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Der Ypsilanti-Komplex Zwischenbilanz einer medialen Jagd

Der Mythos von der machtbesessenen Frau oder: Wie Hessens SPD-Chefin die Selbstverteidigungs-Instinkte männlicher Eliten weckt. Von Martin Hecht

25.09.2008 00:09
MARTIN HECHT
Zielobjekt gekränkter Männerehre: Andrea Ypsilanti. Foto: Kraus

"Gott sei Dank!", sagen manche heute erleichtert und ziehen die Krawatte glatt, "Gott sei Dank!" ist wenigstens das Spiel der einen zu Ende. Barack Obama wurde Kandidat der US-Demokraten - die verhasste "hillarious" Hillary wurde gestoppt, dank eines konzertieren Schlages der amerikanischen Medien. Gerade noch rechtzeitig, bevor "the bitch" - wie man sie unter Republikanern nannte - der US-Nation ihren bösen Willen aufzwingen konnte: "Hillary Bashing" nannte man die Hexenjagd später. Und Amerika hat die deutschen Medien gelehrt, wie man das richtig macht.

Bei uns geht das mediale Kesseltreiben hingegen weiter. Denn eine ist noch immer nicht erledigt: Andrea Ypsilanti. Kein Tag vergeht, an dem man nicht versucht, sie dem Gelächter preiszugeben. Das "Ulk-Telefonat" des Radiosenders FFN war nur der bislang letzte Akt.

Wenn man die Monate seit Kochs Wahlschlappe Revue passieren lässt und sich nochmals die Medienerzeugnisse dieser Republik ansieht, dann fällt vor allem eines ins Auge: die hohe Aggression, mit der gekeult wird. Selten wurde so viel Schmutzwasser über einen deutschen Politiker ausgekübelt. Der Hauptvorwurf: krankhafte Machtgier.

"Sind Sie machtgeil?", fragte ein Redakteur des Magazins "Stern" und sprach damit vielen Männern aus der Seele. Eine journalistische Frage ohne Beispiel. Noch nie zuvor in der deutschen Politik hat man einem Kandidaten auf ein hohes politisches Amt diese Frage gestellt. Nicht Adenauer, nicht den ganz harten Jungs, Kohl, Strauß, Schröder oder Stoiber, nicht Rau, nicht Rüttgers, nicht Köhler.

Warum dann Ypsilanti? Das muss mit ihrem Typ zu tun haben. Sie ist keine Politikerin, sondern eine Machtbesessene - rücksichtslos, unkontrollierbar, dämonisch, vor allem: Von ihr scheint eine unterirdische Gefahr auszugehen.

Das ist umso erstaunlicher als der politische Gegenspieler dieser Frau wie kein anderer in der Republik über Jahre Beweise höchster Machtgeilheit geliefert hat. Aber warum hat nicht ein einziges Mal ein Journalist die Frage nach der Machtgeilheit Roland Kochs gestellt?

Aufgrund eines imponierenden Wahlerfolgs ist der Anspruch Andrea Ypsilantis auf den Sessel des hessischen Ministerpräsidenten nicht sonderlich weit hergeholt. Aber einem, der zäher als Pattex an seinem Stuhl klebte und trotz Wahlschlappe immer noch klebt, ausgerechnet diesen Mann, dessen politischer Körper nur aus Machtwillen besteht, diesen unheimlichen Mann verschont man, mehr noch, man hat ihn zum Gutmenschen stilisiert, hat ihm durchgehen lassen, dass er als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt bleiben wolle, weil er sich in der "Verantwortung" für sein Land sehen würde.

So macht man das. Man verkauft die eigene Machtbesessenheit als reinen Dienst am Volk, wird zur Retterfigur gegen eine unberechenbare, chaotische Wahnsinnige, die drauf und dran ist, uns alle ins Verderben zu reißen. Männer in der Politik "übernehmen Verantwortung", Frauen sind halt machtgeil.

Hessen 2008 - das ist nicht so ohne weiteres zu verstehen. Aber eines ist ziemlich sicher: Ypsilanti wurde ein psychologischer Mechanismus zum Verhängnis, den Männer für einen bestimmten Frauentypus erfunden haben, um sie zu verhindern. Politisch zu führen, das ist und war seit Menschengedenken eine männliche Angelegenheit.

Wenn eine Frau ihren Anspruch anmeldet, hat sie einen schweren Stand, sie muss nachweisen, dass sie mindestens so durchsetzungsfähig und dominant ist wie ein Mann. Aber wenn sie diese Eigenschaften an den Tag legt, tut sie gleichzeitig etwas, was einer Frau nicht ziemt. Eine Frau macht das nicht - wenn doch, ist sie machtgeil, ja krankhaft machtbesessen. Folge: Sie gilt als politische Geisterfahrerin und muss gestoppt werden. Die Jagd kann beginnen…

Wie viele Worte sind in dieser Republik schon von Politikern gebrochen worden, wie viele Wahlversprechen? Man kann darüber streiten, ob ihre Vorgehensweise in Ordnung war oder nicht. Aber warum ist Ypsilanti "Lügilanti", während man Hunderten vor ihr, die wirklich Dreck am Stecken hatten, dieselben oder ganz ähnliche Vorgänge großzügig verziehen hat, sie mit den "politischen Sachzwängen", der allseits gern zitierten "Regierbarkeit" oder "politischen Handlungsfähigkeit" rechtfertigte. Weiß denn keiner mehr, was wirklich gelogen ist?

Aber warum so laut das Geschrei? Weil sie mit den Kommunisten zusammenarbeitet. Die Kommunisten! Glaubt noch einer ernstlich, die Kommunisten bedrohten unsere Ersparnisse? Das Schreckgespenst heißt doch längst Lehman Brothers. Nein, viel besser: Sie ist schlicht zu blöd für diesen Job. Eine Dünnbrettbohrerin.

Das isses, oder nicht? Kann aber auch nicht sein. Denn selbst wenn es so wäre, erklärt es nicht, warum genau ihr das zum Verhängnis wird - und nicht den unzähligen Pofallas in allen großen Parteien, die noch viel grauer und ideenloser sind - und oft, wie als Belohnung dafür, in höchsten Positionen Politik gestalten.

Trotzdem hat man es versucht: Sie kann es nicht. Beweis: Die Nummer mit ihrem Lebenspartner, der ihr die Sätze nach der gewonnenen Wahl soufflieren musste, weil sie nicht mal die Dankesworte an ihre Wähler fehlerfrei zusammenkriegt. Das haben sie alle geschrieben.

Obwohl jeder halbwegs helle Geist, der diese Aufnahmen bei Kerner gesehen hat, hätte bemerken müssen, dass Klaus-Dieter Stork im Hintergrund exakt zeitgleich dieselben Sätze sagte, wie sie vorn am Mikro… Wer die Souffleursthese vertritt, soll es einmal selber ausprobieren. Simultan auszusprechen, was man im selben Augenblick hört, das ist völlig unmöglich. Egal, man hat auch das hervorgebracht.

Na gut, wenn nicht was - dann halt wie sie es sagt: ihr Dialekt! Isch statt ich. Sagt doch alles. Oder doch nicht? Man stelle sich einen Journalisten vor, der es einmal gewagt hätte, den alten Franz Josef Strauß für seinen Dialekt zu bespötteln! Das hat keiner gewagt.

Die heftigen Reaktionen, die Andrea Ypsilanti ausgelöst hat, entstammen nicht dem gesunden Sachverstand einer kritischen Öffentlichkeit, sondern tieferen Schichten: der gekränkten Männerehre. Es geht um eine Art Selbstverteidigung. Was glaubt denn diese Frau XY, wer sie ist!

Die "FAZ am Sonntag" hat es ihr gegeigt. In einem Artikel, der an alte Zeiten erinnerte, als man noch in Fraktur druckte. Man hat diese Abrechnung ausgerechnet von einer Frau verfassen lassen. Ihr Hauptvorwurf lautete: Die Frau hieß früher einmal Andrea Dill, sie schmücke sich aber mit dem exotischen Namen Ypsilanti. Ypsilanti wurde etwas vorgeworfen, was Tausende von Frauen tun: Sie behielt nach der Scheidung den Namen ihres Ex-Manns. Wie hätte die Autorin ihren Essay wohl begonnen, wenn Andrea Ypsilanti zufällig eine geborene "Koch" gewesen wäre?

Das irrationale Element in der Art, wie mit karrierebewussten Frauen umgegangen wird, spiegelt auch der Buchmarkt wider. Wenn man über Politikerinnen spricht oder schreibt, dann wird oft thematisiert, was bei Männern keine Sau interessiert: Wie kam die nach oben?

Natürlich gab es deswegen für das Buch über die französische Sozialistin von Ex-ARD-Korrespondent Heiko Engelkes nur einen Titel: "Ségolène Royal - eine Frau auf dem Weg zur Macht", das Pendant bei Hillary Clinton heißt "Hillary Clinton - Die Macht einer Frau" (Droemer/Knaur), "Angela Merkel - Aufstieg zur Macht" hat Autor Gerd Lang-guth bei dtv veröffentlicht.

Bei Politikern interessiert die Frage nicht so sehr. Da greift man gerne in die ethische Kiste: Wir warten auf das Erscheinen von "Nicolas Sarkozy - Verantwortung für Frankreich" genauso wie auf Roland Kochs Memoiren "Aus Liebe zu Hessen".

Dass man Ypsilanti öffentlich anpöbelt wie keine deutsche Politikerin vor ihr, das hat nichts mit ihrer Politik zu tun. Es hat einzig mit ihrem Auftreten zu tun. Von diesem Typ geht eine Bedrohung aus: für die Herrenzimmer, Konferenz-säle und die Cigarren-Lounges. Frauen wie Ypsilanti fordern den ganzen "boy's club" in der Welt der Macht heraus! Da muss Widerstand organisiert werden. Immer noch gibt es den eigenartigen Gockelreflex: Frauen dürfen Quotenminister sein, im Fernsehen dürfen sie moderieren: Aber die Chefsessel sind doch anderen vorbehalten.

Das stimmt doch gar nicht! Es gibt doch andere Beispiele! Eine Maggie Thatcher war Premierministerin von Großbritannien. Wir hatten Hanna Renate Laurien. Claudia Nolte. Aber doch zu allererst Angela Merkel! Das ist was anderes.

Angela Merkel ist vielleicht eine kompetente Politikerin, aber für das Gros der Männerwelt nicht wirklich eine attraktive Erscheinung. Und da liegt der Hund begraben. Es ist kein Problem für den gängigen Gutsherren-Politiker, am Kaminfeuer mit Annette Schavan über Bildungspolitik zu diskutieren, da hört man zu, lässt ausreden. Da lenkt auch nichts wirklich ab.

Anders wird es, wenn man auf eine Gabriele Pauli trifft oder es mit Frauen zu tun hat, die sich in blutroten Abendkleidern fotografieren lassen und zumindest ihren Weiblichkeitsfaktor nicht gerade unterdrücken.

Neutrale Frauentypen in der Politik haben die patriarchalen Ordnungsstrukturen noch nie durcheinandergebracht. Die anderen dagegen schon. Eine, die nicht nur als Politikerin, sondern auch als Frau aus dem Grau tritt - da treten dem Herrn Ministerialdirigenten die Schweißperlen auf die Stirn.

Und doch hat dieser Frauentyp kaum eine Chance, ganz oben anzukommen. Ségolène Royal hat - als eben dieser Typ Frau, den sie repräsentiert - neben Sarkozy in Frankreich nie wirklich eine Chance gehabt, französische Staatsprä-sidentin zu werden. Präsidentengattin schon eher…

Eine Frau, die auch nur halbwegs ins männliche Beuteschema passt, darf niemals über den Männern stehen. Das wäre eine verkehrte Welt. Und bevor man zulässt, dass die Welt auf den Kopf gestellt wird, tut man alles dafür, dass alles so bleibt, wie es war.

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