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Die Kirche sorgte sich vor allem um sich selbst

Am 21. März 1937 wurde die Enzyklika "Mit brennender Sorge" überall in Deutschlands Kirchen verlesen. Sie geißelt nationalsozialistische Irrlehren, enthält jedoch keinen Hinweis auf die Verfolgung der Juden.

20.03.2007 00:03
VATICAN SECRET ARCHIVES
Öffentlichen Zugang zu diplomatischen Dokumenten aus der Zeit zwischen 1922 bis 1939 gewährte der Vatikan erst im September 2006. Foto: ap

Dem Vatikan war ein diplomatisches Kunststück gelungen. In der Woche vor dem Palmsonntag 1937 waren überall in Deutschland Druckmaschinen gelaufen, die Brisantes zu Papier brachten: eine vielseitige Anklage gegen den Nationalsozialismus im Range einer Enzyklika von Papst Pius XI. Nichts darüber war durchgesickert. Kein Spitzel in Rom, kein Spitzel in Deutschland, keine Drucker, keine Kuriere, niemand hatte die Gestapo gewarnt. Am Sonntag, den 21. März 1937, stiegen tausende von Pfarrern und alle Bischöfe im Reich auf die Kanzeln und verlasen vor einem Millionenpublikum die harsche päpstliche Nazischelte "Mit brennender Sorge."

Die Enzyklika belehrt, mahnt und ermutigt die Gläubigen in einem Lande, "dem St. Bonifatius einst die Licht- und Frohbotschaft von Christus und dem Reich Gottes gebracht hat", den Irrlehren einer neuen Botschaft, eines neuen Christus und eines neuen Reiches zu widerstehen. Zudem geht der Papst hart mit der Nazipolitik gegenüber der Kirche ins Gericht. "Unendlich viel Herbes und Schlimmes" hätten die Bischöfe berichtet. Die Wahrheit stehe auf dem Spiel, die Kirche sei bedroht, und die Gläubigen würden in arge Gewissensnot gestürzt. Pius XI. erinnert an das Reichskonkordat vom 20.7.1933. Doch dieser "Friedensbaum" trage keine Früchte. Stattdessen hätte die Reichsregierung "die Vertragsumdeutung, die Vertragsumgehung, die Vertragsaushöhlung, schließlich die … öffentliche Vertragsverletzung zum ungeschriebenen Gesetz des Handelns gemacht."

Unverhohlen wirft der Papst Berlin "Machenschaften" vor, "die von Anfang an kein anderes Ziel kannten als den Vernichtungskampf" gegen Kirche und Christentum. Vernichtungskampf! Ein schärferes Urteil über die NS-Regierung konnte der Vatikan kaum aussprechen. Hitler tobte, Göring sprach von einer Ohrfeige für die deutsche Regierung vor der ganzen Welt, und Goebbels konnte die Unverfrorenheit nicht fassen.

Nach vier Jahren nationalsozialistischer Herrschaft lagen die Nerven blank - auf beiden Seiten. Zwischen dem Weltanschauungsmonopol des Nationalsozialismus und dem kirchlichen Verkündigungsauftrag war es zu einer harten Karambolage gekommen. Hitler hatte die katholische Kirche kaum einbinden können. In den Augen der Nazis war sie widerspenstig, subversiv und von zunehmender Gefahr. Das wusste niemand besser als Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli (Papst Pius XII. 1939-58). Auf seinem Schreibtisch landete alles aus Deutschland und zu Deutschland. Pacelli las und bearbeitete alle Schriftstücke auf Deutsch. Im Päpstlichen Geheimarchiv lagern stapelweise seine Akten und viele Schreiben aus privater Feder. Die Dokumente hinterlassen einen sehr zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite beschönigen die Bischöfe nichts und geben sich kämpferisch. Andererseits aber schien sie nicht sonderlich zu interessieren, was sich jenseits des kirchlichen Binnenraums abspielte.

Faulhabers Obrigkeitstreue

Einer der umfänglichsten Berichterstatter war Kardinal Michael Faulhaber von München. Er lieferte auch den Grundtext für die Enzyklika "Mit brennender Sorge". Faulhaber stemmte sich mit aller Kraft gegen die neuheidnische Nazi-Ideologie und ihre aggressive Durchsetzung. Das Christentum selbst war in Gefahr. Hitler glaubte übrigens allen Ernstes, dass es gelingen könne, die Kirchen in sein Blendwerk einzubinden. Dagegen verteidigte Faulhaber unermüdlich das christliche Erbe, wie z.B. in seinen legendär gewordenen Adventspredigten über das Alte Testament (1933). Der Zorn der Nazis war sicher. Die Verteidigung jüdischer Schriften genügte, um Faulhaber in den Geruch der Judenfreundschaft zu bringen. Doch das lag dem Kardinal fern. Ihm ging es um die Dogmen des Glaubens. Auch um den guten Ruf des Papstes zu verteidigen, schreckte der Kardinal nicht vor starken Worten zurück. So nahm er in der Predigt zum Papstsonntag am 9. Febr. 1936 den Heiligen Vater vor der "persönlich gehässigsten Unwahrheit" in Schutz, ein "Halbjude" zu sein. Schockiert tönt der Kardinal: "Ich sehe, meine Zuhörer fahren vor Entsetzen empor. Diese Lüge ist besonders geeignet, in Deutschland das Ansehen des Papstes dem Gespött preiszugeben." Wenn man bedenkt, dass der erste Papst, von dem Pius und indirekt sogar Faulhaber ihre Autorität ableiten, waschechter Jude war, ist diese Bemerkung nur peinlich.

Als bei Pacelli schon der Countdown für ein Papstwort gegen die Nazis lief, traf sich Hitler mit seinem Stellvertreter Heß auf dem Obersalzberg zu einem streng vertraulichen Gespräch mit Kardinal Faulhaber (4.11.1936). Hitler wollte einen letzten Versuch machen die katholische Kirche zumindest gewogen zu stimmen. Schon wenige Stunden nach dem Treffen schrieb Faulhaber ein ausführliches Gesprächsprotokoll und schickte es per Eilkurier nach Rom. Darin wird mehr als deutlich: Hitler versteht die Kirche nicht - nichts von ihrem Wesen, nichts von ihrem Auftrag. Und der Kardinal kommt keinen Zentimeter entgegen. Dennoch gibt sich Faulhaber konziliant. Er respektiert die nationalsozialistische Staatsmacht und noch mehr den Reichskanzler. Jede staatliche Gewalt war von Gott ebenso legitimiert wie die kirchliche. So prägte Faulhaber seinen Gläubigen z.B. bei einer Allerseelenpredigt ein: "Der Katechismus sagt zum 4. Gebot: ,Wir sind der weltlichen Obrigkeit Ehrfurcht und Gehorsam schuldig.' Auch dann, wenn Untergebene meinen, sie seien ins Unrecht gesetzt worden. ,Jeder sei der obrigkeitlichen Gewalt untertan' (Röm 13,1). Auflehnung in irgendeiner Form erscheint also dem christlichen Gewissen als Unrecht." Das war am 6. November 1938 - drei Tage später brannten die Synagogen.

Abstrakte Theologie

Ende 1936 drängte Staatssekretär Pacelli auf Eile. An Faulhaber hatte er nach der Lektüre des Protokolls zurück geschrieben, dass der Graben zu tief und zu breit sei für eine auch nur annähernde Verständigung mit Hitler. Nach einem Treffen im kleinen Kreis ausgewählter Bischöfe bei Pius XI. Mitte Jan. 1937 ging es zur Sache. Pacelli beauftragte Faulhaber einen Entwurf für das geplante Papstwort vorzulegen. Noch in Rom nächtens ausgearbeitet, lieferte der Kardinal elf handgeschriebene Seiten ab. "Mit großer Sorge", so beginnt der Text. Pacelli zieht die Redaktion an sich und bearbeitet die Enzyklika auf Deutsch. Die italienische Variante wird im Geheimarchiv als Übersetzung bezeichnet. Pacelli verschärfte viele Wendungen und fügte Zusatzgedanken ein. Zum Gottesglauben heißt es apodiktisch unter Punkt neun und zehn: "Gottgläubig ist nicht, wer das Wort rednerisch gebraucht, sondern nur, wer mit diesem hehren Wort den wahren und würdigen Gottesbegriff verbindet. Wer in pantheistischer Verschwommenheit Gott mit dem Weltall gleich setzt, Gott in der Welt verweltlicht und die Welt in Gott vergöttlicht, gehört nicht zu den Gottgläubigen". Das ist auch ein deutlicher Rüffel an Faulhaber, der nach seinem Gespräch mit Hitler in ihm einen gottesgläubigen Mensch sah.

Insgesamt hält sich die Enzyklika an die Grenzen, die Faulhaber vorgab. Der Blick ist konzentriert auf den Binnenraum der Kirche und die unverfälschte Doktrin. Selbst bei so heiklen Begriffen wie Rasse, Volk, Nutzen, wird abstrakt theologisch argumentiert. Man dürfe weltliche Grundwerte nicht aus der irdischen Ordnung herauslösen, sie zur höchsten Norm machen und "mit Götzenkult vergöttern". Ähnlich verhalte es sich mit dem Grundsatz: "Recht ist, was dem Volke nützt." Er ist naturrechtswidrig und könne durch "keine Zwangsmittel, keine äußere Machtentfaltung saniert" werden. Auf konkrete Übeltaten außerhalb des Kirchenraums wird nie verwiesen. Die Kirche war verfolgt, das zählte. War die Enzyklika "Mit brennender Sorge" ein greller Blitz in finsterer Zeit, begleitet von einem ebenso heftigen Donnerschlag innerhalb eines menschenverachtenden und gottlosen Geschreis? Ja und nein. Der römische Donner traf die Kirchenpolitik der Reichsregierung und der theologische Blitz fuhr in das pseudoreligiöse Gehabe der nationalsozialistischen Ideologie. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen verteidigte der Vatikan die Rechte der Kirche und zentrale Glaubenswahrheiten. Doch Blitz und Donner beschränkten sich auf den Binnenraum der Kirche. Die Erschütterung endete abrupt an ihren Grenzen.

Gleichwohl litten unter der Staatstyrannei alle Verfemten der Nazi-Ideologie, insbesondere das erste Volk Gottes. Weder Faul-haber, noch Pacelli, noch Pius XI. fanden es opportun, darauf Bezug zu nehmen. Selbst an unverdächtiger Stelle in der Enzyklika sucht man das Wort "Jude" vergebens. "Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel?" - schrieb Edith Stein schon im April 1933 empört an den Papst. Und prophetisch fuhr die mittlerweile zur Schutzpatronin Europas erhobene Heilige fort: "Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält."

Späte Einsicht der Bischöfe

Tatsächlich hat sich die Kirche durch ihren internen Aufschrei einen Bärendienst erwiesen. Kann die Verteidigung des Menschen und des Menschlichen an den Grenzen der Kirche aufhören? Im gemeinsamen Wort zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 der Bischöfe in Deutschland, Österreich und Berlin zeigten sie sich die Oberhirten auch reumütig. Es bedrücke sie, dass "das Eintreten für die elementaren Rechte aller Menschen" unterblieb. Aber man möge freilich bedenken, so die Bischöfe weiter, dass die "Bereitschaft, über die Belange der eigenen Kirche hinaus auch für die Menschenrechte anderer einzutreten", erst in "harter Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Regime gewachsen" sei. Die Bischöfe und auch die Gläubigen hätten erst "schmerzhafte Lehren ziehen müssen." Man reibt sich die Augen: Lehren ziehen müssen aus dem NS-Regime? Eine wunder-same Begründung für Theologen.

Mussten erst die Nazis kommen, damit sich die Kirche auf das besinnt, was ein gewisser Jesus von Nazaret schon vor 2000 Jahren predigte?

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