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Der Aufstieg aus den Armutsquartieren

Der Unterschicht fehlen Netzwerke, in denen Werte und eine eigene Kultur gepflegt werden. Diese sind aber nötig, um der Misere entkommen zu können. Ein historisches Beispiel.

28.12.2006 00:12
Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet
Bergleute einer Steinkohle-Zeche: Ihr Vorfahren hielten zusammen. Foto: dpa

Wer in Deutschland von "Parallelgesellschaft" spricht, will damit in aller Regel eine sozial-kulturelle Fehlentwicklung auf den Begriff bringen - vor allem eben jene der ethnisch bzw. religiös bedingten Desintegration und Fragmentierung der Gesellschaft. Gerade in Deutschland stoßen "Parallelgesellschaften" auf Argwohn, weil sie in einem fundamentalen Widerspruch zum nationalen Selbstverständnis und zur gesellschaftspolitischen Generallinie des Landes stehen. Im Unterschied zu Frankreich und den angelsächsischen Ländern, die sich traditionell als willensgemeinschaftlich definierte "Staatsnationen" begreifen, basiert die deutsche "Kulturnation" ihrem Selbstverständnis nach bis heute - trotz des reformierten Staatsangehörigkeitsrechtes - wesentlich auf der Herkunft ihrer Angehörigen: Auf einer homogenen ethnischen Abstammung und gemeinsam geteilten Kultur. Gleichförmigkeit ist wichtig in Deutschland. (…)

Indes fällt aus historischer Perspektive das Urteil über "Parallelgesellschaften" wesentlich differenzierter aus, als es die in Politik und Medien geäußerten Ansichten generell vermuten lassen könnten. Eine kurze Skizze der klassischen deutschen "Parallelgesellschaften", der polnischen Zuwanderergemeinschaft und der parteipolitischen Milieus, mag die Perspektive etwas öffnen.

Die polnischen Landarbeiter, die seit 1870er Jahren aus den preußischen Ostprovinzen angeworben wurden, um in den Großzechen des Ruhrbergbaus zu arbeiten, ähnelten in ihrer Motivlage durchaus den Gastarbeitern ein knappes Jahrhundert später. In den Westen des Reiches gingen sie anfangs als Arbeitskräfte, um Geld zu verdienen. Mit den Ersparnissen wollten sie später Eigentum in ihrer Heimat erwerben, wohin sie nach einiger Zeit zurückzukehren beabsichtigten. Und auch die Reaktionen der Einheimischen waren in den verschiedenen Zeiten miteinander vergleichbar. Spätestens seit die Einwanderung in den 1890ern einen massenhaften Umfang annahm, wurden die Ostelbier an ihren Arbeitsplätzen mit Skepsis beäugt, als Lohndrücker denunziert und mit Schimpfworten wie "Hergelaufene" und "Polacken" stigmatisiert. Misstrauen und Vorurteile zirkulierten, Angst vor Überfremdung machte sich breit, Phobien über eine grassierende Kriminalität innerhalb der Zuwandergruppe erfassten auch offizielle Stellen; und in der Öffentlichkeit vagabundierte das Stereotyp des grobschlächtigen, rauflustigen, verschlagenen Polen.

In dieser Situation wurden die Grundlagen der polnischen Eigenwelt gelegt. Etliche polnische Freizeitvereine und kulturelle Verbände konstituierten sich; und in den zecheneigenen Wohnanlagen entstanden polnische Kolonien. Die Organisationen erfüllten Auffangfunktionen in einer gänzlich fremden Umgebung und dienten dazu, elementare Bedürfnisse nach Entspannung, Kurzweil, Geselligkeit zu befrieden. Die ethnisch homogene Konzentration in Zechenkolonien wiederum entwickelte sich aus der Suche nach Vertrautheit. Dabei war die räumliche Abschottung schon im ausgehenden 19. Jahrhundert umstritten, sie stand unter dem Verdacht, "polnische Enklaven auf deutschem Boden" herauszubilden. Auch mochten die homogenen Nachbarschaften die Rezeption und den aktiven Gebrauch der deutschen Sprache hemmen und ethnische Rückzugstendenzen fördern.

Insgesamt aber überwogen für beide Sei-ten die Vorteile. Die Wohnsituation verminderte die Anpassungsprobleme an die industriellen Arbeitsbedingungen - Hauptgrund für die hohe Zahl von Arbeitsplatzwechseln gerade bei den Osteinwanderern -, förderte dadurch die Sesshaftigkeit und sicherte biographische Kontinuität. Die segregierten Zechenkolonien erleichterten die Adaption der Arbeiter an ihre neue Umgebung, vereinfachten dementsprechend ihre Integration und wirkten --da Entwurzelung radikalisiert, Stetigkeit aber mit Bindungen, Sicherheiten und Sozialkontakten einhergeht - auch politisch mäßigend. (…)

1913 existierten im Ruhrgebiet 875 polnische Vereine mit mehr als 80 000 Mitgliedern. Ohne fundamentalistische Energien wäre diese Verdichtung der polnischen Subkultur nicht denkbar gewesen. Die polarisierte Frontstellung zwischen Einheimischen und Zugewanderten leitete auf polnischer Seite einen Prozess ein, der als "sekundäre Minderheitsbildung" bezeichnet wird und in dessen Verlauf aus Landarbeitern ohne klare politische Vorstellungen national-bewusste Polen wurden, die im ruhrpolnischen Organisationssystem ein Instrument zur Erhaltung nationaler Identität sahen und sich prononciert von der Aufnahmegesellschaft abgrenzten. Religiöse Vereine nahmen zunehmend politische Züge an, Turnvereine setzten sich die Erhöhung nationaler Kampfkraft zum Ziel, und die Gesangsvereine intonierten jetzt statt religiöser Choräle vornehmlich polnische Folklore. Doch indem sich der fundamentalistische Impetus in intensiviertes Organisationsengagement umsetzte, verstärkte paradoxer Weise gerade die politische und soziale Bewusstwerdung ethnisch-kultureller Differenzen die Bindungen der Polen an die neue Heimat und beschleunigte ihre Integration. (…)

Der Organisationspatriotismus der Sozialdemokraten entfaltete sich ebenfalls in einer Zeit verhärteter Frontstellungen. Auch ihre eigenweltliche Formierung spielte sich vor dem Hintergrund des Wandels der frühen sozialistischen Organisationen von eher rückwärtsgewandten, nahezu zünftlerischen Interessenvertretungen der Handwerkerelite zu einer marxistisch inspirierten, systemüberwindenden, zumindest programmatisch revolutionären Partei der Industriearbeiterschaft ab. Die Grundlagen der sozialdemokratischen Solidargemeinschaft lagen in den so weitreichenden wie dauerhaften Ausgrenzungen von Sozialdemokraten aus den mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen, wurzelnd in den Jahren des Sozialistengesetzes, als die SPD verboten war, ihre Anhänger verfolgt wurden, ihre Anführer in Gefängnissen saßen oder in der Emigration feststeckten. Auch hier kanalisierte die Organisationswelt der sozialdemokratischen Parallelgesellschaft die Frustrationen, Verbitterungen und systemfeindlichen Energien ihrer Zugehörigen. Und sie mobilisierte die Akteure zu Anstrengungen, in Bildung und Kultur mit der offiziellen Gesellschaft mitzuhalten, sie gar an Leistungen übertrumpfen zu können. Die sozialdemokratische Parallelgesellschaftigkeit der 1870er bis 1960er Jahre wurde auf diese Weise zum Katapult und Vehikel des sozialen Aufstiegs und schließlich der Assimilation avancierter Facharbeiter in die liberale Wettbewerbsgesellschaft.

Indes: Wie erklärt es sich, dass gegenwärtig die Integrationskraft der westlichen Demokratien durch Zuwanderung überfordert zu sein scheint? (…)

Die klassischen Organisationsnetze und Vergemeinschaftungen der Arbeiterbewegung sind jedoch mittlerweile längst passe. Erst verschwand die Arbeit, später folgten die Arbeiter. Der Niedergang der traditionellen Großkollektive hat Teilen der der Bevölkerung ihre Zukunftsgewissheit genommen, er hat sie ihres Selbstwertgefühls beraubt und sie gleichsam ort- und wurzellos zurückgelassen. Der Zorn ist geblieben, Ausgrenzungsprozesse haben sich eher noch verschärft, aber die Unzufriedenheit artikuliert sich nicht mehr vernehmlich und strukturiert. Was früher die Organisationen der Arbeiterbewegung bündelten, kanalisierten und in den politischen Prozess einspeisten, das entlädt sich heute eruptiv und ungehemmt, ohne Koordination und Disziplin.

Ethnische Organisationen sind auch in Deutschland nicht oder nur unzureichend an die Stelle der traditionellen Arbeiterassoziationen getreten. Insbesondere türkische Zusammenschlüsse konnten die entstandene Lücke nirgendwo schließen. Dieser Sachverhalt mag zum Teil auf kulturelle Prägungen zurückzuführen sein, auf eine bei großen Teilen der türkischen Bevölkerungsgruppe verinnerlichte Skepsis gegenüber Selbstorganisationen und eine bereitwillige Hinnahme zentraler Vorgaben, d.h. eine ausgeprägte Autoritätsgläubigkeit. Bezogen auf die türkische Minderheit in Deutschland hat er aber auch damit zu tun, dass es bei den Muslimen keinen allgemein akzeptierten Ansprechpartner für den deutschen Staat gibt, also nicht einmal eine zentrale Interessenvertretung in den für Türken so wichtigen Religionsfragen existiert.

Eine schlagkräftige bundesweite Pressure Group, eine unumstrittene, die Gesamtheit der türkischen Migranten repräsentierende Interessenvertretung, die ihre Anliegen mit Nachdruck in die Öffentlichkeit einspeisen und eine parlamentarische Repräsentation sicherstellen würde, gibt es nicht.

Die Vorbeter der allermeisten Moscheen, die Imame, die unter den türkischen Gläubigen über eine hohe Autorität verfügen (…), sind in dieser Gesellschaft selbst fremd, sprechen oft nicht einmal die deutsche Sprache, können ihre Gemeinde darum nur schwerlich nach außen vertreten. Die religiösen Gemeinschaften erreichen daher mit ihren zumeist mäßigenden Appellen insbesondere die Jugendlichen zunehmend weniger und zeigen sich machtlos gegenüber der individuellen Konstruktion des eigenen Glaubens vermittels zweifelhafter Versatzstücke aus Internet-Seiten und arabischen Satellitensendern, was dann oftmals in einen aggressiv anti-westlichen Islamismus mündet.

Der Verlust organisatorischer Einbindungen ebenso wie sozialer Kompetenzen wird noch beschleunigt durch den Auszug der Mittelschichten aus den einstmaligen Arbeiterquartieren. (…) Mit den Angehörigen der sozialen Mitte geht dann aber die vormalige Trägerschicht des Organisationswesens verloren, diejenigen also, die zuvor durch ihr Engagement die Vereine geprägt haben, die Sinn zu stiften und den Zusammenschlüssen dadurch eine auch politische Bedeutung zu geben vermochten und die als Kommunikatoren gesprächsfähig in Richtung der Mehrheitsgesellschaft waren. Zurückgelassen wird eine sozial homogene Unterschicht ohne Selbstbewusstsein, ohne Vernetzungskompetenz, ohne soziales Kapital. Übrig bleibt ein neues Unten, das sich dauerhaft exkludiert fühlt, mit der Zukunft Hoffnungsperspektiven nicht mehr verbindet und von der Restgesellschaft durch eine tiefe lebensweltliche Kluft und einen breiten Chancengraben getrennt ist.

Diese Restgesellschaft wird von den Unterschichten bloß noch als bevormundend und entmündigend wahrgenommen, auch soziale Hilfsdienste empfinden die Betroffenen nur als zusätzliches Moment ihrer Demütigung und Gängelung. In den segregierten Unterschichtsquartieren breitet sich folgerichtig eine sich verfestigende soziale und kulturelle Armut aus, die dann einseitig konsumistisch kompensiert, Normen wie Fleiß, Pünktlichkeit und Ordnung hingegen kaum noch Bedeutung beimisst. Eigene, subjektive Identitäten auszubilden sind die Zurückgelassenen zunehmend unfähig,

Vorstellungen eines positiven Selbst (…) besitzen sie kaum; aus Mangel an Alternativen übernehmen sie vielmehr die Negatividentifikationen aus den Reihen der Mehrheitsgesellschaft und messen sich an den Maßstäben der sozial Arrivierten, wodurch ihr Leben als vollständiges Scheitern erscheint. Ein Aufstieg aus den Armutsquartieren ist infolgedessen unwahrscheinlich, die Möglichkeit, aufstiegswichtige Ressourcen zu akkumulieren, durch den Zwang zu sozialer Uniformität noch zusätzlich eingeschränkt.

Gegenwärtig zeichnet sich die Situation der Migranten durch ein kulturelles Vakuum, das Fehlen sozialer Maßstäbe, aktivierender Einbindungen und intermediärer Strukturen sowie einen Mangel an politischer Repräsentation aus. Nicht zuletzt das Defizit an organisationsgestützter Vergemeinschaftung lässt die periodisch aufflackernden Proteste so ziellos und unkontrolliert, dadurch aber auch so furchteinflößend wirken.

"Parallelgesellschaften" vermittelten dagegen - wie am Beispiel der Ruhrpolen versucht worden ist - Sinn, Identität und Selbstbewusstsein. Sie bauten Frustrationen ab, verschafften den Forderungen ihrer Anhänger Gehör und boten alternative Bildungs- und Aufstiegswege zu den verschlossenen Mehrheitsinstitutionen. Über ihre vielfache Anbindung an die etablierten Regelwerke und Verfahrenswege, auch über ökonomische Austauschprozesse und die Unmöglichkeit, wechselseitige Kontakte gänzlich zu vermeiden, protegierten sie letztlich die Integration von Minderheiten in die Gesamtgesellschaft. Für diese Rolle jedoch, die sie bei der Heranführung benachteiligter, orientierungsloser, Hilfe erheischender Bevölkerungsteile an die Mehrheitsgesellschaft spielten, gibt es derzeit keinen Ersatz.

Das Problem in Deutschland sind daher nicht etwa verfestigte "Parallelgesellschaften", in denen Minderheiten eine fremdartige Kultur pflegen würden. Schwierigkeiten erwachsen aktuell vielmehr gerade aus dem Mangel an parallelgesellschaftlichen Strukturen, aus der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Unterschicht einerseits und ihrem Defizit an kultureller Vernetzungsenergie andererseits. Das aber verbindet einen Großteil der Migranten mit deutschen Arbeitslosen und Sozialleistungsbeziehern.

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