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Aleksander Ruzicka Das Schattenreich des Sonnenkönigs

Vor Gericht wird der teure Lebensstil des Wiesbadener Agentur-Chefs Ruzicka untersucht. Der Angeklagte selbst schweigt noch. Von Matthias Thieme

02.10.2008 00:10
MATTHIAS THIEME
Prozess um veruntreutes Geld bei Aegis Media
Regelmäßiger Gerichtstermin: Seit neun Monaten schon läuft der Prozess gegen Aleksander Ruzicka. Foto: ddp

Manchmal blickt Aleksander Ruzicka, 47, in den großen Schwurgerichtssaal, als sei er in einen falschen Film geraten. Als sei dieser Raum mit seinen Holzbänken und Kronleuchtern Teil einer vormittäglichen Gerichts-Show im Fernsehen, in der gleich die Werbung kommt. Mit TV-Werbung kennt Ruzicka sich aus. Der ehemalige Geschäftsführer der Mediaagentur Aegis aus Wiesbaden war einer der erfolgreichsten Manager der Branche. "Sonnenkönig" wurde er genannt. Und jetzt das: Landgericht Wiesbaden, Anklagebank. Seit zwei Jahren liegt zudem sein Lebensmittelpunkt in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt, die ihn als Untersuchungshäftling beherbergt.

Eine anonyme Anzeige hat Ruzicka aus einem Leben in Saus und Braus gerissen. Die Staatsanwaltschaft erhielt elf Seiten detaillierter Anschuldigungen von, wie sich später herausstellte, dem Aegis-Anwalt. 86 Fälle von Untreue wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Mit Scheinrechnungen und einem Netz von Tarnfirmen soll er die deutsche Tochter von Aegis Media, deren Hauptsitz London ist, um 51,2 Millionen Euro geschädigt haben.

Geschäfte auf dem Hochsitz

Aus Ruzickas Sicht haben die Juristen bis heute nicht begriffen, wie das Geschäft mit Fernseh-Werbung funktioniert. Bei der Buchung von Fernseh-Werbung bekommen große Kunden von den Sendern kostbare "Freiminuten" als Bonus eingeräumt. Mit diesem "Freespace" soll Ruzicka laut Anklage zu seinen eigenen Gunsten gehandelt und Millionenbeträge abgezweigt haben.

Bis zu seinem Absturz pflegte der Manager, der seit 1999 an der Spitze von Aegis Deutschland stand, einen aufwendigen Lebensstil, der allein mit dem Geschäftsführergehalt wohl nicht zu finanzieren war, so vermutete es der Anonymus in seinem Schreiben an die Justiz.

Teure Autos, wertvolle Uhren, diverse Immobilien, Reisen in alle Welt und Partys für großes Geld - das war Ruzickas Welt. In der Werbebranche galt er als mächtiger Mann, der mit potenziellen Geschäftspartnern an ungewöhnlichen Orten Vertrauen schloss, auf teuren Jagdausflügen in Afrika und Ungarn etwa. Im sensiblen Geschäft mit Fernseh-Werbezeiten komme man sich mit dem Gewehr in der Hand auf einem Hochsitz eben näher als in einem Konferenzraum, hat Ruzicka einmal erzählt. Dass die kostspieligen "Jagd-Events" und andere Eskapaden letztendlich mit dem Geld von Kunden finanziert wurden, legt ihm die Staatsanwaltschaft unter anderem zur Last.

Ruzicka erscheint zu jedem Verhandlungstag wie aus dem Ei gepellt. Anzug, Krawatte, Designerbrille, die Haare abrasiert. Dass er unschuldig ist, hat er vor Prozessbeginn schon den Ermittlern in zehntägigen Vernehmungen gesagt. Seitdem schweigt er. Sitzt immer montags und mittwochs ab 9 Uhr auf der Anklagebank im eichenholzgetäfelten Schwurgerichtssaal und schweigt. Manchmal schaut er nach oben, zur Kassettendecke des großen Raumes, die mit Blüten- und Blattwerk-Ornamenten und Pinienzapfen verziert ist.

Vielleicht kommt er lange vor der Urteilsverkündung frei, weil seine Beschwerde gegen die Haft Erfolg hat. Das hofft sein Anwalt Marcus Traut, der Einzige, mit dem Ruzicka im Gerichtssaal spricht. Bislang sah das Gericht Fluchtgefahr als gegeben an, der Werbemann musste in Weiterstadt bleiben.

Viele Zeugen hat das Gericht schon gehört. Tag für Tag taucht Richter Jürgen Bonk tiefer ein in die Glitzerwelt der Werbung, in ihre Sitten und Gebräuche. Merkwürdig scheint diese Welt, vom Gerichtssaal aus betrachtet.

Da ist der Mitangeklagte David Linn, der mit Ruzicka Tarnfirmen gründete und einfach nicht erklären kann, für welche Leistung rund zwei Millionen Euro auf sein Konto flossen. Linn belastet seinen ehemaligen Kompagnon Ruzicka und hat die Untersuchungshaft hinter sich.

Die Firma des Ministers

Da ist der Steuerfahnder, der als Zeuge von Feiern in Ruzickas Villa erzählt, bei denen Beträge von 78 000 Euro als "geschäftliche Bewirtungsausgaben" angegeben wurden. Auf der Gästeliste stand mitunter allerhand Prominenz auch aus Politik und Wirtschaft.

Da ist der Wiesbadener Edelgastronom, der erzählt, die Partys und Jagdveranstaltungen bei Ruzicka hätten des Öfteren 60 000 bis 80 000 Euro gekostet. Da ist der Zeuge, der vom Kauf einer rund 700 000 Euro teuren Uhr auf Firmenkosten berichtet, die Ruzicka getragen haben soll. Es geht um teure Flinten und Schießübungen, die Ruzicka mit Gästen veranstaltet hat, "Kindergeburtstag für Erwachsene" hat ein Zeuge das mal genannt. Zuweilen zieht Richter Bonk die Augenbrauen weit nach oben.

Bei solchen Zusammenkünften gelegentlich mit von der Partie: Volker Hoff (CDU), heute Minister der hessischen Landesregierung, im Kabinett zuständig für "Europaangelegenheiten". Als solcher moderierte er jüngst eine Diskussion mit dem Titel "Ein Fall für zwei - Ermittlungen in Hessen". Es ging um den Filmstandort Hessen. Doch Hoff hätte auch gut von sich selbst und seinem früheren Geschäfts-Partner Reinhard Zoffel erzählen können. Gemeinsam mit Zoffel betrieb Hoff eine Agentur, die aus Sicht der Staatsanwaltschaft die Zentralstelle zur Weiterleitung des veruntreuten Geldes gewesen sein soll. Zoffel Hoff Partner (ZHP) nannte sich die Firma, in der der spätere Minister pikanterweise für die Finanzen zuständig war. Doch Verträge habe man selten schriftlich gemacht, erklärte Hoff als Zeuge vor Gericht. Zu schnell sei eben das Werbe-Geschäft. Und auch Rechnungen hätten oft nur "gefühlte Größen" gehabt. Viel Geld sei per Scheck übergeben worden. Ansonsten erinnere er sich nicht mehr so gut.

Ein spannender Stoff ist die Verstrickung des Ministers in Aleksander Ruzickas Geflecht aus Tarnfirmen allemal. Über die Firma Zoffel Hoff sollen laut Wiesbadener Staatsanwaltschaft neun Millionen Euro verschwunden sein. Dabei stießen die Ermittler in ihren Untersuchungen auf erstaunliche Dinge. Ausgerechnet das Haus von Hoffs Mutter in Mühlheim war Sitz einer weiteren von Volker Hoff gegründeten Firma namens "Best of My World", bei der laut den Ermittlern große Summen des verschwundenen Geldes gelandet sein sollen. Gegen Zoffel wird ermittelt. Von Ermittlungen gegen Hoff ist bisher nichts bekannt.

In diesem Dickicht von Geschäftsbeziehungen gibt es weitere Verdächtige. Noch sind nicht alle beschlagnahmten Akten durchgearbeitet. Irgendwann, kündigt Ruzickas Anwalt Traut an, werde sein Mandant sich vor Gericht äußern. Prozessbeobachter warten gespannt auf eine öffentliche Aussage des Angeklagten Aleksander Ruzicka. Andere könnten Angst vor diesem Auftritt haben, Angestellte der Firma Aegis beispielsweise oder Mitarbeiter anderer Agenturen.

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