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Sebastian Hahn Der Student, den die NSA bespitzelt

Der US-Geheimdienst NSA nimmt einen Informatikstudenten der Uni Erlangen ins Visier - weil er für Privatsphäre kämpft. Hahn betreibt einen Server des sogenannten Tor-Projekts, eine Initiative, die es allen Menschen ermöglicht, sich unbeobachtet im Internet zu bewegen.

Beschauliches Erlangen: An dieser Uni studiert Sebastian Hahn, den die NSA ins Visier genommen hat.

Nach Angela Merkel ist er der Zweite: Der Student Sebastian Hahn, 27 Jahre alt, blonde Haare, Vollbart, ist nach der Kanzlerin das zweite deutsche Opfer der NSA, das namentlich bekannt geworden ist. Hahn studiert Informatik an der Uni Erlangen, doch was ihn ins Visier der Geheimdienste brachte, ist sein Einsatz dafür, dass Menschen im Internet ihre Privatsphäre schützen können.

Hahn betreibt einen Server des sogenannten Tor-Projekts, eine Initiative, die es allen Menschen ermöglicht, sich unbeobachtet im Internet zu bewegen. Alles was es dazu braucht, ist den modifizierten Firefox-Browser von www.tor-project.org herunterzuladen. Wenn man dann eine Website aufruft, wird die Anfrage zunächst über verschiedene andere Rechner im Tor-Netzwerk umgeleitet. Kommt die Anfrage dann bei einer Website an, kann niemand, der das Netzwerkverkehr bespitzelt, wissen, von wem sie ursprünglich kommt. Besonders Anwälte, Journalisten und Demokratieaktivisten verwenden Tor. Hahn hat etwa mitgeholfen, ein besonderes Tor-Paket für Iraner zu schnüren. Für Menschenrechtsaktivisten in Diktaturen ist der Einsatz von Tor überlebenswichtig.

Für die NSA sind diese Menschen Extremisten. Der Begriff findet sich nach Angaben von NDR und WDR in der Kommentarspalte des Quelltextes des Überwachungsprogramms XKeyscore, das sie analysiert haben. Wie Diktaturen ist der NSA das Tor-Projekt ein Dorn im Auge. Die Snowden-Dokumente zeigen, dass der Geheimdienst die Anonymisierung nicht brechen konnte.

„Tor stinkt“, ist eine NSA-Folie überschrieben. Um die Nutzer dennoch zu enttarnen, hat der Geheimdienst unter anderem den Rechner von Hahn ins Visier genommen. Sein Server, der in einem Nürnberger Rechenzentrum steht, ist für sie interessant, da dieser die Listen Tausender anderer Tor-Server verwaltet. Hunderttausende greifen darauf täglich zu – und werden von der NSA als Extremisten markiert.

Schockierend nennt es Hahn, wie Unschuldige so in den Fokus der Überwachung geraten können und mit welcher Selbstverständlichkeit die Geheimdienste vorgehen. Das ist für ihn empörender als die eigene Überwachung. „Der Einzelfall mag zwar gut für Schlagzeilen sein; die riesige Dimension der Überwachung und die fehlenden Schutzmaßnahmen insbesondere für technisch unbedarfte Menschen sind der eigentliche Skandal.“

Hahn ist bereits vor sechs Jahren zum Tor-Projekt gekommen. Er habe eine freundliche Gemeinschaft von Menschen erlebt, denen Privatsphäre im Internet eine Herzensangelegenheit sei, sagt er. Daran, sich durch die Überwachung von der NSA einschüchtern zu lassen, denkt Hahn nicht. Im Gegenteil: „Ich fühle mich bestätigt auf meinem Weg“, erklärt er.

„Nur durch aktives Handeln lässt sich unsere Demokratie langfristig verteidigen, Demokratie braucht Privatsphäre und Sicherheit in der Kommunikation.“ Nun sei eine gute Zeit, das Tor-Projekt zu unterstützen, schreibt er auf Twitter. Je mehr es nutzen, desto mehr läuft die NSA-Rasterfahndung ins Leere.

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