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DDR-Staatssicherheit Die Schönfärber verhöhnen ihre Opfer

Altkader des DDR-Geheimdienstes Stasi verbiegen auf Konferenzen und in Publikationen immer frecher die Geschichte. Es wird Zeit, ihnen Paroli zu bieten. Von Karl Wilhelm Fricke

16.11.2007 00:11
KARL WILHELM FRICKE
Vorschau: Koehler besucht Ex-Stasi-Gefaengnis
Ort der Qual: Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Foto: ddp

Je weiter die Realität der DDR-Staatssicherheit der Gegenwart entrückt ist, desto unverfrorener werden die Legenden, desto dreister erscheinen die Halb- und Unwahrheiten, mit denen die Geschichte des unsäglichen Überwachungs- und Unterdrückungsapparates der zweiten deutschen Diktatur verklärt, verharmlost und verfälscht wird. Ehemalige Spitzenkader des Ministeriums für Staatssicherheit melden sich immer häufiger und mit zunehmender Vehemenz öffentlich zu Wort.

Sie praktizieren gleichsam, was ehedem im MfS als "Desinformation" definiert wurde: die "bewusste Verbreitung von den Tatsachen grundsätzlich oder teilweise widersprechenden Informationen in Wort, Schrift, Bild und Handlungen" mit dem Ziel, "feindliche Kräfte über die eigenen Pläne, Absichten und Maßnahmen zu täuschen."

Tatsächlich hat, wer Rang und Namen in der Staatssicherheit hatte, in den letzten Jahren Memoiren, Erlebnisberichte, Rechtfertigungsschriften und seriös aufgemachte Sachbücher aller Art sowie politische Pamphlete in kaum noch überschaubarer Zahl publiziert. Die Zeit, da ehemalige Stasi-Offiziere politisch irritiert und verunsichert waren, ist längst dem Drang gewichen, aus der Anonymität herauszutreten und über die Medien die Öffentlichkeit zu suchen.

Ausgestattet mit vergleichsweise opulenten Renten einschließlich erklecklicher Nachzahlungen vom früheren "Klassenfeind" und wohl wissend, dass sie kein juristisches Risiko eingehen, wenn sie ihr früheres Unrecht leugnen, geben sie sich mit aufgesetztem Selbstbewusstsein als Ex-Generäle und -Obristen der Staatssicherheit offen zu erkennen, ebenso ihre einstigen Inoffiziellen Mitarbeiter in der DDR sowie ihre ehemaligen Spione und Westagenten, die sich vorzugsweise als "Kundschafter an der unsichtbaren Front" gerieren. Sie alle sagen in trotzig-provokanter Manier Ja zu ihrer Vergangenheit und haben partout nichts zu bereuen. Selbst wissenschaftliche Kontakte suchen sie für ihre Zwecke zu nutzen.

Als der dänische Historiker Thomas Wegener Friis, Leiter des Zentrums für Studien des Kalten Krieges an der Universität Odense, ausgerechnet zum 16./17. Juni, dem 54. Jahrestag des Aufstands in Ost-Berlin und der DDR, eine Konferenz zur Geschichte der MfS-Hauptverwaltung Aufklärung in Berlin vorbereitete, verweigerten sie ihre Mitwirkung nicht. Natürlich nicht. So durfte im Tagungsprogramm eine Reihe früherer Schlüsselfiguren und Spitzenagenten der Stasi-Spionage im Westen als Referenten und Zeitzeugen angekündigt werden, unter ihnen Werner Großmann, der sich gern als Generaloberst a. D. und letzter Chef der DDR-Auslandsaufklärung in der Nachfolge von Markus Wolf präsentiert.

Erst nach öffentlichen Protesten von Opferverbänden wurde die Tagung kurzfristig abgeblasen. Kein Grund zum Verzicht. Zum 17./18. November ist die Konferenz erneut eingeladen worden - allerdings nach Dänemark, nach Odense auf Fünen.

Ob ein Diskurs mit Großmann und Seinesgleichen Erkenntnis fördernd sein kann, wird sich zeigen. Skepsis ist angesagt angesichts vorliegender Elaborate aus dem Stasi-Milieu. Sie beinhalten weithin Apologetik und allenfalls selektive Wahrheiten.

Großmann hat sich im Übrigen als Zeitzeuge selber disqualifiziert. Als er sich kritisch mit einer Expertise aus der Forschungsabteilung der Stasi-Akten-Behörde über die so genannten Rosenholz-Dateien auseinandersetzte, erkannte er ihr nicht nur (zu Unrecht!) rundheraus jede Wissenschaftlichkeit ab, sondern attestierte ihr "Scharlatanerie", "Stückwerk", "Mutmaßungen" und "Brunnenvergiftung". Die Verfasser hätten "keine Ahnung" von der Stasi-Aufklärung. Ausdrücklich fügte er hinzu: "Und diejenigen, die es wirklich wissen, sagen es nicht. Heute nicht und später auch nicht. Das erfordert ihr Ehrenkodex." Bei solcher Verweigerungshaltung ist ein Dialog unmöglich.

Eine deutliche Zäsur in dieser Entwicklung markiert die Edition des zweibändigen Kompendiums Die Sicherheit im Jahre 2002, in dem die Herausgeber Reinhard Grimmer, Werner Irmler, Willi Opitz und Wolfgang Schwanitz sowie weitere ehemalige Generäle, Obristen und Oberstleutnants in achtzehn Kapiteln die "Abwehrarbeit" des MfS aus ihrer Perspektive darstellen.

Die Herausgeber und Verfasser waren durchweg nicht lediglich Helfershelfer und Handlanger, sondern ehemals hohe Entscheidungsträger der Staatssicherheit. Von vornherein konnte daher nur eine parteiliche Aufarbeitung der Stasi-Geschichte erwartet werden. Vage Andeutungen von Kritik und Selbstkritik werden überlagert von Schönfärberei, Verschleierung, propagandistischer Selbstverklärung und politischer Rechtfertigung.

Exemplarisch dafür sind die beiden Kapitel über die Tätigkeit der Untersuchungsorgane des MfS und den Untersuchungshaftvollzug, die u. a. von Karli Coburger und Siegfried Rataizik verfasst wurden.

Coburger, Jahrgang 1929, Betriebsassistent, 1929 Mitglied der SED, trat 1952 als hauptamtlicher Mitarbeiter in das MfS ein. Zunächst in der Bezirksverwaltung Leipzig tätig, wechselte er 1953 in die Zentrale, wo er in der Hauptabteilung IX als Vernehmungsoffizier eingesetzt wurde. Er "bewährte" sich in den 1950er Jahren als gnadenloser Untersuchungsführer, der ausweislich entsprechender Stasi-Akten in seinen Vernehmungen mit Psycho-Folter durch Schlafentzug und Isolationshaft gegen politische Häftlinge vorging, um belastende Geständnisse aus ihnen herauszupressen und sie für politische Schau- und Geheimprozesse zu präparieren.

Zum Beispiel bearbeitete Coburger den Fall Karl-Albrecht Tiemann, eines Verwaltungsangestellten aus Cottbus, der nach seiner Flucht aus der DDR am 1. August 1954 aus West-Berlin entführt und in einem manipulierten Geheimprozess vom Bezirksgericht Cottbus am 3. März 1955 wegen Spionage zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil, das vom Politbüro der SED vor dem Gerichtstermin quasi präjudiziert wurde, ist am 26. Juli 1955 durch Enthauptung in Dresden vollstreckt worden. Ebenso war Coburger als Vernehmungsoffizier auf Elli Barczatis, die frühere Chefsekretärin im Büro von Otto Grotewohl, angesetzt, die nach am 23. September 1955 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Dr. Karl Laurenz vom Obersten Gericht der DDR wegen Spionage zum Tode verurteilt wurde. Am 23. November 1955 starben beide unter dem Fallbeil.

Zwei Fälle, nicht die einzigen, an denen Coburger als Vernehmungsoffizier verantwortlich beteiligt war - und dieser Mann schreibt heute über die vermeintliche Respektierung von Recht und Gesetz im MfS.

Coburger wurde später nach einem Fernstudium der Kriminalistik von der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche, die Kaderschmiede des MfS, zusammen mit zwei anderen Stasi-Offizieren auf der Basis einer so genannten Kollektiv-Dissertation zum Dr. jur. promoviert. Von 1984 bis 1989 leitete er die für Beobachtungen und Ermittlungen zuständige Hauptabteilung VIII. 1990 wurde er, inzwischen Generalmajor, entlassen.

Auch Siegfried Rataizik verdankt seinen sozialen Aufstieg dem MfS, dem er 1950 beitrat. Jahrgang 1931, ursprünglich Klempner, danach Kraftfahrer, Mitglied der SED seit 1951, wurde im selben Jahr als Wachtmeister in das zentrale Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen versetzt. Rataizik unterzog sich In den sechziger Jahren ebenfalls einem Fernstudium und wurde 1984 mit einer gemeinsam mit drei anderen MfS-Offizieren verfassten Kollektiv-Dissertation von der JHS zum Dr. jur. promoviert.

Unter diesen Voraussetzungen avancierte er zum Leiter der für den Untersuchungshaftvollzug zuständigen Abteilung XIV im MfS. Letzter Dienstgrad Oberst. Zugleich fungierte er als Leiter der erwähnten Stasi-Gefängnisses. Er weiß folglich um die menschenverachtende Realität in diesem Gewahrsam, um die Schikanen und Drangsalierungen, denen die Häftlinge speziell in den fünfziger Jahren ausgeliefert waren.Schuldbewusstsein? Verdrängt!

Besagtes Gefängnis wurde 1946 von der sowjetischen Geheimpolizei im Keller eines zweistöckigen Gebäudes, einer früheren Großküche, erbaut und blieb Untersuchungshaftanstalt bis 1960/61. Erst zu diesem Zeitpunkt gab die Staatssicherheit das wegen seiner engen fensterlosen Gänge von den Gefangenen "U-Boot" genannte Gewahrsam auf und wechselte in einen Neubau am selben Ort.

Nachdem physische Misshandlungen zur Geständniserpressung in den fünfziger Jahren weithin ersetzt wurden durch die "subtile Repression" angewandter "operativer Psychologie", verkam das Haftregime zur psychischen Marter. Bis hinein in die 1960er Jahre wurde der Gefangene isoliert von der Außenwelt gehalten, blieb monatelang, zum Teil jahrelang ohne persönliche oder briefliche Verbindung zu seinen Angehörigen, ohne Kontakt zu einem Anwalt.

Nachweislich haben die Untersuchungsführer des MfS nicht einmal die Gesetze des eigenen Staates respektiert - von Grund- und Menschenrechten ganz zu schweigen. Sie haben fragwürdige Geständnisse erpresst, Beweismittel gefälscht, Belastungszeugen "getürkt" und selbst die eigenen Gerichte durch Falschbekundungen hinters Licht geführt, wenn dies im politischen Interesse der Herrschenden lag

Zeitgleich mit dem Zweibänder der "Abwehr" erschien ein Sammelband, in dem frühere "Spitzenquellen" der Stasi-Spionage in Erinnerungen an ihre Geheimdienstarbeit schwelgen, zugleich aber auch in Larmoyanz verfallen, soweit sie nach 1990 strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurden - die Kundschafter im Westen, herausgegeben von den ehemaligen MfS-Offizieren Klaus Eichner und Gotthold Schramm. Unterschlagen wird in diesem Band, dass die so genannte Aufklärung mit ihren Diensteinheiten auch in die geheimpolizeiliche Repression der "Abwehr" eingebunden war.

Imagepflege und Selbstglorifizierung der "Aufklärer", kombiniert mit aggressiver Agitation gegen die "BRD" und ihre Geheimdienste, stellt auch das mit 639 Seiten voluminöse Konvolut Angriff und Abwehr dar - ein ebenfalls von Eichner und Schramm herausgegebener Sammelband, zusammengestellt aus zumeist paphletistischen Texten, darunter solche von Ex-Offizieren und Ex-Agenten des MfS. Die Edition bietet kaum Neues. Gleiches gilt die von Heinz Geyer, ehedem Generalmajor und einer der Stellvertreter Großmanns, jüngst unter dem Titel Zeitzeichen vorgelegen Memoiren "40 Jahre in Spionageabwehr und Aufklärung". des MfS.

Charakteristisch für all diese Druckerzeugnisse ist nicht zuletzt, dass in ihnen unverblümt und aggressiv einst in der DDR Verfolgte verhöhnt und diffamiert werden. Ehemalige Widerständler, Oppositionelle und Bürgerrechtler in der DDR werden der Unwahrheit bezichtigt oder als unglaubwürdig oder als geheimdienstlich gesteuert hingestellt. Typisch dafür ein gegen Wolf Biermann und Robert Havemann gerichteter Sammelband Sänger und Souffleur, herausgegeben von Robert Allertz, in dem ganz nach Art der stasi-üblichen Zersetzungspraktiken der Ruf der beiden Freunde untergraben werden soll.

Erwähnenswert ist schließlich eine ebenfalls stasi-kontaminierte Publikation, die wenige Monate nach dem Tod des langjährigen MfS-Spionagechefs auf den Markt kam: ein Interview-Buch, dem sein Herausgeber Hans-Dieter Schütt den Titel Markus Wolf: Letzte Gespräche gab. Es ist intellektuell anspruchsvoller, dient aber zugleich der Verklärung des Mannes, der immerhin über drei Jahrzehnte lang Stellvertreter Mielkes gewesen ist. Als Spionagechef im geheimen Krieg hatte Wolf bereits 1997 seine Erinnerungen publiziert. Großmann, schob 2001 seine Memoiren Bonn im Blick nach.

Argumentation und Agitation all dieser Editionen sind in der Tendenz identisch bis zur einheitlichen Sprachregelung. Das Unrecht, das dem MfS anzulasten ist, soll aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft verdrängt werden und im Vergessen versinken. und Das Stichwort lautet Amnesie. Es ist Zeit, den Altkadern aus dem ehemaligen Staatssicherheitsdienst Paroli zu bieten, konkret und im Klartext. Die historische Wahrheit ist nicht auf ihrer Seite.

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