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Eine Nacht im Schlepptau Der König aus Dinslaken

Michael Wendler meint, er mache nicht die beste Musik. Und er könne auch nicht besonders gut singen. Dennoch hält er sich für einen der größten Schlagerstars in Deutschland. Der Erfolg gibt dem gelernten Speditionskaufmann recht.

08.10.2008 00:10
Judith Kessler
"Wenn der Wendler kommt, dann kommt Hollywood", sagt Michael Wendler über sich und seine Bühnenshows in den Großraumdiskotheken auf Mallorca und im Ruhrgebiet. Foto: Djeddi

BOTTROP, 20 UHR. Stefan Schwandt steht neben seiner Frau und Freunden und brüllt. Es ist German Pop Night im Warner Brothers Movie Park. Schlagerparty im Vergnügungspark, und Stefan Schwandt wartet auf den Star des Abends.

"Wir wollen den Wendler sehen, wir wollen den Wendler sehen", fordert er im Chor mit rund hundert weiteren Fans. Wendler heißt mit vollem Namen Michael Wendler, ist Schlagersänger und soeben hinter der Bühne eingetroffen. Auf der steht noch der Sänger aus dem Vorprogramm. "Du hast gewärmt wie alter Whiskey", singt er - und das gleich zweimal. Es ist vermutlich sein einziger Hit. Dem Publikum ist es egal - es grölt und schunkelt mit. Doch kaum hat der Barde die Bühne in der kleinen Konzerthalle verlassen rufen die Sprechchöre wieder nach Wendler, und Stefan Schwandt fällt wieder mit ein. Schwandt ist 37, Elektroingenieur und Wendler-Fan - "Mega-Fan", wie auf seinem knallroten T-Shirt steht. Am Wochenende fährt er von Auftritt zu Auftritt. Heute Abend hat er sich drei vorgenommen. Schwandts Frau und seine Freunde sind auch Wendler-Fans. Das hilft. "Wenn du Pop-Schlager magst, kommt du am Wendler nicht vorbei", sagt Schwandt. Den Begriff Pop-Schlager hat sich Michael Wendler markenrechtlich schützen lassen. Er habe ihn schließlich erfunden. Pop-Schlager, das sind deutsche Schlagerlieder mit schnellen Bässen und künstlicher Synthesizer-Musik.

Hinter der Bühne macht sich Michael Wendler bereit für seinen Auftritt. Er tauscht seinen Boss-Anzug gegen eine dunkelblaue Jeans und ein weißes Hemd. Das lässt er weit aufgeknöpft, so dass jeder freien Blick auf die dicke, silberne Rosenkranz-Kette von Dolce&Gabbana und seine Brustbehaarung hat. Er streicht noch ein bisschen Gel in die kurzen, dunklen Haare und sprüht sich mit Davidoff Cool Water ein wie andere mit Haarspray.

Michael Wendler hieß mal Michael Skowronek, ist gelernter Speditionskaufmann aus Dinslaken und hat sich inzwischen selbst zum "König des Pop-Schlagers" gekrönt. Tatsächlich ist er im Paralleluniversum der Ballermann-Biergärten und Schützenfestzelte ein Star. Michael Wendler füllt die Mega-Arena auf Mallorca, Großraumdiskotheken und Stadthallen. Einmal im Jahr mietet er die Arena Oberhausen und spielt vor 12 000 Fans. Zwölf Alben hat Wendler in den vergangenen sieben Jahren bei seiner eigenen Plattenfirma veröffentlicht und dann bei seinen Auftritten verkauft. In den Charts fand Wendler daher nicht statt. Bis ihn im vergangenen Jahr die Sony BMG entdeckte und unter Vertrag nahm. Sein aktuelles Album schoss direkt nach Veröffentlichung auf Platz 11 der deutschen Charts und kann sich seit 20 Wochen in den Top100 halten. Vor kurzem gab es die erste Goldene Schallplatte. "Gott ist ein Wendler-Fan", sagt Michael Wendler. Anders könne er sich seinen Erfolg nicht erklären. Sein größter Fanclub zählt über 1700 Mitglieder, Wendler nennt sie seine "Armee".

In Bottrop will die Armee jetzt den Wendler sehen und der lässt sich nun nicht länger bitten. Aus den Boxen dröhnen Bassdrum und Synthesizer. Ein Sound, der ein bisschen an die musikalische Untermalung von Aerobic-Kursen erinnert. Auf die Bühne springen zwei solariumgebräunte Jünglinge im Matrosenanzug, hüpfen im Takt auf und ab - dann kommt auch Wendler auf die Bühne. Hüpft ein bisschen mit, brüllt: "Die Arme! Von rechts nach links!" und klingt dabei tatsächlich so wie ein Fitnesstrainer. Aber Wendler gibt nicht nur Instruktionen, er singt auch. "Echolot - ich such dich mit dem Echolot, ich habe schon Nord-, Ost-, Süd- und Westverbot, doch ich such dich mit dem Echolot". Die Masse singt mit. Das ist bei Wendler-Liedern nicht schwer. Die Texte sind einfach, die Melodien klingen ähnlich. Die Songs kündigt Michael Wendler so an, wie ein Kirmessprecher die nächste Runde Autoscooter ankündigen würde.

"So, Mädels", sagt er nach zwei Songs. "Soll der Wendler sich nackig machen?" Die Mädels - Frauen zwischen Mitte 30 und Anfang 50 - kreischen und Wendler öffnet sein weißes Hemd noch ein Stückchen weiter. "Wenn das Publikum richtig geil ist, knöpfe ich mir das Hemd bis zum vorletzten Knopf auf und dann gibt es beim Wendler auch immer noch so Spielchen mit der Brustwarze", wird Michael Wendler später auf dem Weg zum nächsten Auftritt erklären.

Hier auf der Bühne in Bottrop hält er die Zeit für seinen neuen Hit gekommen. Und dafür bietet Wendler alles auf, was der Wendler so aufbieten kann. Was bei anderen Sängern die Backgroundtänzerinnen sind, das sind beim Wendler die Wendler-Fire-Stars. Die hat der Wendler in der Stadthalle in Oberhausen entdeckt. Wenn die Wendler-Fire-Stars nicht hinter dem Wendler auf der Bühne stehen, feuern sie als Cheerleader die Basketballmannschaft "New Baskets Oberhausen" und das Eishockeyteam "Füchse Duisburg" an.

GREVENBROICH, 23 UHR. "Wenn der Wendler kommt, dann kommt Hollywood", erklärt Wendler auf dem Weg von Bottrop zu seinem nächsten Auftritt. Heute Abend soll Hollywood auch nach Kapellen kommen. Kapellen ist ein Ort bei Grevenbroich und feiert einmal im Jahr ein Sommerfest - inklusive Kuhfladenlotterie. Höhepunkte des Abends sind ein Feuerwerk und Wendler.

Der lässt sich gerade über die Autobahn chauffieren. Für die Fahrt hat er sein Bühnenoutfit wieder abgelegt und trägt jetzt Jeans, ein schwarzes Satinhemd im Knitterlook unter einem Boss-Sakko. "Nenn mich ruhig 'Micha'", sagt Wendler zu Beginn des Gesprächs. Es wirkt freundlich, nicht anbiedernd. Wendler nimmt einen Schluck Energy Drink aus der Dose und erzählt die Geschichte seines Aufstiegs.

Vor rund zehn Jahren löste er seinen 20 000-Mark-Bausparvertrag auf und nahm in einem Kellerstudio eine erste CD mit selbstgeschriebenen Songs auf. "Ich wollte der Nachwelt etwas Bleibendes hinterlassen", sagt er mit einer Ernsthaftigkeit, mit der ein Achtjähriger seinem Vater kundtut, er werde einmal Feuerwehrmann, wenn er groß is¸seit. 1998 gewann er die "Deutsche Schlagertrophäe" als bester Künstler, Texter und Interpret beim Talentwettbewerb des Verbands der Musikschaffenden.

Dann kamen Auftritte in Diskotheken und schließlich zwangsläufig Mallorca. Dort hatte er es nicht leicht. "Die Fäkalsprache ist einfach nicht so meins", sagt er. Erfolgreiche Ballermann-Hits tragen Titel wie "Zehn nackte Friseusen", "Ich hol dir einen runter", "Wir wollen die Möpse sehn" oder schlicht "Pillemann". Wendler singt von Prinzessinnen, dem schönsten Girl der Welt und der Liebe zu seiner Tanzlehrerin. Bei so etwas braucht das Ballermann-Publikum etwas länger, um warm zu werden.

Seinen Durchbruch hat Wendler der Kommunalregierung von Mallorca zu verdanken. Die hat vor drei Jahren die Lärmgrenze für Diskotheken drastisch gesenkt. "10 nackte Friseuren" klingt allerdings auf halber Lautstärke nur halb so gut. Und wenn aus Lärmschutzgründen nicht mitgegrölt werden kann, ist der Spaß dahin. Schlager dagegen klingt auch bei für mallorquinische Verhältnisse gedrosselter Lautstärke gut. Plötzlich feierte Schlager auf der Insel sein Comeback und Michael Wendler seinen Durchbruch mit dem Hit "Sie liebt den DJ".

Jetzt hat Wendler eine Mission, wie er es nennt. "Wir wollen den Schlager in Deutschland wieder groß machen. Und Wendler will der größte Schlagersänger Deutschlands werden." Seine Erfolgsstrategie ist simpel: "Ich mache einfach mehr als jeder andere." 300 Auftritte hat Wendler pro Jahr, jeden Mittwoch spielt er auf Mallorca. Sein Geld verdient er durch seine Auftritte, von seinen Plattenverkäufen könnte er nicht leben. Rund 7000 Euro nimmt er für knappe 45 Minuten. Ein Udo Jürgens verlangt mindestens das Doppelte. Während seine Kollegen Autogrammstunden abhalten, gibt es bei Wendler "Knutsch- und Knuddelstunden". Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. "Der Wendler ist ein Star zum Anfassen", sagt Wendler. Zu viel werde ihm das nicht. "Ich mag Menschen."

Im Erftstadion in Kapellen warten heute Abend rund Zweitausend auf ihn. Ein paar Dorf-Halbstarke werfen Strohhalme und Papier auf die Bühne. Wendler stört das nicht. "Wenn du auf Mallorca aufgetreten bist, hast du vor nichts mehr Angst."

Im Publikum stehen auch wieder Stefan Schwandt und Freunde. So macht man das als Mega-Fan: Hat Wendler an einem Abend mehrere Auftritte, dann versucht man auch bei allen dabei zu sein. Auch wenn ein Wendler- Auftritt dem anderen bis ins kleinste Detail gleicht. Stefan Schwandt ist das egal. Ihm geht es um die Party.

Wendler-Songs sind Partysongs. "Sie müssen vor allem auf der Bühne funktionieren und so komponieren wir sie auch", sagt Wendler-Produzent Hermann Niesing. "Sobald die typische Wendler-Bassdrum einsetzt, muss er die Leute auf seiner Seite haben." Niesing wurde dem Wendler von seiner neuen Plattenfirma an die Seite gestellt. Seine Aufgabe besteht offenkundig darin, die Kreativität und Fantasie Wendlers etwas zu bändigen. 300 Songs hat der bislang allein komponiert und produziert. Und wenn es nach ihm ginge, könnte es so weitergehen. Doch seine neue Plattenfirma will lieber Klasse statt Masse. Also singt Wendler Niesing seine Songs am Telefon vor und der setzt sie um. Die Texte schreibt Wendler immer noch selbst. "Ich würde ihm da schon manchmal ganz gern reinreden, aber er lässt sich nichts sagen", sagt Produzent Niesing. Aber es funktioniert ja auch so. "Wenn alle Stricke reißen, ich spring für dich vom Bungeeturm", singt Wendler auf dem Fußballplatz in Kapellen, die Menge grölt.

Nur wenige Meter entfernt steht Mirjam Babst und schaut ein bisschen verliebt in Richtung Bühne. Die 33-jährige Kassiererin wohnt in Eberswalde und ist heute Morgen 700 Kilometer gefahren, um Wendler zu sehen. So macht sie das schon fast vier Jahren. "Ich richte meine gesamte Urlaubsplanung nach den Wendler-Konzerten". Pro Monat investiert sie mehrere hundert Euro in ihr Hobby. Warum ausgerechnet Wendler und nicht Jürgen Drews? "Der Wendler, das ist einer von uns", sagt sie und dann muss sie sich beeilen. Um ein Uhr hat der Wendler seinen nächsten Auftritt rund 70 Kilometer von Kapellen. Den will sie nicht verpassen.

OBERHAUSEN, 1 UHR. Der letzte Auftritt heute ist ein Heimspiel. Die Oberhausener Steffy, eine Großraumdiskothek in einer ehemaligen Turbinenhalle, ist so etwas wie Michael Wendlers Hauptquartier. Bereits auf dem Weg zur Garderobe wird er von kreischenden Fans begrüßt.

Wendler stellt keine hohen Ansprüche an seine Künstlergarderobe. Ihm reichen ein Stuhl, ein Spiegel und eine Tür, die er hinter sich zumachen kann, wenn er kurz vor dem Auftritt allein sein möchte. So steht es zumindest in seinem Vertrag. In der Realität findet sich Wendler oft in einer Kabine auf der Herrentoilette eines Fußballvereinsheims wieder oder - so wie heute Abend in Oberhausen - in einem winzigen Kämmerlein gemeinsam mit seinen Tänzern und Cheerleadern.

"Ihr wisst ja, der Wendler ist der ärmste Schlagersänger Deutschlands", erklärt Wendler seinem Publikum in Oberhausen. "Wer von euch ist noch ärmer dran?" Es heben sich ein paar Arme. Wendler zeigt sich großzügig und wirft ihnen seine neueste Single zu.

Die Masche ist neu und eine Reaktion auf Medienberichte über seine Millionen-Insolvenz, die er vor Jahren nach der Übernahme der Spedition seines Vaters einreichen musste. Weil er als Schlagersänger ganz gut verdiente, ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Insolvenzverschleppung. "Mir gehört nichts", verkündete Wendler damals im Kölner Express. Er sei als Schlagersänger bei der Firma seiner Lebensgefährtin angestellt und beziehe nur ein kleines Gehalt. "In Wahrheit bin ich der ärmste Schlagersänger Deutschlands." Damit kokettiert er jetzt auch auf der Bühne, genau so wie mit dem Nackig-Machen. Natürlich fragt er danach auch in Oberhausen und natürlich schreien auch hier alle wieder "ja". Am lautesten die zwei Mädchen in der ersten Reihe in den schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift "Wendler-Luder". Auch Mirjam Babst trägt ein T-Shirt. "Wendler-Girl" ist darauf zu lesen. Mit einer Freundin steht sie jetzt etwas am Hintereingang der Diskothek und wartet auf den Wendler. Sie will noch ein Autogramm. Dann hat sich der Abend erst richtig gelohnt.

Dinslaken, 3 Uhr

Er würde manchmal ganz gern wissen, was in den Köpfen der Leute vorgeht, sagt Michael Wendler, als er wieder hinter den getönten Scheiben seiner Limousine sitzt. Und dann erzählt er die Geschichte von einer Familie, die ihn seit Jahren überall hin verfolgt. Die nachts mit ihren zwei Kindern an seinem Haus in Dinslaken vorbeifährt und kontrolliert, ob er auch schläft. Seit dem vergangenem Jahr hat er ständig einen Bodyguard an seiner Seite. Er fühlt sich dann sicherer.

Sein Privatleben hält er weitestgehend geheim. Mehr oder weniger freiwillig. "Ich würde ja sofort eine Homestory machen, aber meine Lebensgefährtin ist dagegen." Mit Claudia ist er seit 18 Jahren zusammen, sie war noch auf keinem seiner Konzerte. "Sie hat damals gesagt, mach du deine Musik, aber lass mich da raus." Auch seine sechsjährige Tochter soll aus der Öffentlichkeit ferngehalten werden. So weiß man nur, dass sein Vater seine Mutter nach 34 Ehejahren verlassen hat - für eine jüngere Frau aus dem Wendler-Fanclub Dinslaken.

Es reicht, dass die meisten Fans Wendlers Haus in einem ruhigeren Viertel in Dinslaken kennen. Auch heute haben Fans wieder Kerzen vor seiner Tür angezündet, auf den weißen Steinstufen liegen Geschenke für ihn: eine rote Rose, eine Flasche frische Milch und ein Liebesbrief. Vor ein paar Tagen war es ein Schälchen Erdbeeren mit Sahne, manchmal ist es Schokolade, manchmal Stofftiere. Ein Name ist nie dabei.

Verstehen kann er sie ja, seine Fans. "Ich bin vielleicht nicht der beste Sänger, mache vielleicht nicht die beste Musik und sehe vielleicht nicht am besten aus. Aber ich bin ein geiler Typ."

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