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Die 68er Scham und Schweigen

Götz Aly rechnet mit seiner Generation ab. Nun begeben sich die Kinder der 1968er auf die Suche und finden mehr als nur wortgewandte Polemik.

12.02.2008 00:02
BEATE SCHAPPACH UND ANDREAS SCHWAB
Demonstration gegen Notstandsgesetze
Proteste in Bonn 1968 mit einem Foto des Studentenführeres Rudi Dutschke. Foto: dpa

Einfache Gleichsetzungen und einseitige Zuspitzungen mögen Auflagezahlen erhöhen, erkenntnisfördernd sind sie nicht. Die polemische Abrechnung von Götz Aly, der 1968 mit 1933 gleichsetzt, wird weder der einen noch der anderen Zäsur der bundesdeutschen Geschichte gerecht und erscheint als durchsichtiger Versuch, sein neues Buch mit überzogenen Thesen zu promoten. Aber die Reaktionen auf seine Provokation - wie sie etwa in den Leserbriefen und den Blogbeiträgen in der Frankfurter Rundschau zu finden sind - zeigen eines deutlich: Wir sind noch nicht fertig, nicht mit 1933 und auch nicht mit 1968.

Die Vehemenz der Auseinandersetzungen zeigt zwei Risse in der deutschen Geschichte, die bis heute heiß umkämpft sind. Anders als viele andere Interventionen der 68er Bewegung, die heute nur noch der Akribie der Historiker überantwortet sind, ist der von ihnen geprägte Diskurs über den Nationalsozialismus ein Narrativ, an dem sich die gesellschaftliche Reflexion bis heute abarbeitet.

Man vergegenwärtige sich die Situation um 1968: Nach der Initialzündung durch den Auschwitz-Prozess, der von 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main stattfand, wurde - nicht unwesentlich auf Betreiben der APO - in der Öffentlichkeit zunehmend mit Erschrecken und Abscheu zur Kenntnis genommen, wie ungebrochen viele Karrieren zwischen dem Nationalsozialismus und der Bundesrepublik verlaufen waren. Einige Personen waren bis in höchste politische Ämter aufgestiegen, darunter der von Aly als Zeuge zitierte Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der 1933 Mitglied der NSDAP geworden war und ab 1940 im Reichsaußenministerium gearbeitet hatte, der Staatssekretär im Bundeskanzleramt Hans Globke, Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Gesetze, oder der Bundespräsident Heinrich Lübke, dem linke Zeitschriften wie Konkret ab 1966 vorwarfen, am Aufbau eines Lagers für Zwangsarbeiter beteiligt gewesen zu sein.

In ausnahmslos allen gesellschaftlichen Feldern, ob in der Politik, der Wirtschaft (Friedrich Flick), der Wissenschaft (Martin Heidegger) oder der Kultur (Herbert von Karajan), waren ehemalige NS-Sympathisanten nach teilweise laschen Entnazifizierungsverfahren wieder in führende Positionen aufgestiegen. Die Nachfrage bei diesen gesellschaftlichen Repräsentanten wie auch den eigenen Eltern "Was hast denn Du während des Krieges getan?" gehörte zweifellos zu den wichtigsten Antriebskräften der deutschen 68er.

Dabei blieb es nicht. Die Frage nach der nationalsozialistischen Vergangenheit wurde in den sechziger Jahren ständig mit Problemstellungen der Gegenwart verknüpft. Schuldzuweisungen an den politischen Gegner, den Faschismus in der Bundesrepublik zu fördern, wurden als provokatives rhetorisches Mittel in die politische Auseinandersetzung getragen: "NPD und CDU bringen Faschismus uns im Nu" lautete einer der studentischen Sprechchöre. US-amerikanische Kriegseinsätze wurden mit dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg im Osten gleichgesetzt, wie die Transparente "Vietnam - das KZ der Amerikaner" oder "Auschwitz! My Lai! Kambodscha! - Nixon auf der Blutspur Hitlers!" zeigen.

Doch auch die konservative Gegenseite hieb in diese Kerbe. In der BZ erschien 1968 eine Karikatur, in der Rudi Dutschke in Hitlerpose dargestellt wurde, die in Anlehnung an das Hitler-Zitat mit den Worten "Als ich vor zehn Jahren als unbekannter Student" unterschrieben und in der SDS mit Runen-S geschrieben war. Der ehemals mit aufklärerisch-kritischem Impetus eingesetzte Begriff "Faschismus" unterlag einer rhetorischen Inflation, durch die er verwaschen wurde. Beides, sowohl die Auseinandersetzung mit dem Weiterleben nationalsozialistischer Elemente in der Bundesrepublik als auch die inflationäre Entwertung des Begriffes Faschismus durch einen provokativen Gebrauch, ist ein Erbe von 1968. In einigen Fällen lässt sich trotz aller Kritik der 68er ein unterschwelliges Fortdauern von Teilen der nationalsozialistischen Ideologie bis in die APO hinein nachweisen, wie dies beispielsweise Gerd Koenen in seiner Studie "Vesper, Ensslin, Baader" gezeigt hat. Der Antizionismus, der in Gestalt eines revolutionären Antiimperialismus innerhalb der Linken auftrat, war häufig nicht frei von antisemitischen Untertönen.

Dieser zeigte sich in der Diffamierung der Hausbesitzer im Frankfurter Häuserkampf als "jüdische Spekulanten". Anders als die meisten Flugblätter und Schriften der 68er Bewegung, die zu Tausenden in Archiven lagern, werden die Texte aus dem Kontext des Häuserkampfes heute einem close reading, einer eingehenden Lektüre, unterzogen. Akribisch genau werden von konservativer Seite antisemitische Anspielungen gesucht, um bei einem Fund mit Triumph darauf hinzuweisen.

Dieses Verfahren ist soweit legitim, als damit einzelne Tendenzen innerhalb der studentischen Linken aufgezeigt werden. Problematisch wird es dort, wo die von ihrem Selbstverständnis her antifaschistischen 68er den brandmarkenden und einebnenden Stempel "antisemitisch" aufgedrückt bekommen, der in Einzelfällen richtig, in seiner Pauschalität aber als Verzerrung erscheint.

Dass ein close reading auch zu differenzierteren Ergebnissen führen kann, mag ein Beispiel verdeutlichen. Am 22. April 1969 wurde der Philosoph Theodor W. Adorno im Hörsaal von drei barbusigen Studentinnen bei Beginn seiner Vorlesung so bedrängt, dass er die Veranstaltung abbrach und fluchtartig den Raum verließ. Kaum jemand der von uns befragten ZeitzeugInnen erinnert sich, bei der Aktion anwesend gewesen zu sein. Das erscheint schwer vorstellbar angesichts des berstend vollen Audimax und der genauen Erinnerung an andere Aktionen wie beispielsweise der Rektoratsbesetzung.

Nur eine der beteiligten Frauen steht bis heute zu ihrer Aktion. Das einzige Foto, das davon existiert, darf auf Weisung des Fotografen nicht mehr publiziert werden. Günter Amendt, der sich als einer der wenigen an den Vorfall erinnert, betont, er habe die Aktion bereits damals als beschämend empfunden. Warum dieses Schweigen? Was ist hier anders als bei anderen Happenings, von denen heute mit Stolz erzählt wird?

Der Theaterwissenschaftler Andreas Kotte definiert szenische Vorgänge wie Theater, Performances und Happenings als hervorgehoben und konsequenzvermindert. Hervorgehoben war die Aktion zweifelsohne. Konsequenzvermindert, so schien es zuerst, auch.

Doch das änderte sich dramatisch, als Adorno drei Monate später starb. Eine direkte Kausalität ist gewiss nicht nachzuweisen, aber ein Unbehagen schlich sich ein. Das Happening hatte indirekt ernste Folgen gezeitigt. Die Aktion ging entsprechend der Drastik dieser Wahrnehmung als "Busenattentat" in die Geschichte ein. Aus dem nur metaphorisch gemeinten Vatermord war eine Schuld geworden. Diese wiegt umso schwerer, als es sich bei Adorno um einen Juden handelt, der bereits einmal Opfer eines deutschen Totalitarismus geworden war. Eine Grenze war überschritten, die die 68er aus dem Stand der Unschuld der Nachgeborenen katapultierte. Ihr Schweigen rührt aus dieser Scham.

In der heutigen Diskussion gilt es, Punkte wie diesen aufzuspüren und einer gesellschaftlichen Reflexion zugänglich zu machen, Punkte, die vom Schweigen oder von wortgewandter Polemik eingekapselt worden sind. Mit einem solchen Verfahren wird die Charakteristik der deutschen 68er Bewegung deutlicher fassbar als in pauschalen Zuschreibungen, die letztlich auf Bezichtigungen hinauslaufen.

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