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Der Stein des Anstoßes

TV-Moderatorin Eva Herman redet von Hitlerdeutschland und löst eine Debatte über Nazivergleiche aus: Was ist politisch korrekt? Muss man Eva Herman um der Meinungsfreiheit willen reden lassen oder sollte sie lieber schweigen lernen? Von Wolfgang Thierse und Jörg Schönbohm

27.10.2007 00:10
WOLFGANG THIERSE VON JÖRG SCHÖNBOHM
Eva Herman bei der Präsentation ihres ersten Buches "Das Eva-Prinzip", das schon große Kontroversen provozierte. (dpa)

Jörg Schönbohm: Pro - horrido und Halali

Es ist wieder so weit. Die Jagdsaison der vermeintlich politisch Korrekten wurde eröffnet. Diesmal hatten es Deutschlands selbsternannte Wächter der antifaschistischen Sprachhygiene auf die waidwunde Eva Herman abgesehen. Von der Kette gelassen, hatte die Meute um Rudelführer Kerner die Gejagte nach kurzer Hatz gestellt. Der Fangschuss wurde schließlich mit einem lautstarken "Hussa" in der Presse abgefeuert: "Kein Ort, der Schutz gewähren kann, wo ihre Büchse zielt."

Was sich da in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehstudio abspielte, war nicht nur ein unrühmliches Kapitel deutscher Fernsehgeschichte, es war vor allem ein Lehrstück über den Umgang mit Meinungsfreiheit und über die Macht einer politisch korrekten Sprachpolizei, die in Deutschland den Anspruch darauf erhebt, festlegen zu dürfen, welche Wörter als Indikator für nationalsozialistisch-infiziertes Gedankengut dienen.

Egal ob bei Herman, Giordano, Meissner oder Oettinger - egal ob bei der Patriotismusdebatte, Islamismusschelte oder Kritik am Multi-Kulti-Kult: Automatisiert leitet das Kartell der Selbstgerechten ein politisch korrektes Diffamierungsprogramm ein. In geübter Routine wird mal hysterisch hyperventiliert, mal werden empört die Backen aufgeblasen.

Auf jeden Fall aber wird der Ton schriller. Wer es wagt, ein Sprachtabu zu brechen, wer es wagt, eine Meinung zu vertreten, die nicht den vermeintlich allgemeinen Standards entspricht, der hat nichts Gutes zu erwarten. Ist das unheilige Schlüsselwort einmal gefallen, darf ungeniert verunglimpft, dürfen diskreditierende Zusammenhänge hergestellt werden. Wer etwa den "hemmungslosen Individualismus" unserer Zeit beklagt, wird flugs als ein Jünger des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg abgestempelt. Wer Patriotismus einfordert, wird zum chauvinistischen Nationalisten und in die braune Schmuddelecke gestellt. Wer an den Wert der Familie erinnert, wird zum ewiggestrigen Mutterkreuzzügler.

Im Zeichen der Political Correctness darf in Deutschland munter diffamiert und dämonisiert werden - eine besonders perfide Form der Gesinnungsmanipulation.

Letztlich verbirgt sich hinter der ideologiebedingten Säuberung der Sprache nichts anderes als Intoleranz. Die katastrophalen Folgen dieser geistigen Selbstzensur sind Konformität und Uniformität des Denkens. Denkfeigheit tritt an die Stelle freiheitlichen Bürgermuts. Freimütige demokratische Diskussionen werden im Keim erstickt - ganze Themenbereiche dem öffentlichen Diskurs entzogen. Rechtsextreme gewinnen auf diese Art an Boden, denn sie brechen die vermeintlichen Tabus und schaffen es so, dass sich ein Teil der Wähler nur von ihnen verstanden fühlt.

Die nationalsozialistische Katastrophe hat vom konservativen, rechten oder romantischen Gedankengut vieles scheinbar auf alle Zeit kontaminiert. Wer in Wirklichkeit dessen geistiger Vater war, spielt keine Rolle mehr. Wagt sich dennoch jemand auf so verseuchtes Terrain, wird er als Aussätziger unwiderruflich aus der demokratischen Gemeinschaft verstoßen. Die politisch korrekte Empörung fungiert mittlerweile als allmächtige rhetorische Allzweckwaffe, die sich als besonders geeignet erwiesen hat, Sprache, Gedanken und Gewissen zu kontrollieren. Mit einer Mahnung zu angemessener Erinnerungskultur hat sie jedoch herzlich wenig zu tun. Im Gegenteil: sie wendet sich sogar gegen das Gut, zu dessen Verteidigung wir gerade durch unsere Geschichte besonders aufgerufen sind - unsere Meinungsfreiheit.

Wolfgang Thierse: Contra - Zunge zügeln

Immer wieder dasselbe. Immer wieder passiert es: Die Nazivergangenheit gerät zwischen die Gegenwart. Seien es tatsächliche oder angebliche NSDAP- oder Waffen-SS-Mitgliedschaften prominenter Zeitgenossen, seien es mehr oder vor allem minder angemessene Vergleiche mit der Nazizeit. Und immer wieder gibt es Aufregung, für ein paar Tage, bis zum nächsten Mal.

Die Aufreger der letzten Wochen: Kardinal Meissners Donnerwort gegen moderne Kunst als "entartete Kultur", Eva Hermans rechtfertigender Hinweis auf Autobahnbau und Familienpflege in der Nazizeit, Bischof Mixas abwehrende Charakterisierung einer Verbalattacke von Claudia Roth, sie trage "beunruhigende faschistoide Züge". Das sind nur die drei letzten Fälle in einer langen Kette von unangemessenen, verfehlten Nazivergleichen, manche bloß verunglückt, manche bösartig. Viele, viele sind ausgeglitten. Nicht wenige gestandene Demokraten tauchen in der Liste auf. Nur ein paar Beispiele: Heiner Geißler nannte Willy Brandt einmal den "seit Goebbels schlimmsten Hetzer in diesem Land", Brandt revanchierte sich entsprechend; Herta Däubler-Gmelin verglich die Methoden von Präsident Bush mit denen Adolf Hitlers; Helmut Kohls Vergleiche Gorbatschow-Goebbels, Thierse-Göring sind nicht vergessen; Roland Koch schimpfte, "die Gewerkschaften stigmatisieren die Reichen wie die Nazis die Juden". Manchmal gab es Entschuldigungen, manchmal trotziges Beharren. Bei manchen waren es Entgleisungen im Zorn, bei anderen störrische Überzeugung.

Aber warum hört das nie auf? Zunächst und vor allem, weil das Vergangene offensichtlich immer noch gegenwärtig ist. Die Nazi-Verbrechen, die Nazizeit - das ist eine Vergangenheit, die nicht vergeht, nicht vergehen will. (Da hatte Nolte wohl recht.) Die Außerordentlichkeit der Naziverbrechen ist offensichtlich als ein erratischer Block, ein Stein des Anstoßes dauerhaft anwesend. Sie werden zu einer - sich immer wieder wie von selbst einstellenden - Metapher des Bösen, geeignet und verwendbar für Urteile mit moralischer Vernichtungsqualität. Deren Häufigkeit verrät eine doppelt problematische Tendenz: Enthistorisierung, Relativierung der Naziverbrechen, des Holocaust einerseits und Skandalisierung, Hysterisierung der politischen Kommunikation andererseits. Beides tut unserer politischen Kultur nicht gut.

Wie wäre es, wenn wir in der politischen Auseinandersetzung endlich ohne Beschimpfungen und moralische Verunglimpfungen auskommen könnten! Wie wäre es, wenn wir uns der verpflichtenden Erinnerung an die Naziverbrechen, an den Holocaust immer neu stellen würden, ohne sie in die kleine Münze der billigen Polemik gegen politische Gegner umzutauschen und zu verbrauchen! Wie wäre es, wenn wir uns immer bewusst wären, dass es auch in Deutschland einen nicht geringen Teil von Menschen gibt, die antisemitische, ausländerfeindliche, autoritäre Einstellungen haben oder anfällig für sie sind! Wie wäre es also, wir würden unsere Zunge zügeln! So viel "political correctness" sollte sein. Ganz ohne Tabus kommt eine Gemeinschaft nicht aus. Bösartige Redensarten wie "Bombenholocaust" oder "Hühner-KZ" sollten auf gemeinsame Ablehnung stoßen.

Zur Raison d'etre der Bundesrepublik Deutschland gehört die Erinnerung an die Naziverbrechen, die gemeinsame Überzeugung, nie wieder einen Rückfall in die Barbarei zuzulassen. Dieser politisch-moralische Konsens gilt und muss weiter gelten. Sprachliche Sensibilität ist ein notwendiger Teil dieses demokratischen Konsenses. Also: Zunge zügeln, liebe demokratische Kombattanten allerorten im Lande!

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