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Daten-Überwachung Der Verdacht trifft uns alle

Lange Zeit unbemerkt, ist ein militärisch-industrieller Überwachungskomplex von gewaltigen Ausmaßen entstanden. Die vollumfängliche Speicherung aller Kommunikationsdaten weltweit scheint in greifbare Nähe zu rücken.

Auch der BND sammelt kräftig Daten. Im Bild die künftige Zentrale des deutschen Geheimdienstes in Berlin. Foto: dpa

Lange Zeit unbemerkt, ist ein militärisch-industrieller Überwachungskomplex von gewaltigen Ausmaßen entstanden. Die vollumfängliche Speicherung aller Kommunikationsdaten weltweit scheint in greifbare Nähe zu rücken.

Dass Regierungen auch in demokratischen Staaten ihre eigene Bevölkerung beobachten und bespitzeln lassen, mag immer noch eine nicht allzu verbreitete Erkenntnis sein, zutreffend ist sie in jedem Fall. Für diese Neugier gibt es viele Gründe, etwa die – statistisch angeleitete – Sorge um das Wohl der eigenen Bürger oder deren Schutz vor polizeilich ermittelten Gefahren. Erreicht die staatliche Schnüffelei allerdings ein Ausmaß, bei dem massenhaft und planmäßig Grundrechte wie das verfassungsgerichtlich bestätigte Recht auf Privatheit und „auf Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme“ verletzt werden, dann muss statt von Fürsorge und Gefahrenabwehr vielmehr von einem grundsätzlichen Misstrauen des Staates gegen seine Bevölkerung die Rede sein.

Genau um dieses Misstrauen geht es, seitdem durch die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden bekannt wurde, in welchem Umfang die NSA, der Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten, die elektronische Kommunikation ausspioniert: Abgehört und gespeichert wird in einem globalen Überwachungsnetzwerk einfach alles – soweit die technischen Möglichkeiten reichen. Diese Totalerfassung trifft auch jene, die sich als „unbescholtene Bürger“ bezeichnen oder von sich behaupten würden, „nichts zu verbergen“ zu haben. Sie alle sitzen einem Totalirrtum auf, weil in den Spähprogrammen Prism, Tempora oder XKeyscore prinzipiell jeder als verdächtig erscheint, und das aufgrund von Kriterien, die mit „gesundem Menschenverstand“ kaum etwas zu tun haben.

Riesige Datenmengen

Das geht vor allem auf einen Paradigmenwechsel in der Informationsverarbeitung zurück. Seit Jahren haben wir uns daran gewöhnt, digitalen Dienstleistern wie Microsoft, Amazon, Yahoo, Facebook, Google, Apple, Skype oder YouTube die persönlichsten, weit über unser Verkaufsverhalten hinausgehenden Daten anzuvertrauen. Hinzu kommen automatisch erzeugte Daten wie zum Beispiel die Protokolle von Telekommunikations- und Internetverbindungen oder auch von Überwachungskameras und -mikrofonen und anderen Sensoren. Schließlich entstehen riesige Datenmengen in der Finanzindustrie oder in anderen Wirtschaftsbereichen wie Energie, Verkehr oder Medizin, aber auch in den Wissenschaften, etwa der Klimaforschung oder der Kernphysik.

Dieses Big Data genannte Datenaufkommen bemisst sich in Dimensionen, die nur noch in aberwitzigen Maßeinheiten wie Tera-, Peta- oder Exabytes erfasst werden. Allein jeden Tag entstehen 2,5 Trillionen Byte an neuen Daten, 90 Prozent der heute vorhandenen Daten wurden erst in den vergangenen zwei Jahren generiert – nach aktuellen Berechnungen verdoppelt sich das globale Datenvolumen alle zwei Jahre. Angesichts dieser Entwicklung hat Chris Anderson 2009, da war er noch Chefredakteur der Zeitschrift Wired, in einem aufsehenerregenden Essay das „Ende der Theorie“ verkündet: Innerhalb riesiger Datensammlungen kausallogische, das heißt theoretisch begründete Zusammenhänge herzustellen, sei nicht nur unmöglich, sondern auch unerheblich.

Anderson empfahl für Big Data ein Denken in Korrelationen: Das Zusammentreffen von prinzipiell beliebig vielen Ereignissen wird nicht mehr kausal erklärt, sondern nur noch statistisch festgehalten. Dieser Ansatz ersetzt qualitative Fragen – etwa die nach dem inneren Wert oder Sinn eines Datensatzes – durch schiere Quantität. Und er hat sich mittlerweile als äußerst erfolgreich erwiesen: Wir müssen davon ausgehen, dass kein Buchhändler oder Schriftsteller seine Leser so gut kennt wie Amazon; Google oder Twitter sagen politische Entwicklungen viel schneller vorher als jeder Demoskop; und jeder Psychologe oder Soziologe wird Facebook um seinen Datenschatz beneiden. Big Data ist also durchaus analysierbar, Korrelationsanalysen erlauben sogar Echtzeit-Auswertungen.

Verlkockender Rohstoff

Und damit sind wir wieder bei den Geheimdiensten. Mit Big Data steht ihnen eine verlockende Datenrohstoffmenge zur Verfügung. In den letzten Jahren sind die Rechner- und Speicherkapazitäten so erheblich gewachsen, dass ein nachhaltiger Full-Take immer wahrscheinlicher wird: die dauerhafte Speicherung und vollumfängliche Untersuchung weltweit aller Daten. In den USA und Großbritannien entstehen zurzeit große Serveranlagen. Dabei können sich die amerikanische NSA und ihr englisches Pendant GCHQ auf ein globales Netzwerk zur Informationsbeschaffung verlassen, gemeinsam mit Kanada, Australien und Neuseeland haben sie sich zur Gruppe der „Five Eyes“ zusammengeschlossen. Hinzu kommen andere Nachrichtendienste, auch der deutsche BND.

Laut Edward Snowden soll das amerikanische Spähprogramm Prism vor allem den direkten Zugriff auf die Datensätze von Digitaldienstleistern wie Google, Yahoo oder Apple ermöglichen. Dass wir es mit einer neuen Art von militärisch-industriellem Überwachungskomplex zu tun haben, ist allerdings schon länger bekannt. Beispielsweise enthüllte die Washington Post 2007 die Zusammenarbeit zwischen NSA und Microsoft bei der Entwicklung des Betriebssystems Windows Vista. Seitdem hält sich das Gerücht, der Geheimdienst hätte einen Generalschlüssel für verschlüsselte Verbindungen implementiert. Die NSA jedenfalls sammelt die verschlüsselten Daten der großen Internet-Plattformen für die nachträgliche Entschlüsselung – sagt Snowden.

Entscheidend ist aber noch etwas anderes. Zwar waren von den amerikanischen Spionageprogrammen Prism und XKeyscore oder dem britischen Datensammler Tempora wahre Wunderdinge zu hören, sie könnten den weltweiten Datenverkehr, also E-Mails, Fotos, Audio- oder Videodateien, Privatnachrichten und Chats, in Echtzeit nach einer Vielzahl von Suchkriterien komplett auswerten. Doch geht es auch eine Nummer kleiner und sehr viel effizienter: Die deutlich weniger umfangreichen Metadaten – also Angaben darüber, wer mit wem wann und wie lange kommuniziert hat – erweisen sich als bestens geeignet für die quantifizierende Analyse, weil sie nicht auf „innere Zusammenhänge“ oder Inhalte und deren kausale Bezüge verweisen. Es bedarf nicht erst des Full-Takes.

Landkarten der Kommunikation

Metadaten lassen präzise Landkarten der zwischenmenschlichen Kommunikation entstehen, detaillierte Bewegungs- und Beziehungsprofile in den digitalen Öffentlichkeiten. Ihre nachrichtendienstliche Verwertung markiert indes eine neue Qualität im Misstrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgern. Ein absurdes Beispiel, um die „Logik“ der Korrelationsanalyse zu verdeutlichen: Wenn auf eine Person eine hinreichende Menge von Merkmalen zutrifft, die unserem Menschenverstand zwar zusammenhanglos erscheint, sich aber bei der Terrorismusbekämpfung statistisch bewährt hat, etwa in einer Juninacht bei Vollmond geboren zu sein, seit zehn Jahren bei Amazon teure Rasierpinsel zu kaufen und auf Facebook nur ausländische Freunde zu haben – dann mag diese Person erst einmal als Terrorist klassifiziert werden.

Ein „Ich habe doch nichts zu verbergen“ erweist sich demgegenüber als ein naiver Anachronismus aus analogen Zeiten. Es scheint so zu sein, als sei auf digitalem Wege eine neue Version der Erbsünde wieder eingeführt worden: Ausnahmslos jeder kann jederzeit und ohne eigenes Dazutun für schuldig erklärt werden.

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