zu zeigen versuchen, dass die Annahme eines inhärenten Wertes der menschlichen Natur starke metaphysische Voraussetzungen notwendig macht, für die Folgendes gilt: (1) diese Voraussetzungen sind nicht konsensfähig; (2) diese Voraussetzungen haben problematische Konsequenzen. Um dies zu zeigen, werden wir zunächst einen Blick zurück auf die antike Philosophie und ihr Verständnis von "Natur" werfen. Nahezu alle neueren Konzepte einer Revalidierung der - sei es äußeren, sei es menschlichen - Natur orientieren sich nämlich am Vorbild der Antike (auch wenn sie einräumen, dass es eine simple Wiederbelebung nicht geben kann). Ein solcher Rückblick lässt die Lasten erkennen, die wir uns aufbürden, wenn wir der menschlichen Natur einen inhärenten Wert zuschreiben.

Die Antike war von der Idee eines Kosmos ausgegangen, d. h. der Vorstellung einer endlichen, geschlossenen und geordneten Welt, in der jeder Prozess sein vorbestimmtes Ziel und jedes Ding seinen vorbestimmten Ort hatten. Der Begriff "Kosmos" bezeichnet daher eine sinnhafte Ordnung, in der Tatsachen und Werte nicht strikt voneinander zu trennen waren: Jeder Teil hat einen Bezug auf das Ganze und insofern auch einen Wert. Das gilt auch für den Menschen. Wie jedes andere Wesen nimmt auch der Mensch einen bestimmten Platz im Kosmos ein, und aus diesem Platz ergibt sich das Ziel seines Lebens. Die in den verschiedenen antiken Ethiken entworfenen Modelle gelungenen menschlichen Lebens haben ihren Rückhalt in einer metaphysischen Anthropologie, die wiederum Teil einer Kosmologie war.

Der Mensch ist autonom

Von diesem Bild grenzt sich die moderne Auffassung vom Menschen, wie sie sich seit der Renaissance herausgebildet hat, scharf ab. Diese Auffassung besagt auf der kosmologischen Ebene, dass die Natur kein geordneter Kosmos, sondern ein unendliches Aggregat von Tatsachen und Prozessen ohne inhärenten Sinn ist; und auf der anthropologischen Ebene, dass der Mensch in einem ethisch relevanten Sinne kein Teil dieser Natur ist. Während alle übrigen Lebewesen durch äußere Tatsachen und innere Determinanten in ihrem Verhalten festgelegt sind, ist der Mensch nicht fixiert. Auf dieser Grundlage haben sich nun verschiedene Ideen und Ideale entwickelt, die als konstitutiv für das neuzeitliche Bewusstsein angesehen werden können. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee der Freiheit. Insofern der Mensch nicht von Natur aus auf einen bestimmten Platz in der Welt oder auf einen bestimmte Lebensform festgelegt ist, kann (und muss) er darüber selbst entscheiden. Der emphatische Freiheitsbegriff der Neuzeit kommt in der Selbstschöpfung des Menschen zum Ausdruck: (a) Zum einen hat jedes Individuum die Möglichkeit Verschiedenes aus sich zu machen. Und diese Möglichkeit ist ein Wert - vielleicht der höchste überhaupt - und verdient als solcher nicht nur Respekt, sondern Schutz. (b) Zum anderen kann der Mensch auch als Gattung etwas aus sich machen: Er befindet sich (zumindest der Möglichkeit nach) in einem Prozess des Fortschritts und der Vervollkommnung. Dies schließt ein, dass der Mensch auch der Schöpfer seiner Moral ist - was aus religiöser Sicht jedoch sofort Widerspruch erregt. Wir wollen jedoch auf diesen Konflikt hier nicht näher eingehen, sondern festhalten, dass in einer säkularen Weltsicht, in der dem Menschen kein Platz und kein Plan vorgegeben ist, der Mensch sich die moralischen Gesetze seines Handelns selbst geben kann und muss. Es war bekanntlich Immanuel Kant, der diese Idee der Autonomie zur Grundlage seiner Ethik gemacht hat.

Werde Du selbst!

Wir sehen an dieser knappen Skizze, dass die genannten Schlüsselbegriffe der Moderne und ebenso die sich daraus ergebenden Konzepte von Individualität und Menschenwürde ihre Basis in einem Verständnis von äußerer Natur als einem bloß faktischen, nicht sinn- und werthaft strukturierten Zusammenhang und von menschlicher Natur als etwas Offenen und normativ Unverbindlichen haben. Um es pointiert zu sagen: Ohne ein "materialistisches" Weltbild keine Freiheit, keine Selbsterzeugung, keine Autonomie, keine Individualität und keine Menschenwürde. Es ist schwer zu sehen, wie diese Ideen - nicht nur im Hinblick auf die technische Manipulation des menschlichen Körpers - aufrechterhalten werden können, wenn die zugrunde liegende Naturkonzeption aufgegeben wird. Die Rückkehr zu einer starken Normativität der menschlichen Natur würde einschneidende Restriktionen des menschlichen Handlungsspielraums in allen Handlungsbereichen mit sich bringen. Wenn die obersten Lebensziele aus der Naturordnung abgelesen werden können, stehen sie nicht mehr für eine rationale Wahl zur Verfügung. Wer diesen objektiven Zielen nicht folgt, handelt irrational und (moralisch) falsch. Es bleibt dann nur noch die Wahl zwischen der einen richtigen Lebensweise und den vielen falschen Lebensweisen; eine Wahl zwischen verschiedenen richtigen Lebensweisen hätten wir nicht mehr. Das war auch die Auffassung von Platon gewesen. Mit einem Wort: Ein starker Begriff von Freiheit und Individualität ist mit einem starken Begriff einer "Natur des Menschen" nicht vereinbar.

Die hier skizzierten Überlegungen enthalten keine "Widerlegung" der Idee einer normativ verbindlichen menschlichen Natur. Sie haben aber - so hoffen wir jedenfalls - plausibel gemacht, dass eine solche Idee mit erheblichen Folgelasten verbunden ist. Wir müssten, wenn wir diese Idee ernst nähmen, gravierende Revisionen am Weltbild der Moderne vornehmen: Von der Metaphysik über die Ethik bis hin zum politischen Denken. So lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass Maßnahmen zur ästhetischen Umgestaltung der menschlichen Natur moralisch erst einmal nicht zu beanstanden sind, solange die betroffenen Individuen (a) über die mit diesen Maßnahmen verbundenen Risiken umfassend informiert worden sind und ihnen (b) frei zustimmen.

Authentizität ist das Ideal der Moderne. "Werde Du selbst!" ist die Aufgabe des modernen Menschen. Heißt dies aber, das, was in mir steckt und bereits vorhanden ist, offen zu legen und zu verwirklichen - oder das, was in mir als Potenzial angelegt ist, herauszuarbeiten? Der Aufruf "Werde Du selbst" greift dabei zurück auf tiefsitzende Mythen, die wir aus der Kindheit kennen, z. B. aus dem Märchen: Das hässliche Entlein wird wegen seines Äußeren geärgert, verletzt und verstoßen und erst dadurch gerettet, dass es im Wasser sein Spiegelbild erblickt und selbst erkennt, dass es ein schöner Schwan geworden ist.

Orden der Tapferkeit

Carl Elliott hat in seinem Buch "Better than Well" darauf verwiesen, dass wir im Kinderbuch-Klassiker "Der Zauberer von Oz" mit Wesen konfrontiert werden, die ihrer selbst nicht sicher sind: etwa mit dem ängstlichen Löwen. Der Zauberer heilt ihn, indem er ihm den Orden der Tapferkeit verleiht. Nun sieht alle Welt, dass der Löwe das Symbol der Furchtlosigkeit trägt, was dem Löwen selbst wiederum Sicherheit gibt. Diese Sicherheit kann jedoch nur deshalb nach außen treten, weil sie tief im Inneren des Löwen bereits vorhanden ist, wenn auch verschüttet war. Der Zauberer verändert somit nicht grundsätzlich die Natur des Löwen, sondern er verhilft ihm, zu sich selbst zu finden, er selbst zu werden, authentisch zu sein. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis einer gelungenen (Körper-)Veränderung: Die Unglücklichen gehen nicht zum Heiler, weil sie verbessert werden wollen, sondern weil sie sie selbst sein wollen. Allerdings gilt für manche: "Es ist ziemlich teuer, authentisch zu sein!", wie die Transsexuelle La Agrado in Pedro Almodovars Spielfilm "Alles über meine Mutter" im Hinblick auf die finanziellen Kosten ihrer zahlreichen kosmetischen Operationen einräumen muss.

Der Mensch der Neuzeit, so fasst es Wolfgang Reinhard in seiner Kulturgeschichte Europas zusammen, hat die Macht über den eigenen Körper erlangt. Dieser ist nicht mehr heilig oder unantastbares "naturgegebenes Schicksal", sondern veränderbar und formbar. Und wenn der Körper selbst als wichtiges Mittel in der beruflichen und sozialen Kommunikation gesehen wird, wenn der Einzelne sich selbst als Planer und Vollbringer des eigenen Schicksals betrachtet, dann ist er auch selbst verantwortlich für den eigenen Erfolg. Bei den rasanten Entwicklungen in der Leistungsgesellschaft scheint es dann für viele weniger der Wille oder der Zwang zu sein, der/die Erste, Beste und Schönste zu werden, als vielmehr die Angst, zurückzubleiben und aus (der Mitte) der Gesellschaft herauszufallen.

Jeder soll selbst entscheiden

Frauen von diesem Druck zu befreien und ihnen zugleich nichts vorzuschreiben, ist ein schwieriger Spagat feministischer Kritik. So hat Naomi Wolf in ihrem klugen und zornigen Buch "The Beauty Myth" zum einen aufgezeigt, wie Schönheitsideale gegen Frauen benutzt werden und dieses scharf angeprangert, musste aber einräumen, dass sie selbst Frauen nicht vorschreiben könne, keine kosmetischen Operationen durchführen zu lassen, ohne nicht selbst patriarchales Verhalten an den Tag zu legen: Folgerichtig weist sie darauf hin, sie möchte nur erreichen, dass eine "Frau das Recht haben soll zu entscheiden, wie sie selbst aussehen und was sie sein will", weil sie ihre Entscheidungen nicht vom Markt, bzw. der Schönheitsindustrie aufgezwungen bekommen soll. Oder vom (Lebens-)Partner.

Abschließend möchten wir zwei Thesen festhalten: (1.) Wenn es keine allgemein gültigen normativen Grenzen der menschlichen Natur mehr gibt, dann gibt es keinen Grund, chirurgische Eingriffe der Körperveränderung moralisch abzulehnen. (2.) Andererseits bleibt es für jedes Individuum legitim, sich die Idee einer normativ verbindlichen menschlichen Natur zu Eigen zu machen und der eigenen Lebensführung als Leitlinie zugrunde zu legen; die Integrität der menschlichen Natur ist dann ein Grundwert, ob einer Privat- oder Gruppenmoral, wie etwa auch einer Religions- und Glaubensgemeinschaft, die gemeinsame Werte und Normen teilt. Hier können wichtige Impulse ausgehen, gesellschaftlichen Trends gerade nicht zu entsprechen und dem Zwang der Selbstveränderung nicht zu erliegen. Allerdings wäre es nicht legitim, dies zur Basis eines (universal)moralischen Werturteils über die Handlungen anderer Individuen zu machen.

Das Buchno body is perfect.Baumaßnahmen am menschlichen Körper. Hrsg. von JohannS. Ach und Arnd Pollmann, Transcript-Verlag, Bielefeld 2006.335 S., 27,80 EuroISBN 3-899424-271

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen