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Interview mit Göring-Eckardt „Die Wähler sind klug“

Ein Gespräch mit Katrin Göring-Eckardt über Heimat und Familie, Grün und Schwarz, Kirche und Küche.

23.12.2012 15:11
Die Wahl von Katrin Göring-Eckardt zur Bundestags-Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen war eine Überraschung. Foto: dpa

Ein Gespräch mit Katrin Göring-Eckardt über Heimat und Familie, Grün und Schwarz, Kirche und Küche.

Sind die Grünen noch eine linke Partei? Die Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl hält nicht viel von solchen Zuordnungen, sagt Katrin Göring-Eckardt im Interview.

Frau Göring-Eckardt, wo und wie feiern Sie Weihnachten?

Zu Hause in Thüringen mit meiner Familie. Ganz traditionell, inklusive des Essens und der Gottesdienstbesuche. Heiligabend gibt’s Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat und am ersten Weihnachtstag eine Gans. Die holen wir geschlachtet und gerupft bei einem Freund, der im Nebenerwerb Biobauer ist. Den Namen des Tieres verrät er mir lieber nicht.

Ihre Heimat Thüringen ist das Land der Braten und der Würste. Wie oft kommt bei der grünen Spitzenkandidatin Fleisch auf den Tisch?

Ich orientiere mich in dieser Hinsicht an meiner Großmutter. Bei ihr gab es am Sonntag einen Braten und am Montag die Reste davon. Und manchmal gab es unter der Woche noch eine Suppe mit Fleisch-Einlage. Wenn ich Fleisch esse, dann zu besonderen Anlässen und in Bio-Qualität, möglichst aus der Region.

Sie haben in der Spätphase der DDR Theologie studiert und spielen heute eine wichtige Rolle in der evangelischen Kirche. Kommen Sie eigentlich aus einem christlichen Elternhaus?

Eher nicht. Meine Eltern gingen Heiligabend in die Kirche so wie andere DDR-Bürger auch. Sie haben das wohl auch als eine Art Kulturveranstaltung gesehen. Wenn ich in den Mitternachtsgottesdienst wollte, fanden sie das schon ziemlich merkwürdig. Dabei ging es mir als Jugendliche natürlich vor allem darum, mich nach Bescherung und Essen abzuseilen und meine Freunde zu treffen.

Bedrückt es Sie, dass in unserer Zeit immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren?

Bedrücken ist vielleicht das falsche Wort. Aber als Christinnen und Christen könnten wir in der Tat offensiver deutlich machen, dass es hinter der Kirchentür nicht dunkel und kalt ist.

Wie meinen Sie das?

Es gibt viele Leute, die Fragen stellen, auf der Suche sind. Denen erzähle ich gerne, dass der Glaube hilft, dass er Trost spendet und eine besondere Art von Heimat ist.

Familie und Heimat scheinen zentrale Begriffe für Sie zu sein. Was ist Heimat?

Heimat gibt Halt in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Wir alle brauchen Orte, an denen wir uns zu Hause fühlen und wo wir Menschen antreffen, die gleiche Bezüge haben. Es kann sich um ein Dorf handeln, in dem jemand groß geworden ist. Um ein Stadtviertel, in dem jemand lebt, oder um eine Internet-Community, in der er oder sie gerne unterwegs ist.

Und was ist Familie?

Familie ist da, wo Kinder und Erwachsene, wo verschiedene Generationen zusammenleben. Familie ist nicht zwangsläufig Vater, Mutter und zwei Kinder, so wie es die Rama-Werbung früher suggerierte. Es gibt auch Patchwork-Familien, Alleinerziehende oder Familien mit lesbischen und schwulen Eltern. Die Politik muss Familien in all ihren Ausprägungen fördern. Sie kann nicht von den Menschen verlangen, dass sie ihre Lebensweisen einem überholten Familienbild aus den 1950er-Jahren anpassen. Das schwarz-gelbe Betreuungsgeld ist ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte.

In Ihrer Partei wimmelt es von linken Individualisten. Sind Heimat und Familie grüne Begriffe?

Inzwischen schon – und darüber bin ich sehr froh. Vor zehn, fünfzehn Jahren hatten sie in unserer Partei vielleicht noch einen reaktionären Klang. Bis wir anfingen, darüber zu diskutieren, sie positiv zu besetzen und offensiv zu sagen, was wir darunter verstehen. Der Schutz der Umwelt, gute Jobs und Lebensbedingungen sowie faire Chancen für alle Kinder sind klassische grüne Themen. Wer darüber redet, spricht über Heimat und Familie. Aber eben nicht in einem rückwärtsgewandten, ausgrenzenden Sinne.

Sie wildern damit im Terrain von CDU und CSU. War das so geplant?

Wir haben bei den jüngsten Landtagswahlkämpfen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein immer wieder erlebt, dass wertebewusste Leute auf uns zugekommen sind. Sie waren enttäuscht davon, dass Union und FDP nur ihre Klientel bedienen. Allen Bürgerinnen und Bürgern, denen die Bewahrung der Schöpfung am Herzen liegt, die für eine offene Gesellschaft eintreten und Gerechtigkeit auch für kommende Generationen und diejenigen wollen, die am anderen Ende der Welt leben, machen wir gern ein Angebot. Auch bei der Bundestagswahl 2013.

Können sich Ihre Wähler denn tatsächlich darauf verlassen, dass es am Ende nicht doch zu einer schwarz-grünen Koalition unter einer Kanzlerin Angela Merkel kommt?

Die Wähler sind klug. Sie können die Programme nebeneinanderlegen und genau sehen, wo es passt und wo nicht. Ich nenne nur einige Stichwörter: Familienpolitik, Energiewende und das, was wir Grüne mit dem Begriff „offene Gesellschaft“ umschreiben – also etwa Bürgerrechte, Chancengleichheit für Frauen, der Umgang mit Flüchtlingen oder die Rechte von Schwulen und Lesben. In all diesen Fragen gibt es viele Gemeinsamkeiten mit der SPD, aber keine mit der Union. Deswegen, ganz pragmatisch und kühl: Die Wähler können sich darauf verlassen, dass wir diese Inhalte nicht zur Disposition stellen.

Wären Sie notfalls bereit, für einen Regierungswechsel auch die Linke mit ins Boot zu holen, falls es für SPD und Grüne allein nicht reichen sollte?

Welche Linke?

Wir meinen die Linkspartei.

Das habe ich schon verstanden. Aber mir ist nicht ganz klar, wer das im Moment eigentlich so ist und für was die Partei steht. Vermutlich weiß sie das selber nicht. Aus heutiger Sicht gibt es mindestens zwei Punkte, die eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei auf Bundesebene unmöglich machen. Der eine ist die national-chauvinistische Haltung, die gerade bei der Europapolitik immer wieder durchkommt. Und der andere ist die Unberechenbarkeit, wenn es um außenpolitische Fragen geht.

Was ist an der Heimat- und Familienpartei Bündnis 90/Die Grünen eigentlich noch links?

Ich gehöre zu denen, die von der Unterscheidung zwischen links und rechts wenig halten. Wir sind längst in einer Situation, in der sich viele Menschen da gar nicht mehr festlegen wollen. Ja, in der Sozialpolitik sind die Grünen nach klassischer Lesart eine linke Partei. Aber wir sind zugleich eine Freiheitspartei und in dieser Hinsicht sind wir nicht staatsfixiert und möchten den Menschen auch nicht vorschreiben, was sie zu tun und was sie zu lassen haben.

Das Gespräch führten Steven Geyer und Thorsten Knuf.

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