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Schavan ohne Doktortitel "Schavan am Ende"

Annette Schavan gibt sich kämpferisch und will im Amt bleiben. Die Kanzlerin stärkt ihrer Ministerin den Rücken – jedenfalls so lange, wie ihre Vertraute auf Reisen ist. Doch soviel ist sicher: Nach Schavans Rückkehr wird Merkel ihr ins Gewissen reden.

Schavan und Merkel im Bundestag (Archivbild). Merkel spricht ihrer Ministerin ihr "volles Vertrauen" aus - und macht gleichzeitig klar: Wenn Schavan nach Hause kommt, wird unter vier Augen geredet. Foto: dpa

Die Wolken hängen tief. Ungewöhnlich für einen Sommermorgen in Johannesburg: Deutsche Politiker lieben es, im europäischen Winter das Kap der Guten Hoffnung aufzusuchen, um Wärme aufzutanken und Abstand zum Tagesgeschäft in Berlin zu gewinnen. Annette Schavan aber hat es die Reise in den Süden in jeder Hinsicht verhagelt.

Absicht könne es keine gewesen sein, dass der Besuch der Ministerin mit der Entscheidung der Universität Düsseldorf über die Aberkennung ihrer Doktorwürde zusammenfiel, sagt ein Diplomat: Schließlich sei die Reise schon seit Monaten geplant gewesen, und „kein Politiker würde der Innenpolitik auf diese Weise entfliehen“. Schavan komme zum Abschluss des deutsch-südafrikanischen Wissenschaftsjahres nach Pretoria.

Die Nachricht von der Entscheidung der Düsseldorfer Universität erreicht Schavan auf dem Weg in die Fairlawns-Oase. Das Hotel wirbt für sich als „einzigartige, exklusive und vornehme Fluchtburg“. Doch auch dort kann die 57-Jährige den Ereignissen in Deutschland nicht entfliehen. Das Urteil des Fakultätsrats wird in der Delegation der Ministerin heftig diskutiert. Der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, sein Kollege von der Berliner Humboldt-Universität und viele andere Delegationsteilnehmer diskutieren bis weit nach Mitternacht offen mit Schavan über das Urteil. „Das hat ihr größten Respekt eingebracht“, heißt es danach.

Für die Öffentlichkeit gibt sich Schavan am Mittwochmorgen einsilbig. Nach eingehender Beratung mit ihrem Stab trägt sie lediglich zwei knappe Sätze vor: „Ich werde die Entscheidung der Universität Düsseldorf nicht akzeptieren und dagegen klagen“, sagt die Ministerin. „Und weil ich nun in einer rechtlichen Auseinandersetzung mit der Universität bin, bitte ich um Verständnis dafür, dass ich dazu heute keinerlei weitere Stellungnahme abgeben werde.“ Punkt.

Am Freitag wird entschieden

Knapp 9000 Kilometer entfernt muss Regierungssprecher Steffen Seibert wenige Stunden später sein diplomatisches Geschick unter Beweis stellen, als er am Nachmittag in der Bundespressekonferenz zum Fall Schavan befragt wird. Denn Schavan zählt zu den engsten Vertrauten der Bundeskanzlerin. Seit bald 15 Jahren sind die beiden Damen ein eingespieltes Team an der CDU-Spitze, seit mehr als sieben Jahren gehört die gebürtige Rheinländerin dem Bundeskabinett an. Merkel schätzt an ihr die gleiche unaufgeregte und nüchterne Art, Politik zu machen und Politik zu analysieren, die sie auch selbst pflegt. Neben Verteidigungsminister Thomas de Maizière ist die 57-Jährige die vielleicht engste Vertraute der Kanzlerin in der Ministerriege. Eine Vertraute, die nun vor dem Ende ihrer politischen Karriere steht.

Seibert sagt, die Kanzlerin habe „volles Vertrauen“ in ihre Bildungsministerin. Ein Statement, das nach Rückhalt und Unterstützung klingen wird in den Abendnachrichten. Doch wer die Codes des Berliner Politiksprechs beherrscht, der erkennt die Signale in den Worten des Regierungssprechers. Die Bundeskanzlerin sei mit der Ministerin in gutem Kontakt und schätze die Leistung Schavans außerordentlich. „Nach der Rückkehr der Ministerin nach Deutschland wird Gelegenheit sein, in Ruhe miteinander zu reden.“ Übersetzt: Die Kanzlerin wird ihr ins Gewissen reden. „Sicher wird die Ministerin dann auch erneut und ausführlicher Stellung nehmen, als das aus dem Ausland möglich und angebracht ist.“ Soll heißen: Die Sache wird entschieden, wenn Schavan am frühen Freitagmorgen in Frankfurt am Main landen wird.

Natürlich wolle die Kanzlerin in dieser Angelegenheit keinen Druck auf Annette Schavan ausüben, dafür schätze man sich viel zu sehr. „Doch selbstverständlich ist die Situation äußerst heikel“, heißt es in Regierungskreisen. Schavan selbst werde erkennen müssen, dass sie den Rechtsstreit gegen die Universität Düsseldorf leichter führen könne, wenn sie nicht mehr Ministerin sei. Sie werde sicherlich alles tun, um Schaden von der Regierung und der Kanzlerin abzuwenden.

„Schavan ist am Ende“, heißt es nüchtern in der CDU. Der Rücktritt werde kommen, sobald die Frage der Nachfolge geregelt sei. Und schon dreht sich das Proporz-Karussell. Der mächtige Landesverband NRW drängt auf ein Ministeramt, seit nach dem Rausschmiss von Norbert Röttgen der Saarländer Peter Altmaier das Umweltressort führt. Als Kandidaten fallen die Namen von NRW-Landesgruppenchef Peter Hintze und von NRW-Landeschef Armin Laschet. Laschet müsste dafür aber sein Landtagsmandat aufgeben und rasch für den Bundestag nominiert werden.

In Niedersachsen wartet derweil der gescheiterte Ministerpräsident David McAllister auf einen Versorgungsposten im Kabinett. Alle drei Kandidaten haben den Nachteil, dass sie keine Frauen sind, was wiederum die Chancen der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer steigern könnte für diesen Posten. Und an deren Stelle könnte dann Laschet treten, was die Nordrhein-Westfalen beruhigen könnte. All diese Gedanken beschäftigen die Bundeskanzlerin, während sie „volles Vertrauen“ in ihre Bildungsministerin äußert.

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