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Brot und Frieden Die mutigen Arbeiter von 1918

Mitten im Krieg legten Waffenschmiede ihre Arbeit nieder, um für Brot und Frieden zu demonstrierten - gegen den Willen der Führer aus Gewerkschaften und SPD.

01.02.2008 00:02
OTTOKAR LUBAN
Ottokar Luban ist Mitglied der historischen Kommission der Berliner SPD und Sekretär der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft. Foto: Privat

Ende Januar 1918 - im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges - streikten über 750 000 Menschen zum Teil bis zu einer Woche, um den Krieg zu beenden. Schwerpunkt der Streiks war die Rüstungsindustrie. Viele der Streikenden waren Frauen, die in den Munitionsfabriken Granaten drehen mussten. Diese - in dieser Dimension einmalige - Protestbewegung gegen den Krieg ist fast vergessen.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) schien die deutsche Arbeiterbewegung sich der kaiserlichen Regierungspolitik unterzuordnen. Die SPD-Reichstagsfraktion stimmte für die Kriegskredite und die Gewerkschaften verzichteten auf jeden Streik. Schritt für Schritt entwickelte sich jedoch eine Opposition, die in der 1917 gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), im Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und bei den Gewerkschaften besonders in den "revolutionären Obleuten" des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes(DMV) ihren Ausdruck fand.

In den Gewerkschaften war fast zwei Jahre lang keine Opposition sichtbar geworden. Deshalb waren die Führung der SPD, aber auch die Berliner Politische Polizei vollständig überrascht, als am 28. Juni 1916 55 000 Arbeiterinnen und Arbeiter der Berliner Rüstungsbetriebe die Arbeit niederlegten und an verschiedenen Stellen der Stadt gegen den Liebknecht-Prozess demonstrierten. Der linke SPD-Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht stand als Anführer und Organisator einer Friedenskundgebung vom 1. Mai 1916 in Berlin vor dem Kriegsgericht, das ihn zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilte.

Diese Sympathie-Aktion für den bekannten Kriegsgegner war der erste Massenstreik in Deutschland mit einem eindeutigen politischen Bekenntnis für den Frieden. Die Militärbehörde griff sofort zu massiver Unterdrückung, indem sie viele Beteiligte zwangsweise zur Armee einberief. 29 linke Politiker wurden in "Schutzhaft" genommen, darunter Rosa Luxemburg. Diese Repressionen zeigten Wirkung. Aufrufe zu Streiks und Demonstrationen zugunsten Liebknechts im August 1916 brachten keinen Erfolg. "Die Angst vor Inhaftierung und dem bunten Rock (also der Einberufung) gibt den radikalen Hetzern keine rechte Gefolgschaft", stellte die Politische Polizei zufrieden fest.

Dazu hatten auch die Spitzen von SPD und Generalkommission der Gewerkschaften beigetragen. In einem im Vorwärts veröffentlichten und auf 100 000 Flugblättern in Berlin verteilten Aufruf vom 25. Juli 1916 warnten sie die Arbeiterschaft "vor dem Treiben der im Dunkel der Anonymität wirkenden Generalstreikapostel" und verurteilten alle Mitwirkenden moralisch: "Wer das putschistische Treiben … mitmacht … trägt eher zur Verlängerung des Krieges bei."

Die Berliner Politische Polizei machte als Verursacher der Massenaktion die oppositionellen Betriebsvertrauensleute des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes aus - später als "Revolutionäre Obleute" bekannt. Ihr informeller Anführer Richard Müller wurde für mehrere Monate zur Armee einberufen. Diese Gruppe war eine verschworene Gemeinschaft, die auf der Grundlage der in den Betrieben üblichen Kollegialität und Solidarität handelte. Der engere Kreis, etwa 50 Vertreter der größeren Berliner Metallbetriebe, hatte in Zusammenarbeit mit der USPD und dem späteren Spartakusbund die Aktionen sorgfältig und planmäßig vorbereitet.

Im Laufe der ersten zwei Kriegsjahre nahmen die Schwierigkeiten bei der Versorgung zu. Lebensmittelkarten wurden eingeführt, doch zeitweise waren nur 50 Prozent der Rationen in den Geschäften zu erhalten. Stundenlanges Anstehen nach rationierten oder zusätzlichen Nahrungsmitteln, manchmal in tausendköpfigen Menschenschlangen, war notwendig. Ab und zu kam es zu "Butter-Krawallen" mit Plünderungen von Geschäften. Doch insgesamt ertrug die Bevölkerung den Mangel zunächst ohne größeren Protest, so dass selbst die Politische Polizei im Juli 1916 erstaunt feststellte: "Man muss es gesehen habe, wie in den Arbeitervierteln die Frauen oft stundenlang ruhig und still auf die ihnen zugewiesenen knappen Lebensmittelrationen warten und oft noch, ohne solche erhalten zu haben, wieder abziehen müssen."

Nach einer miserablen Kartoffelernte im Herbst 1916 verschlechterte sich die Ernährung dramatisch. Die Kohlrübe musste als Hauptnahrungsmittel in allen Variationen herhalten. Brot wurde wegen Getreidemangels mit Stroh gestreckt. Ausreichend Fett und Fleisch gab es nur im Schleichhandel zu Preisen, die für den Normalverdiener nicht erschwinglich waren. Am Ende dieses "Kohlrübenwinters" 1916/17 wurde die Ankündigung einer Senkung der Brotration zum 15. April Anlass für die nächste große Streikwelle. Vom 16. bis 18. April 1917 streikten in Berlin knapp 200 000; beschränkten sich jedoch auf Forderungen zur Verbesserungen der Nahrungsmittelversorgung.

25 000 setzten den Streik mit politischen Forderungen nach Frieden, Demokratisierung und Aufhebung der politischen Repressionen fort. Sie gingen erst wieder an die Arbeit, als die Militärbehörden am 20. April mit der zwangsweisen Einberufung begannen. USPD-Abgeordnete, die in den weiterstreikenden Betrieben die Belegschaft zum Durchhalten aufgefordert hatten, wurden mit Verfahren wegen versuchten Landesverrats überzogen.

Vorbereitet wurde die Aktion wiederum durch den Kreis der oppositionellen Metallgewerkschaftler. Nachdem in Betriebsversammlungen die Streikbereitschaft deutlich wurde, wurde am 15. April auf einer Generalversammlung des Berliner DMV der Streik beschlossen. Gleichzeitig mit dem Berliner Streik gab es noch Arbeitsniederlegungen in Leipzig mit 30 000 Beteiligten, Magdeburg, Kiel und kleinere Streiks in weiteren Städten. Nach Streikende distanzierten sich SPD und viele Gewerkschaften - gegen Widerstand in ihren eigenen Reihen - allerdings vom Streik und warnten vor weiteren Aktionen.

Danach blieb es bis auf wenige Arbeitsniederlegungen und Friedensdemonstrationen ruhig. Doch nach der Machtergreifung der Bolschewiki in Russland machte die neue russische Regierung das Angebot: Frieden ohne Gebietsforderungen und Entschädigungen. Dadurch schien zum ersten Mal der Frieden zum Greifen nah. Umso enttäuschender war es, als sich der Friedensschluss wegen der harten Haltung der kaiserlichen Regierung auf ungewisse Zeit verzögerte.

In dieser Situation unternahmen die Berliner Obleute in engem Kontakt mit USPD und Spartakusgruppe einen weiteren Anlauf. Am 28. Januar 1918 gelang es ihnen, in Berlin eine neue Streikbewegung auszulösen. Es beteiligten sich 400 000 Personen, darunter viele Frauen. Diesmal rückten im Streik die Forderungen nach Frieden ganz in den Vordergrund. Die Arbeitsniederlegungen dauerten etwa eine Woche.

Die Massenaktion nahm in Berlin zeitweise bürgerkriegsähnliche Formen an. Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei waren an der Tagesordnung. In die aus den Obleuten und der USPD-Führung gebildete Streikleitung traten auf Drängen ihrer Basis noch drei Mitglieder des SPD-Vorstandes ein. Auch in anderen Städten und Regionen wie in München, Kiel, Hamburg, Danzig, Magdeburg, Nürnberg, Fürth u. a. kam es zu größeren Arbeitsniederlegungen, so dass der Streik insgesamt ca. eine dreiviertel Million Personen erfasste.

Es gab eine umfangreiche Flugschriftenagitation. Die gewünschten Verhandlungen des Streikkomitees mit Regierungsvertretern kamen jedoch nicht zustande. Die staatlichen Repressionen gegen die Beteiligten übertrafen alles bisher Bekannte. Viele Streikende wurden von Kriegsgerichten im Schnellverfahren zu Gefängnis verurteilt, Tausende kamen an die Front.

Der Friedensschluss mit Russland kam erst Wochen später, zwang den russischen Staat zu riesigen Gebietsabtretungen und legte ihm brutale Kriegslasten auf. Der Krieg im Westen ging weiter. Keins der Streikziele war erreicht worden. Die ganzen Anstrengungen und Opfer schienen vergebens.

Doch nach einer Phase der internen Neuorganisation begannen die oppositionellen Gewerkschaftler ab Mai 1918 die nächste Massenaktion zu planen, diesmal als bewaffnete Erhebung zur Erreichung von Frieden und Demokratie. Früher als erwartet, am 9. November 1918, bot sich ihnen eine neue Chance. Wieder spielten die Obleute die entscheidende Rolle beim Aufstand in Berlin, der als Schlusspunkt der von der Marinemeuterei ausgelösten revolutionären Welle den Zusammenbruch des Kaiserreichs besiegelte und zum Friedenschluss und zur Gründung der ersten Demokratie auf deutschem Boden führte.

Eine Basisbewegung der Arbeiterschaft in den Betrieben hatte sich entgegen dem Druck der eigenen Gewerkschaftsführung und trotz massiver staatlicher Repressionen mehrfach sichtbar und letztendlich - in der Novemberrevolution 1918 erfolgreich in das politische Geschehen eingeschaltet. Im November 1919 wurde dann mit großer Mehrheit ein neuer Vorstand im Deutschen Metallarbeiter-Verband gewählt, der aus den Reihen der Opposition gegen den Krieg kam.

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