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Cern-Experiment Verschlinger der Welten

Der Chaosforscher Otto E. Rössler befürchtet, dass am Cern gefährliche Schwarze Löcher entstehen könnten.

Simuliertes Schwarzes Loch: Nach Sekundenbruchteilen zerstrahlt es. Foto: cern

Das ist kein PR-Geniestreich. Das ist ernst gemeint. Bis vor den Europäischen Gerichtshof ist der Tübinger Chaosforscher Otto E. Rössler gezogen, um den von ihm befürchteten Weltuntergang zu verhindern. Vergeblich.

Am Mittwoch darf der Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider) gestartet werden. Die gewaltigste Forschungsmaschine, die die Menschheit jemals gebaut hat. Die Physiker wollen mit dem LHC das Geheimnis des Urknalls ergründen. Rössler hingegen befürchtet, dass dabei winzig kleine Schwarze Löcher entstehen. Kleine Schwerkraftmonster, die die Erde verschlingen. Seine Alarmrufe haben weltweit Beachtung gefunden. Es gab bereits erste Drohungen gegen LHC-Befürworter.

Der Professor für Physikalische Chemie ist nicht irgendwer, Rössler kann 340 wissenschaftliche Publikationen vorweisen. An einem Holztisch im Ausflugslokal Schwärzloch nahe Tübingen hatte er die Idee, an diesem Ort gemeinsam mit dem Europäischen Labor für Teilchenphysik (Cern) einen wissenschaftlichen Disput zu organisieren. Aber das Cern lehnte direkte Gespräche ab und gab nur ein Gutachten in Auftrag. "Die haben Angst, dass einer ihrer Physiker einknickt", sagt Rössler der Frankfurter Rundschau. "Das Cern weigert sich, mit mir zu sprechen. Es ist wie zu Zeiten Galileo Galileis, da durfte auch keiner durch das Fernrohr schauen, um die Wahrheit zu entdecken."

Rössler hat mit Hilfe von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie berechnet, dass die möglicherweise entstehenden Schwarzen Löcher nicht sofort zerstrahlen - diese Meinung vertritt die große Mehrzahl der Physiker -, sondern ungesehen wegfliegen und in der Erde verschwinden. Dabei verschlinge das Schwarze Loch immer schneller Materie bis es die Erde ganz aufgefressen habe.

"Wir wollen nur, dass unsere Resultate von den Welt-Fachleuten auf einer Sicherheitskonferenz diskutiert werden, bevor das Experiment kritisch wird", fordert Rössler. Denn nach seinen Berechnungen besteht die Gefahr, dass die durch den Beschleuniger erzeugten Schwarzen Löcher noch nicht einmal von den gewaltigen Detektoren erfasst werden.

Dass hier möglicherweise das "größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte" startet, wie Rössler meint, weisen die Experten am Cern bei Genf strikt zurück. Sie haben zwar Rössler nicht eingeladen, um seine Berechnungen zu diskutieren. Aber immerhin hat sich ein hochkarätiger Kreis zusammengesetzt und nachgerechnet. In einer Stellungnahme des Komitees für Elementarteilchenphysik (KET), heißt es, Rösslers Behauptungen beruhten "auf grundlegenden Missverständnissen der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein". Er benutze zwar dessen Formeln, aber in einer Weise, dass sie in Widerspruch zu experimentellen Ergebnissen stünden.

"Deshalb können wir garantieren, dass der LHC sicher ist", betont der KET-Vorsitzende Professor Peter Mättig. Der LHC wiederhole nur, was sich ohnehin milliardenfach im Weltall abspielt. In jeder Sekunde werde die Erde von rund 100 000 Wasserstoff-Kernen bombardiert. Deren Energie entspreche "mindestens der, die am LHC bei Teilchenkollisionen erzeugt wird". Für den Wuppertaler Physiker steht fest: "Dieser Teilchenschauer ist ungefährlich, denn Erde und Sonne existieren noch."

Doch selbst wenn sich am LHC Schwarze Löcher bilden würden, wären sie laut Mättig grundlegend verschieden von jenen, die im Kern von Galaxien beobachtet werden. Während diese die Masse vieler Sonnen enthalten, wären die vermuteten Schwarzen Löcher von Genf "leichter als ein Milliardstel eines Milliardstel Gramms". Der britische Astrophysiker Steven Hawking habe erklärt, dass sie im Bruchteil einer Sekunde wieder zerstrahlen sollten.

Das Komitee stützt sich vor allem auf die Berechnungen von unabhängigen Experten wie Professor Hermann Nicolai, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam. "Ich freue mich, dass das Experiment endlich angeschaltet wird", sagt er. "In zwei Jahren wird viel von dem Unsinn vom Tisch sein, der jetzt noch in Verschwörungstheorien kursiert, es wird auch eine Reinigung der theoretischen Landschaft geben."

Hintergrund ist, dass die Erzeugung der Schwarzen Löcher auf Annahmen der String-Theorie beruht. Diese Theorie ist zwar mathematisch faszinierend, es gibt aber bislang nicht den Hauch einer physikalischen Messung, die sie bestätigen könnte. Der LHC ist der erste Beschleuniger, der stark genug ist, um zumindest indirekt Hinweise für die Theorie zu finden.

Laut der String-Theorie bestehen die Teilchen aus schwingenden Schleifen oder Saiten (Strings), die zudem noch in sieben zusätzlichen Dimensionen eingerollt sind. Unser sichtbares Universum besteht nur aus vier Dimensionen, dem Raum und der Zeit.

"Persönlich bin ich überzeugt, dass kein Schwarzes Loch entsteht, die meisten Physiker halten das für abwegig", sagt Nicolai. "Die Gesetze der Physik müssten sich radikal in dem Energiebereich ändern, den der LHC erschließt." Das sei aber nicht zu erwarten, dann hätte es an anderen Beschleunigern bereits Hinweise gegeben, ist der Potsdamer Physiker überzeugt. Die Erzeugung eines Mini-Schwarzen-Lochs sei vergleichbar mit der Aufgabe, die Erde auf die Größe eines Kirschkerns zusammenzupressen. Nicolai hält die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schwarzes Loch am LHC entsteht für 10-99, also gleich Null.

Das sehen allerdings nicht alle renommierten Teilchenphysiker so. Einer, der geradezu auf die Erzeugung der Schwarzen Löcher im LHC hofft, ist Horst Stöcker. Der Frankfurter Professor für theoretische Physik und wissenschaftliche Direktor der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt ist Anhänger der String-Theorie. Stöckers Schwarze Löcher allerdings sind - anders als Rösslers - mit großer Wahrscheinlichkeit elektrisch geladen und zerstrahlen nicht völlig. Bei einer Masse unter 1000 Protonen könnten sie ein stabiles "Relikt" bilden, "eine neue, stabile Klasse von Elementarteilchen, die im Zwischenbereich von Gravitation und Quantenphysik anzusiedeln sind", ist Stöcker überzeugt.

Aber auch Stöcker schläft ruhig. Er verweist ebenfalls auf die "Höhenstrahlung, die Erde und Mond mit sehr viel höherer Energie seit Urzeiten bombardiert". Keine Gefahr also für die Erde. Stöckers Sorge ist eher, dass der Teilchenstrahl aus der Röhre ausbricht und die Anlage oder gar die gewaltigen Detektoren zerstört. "Dann wäre wirklich ein Desaster angesagt, dann hätten wir etliche Millionen in den Sand gesetzt."

Deshalb wird der LHC nur sehr vorsichtig hochgefahren. Bis Energien erreicht sind, die die möglichen Schwarzen Löcher erzeugen können, werden noch Monate vergehen. Auf alle Fälle hat sich Stöcker bereits seine Idee mit den Relikten patentieren lassen. Denn diese Relikte könnten den Energiehunger der Menschheit für immer stillen. Sie hätten die faszinierende Eigenschaft, einfache Materie in Energie umzuwandeln zu können. "Denkbar wäre ein Relikt-Konverter, bestehend aus einem Relikt, das einen Strahl von niederenergetischen Teilchen in Strahlung umwandeln könnte", erläutert Stöcker. Mit nur zehn Tonnen Material - das kann Abfall sein - könnte der Energiebedarf eines Jahres der Menschheit gestillt werden. "Das hört sich beinahe wie Sciencefiction an, ist aber eine ernst zu nehmende Möglichkeit."

Der Tübinger Chaosforscher Otto E. Rössler jedenfalls sieht in Stöcker "teilweise einen Verbündeten". Wenn auch der Frankfurter Physiker eine Gefahr ausschließe, so rechne er doch wenigstens mit der Möglichkeit von Schwarzen Löchern. Zumindest ist es Rössler zu verdanken, dass der Start des LHC jetzt weltweit größte Aufmerksamkeit erfährt.

Professor Nicolai, der Potsdamer Gravitationsphysiker, schmunzelt dagegen noch ein wenig über das Patent seines Kollegen Stöcker: "Das war vielleicht etwas voreilig, um es mal vorsichtig zu formulieren."

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