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Die DDR im Überblick

Auszug aus den Empfehlungen der Expertenkommission für einen Geschichtsverbund "Aufarbeitung der SED-Diktatur".

16.05.2006 00:05
Ein Trabant, Inbegriff der DDR-Autoindustrie - heute Nistplatz für Störche in Neuruppin. Foto: ddp

1. Aufarbeitungsschwerpunkt "Herrschaft - Gesellschaft - Widerstand"

Die fachwissenschaftlich wie auch öffentlich unstrittige Erkenntnis, daß die vierzigjährige Existenz der DDR weder aus der Intensität der geheimpolizeilichen Verfolgung und Überwachung noch auch allein von der gewaltsamen Abriegelung ihrer innerdeutschen Grenze her ausreichend erfaßt und dargestellt werden kann, findet in der öffentlichen Präsentierung von Staat und Gesellschaft der DDR bislang noch keinen angemessenen Niederschlag. Vor allem fehlt es an einem Ort in der Hauptstadt, der die Machtmechanismen der SED-Diktatur und die Durchdringung von Herrschaft, Gesellschaft und Widerstand in der kommunistischen Diktatur darzustellen vermag. (...)

Die Kommission empfiehlt daher die Schaffung eines Aufarbeitungsbereichs "Herrschaft - Gesellschaft - Widerstand", dessen institutionellen Kristallisationskern ein in Kooperation der Stiftung Aufarbeitung mit dem Haus der Geschichte/Zeitgeschichtliches Forum Leipzig zu schaffendes "Forum Aufarbeitung" im Zentrum Berlins bilden sollte. Dem Forumscharakter entsprechend, wären an diesem Ort die Themen "Widerstand und Opposition", "Ideologie", "Alltag in der durchherrschten Gesellschaft" und "Mechanismen der Machtausübung" zum einen in Ausstellungen zu präsentieren und darüber hinaus Informationsmöglichkeiten und Vermittlungsangebote zur Geschichte der DDR im deutschen und europäischen Kontext zu schaffen. Zum anderen sollte das neuzuschaffende "Forum Aufarbeitung" für Veranstaltungen unterschiedlichster Art offen stehen, auf denen aktuelle wie übergreifende Fragen des Umgangs mit der DDR im öffentlichen Raum erörtert werden können.

Als institutionellen Träger dieses "Forums Aufarbeitung" schlägt die Kommission die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vor, die schon bisher die gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufarbeitung der DDR in breitem Maße durch eigene Initiativen und durch Projektfinanzierungen gefördert hat. (…)

Damit könnte ein Diskussionsforum geschaffen werden, das die Bindungskräfte zu erfassen erlaubt, die nach Schließung der DDR-Grenzen zumindest in den sechziger und siebziger Jahren zur relativen Stabilität der diktatorisch verfaßten Gesellschaft beigetragen haben und die von ideologischer Überzeugung über soziale Aufstiegsmöglichkeiten und wirtschaftliche Grundsicherung bis hin zu mißmutiger Loyalität reichten. Eine historische Aufarbeitung, die die Interaktion von Herrschaft und Gesellschaft übergeht und die entstehenden und erodierenden Bindungskräfte der DDR in ihren jeweiligen Entwicklungsstadien (und damit den lebensweltlichen Rang und Identifikationswert des Alltags) ignorierte, wäre verfehlt und nach Überzeugung der Kommission unvollständig. Darüber hinaus würde sie die Selbstwahrnehmung breiter Schichten der früheren DDR-Bevölkerung und ihrer nachwachsenden Generationen nicht angemessen erfassen und den erinnernden Umgang mit dem Leben in der Diktatur den unkritischen Sammlungen zur DDR-Alltagskultur überlassen, deren mediale und museale Konjunktur in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.

Im Rahmen einer künftigen Ausstellung zum Alltag in der durchherrschten Gesellschaft können die Sammlung Industrielle Gestaltung (HdG), Teile des Fundus des Deutschen Historischen Museums, des Kunstarchivs Beeskow und der mittlerweile 70 000 Objekte umfassenden Sammlung des derzeit gänzlich unbefriedigend untergebrachten Dokumentationszentrums Alltagskultur Eisenhüttenstadt einbezogen werden. In diesem Zusammenhang ist es dringend erforderlich, eine langfristige Perspektive für das in seiner Existenz bedrohte Dokumentationszentrum zu entwickeln, dessen Sammlungstätigkeit unbeschadet der gegenwärtig nur provisorischen Präsentationsmöglichkeiten eine Aufgabe von gesamtstaatlicher Bedeutung darstellt. Dabei sollte zugleich die bestehende örtliche Verankerung des Zentrums genutzt werden, um es museal stärker mit der Stadtlandschaft von Eisenhüttenstadt zu verbinden, die ihrerseits ein einzigartiges Sachzeugnis für die alltagskulturelle Aneignung einer städtischen Sozialutopie bildet. (…)

Eine den Nutzungsanforderungen eines "Forums Aufarbeitung" entsprechende Liegenschaft in der Zentrumslage von Berlin zu benennen, kann nicht Gegenstand dieses Votums sein. Die Kommission möchte aber unterstreichen, daß ihr die noch im Vergin-Gutachten von 2001 erwogene Ansiedelung des vorgeschlagenen Lernortes in den freistehenden Nutzflächen des Hauses 1 in der Berliner Normannenstraße nicht sachgerecht erscheint. Die aus bundesseitigen Finanzerwägungen möglicherweise naheliegende Nachnutzung der ehemaligen MfS-Liegenschaft würde dem Anliegen einer zukunftsweisenden Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur aus wissenschaftlichen wie didaktischen Gründen zuwiderlaufen und ungewollt die Staatssicherheit zum eigentlichen Nukleus der SED-Herrschaft stilisieren. (…)

2. Aufarbeitungsschwerpunkt "Überwachung und Verfolgung"

Die Kommission schlägt vor, als institutionellen Kern des Aufarbeitungsschwerpunkts "Überwachung und Verfolgung" ein Forschungs- und Dokumentationszentrum "Diktatur und Geheimpolizei" zu bilden, in dem die gewachsene Fachkompetenz der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in der ehemaligen Duetschen Demokratischen Republik (BStU) mit den in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg angesiedelten Gedenkstätten von gesamtstaatlicher Bedeutung zur Rolle kommunistischer Geheimpolizeien aufeinander bezogen bzw. zusammengeführt wird.

Geheimpolizeien waren eine wesentliche Existenzvoraussetzung staatssozialistischer Diktaturen. Ihre auf politische Überwachung und Verfolgung gerichtete Tätigkeit hat sich in zahlreichen Haftanstalten und sonstigen MfS-Dienststellen niedergeschlagen, die nach 1989/90 vielerorts in Gedenkstätten umgewandelt wurden. Unter ihnen besitzen einige Einrichtungen besondere Ausstrahlung, die ihre Überzeugungskraft aus ihrem regionalen und lokalen Bezug gewinnen. (…)

Ihre Grundfinanzierung sollte grundsätzlich auf Landes- und kommunaler Ebene erfolgen. Der Aufbau eines innerhalb des Regionalnetzwerkes abgestimmten Ausstellungsangebotes, das die einzelnen Gedenkstätten mit gezielten Schwerpunktbildungen profiliert, ist am aussichtsreichsten durch Kooperationsvereinbarungen mit der BStU zu erzielen (…) Eine besondere Stärkung der Tätigkeit in diesem Schwerpunkt kann sich daraus ergeben, daß eine personelle und sachliche Verstärkung der regionalen Gedenkstätten mit MfS-Bezug zugleich die Möglichkeit bietet, deren Räumlichkeiten für die regionale Präsenz der BStU (Sprechstunde, Akteneinsicht) zu nutzen.

3. Aufarbeitungsschwerpunkt "Teilung und Grenze"

Ein weiterer zentraler Komplex der Auseinandersetzung mit SED-Regime und DDR-Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren aus den vielfältigen Ansätzen entwickelt, an die Teilung Deutschlands und Berlins in der Epoche des Kalten Krieges zu erinnern. Die Empfehlungen der Kommission schließen in diesem Bereich an das vom Berliner Senat vorgelegte Gedenkkonzept an, in dem die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße perspektivisch eine Schlüsselrolle einnimmt, und können in allen Einzelfragen auf dieses Konzept verweisen.

Hiervon ausgehend, spricht sich die Kommission dafür aus, einen dritten Aufarbeitungsschwerpunkt "Teilung und Grenze" zu schaffen, der organisatorisch bei der Gedenkstätte Berliner Mauer anzusiedeln ist und Koordinierungsfunktionen im Bereich der Museen und Gedenkstätten an der ehemaligen deutsch/deutschen Grenze übernimmt. Die Gedenkstätte selbst böte auf der Basis einer dauerhaften institutionellen Bund-Land-Finanzierung die Perspektive, sich in vergleichsweise kurzer Zeit zu einer Ausstellungs- und Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der innerdeutschen und europäischen Teilung und Grenzziehung zu entwickeln. Um hierfür die institutionellen Voraussetzungen zu schaffen, spricht die Kommission sich dafür aus, die von einem Verein getragene Gedenkstätte an der Bernauer Straße gemeinsam mit der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in eine leistungsfähige Stiftung umzuwandeln. In die Gesamtkonzeption sollte gegebenenfalls auch die Gedenkorte am Brandenburger Tor und am Checkpoint Charlie sowie weitere historische Orte, wie im Berliner Gedenkstättenkonzept vorgesehen, einbezogen werden.

Der sogenannte Tränenpalast am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße erinnert in seinem Vorraum ebenfalls an die innerdeutsche Grenze und sollte in der Regie des HdG auch das Problem der innerdeutschen Grenze in Wechselausstellung und Veranstaltungen thematisieren, soweit die Eigentumsverhältnisse eine solche Nutzung dauerhaft zulassen.

Darüber hinaus empfiehlt die Kommission eine kooperative Verbindung des Gedenkstätte Berliner Mauer mit der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn und weiteren Grenzmuseen und -gedenkstätten wie insbesondere dem Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth. (…)

Die Kommission hofft, mit der so umrissenen Empfehlung (…) zur Zukunftsfähigkeit der historisch-politischen Auseinandersetzung mit der ostdeutschen Diktaturvergangenheit beitragen zu können. Sie sieht in dieser Neuordnung eine Chance, im Zusammenwirken von Fachwissenschaft, Gedenkstättenarbeit und politischer Willensbildung das Niveau der öffentlichen Erinnerung an die DDR nachhaltig zu erhöhen. Die Umsetzung der Empfehlungen könnte so neue Maßstäbe für eine plurale und multiperspektivische Aufarbeitung der deutschen Geschichte im "Jahrhundert der Extreme" setzen, die das politische Bekenntnis zu den Werten einer freiheitlichen Gesellschaft mit der historischen Erkenntnis der Geltungskräfte und der Überwindung ihres diktatorischen Gegenentwurfs verbindet.

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