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Eine unbeugsame, mutige und weltbekannte Frau

Die Journalistin Anna Politkowskaja mischte sich in die die Politik der Mächtigen ein und bezahlte dafür mit ihrem Leben / Auszüge aus ihrer Arbeit Video-Nachrichten: Russland trauert um Anna Politkowskaya

13.10.2006 00:10
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Aufmerksame Zuhörerin: Anna Politkowskaja. Foto: Nowaja Gazeta

Den 19-jährigen Wehrpflichtigen Andrej Sytschow fesselten und schlugen betrunkene militärische Vorgesetzte an Sylvester 2005 stundenlang. Danach verweigerten sie ihm medizinischen Beistand. In der Folge mussten dem Mann beide Beine, die Genitalien und ein Finger amputiert werden.

Dazu schrieb Politkowskaja:

"Während Andrej Sytschow im Moskauer Militärkrankenhaus lag, hielt sich auch seine Mutter dort auf und übernachtete auch im Krankenhaus. Eines Abends lernte sie einen Mann kennen, der sich als ein Geschäftsmann aus St. Petersburg vorstellte. Schnell schöpfte sie Vertrauen zu ihm und er zeigte sich fürsorglich, schenkte Andrej einen Notebook. Zeitgleich gab das Verteidigungsministerium bekannt, dass es für die Familie Sytschow eine Wohnung gekauft habe. Der neue Bekannte drängte die Mutter wenig später, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Wie sollte es weiter gehen? Der Beschuldigte bekäme sicherlich nur eine milde Strafe, die kostenlose Behandlung werde eines Tages enden und erst recht die Kosten für Prothese (…) Es waren die schmerzhaftesten Themen für die Mutter. Der neue Bekannte machte den letzten Schritt und hielt der Mutter Andrejs ein Papier vor: ‚Ich, Andrej Sytschow, widerlege alle meine früheren Aussagen, weil ich mich unter Einfluss von Medikamenten befand.' Seine körperlichen Gebrechen sollte er mit Zeugnis eines Beamten als Folge einer Krankheit ausgeben. Die kostenlose Behandlung und die geschenkte Wohnung waren Teil einer Strategie, der Käuflichkeit der Familie Sytschow. Im Tausch gegen den Widerruf der Aussage sollte die Familie 100 000 Dollar erhalten, eine Zwei-Zimmer-Wohung in Moskau oder eine Drei-Zimmer-Wohung in St. Petersburg. (…)"

*

"Während der Verhandlungen des Falles Sytschow bestätigte der Leiter des besten militärischen Krankenhauses des Landes die Version des Verteidigungsministeriums. Danach seien die körperlichen Gebrechen von Sytschow die Folge einer vorher nicht erkannten Erbkrankheit. Die Richter bewegten sich auf einem schmalen Weg. Die zivilen und militärischen Ärzte gaben gegenteilige Aussagen. Folglich bedeutet es, dass eine der beiden Gruppen log. Das Problem ist nun, dass ohne ein ärztliches Gutachten das Gericht kein Urteil fällen kann. (…)"

Erschienen in der Nowaja Gaseta

am 15. Juni 2006 und 14. August 2006

Politische Repression: Zur Verurteilung einer Gruppe junger Natioanlisten und zur Verurteilung Michail Chodorkowskijs, ehemaliger Chefs des Öl-Konserns Jukos.

"Im Dezember verurteilte ein MoskauerGericht acht von 39 jungen nationalistisch eingestellten Menschen zu dreieinhalb Jahren Haft, weil sie sich gewaltsam Einlass in das Vorzimmer des Präsidenten verschafft hatten. Selbstverständlich ist dieser Fall der Nationalisten nicht identisch mit dem Fall des Chodorkowskij. Allerdings ist dieser Fall und die früheren Urteile über Angehörige von Jukos ein Indiz für eine besondere Entwicklung der Justiz, die dem Willen der Regierung zu entsprechen sucht. Der Fall Chodorkowskij gilt als politisch motiviert. Der Fall sei keineswegs rein politisch meldeten die Mächtigen, den schließlich ginge es um Diebstahl am Volkseigentum, und wir Ehrlichen müssten darüber richten. Und viele Mächtigen glaubten dem auch, denn in unserem wunderbaren Land, in dem Reiche gehasst werden, ist die anti-oligarchische Volksfront stark aufgestellt. Allerdings haben wir nun nachdem nur politisch motivierten Urteil bei Chodorkowskij eine eindeutig politischen Urteil bei den Nationalisten erhalten. Die sitzen nun wegen ihres politischen Verhaltens. Und basta.

Wer wird der nächste sein? Vielleicht wegen eines schiefen Blicks auf Putin? Vielleicht werden sich auch all die Mächtigen zur Verfolgung von Menschen veranlasst fühlen, wenn ihnen etwas bei Reden oder Transparenten nicht passt? Das Leben der Ermittlungsorgane würde einfacher werden: Man hört sich die Stimmen der Demonstranten an, filmt sie auf Video - und ab in ins Lager. (…)"

Erschienen in der Nowaja Gaseta

am 12. Dezember 2005

Terroristen besetzten im September 2004 eine Schule in Beslan. Bei der Erstürmung durch reguläre Truppen wurden 331 Menschen getötet. Politkowskaja wertete Unterlagen des russischen Geheimdienstes FSB aus:

"Bereits am 1. September, einen Tag vorder Geiselnahme, hatte die russische Polizei bei einer Kontrolle in der Stadt Schali einen verdächtigen Mann fesgenommen. Bei seiner Vernehmung kam heraus, dass in Beslan eine Schule in Geiselhaft genommen werden sollte. Das waren keine Gerüchte. Es waren eindeutige Beweise, die am 1. September um fünf Uhr morgens bekannt waren. Und was geschah? Nichts.

Es gab keine erhöhten Sicherheitsvorkehrungen für die Schulen in Beslan. Es gab keine Kontrollen in den Wäldern, durch die die Wege nahc Beslan führen. Diejenigen, die den Verdächtigen befragten hatten, legten sich danach einfach ruhig schlafen. Die wurden auch später nicht vor Gericht gestellt. Das Innenministerium hat die Versäumnisse zur Verhinderung des Terroranschlags nicht einmal als ein schweres dienstliches Vergehen gewertet.

Viele Monate lang nach der Geiselnahme wird die Direktorin der Schule einem starken psychischen Druck ausgesetzt und zwar mit Hilfe der Ermittler - sie schürten vorsichtig die Wut der Betroffenen gegen die Schulleiterin. Zum Beispiel deswegen, dass sie falsche Handwerker in die Schule eingelassen hatte, die dort Waffen versteckt hatten. Die Ermittler lenkten die Wut von sich ab, sie wussten, dass dies nicht stimmt."

Erschienen in der Nowaja Gaseta

am 28.08.2006

Im Moskauer Theater Nord-Ost wurden 2002 von Terroristen mehrere hundert Geiseln genommen. Bei der Befreiung durch russische Streitkräfte starben mehr als hundert Menschen.

"Die Ermittlungen zur Geiselnahme imTheater Nord-Ost in Moskau im Oktober 2002, die mit dem Einsatz eines Todesgases gegen die Terroristen und Geiseln beendet wurde, führten zu keinen Ergebnissen. Es gab keinen Prozess zu "Nord-Ost", wie etwa im Fall von Beslan. Auch wurde kein Terrorist bei der Operation am Leben gelassen - folglich bedeutet es, dass dadurch die Möglichkeiten getilgt wurden, Informationen zu erhalten. Es gab auch keine parlamentarische Kommission, wie im Fall von Beslan, die der Präsident nun abstrafen könnte. Dafür verfügte eine Ermittlungsgruppe der Moskauer Staatsanwaltschaft über die volle Deutungshochheit der Wahrheit in diesem Fall und machte mit der Wahrheit alles, was sie wollte - sie verwischte sie und zerstreute sie, bis ad absurdum. Dafür aber haben Überlebende und Angehörige der Opfer von "Nord-Ost" detaillierte Berichte verfasst. So berichtete eine Frau, dass die tschetschenischen Terroristen ihnen ausdrücklich erlaubt hätten, mit Angehörigen zu telefonieren. Die Geiseln hätten auch Nahrung und Getränke vom Buffet im Theater nehmen dürfen.

Nachdem das Gas eingesetzt wurde und viele Geiseln starben, wurden ihre Angehörigen allein und ohne Informationen gelassen. Ein Vater berichtete, er wisse genau, dass seine Tochter vor dem Einsatz des Gases wohlauf war. Sie starb bei dem Einsatz. Er erfuhr von den Behörden keine weiteren Informationen über ihren Tod."

Erschienen in der Nowaja Gaseta

am 15.05.2006

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