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Ein Bein zu viel Vom Traum behindert zu sein

Die Vorstellung von einem Leben als Amputierter mit nur einem Bein verfolgt Daniel seit seiner Kindheit. Ärzte versuchen nun, das seltene Phänomen zu ergründen. Denn Daniel ist nicht allein mit seinem Traum.

23.10.2008 15:10
KATIA MEYER-TIEN
Daniel wünscht sich, behindert zu sein. Als er noch ein Kind war, vielleicht sieben Jahre alt, sah er einen Arbeiter mit einer Armprothese, mit Klauen und Zangen. Daniel war fasziniert (Symbolbild). Foto: dpa

Der Mann im Wartezimmer der psychotherapeutischen Klinik in Frankfurt hat ein Geheimnis. Etwas steif sitzt er auf seinem Stuhl, die unruhigen Hände verraten seine Nervosität. Aber wenn er spricht, klingt seine Stimme ruhig, seine Augen mustern sein Gegenüber aufmerksam, als er darum bittet, seinen wahren Namen geheim zu halten. Nennen wir ihn Daniel.

Daniel wünscht sich, behindert zu sein. Als er noch ein Kind war, vielleicht sieben Jahre alt, sah er einen Arbeiter mit einer Armprothese, mit Klauen und Zangen, der schraubte, hob und alles das tat, was ein gesunder Arm auch tun kann.

Mehr als bloße Neugier

Daniel war fasziniert. Wenn er Kinder sah, deren Beine durch Kinderlähmung verkrüppelt waren, beobachtete er gebannt, wie sie mit ihren Krücken die Straße entlang humpelten. Daniel wollte so sein wie sie. "Das war nicht einfach nur Neugier", sagt er ruhig. "Das war der wirkliche Wunsch, so zu sein. Es ist krass, ich weiß."

Natürlich wusste Daniel schon als Kind, dass es nicht normal ist, sich eine Behinderung zu wünschen. Also erzählte er niemandem von seinem Wunsch, und fühlte sich allein damit. Er wurde erwachsen, studierte, heiratete, wurde Vater. Heute ist Daniel erfolgreich. Er verdient gut und hat ein Häuschen auf dem Land. Ein ganz normales Leben.

Bis auf die Träume, die nachts kommen, und von denen er niemandem erzählen kann. Darin sieht er sich als Einbeiniger, mal mit Prothese, mal ohne Prothese, mal mit Krücken. Er empfindet die Träume als schön, sagt er, und meist verschwinden sie nicht ganz, wenn er aufwacht. Wenn er morgens in die 40 Kilometer entfernte Großstadt zur Arbeit fährt, wenn er einkauft, den Stall ausmistet, Rasen mäht: Dann läuft immer dieser Film in seinem Kopf, in dem er sich selbst sieht beim Autofahren, Einkaufen, Stall ausmisten, Rasenmähen - einbeinig.

Und wenn er an schlechten Tagen die Straße entlang geht, dann wünscht er sich einen Lastwagen, der ins Schlingern kommt, ihn mitreißt und zufällig seinen Wunsch erfüllt.

Wenn das Bein zum Fremdkörper wird

"Ich bin wie eine dicke Frau, die mit einem Bild von Lady Di zum Friseur kommt und sagt: So will ich aussehen. Nur dass ich eben kein Athlet oder Bodybuilder sein will, sondern behindert. Gehbehindert." Daniel findet sein Bein nicht hässlich. Er hat auch keine Schmerzen. "Ich kann mich gut reindenken in Menschen, die Männer sind und Frauen sein wollen. Oder in Leute, die fett sind und schlank sein wollen, es aber einfach nicht schaffen."

Sein Bein empfindet er als einen Fremdkörper. "Ich weiß genau, wo es ab müsste", sagt er, "hier". Seine Handkante fährt scharf über seinen linken Oberschenkel, etwa 15 Zentimeter unterhalb der Hüfte. Er lächelt wehmütig.

Etwa drei Jahre ist es her, dass Daniel die wohl wichtigste Entdeckung seines Lebens machte. Er saß vor dem Computer und klickte sich durchs Internet, gab aus einem Impuls heraus den Begriff "Amputation" in die Suchmaschine ein. Er fand Internetseiten, auf denen Menschen von Amputationen nach Unfällen oder Krankheiten berichteten, sich über Probleme und Fragen zu Prothesen oder Hilfsmitteln austauschten. Dann entdeckte er den Link zu Website biid.org. Und mit einem einzigen Klick war Daniel plötzlich nicht mehr allein.

Er las ein Interview mit einem Mann, der sich One-Hand-Jason nennt. Der hatte sich vor einigen Jahren die rechte Hand abgeschnitten, weil sie nicht zu ihm gehörte. Daniel hätte die Antworten in diesem Interview selber schreiben können.

In Foren las er die Beiträge von Menschen, die sich seit ihrer Kindheit eine Amputation wünschen. Eine Welt von Verzweifelten tat sich vor ihm am Bildschirm auf, die sich mit ihren Wunschvorstellungen verrückt, pervers und allein geglaubt hatten und hier plötzlich Gleichgesinnte fanden. Daniel klopfte das Herz bis zum Hals. Sein Geheimnis hatte jetzt einen Namen: Body Integrity Identity Disorder. BIID. Eine Störung, die inzwischen erforscht wird - zum Beispiel in der therapeutischen Klinik in Frankfurt.

Heute fährt Daniel alle vier bis acht Wochen nach Frankfurt. In der Klinik für Psychosomatische Medizin, die der Universitätsklinik angegliedert ist, versuchen Dr. Aglaja Stirn, leitende Ärztin der Psychosomatik, und ihr Team in der weltweit ersten umfassenden Studie zu BIID dem Geheimnis des Phänomens auf die Spur zu kommen.

Betroffene nennen sich "wannabes"

Die Faszination für den Gedanken, behindert zu sein, war vom Psychologen John Money 1977 erstmals als Apotemnophilie und damit als sexuelle Störung klassifiziert worden. Heute weiß man es besser: Nicht für jeden, der sich wünscht, behindert zu sein, ist der Gedanke an die Behinderung mit sexueller Erregung verbunden. Deswegen hat sich für das Phänomen, dass die Körperwahrnehmung nicht mit dem tatsächlichen Zustand übereinstimmt, inzwischen der Oberbegriff BIID durchgesetzt.

Die Betroffenen selbst nennen sich "wannabes", vom Englischen want to be: Ich will sein. Experten schätzen, dass ihre Zahl in Deutschland mindestens im dreistelligen Bereich liegen dürfte.

Zehn Betroffene nehmen an der Frankfurter Studie teil, Aglaja Stirn und zwei Psychologinnen führen klinische Interviews, Therapiegespräche, lassen die Teilnehmer Fragebögen ausfüllen, untersuchen sie mit dem Kernspin-Tomografen und vergleichen die Resultate mit Tests einer Kontrollgruppe. Erstes Ergebnis: BIIDler sind, abgesehen von der zwanghaften Auseinandersetzung mit dem Thema "Amputation", psychisch vollkommen gesund. Es scheint, als seien in erster Linie Männer betroffen, meist gut gebildet, überdurchschnittlich intelligent, mit guten Jobs, ehrgeizig, selbstbewusst und selbständig.

Der Wunsch nach einer Amputation von Arm, Bein oder nach einer Querschnittslähmung tritt meist schon in der frühen Kindheit auf, Auslöser unbekannt. Viele der von BIID Betroffenen erinnern sich wie Daniel an eine prägende Begegnung mit Amputierten in ihrer Kindheit. Medikamente gibt es nicht, Therapiegespräche können helfen, besser mit dem Wunsch leben zu können - ob sie ihn langfristig auch verschwinden lassen können, ist noch unklar.

Daniel jedenfalls hilft es ein wenig, mit den Psychologen zu sprechen. Es sind die ersten Nicht-Betroffenen, denen er sich jemals anvertraut hat. Es gibt nicht viel, was es ihm sonst leichter macht, mit BIID zu leben.

Heimlich mit Krücken humpeln, damit der Druck abfällt

Manchmal setzt er sich ins Auto, fährt in die nächste Stadt oder in den Wald, bindet sich noch im parkenden Auto das Bein nach hinten, zwängt es in die Hose und humpelt mit Krücken über Straßen und Wege. Die Angst, einen Bekannten zu treffen, ist sein ständiger Begleiter. Aber es ist der einzige Weg, den ständigen Druck ein wenig zu lindern. Und es ist eine Möglichkeit, für das Leben als Beinamputierter zu üben.

"Wenn ich amputiert bin, will ich ja nicht mit einer Decke im Schoß auf dem Sofa sitzen, sondern genauso weiterleben wie bisher", sagt er. Er sagt es, als sei es nur Frage der Zeit, bis er sein Bein los ist. Daniel hat einen Plan.

Darf ein Arzt einen gesunden Menschen amputieren?

Ende der 90er Jahre gab es in Schottland zwei Operationen, bei denen der Arzt Robert Smith zwei Menschen vollkommen gesunde Beine amputierte. Bevor er eine dritte Operation durchführen konnte, stoppte ihn die Klinikaufsicht, ein Aufschrei ging durch die Welt der Mediziner: Widersprachen diese Operationen nicht eindeutig dem Selbstverständnis des Berufsstandes, der Gesundheit des Patienten oberste Priorität einzuräumen? Darf ein Arzt einen scheinbar gesunden Menschen vorsätzlich verstümmeln? Smith bleibt bis heute dabei: Die Operationen seien richtig gewesen. Psychiater und Psychologen hätten die Patienten untersucht, keiner hätte ihnen helfen können. Hätte er sie nicht operiert, womöglich hätten sie sich selbst verletzt.

Ein Blick in die entsprechenden Internetforen scheint Smith recht zu geben. Dort diskutieren BIIDler über Möglichkeiten, sich so zu verletzen, dass Ärzte zur Amputation gezwungen werden. Indem sie sich von einem Zug überfahren lassen, mit Pistole oder Kettensäge verwunden, die Gliedmaßen mit Trockeneis erfrieren.

One-Hand-Jason ist kein Einzelfall. Auf Youtube kursiert das Video eines US-amerikanischen Chemikers, der seine beiden Beine über sechs Stunden in Trockeneis packte, sich anschließend selbst in die Notaufnahme einlieferte und heute ohne Beine im Rollstuhl sitzt. Fast 75.000 Menschen haben es sich schon angesehen. Wie viele der Todesfälle, die als Suizid in die Statistik eingehen, eigentlich versuchte Selbstamputationen sind, weiß niemand.

So weit würde Daniel dann doch nicht gehen. Aber es gibt da noch die Möglichkeit, die Scott gewählt hat. Scott war mit 56 Jahren am Ende, hatte Depressionen, war kurz davor, "die Dinge selbst in die Hand zu nehmen", sagt er am Telefon. Seine Stimme, eigentlich fröhlich, wird leise, wenn er von dieser Zeit spricht, auch er will seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Bei drei verschiedenen Psychiatern war er gewesen, keiner konnte ihm helfen. Und dann traf Scott Greg, im Sommer 2003 in New York, bei einer Konferenz zum Thema BIID. Greg war, sagt Scott, "die Antwort auf meine Gebete", er bot ihm eine Möglichkeit, von der jeder Betroffene schon einmal gehört hat und von der viele von ihnen träumen: Eine Flugreise in ein fremdes Land, zu fähigen Chirurgen in einer geheimen Klinik. Eine Flugreise zur Amputation.

10.000 Dollar kostet die Entfernung eines Beins, 8000 die eines Arms. Scott willigte ein. Natürlich wusste er kaum etwas über den medizinischen und hygienischen Standard in der geheimen Klinik. Aber er wusste: Alles ist besser als Trockeneis.

Scott erreichte die Klinik an einem Donnerstag, am Samstag wurde er operiert, eine Woche später war er wieder zu Hause. Und fühlte sich wie neu geboren. Die Depressionen, sagt er, seien verschwunden, endlich habe er sich voll und ganz auf seine Arbeit, seine Familie und Freunde konzentrieren können, ohne ständig an sein störendes Bein denken zu müssen. Nein, er bereue nichts, sagt er heute, fast fünf Jahre später. Bloß, dass er die Amputation nicht habe 25 Jahre früher machen lassen, das bedauere er.

Daniel hofft auf die Frankfurter Studie

Daniel hat schon ausprobiert, ob er einbeinig den Stall ausmisten kann, ob das Rasenmähen klappt, wie das Autofahren funktioniert. Auch seinen Beruf könnte er amputiert ausüben: Büroarbeit, kein Problem, sagt er. Eine Geschichte für Familie, Freunde und Arbeitgeber, wie er das Bein verloren hat, hat er sich schon ausgedacht, denn geheime Amputation im Ausland heißt nicht nur Risiko, sondern in den meisten Fällen auch lebenslanges Lügen.

Noch hofft Daniel aber auf die Ergebnisse der Frankfurter Studie. Vielleicht gelingt es Aglaja Stirn und ihrem Team ja tatsächlich, das Phänomen BIID zu erklären. Dann könnte vielleicht eine wirksame Therapie entwickelt werden, falls BIID als psychische Erkrankung identifiziert wird.

Oder aber es wird, wie die Transsexualität, als Identitätsstörung klassifiziert, dann könnten, eines Tages, Operationen legalisiert werden. Gelänge das, würde Daniel vielleicht auch den Mut finden, Familie, Freunden und Bekannten von seinem Geheimnis zu erzählen. Gelingt es aber nicht: Daniel hat die 10.000 Dollar schon fast zusammen.

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