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Ein Forschungsreisender des Lebens

Für sein Engagement um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden erhielt der Verleger Hubert Burda am Donnerstag in Berlin den höchsten Preis, den der Zentralrat der Juden in Deutschland zu vergeben hat.

03.11.2006 00:11
German publisher Hubert Burda stands in front a portrait of late Rabbi Leo Baeck as he makes a speech in Berlin
Im Angesicht Leo Baecks: Hubert Burda bei seiner Dankesrede in Berlin. Foto: rtr

Hubert Burda geht mit der Geschichte des elterlichen Verlagshauses in den Jahren des Nationalsozialismus, als sich der Druckereibetrieb der Familie Burda durch das kaufmännische Geschick des Senators Franz Burda zum prosperierenden Verlag entwickelte, offensiv um. Ein schwieriges Erbe, mit dem sich der Sohn schon Jahrzehnte bevor er die Nachfolge des Vaters an der Spitze des Unternehmens antrat, auseinander setzen musste. Ausgangspunkt ist die existenzielle Notlage, in welche die jüdischen Druckereibesitzer Berthold, Ludwig und Karl Reiss durch die Arisierungsgesetzgebung der Nationalsozialisten geraten waren. Auf Grund der zwischen 1933 und 1938 rigoros vorangetriebenen Enteignung der jüdischen Bevölkerung sahen sich die Gebrüder Reiss gezwungen, sich von ihrem Unternehmen zu trennen.

Das streng auf Legalität bedachte so genannte Arisierungsverfahren lief überall im Reichsgebiet nach dem gleichen Muster ab: Arisierungsinteressent, finanzierende Bank, profitierende Parteigenossen und ein willfähriges Finanzamt arbeiteten Hand in Hand. Jüdischen Geschäftsleuten wie Berthold Reiss und seinen Brüdern blieb keine andere Wahl, als ihren Besitz - ein seit Generationen aufgebautes Lebenswerk - weit unter Wert zu verkaufen. Die Folgen der "Arisierung" jüdischen Eigentums waren für die betroffenen Menschen dramatisch. Auch wenn, wie im Falle Burda, nach dem Krieg noch Entschädigung geleistet wurde, lassen sich die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen nicht in Zahlen ausdrücken. Die Betroffenen waren genötigt, sich selbst und ihre Angehörigen der Existenzgrundlage zu berauben. Franz Burda, seit 1938 NSDAP-Mitglied, erwarb das Mannheimer Unternehmen und damit eine der größten und modernsten Druckereien im Deutschen Reich zu äußerst günstigen Konditionen. Über mögliche moralische Bedenken halfen die damaligen Gesetze hinweg. Sein Vorgehen war zu diesem Zeitpunkt längst gängige Praxis: 1938 waren bereits zwei Drittel der etwa 100 000 von Juden unterhaltenen selbstständigen Betriebe aufgelöst oder "arisiert".

Die Tatsache, dass zehntausende andere Geschäftsleute das Schicksal der Gebrüder Reiss teilten und sich die Käufer auf Recht und Gesetz berufen konnten, relativiert nicht das damals begangene Unrecht. Die nationalsozialistische Gesetzgebung gründete auf Menschenverachtung. Dieses Kapitel der Geschichte des Burda-Verlages ist ein exemplarisches Stück deutscher Geschichte. Es ist ein Lehrstück für kommende Generationen über die Frage nach Schuld und Gewissen, nach Verstrickung und Umgang mit dieser Erblast. (…)

"Was kann ich tun, damit dieser Teil der deutschen Geschichte nicht vergessen wird?" - diese vor Jahrzehnten im Zuge der Beschäftigung mit der Geschichte des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens gestellte Frage Hubert Burdas wirkt seitdem als Antrieb, um Worten konkrete Vorhaben folgen zu lassen. Die gemeinsam mit den Verlegerkollegen von Springer, Bertelsmann und Bauer gestartete Initiative "Partner für Toleranz" beispielsweise - der unter anderem großzügige Spenden für die Shoah-Foundation von Steven Spielberg und des gerade fertig gestellten Zentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München zu verdanken sind - steht für das Anliegen, die Erinnerung an das Unfassbare wach halten zu wollen.

Viele derer, die sich mit finanziellen Mitteln oder ehrenamtlichem Einsatz für jüdische Belange engagieren oder Projekte gegen das Vergessen unterstützen, betreiben dies auch aus der Hoffnung heraus, die Epoche der so genannten deutsch-jüdischen Symbiose ließe sich wieder beleben. Dem liegt ein Missverständnis zugrunde: Die Juden, die im Zeitalter der Emanzipation bis Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland lebten, waren, obwohl sie sich vorbehaltlos als Deutsche fühlten, in ihrer Mehrheit keineswegs voll integrierter Teil des deutschen Alltagslebens. Die Namen noch so prominenter deutscher Juden ändern nichts daran. Zudem ist die jüdische Lebenswelt, wie sie vor 1930 in Deutschland existierte, durch das nationalsozialistische Menschheitsverbrechen endgültig zerstört worden. Was folgte, war keine Wiederbelebung des einstigen deutschen Judentums, sondern ein Neuanfang auf dem brüchigen Fundament Millionen Toter und zerstörten oder geraubten Besitzes. Entstanden ist zwischenzeitlich eine rund 100 000 Menschen zählende, mit Vergangenem nicht zu vergleichende neue jüdische Gemeinschaft in Deutschland.

Hubert Burda fällt es schwer, dies zu akzeptieren. Im Verlauf unseres abendlichen Gesprächs in der Bibliothek seines Hauses ist Trauer über die unwiderruflich vergangene deutsch-jüdische Epoche der Vorkriegszeit zu spüren. Wie hoffnungsvoll, so Hubert Burda schwärmerisch, hatte sie doch mit Moses Mendelssohn, Rachel Varnhagen und Henriette Herz begonnen, mit jenen Salons als Keimzelle einer literarischen Öffentlichkeit und des deutsch-jüdischen Gespräches. Das Salongespräch, so mein Einwand, fand in einem gleichsam exterritorialen Raum statt und hatte in der Regel die Taufe der "jüdischen Teilnehmer" zur Voraussetzung - zu Gegeneinladungen von nichtjüdischer Seite ist es nie gekommen. Und auch die vermeintliche deutsch-jüdische Symbiose war das passagere Phänomen einer einzigartigen Übergangszeit, in der deutsch-jüdische Kultur, aus der verzehrenden Reibung zweier unterschiedlicher Kulturkreise, einem Funkenregen gleich entstand und mit einem sich in überragenden Kulturproduktionen aufreibenden originären Judentum verging.

Auch wenn sein Verstand dies im Laufe unseres Gesprächs akzeptiert: sein Wille, sein Wunsch, seine Vision sträuben sich dagegen. Er glaubt fest an die erneut begründbare "Tradition eines jüdischen deutschen Denkens - nicht mit Bindestrich", so Hubert Burda wörtlich, "sondern als Teil der deutschen Geschichte in einer anderen religiösen und kulturellen Tradition". Aus dem einstigen Paradies, dessen ist er sich bewusst, sind wir endgültig vertrieben und können, nachdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, dorthin nie wieder zurückkehren. Aber an dessen Stelle sei Utopia getreten, jenes von Thomas More erdachte Land, in dem ein gesellschaftlicher Idealzustand herrscht: danach gelte es zu streben.

Hubert Burda hat sich mit seinem aus Überzeugung gewachsenen persönlichen Einsatz im Rahmen des komplizierten jüdisch-deutsch-israelischen Beziehungsgeflechts vorbehaltlos an die Seite des deutschen Nachkriegsjudentums gestellt. Er trägt seinen Teil dazu bei, die große Anstrengung der Integration von inzwischen fast 100 000 zugewanderten Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten voranzubringen. Das Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München auf dem Jakobsplatz, dessen Bau von Hubert Burda großzügig unterstützt wurde, wird die Eingliederung der Einwanderer und deren Nachkommen und damit die Stärkung jüdischen Lebens in Deutschland weiter fördern. Der Bau ist zugleich Stein gewordenes Symbol für das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft in die demokratische Stabilität der Bundesrepublik Deutschland.

Ein gesellschaftliches Klima der Toleranz und Weltoffenheit zählt denn auch zu den wichtigsten Voraussetzungen, um jüdischen Zuwanderern die Eingliederung in die jüdische Gemeinschaft als Teil der deutschen Gesellschaft zu erleichtern. Nicht zuletzt in Respekt vor dem Wirken Leo Baecks in den Nachkriegsjahren verbindet sich mit der Verleihung dieses Preises auch die Hoffnung, die Integration jüdischer Zuwanderer im gesamtgesellschaftlichen Interesse tatkräftig zu unterstützen. So düster Baecks Prognose nach der Befreiung der Konzentrationslager für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft auf deutschem Boden auch gewesen war: fest steht, dass er vielfältigen Kontakt zu den ersten Gemeinden im Nachkriegsdeutschland hielt, ihre - wie er es nannte - "Vermehrung" wohlwollend begleitete. 50 Jahre nach dem Tod Leo Baecks in London, da die jüdische Gemeinschaft in Deutschland stärker wächst als je zuvor seit Kriegsende, erhalten dessen Worte erneut Aktualität: "Eine Erde geht und eine Erde kommt, aber der Mensch bleibt - der Mensch und seine Pflicht. Mit diesen Worten gedenken wir des Vergangenen, mit ihm grüßen wir die Zukunft."

Mit fortschreitendem Abend wird das Gespräch im Hause Burda zunehmend persönlicher. Wir kommen auf seine Affinität zum Judentum zu sprechen. Woher sie stamme, könne er nicht benennen. Bei aller Bindung an Bayern, Baden und Deutschland empfinde er als Heimat auch all jene Orte, die den Geist Jerusalems, Athens und Roms atmeten: Amsterdam, Lissabon, Paris, London, New York, Tel Aviv, München - "Wie Heimatahnung glänzt es her / Und war doch nur zu kurzer Rast" (Hesse).

Das klinge doch alles sehr europäisch, bemerke ich während unseres Gespräches. Schließlich seien Juden - die jahrhundertelang neben dem Klerus die Einzigen waren, die lesen und schreiben konnten, über Ländergrenzen hinweg miteinander in Verbindung standen und oft mehrere Sprachen beherrschten - die ersten Europäer gewesen. Davon und von so manchem mehr erkenne ich bei ihm vieles wieder. Und weisen die von ihm so gern zitierten Hofmannsthalschen Verse "Ganz vergessener Völker Müdigkeiten / kann ich nicht abtun von meinen Lidern, / Noch weghalten von der erschrockenen Seele" nicht auch in diese Richtung? Bis auf die Müdigkeiten, die er nun wahrlich nicht empfinde, stünden ihm diese Zeilen gefühlsmäßig nahe, bekennt Hubert Burda. Dennoch bleibe da etwas, das er nicht benennen könne und vielleicht sei das auch gut so; denn das Geheimnis, das in und über den Dingen liege, dürfe nicht vollständig gelüftet werden, wenn der Zauber des Lebens bewahrt werden soll.

In welch seltener Verbindung aus Rationalität und Mysterium bewegt sich Hubert Burda durchs Leben, geht es mir durch den Kopf, als ich weit nach Mitternacht in meinem Hotelzimmer angesichts aus dem abendlichen Gespräch anbrandender Eindrücke, Bonmots, Zitaten, Bildern, Gedanken vergeblich versuche, Schlaf zu finden. Maurice Sendaks Kinderbuchtitel "Es muss doch mehr als alles geben" sollte über seiner Autobiografie stehen. Hat dieser in Bilder, Fantasie- und Idealwelten vernarrte Barockmensch nicht etwas von einem gläubigen Apostaten, einem religiösen Abtrünnigen - der Sinnlichkeit wie der Beichte gleich nah? Und wenn schon Hofmannsthal, dann auch jene für Hubert Burda so bezeichnenden Verse aus dem "Lebenslied": "Ihm bietet jede Stelle / Geheimnisvoll die Schwelle; / Es gibt sich jeder Welle / Der Heimatlose hin" - ein Forschungsreisender des Lebens, ein unablässiger Nomade des Daseins, dem bei aller Bodenständigkeit große Teile der Welt inzwischen zur Heimat geworden sind, dessen globale Denkstrukturen keine Grenzen mehr kennen. Sind da nicht Berührungspunkte mit jenem Stamm, der seit zweitausend Jahren als überräumliches Zeitvolk durch die Geschichte hindurch immer wieder gezwungen war, Schwellen und Grenzen zu überschreiten? (…)

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