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Bundeswehr Der Feind im Inneren

Ein KSK-Hauptmann schreibt einen Hetzbrief an einen Oberstleutnant der Bundeswehr und reiht sich damit in eine unselige Vergangenheit ein. Eine historische Einordnung. Von Wolfram Wette

04.04.2008 00:04
Von WOLFRAM WETTE
DEU NATO Gipfel Afghanistan
Feind im Inneren? Foto: ap

Als skurril und unzeitgemäß könnte man die Affäre abtun, gäbe es da nicht diese fatalen historischen Verbindungslinien. Wie der Spiegel (13/2008, S. 24) dankenswerterweise aufdeckte, attackierte unlängst ein aktiver Bundeswehr-Hauptmann einen ranghöheren Kameraden in einem hasserfüllten Brief und griff dabei auf den hohen Ton nationalistischen Heldentums zurück.

Der Mann meint es ernst. Sonst hätte er sich nicht öffentlich so exponiert: Hauptmann Daniel K., Kommando Spezialstreitkräfte (KSK) in Calw. Was diesen Offizier aus der Reserve lockte, waren öffentliche Äußerungen des Oberstleutnants Jürgen Rose, der beim Wehrbereichskommando IV in München Dienst tut und als einer der Sprecher der kritischen Soldatenorganisation "Darmstädter Signal" von sich reden macht. Rose kritisiert die "Enttabuierung des Militärischen". Den Bundeswehreinsatz gegen Jugoslawien 1999 bezeichnet er als völkerrechtswidrige Aggression und den Einsatz in Afghanistan als ebenfalls nicht vom Völkerrecht gedeckten "Friedensverrat". Im Übrigen plädiert er für den Vorrang ziviler Konfliktbearbeitung.

Hauptmann K. fühlt sich massiv verunsichert, dass ausgerechnet ein aktiver Bundeswehr-Oberstleutnant immer wieder auf nicht-militärische Alternativen verweist. Diese bedrohen sein kriegerisches Weltbild: Da halten wir Elitesoldaten vom KSK in Afghanistan "die Knochen hin", und ein sogenannter Kamerad sagt, es müssten nicht-militärische Wege gefunden werden, um mit solchen Konflikten umzugehen. Ein Soldat, der so denkt, ist für den soldatischen KSK-Mann nicht etwa ein zu tolerierender Andersdenkender, sondern ein Feind.

Daher schrieb er an Rose: "Ich beurteile Sie als Feind im Innern und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen." Da hören wir den Originalton der rechtsradikalen Freikorpskämpfer aus den frühen Jahren der Weimarer Republik, die später durchweg bei der NSDAP und der SS landeten. Und da hört der Spaß nun endgültig auf.

Wer sich damals zu Demokratie und Pazifismus bekannte und das Militär kritisierte, wer gar aus den Reihen der ewigen Krieger ausscherte und beispielsweise etwas über die geheimen und illegalen Rüstungen ausplauderte, konnte seines Lebens nicht mehr sicher sein. Die damalige Hass-Parole lautete: "Verräter verfallen der Feme!" Mehr als 300 Menschen, die den rechtsradikalen Freikorpskämpfern als "innere Feinde" galten, wurden in den Jahren 1919 bis 1923 ermordet.

Es waren junge Offiziere der kaiserlichen Kriegsmarine, die am 15. Januar 1919 die beiden charismatischen Spitzenpolitiker der radikalen Linken, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, in Berlin umbrachten. An dem Offizierskomplott unter der Leitung von Hauptmann im Generalstab Waldemar Pabst beteiligten sich der Leutnant zur See Hermann W. Souchon - ein Neffe des Kieler Gouverneurs, Admirals Souchon -, Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung und andere. Diese Offiziere gehörten der Marinebrigade Ehrhardt an, die der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD) unter dem Generalleutnant Heinrich von Hoffmann unterstellt war. Die Offiziere mordeten und die Richter deckten sie.

Der Erste Generalstabsoffizier der Berliner Garde-Kavallerie-Schützen-Division, Hauptmann Waldemar Pabst, war es, der den Befehl zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erteilte: "Ich habe die beiden richten lassen", rühmte er sich später. Pabst, ein umtriebiger und skrupelloser rechtsradikaler Militär, war in den kommenden Jahren überall zu finden, wo ein Militärputsch gegen die Republik vorbereitet oder durchgeführt wurde.

Ein Offizier namens Arco Graf Valley ermordete im Januar 1918 in München den jüdischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD) auf offener Straße. Reichswehrsoldaten schossen im Mai 1919 in einer als "Nachkrieg" empfundenen Gewaltaktion die Münchener Räterepublik zusammen und ermordeten dabei 161 Menschen. Es war das Reichswehrmilieu, in dem der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler im Jahre 1919 als Redner über "jüdischen Bolschewismus" seine politische Karriere begann.

Anfang 1920 wurde Reichsfinanzminister Matthias Erzberger durch einen Anschlag, den der zwanzigjährige Fähnrich Oltwig von Hirschfeld auf ihn verübte, erheblich verletzt. Wenige Monate später, im Mai 1920, warf ein Attentäter während einer Wahlveranstaltung in der württembergischen Stadt Esslingen eine Handgranate auf den prominenten Zentrumspolitiker. Den dritten Anschlag, der am 26. August 1921 erfolgte, überlebte Erzberger nicht. Zwei Attentäter ermordeten ihn durch eine Reihe von Revolverschüssen während eines Spazierganges, den er am Kniebis im Schwarzwald in Begleitung des Zentrumsabgeordneten Karl Diez unternahm.

Bei den Mördern handelte es sich um zwei ehemalige Offiziere, nämlich den früheren Kapitänleutnant Heinrich Tillessen und seinen Kameraden Heinrich Schulz. Beide kamen aus der Marinebrigade Ehrhardt. Den Befehl zur Ausführung der Mordtat erhielten sie von einem anderen Marineoffizier, nämlich dem früheren Kapitänleutnant Manfred von Killinger, der in besagter Marinebrigade Chef der "Sturmkompanie Killinger" gewesen war.

Erzberger musste sterben, weil er die Friedensresolution von 1917 unterstützt und dann im November 1918 im Auftrage der Reichsregierung den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet hatte. Ebenso lasteten die Rechtsradikalen ihm an, dass er für die Annahme des Versailler Friedensvertrages und für einen Ausgleich mit den Siegermächten eingetreten war. Der antisemitische Marineoffizier und führende O. C.-Mann Manfred von Killinger (1886 bis 1944) hatte den Erzberger-Mord befohlen. Vom rechtsradikalen Freikorpskämpfer ging sein Weg in die NSDAP und in die SA und von dort aus in die oberen Etagen der NS-Politik.

Walther Rathenau, wie Erzberger ein Spitzenpolitiker der Weimarer Republik, sollte das nächste prominente Opfer der Desperados werden. Rathenau, ein jüdischer Großbürger, Schriftsteller und Industrieller, der während des Krieges als Leiter des Kriegsrohstoffamtes fungiert hatte, wurde nach dem Kriege wegen seiner Politik der Verständigung und des Ausgleichs mit den alliierten Siegermächten des Weltkrieges als "Erfüllungspolitiker" diffamiert und zum Feindbild der "Potsdam-Deutschen". Im Jahre 1921 berichtete Rathenau einem englischen Offizier, wie gefährlich er lebe: "In einigen Teilen meines Landes marschieren Kompanien von Männern im Rhythmus der Worte: ,Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!'" Tatsächlich wurde diese Mordparole seit April 1921 in oberschlesischen Freikorps gesungen. Am 24. Juni 1922 wurde Rathenau durch preußische Militärs, spätere Freikorps-Offiziere, ermordet. Sie benutzten eine Maschinenpistole aus Heeresbeständen und eine Eierhandgranate. Die Mörder waren die ehemaligen Seeoffiziere Erwin Kern (geb. 1898), Sohn eines Verwaltungsdirektors aus Breslau, erst 1921 aus der Marine entlassen, und Hermann Fischer (geb. 1896), Sohn eines Professors und Kunstmalers aus Dresden, also beide, wie die anderen rechtsradikalen Terroristen aus der ehemaligen Marinebrigade Ehrhardt auch, aus gutbürgerlichen Familien stammend.

Die Erinnerung an die rechtsradikale Vorstellungswelt der 20er Jahre - der "Feind im Innern" und die mörderischen Konsequenzen - kommt unweigerlich hoch, wenn man in dem Brief des KSK-Hauptmanns K. an Oberstleutnant Rose den drohenden Satz liest: "Sie werden beobachtet, nein, nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht." Umso mehr überrascht es, dass die militärischen Vorgesetzten den Fall niedrig hängten und den durchgeknallten Freikorps-Adepten mit einer geringfügigen Disziplinarmaßnahme mehr deckten als bestraften. Folgten sie damit der Vorgabe des Heeresinspekteurs General Hans-Otto Budde, der schon seit Jahren den "archaischen Kämpfer" fordert? Man erinnert sich auch an den Brigadegeneral Reinhard Günzel, der als Kommandeur der KSK abgelöst wurde, weil er antisemitische Äußerungen des später aus der CDU ausgeschlossenen Abgeordneten Martin Hohmann bejubelt hatte. Haben er und seinesgleichen diese "Offiziere einer neuen Generation" herangezogen, die einen rechtsradikalen Gesinnungsmilitarismus wiederbeleben möchten? Die unter dem Mantel der "Neuen Normalität" und der "gewachsenen internationalen Verantwortung" legitimierte Politik der weltweiten Bundeswehreinsätze hat, wie man sieht, einen hohen Preis. Großes Unbehagen muss die Vorstellung hervorrufen, Offiziere wie dieser KSK-Hauptmann könnten bei einem Einsatz der Bundeswehr im Innern beteiligt sein. Er sähe sich ja unzähligen "inneren Feinden" gegenüber, die eine andere Politik wünschen.

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