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Wahlkampf Schulterschluss der Kontrastfarben

Während die SPD schwächelt, lassen die Grünen ihre Muskeln spielen - verdienterweise. Mit einem stabilen Hoch in den Umfragewerten von 14 Prozent sind sie in ein starken Position. Trotzdem verliet rot-grün nicht ihr gemeinsames Ziel aus den Augen.

Rot-Grün 1998 – „Koch und Kellner“ ist nicht mehr. Foto: REUTERS

Die Stimmung am Tisch war bestens. Sichtlich vergnügt unterhielten sich Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einem Sommerfest vergangenen Donnerstag in Berlin. Zwei Tage später meldete sich der grüne Landesvater in der Zeitung „Die Welt“ zu Wort. „Ich sehe die Schwäche der SPD mit Besorgnis“, sagte Kretschmann. Eigentlich halte er Steinbrück ja für einen guten Mann. Aber er müsse viel deutlicher thematisieren, wo er hinwill: „Das nur als Tipp von der Seite.“

"Die Grünen verhältnismäßig diszipliniert"

Öffentliche Ratschläge über Parteigrenzen hinweg gelten eigentlich als unfreundlicher Akt. Doch Steinbrück ärgerte sich leise. Auch die Genossen wissen, dass sie in dem angestrebten Bündnis derzeit eher Problemfall als Aktivposten sind. Während die Grünen mit stabilen Umfragewerten um 14 Prozent am 22. September ein Rekordergebnis ansteuern, muss die SPD befürchten, in der Nähe ihres Allzeittiefs von 23 Prozent zu landen. Eine Mehrheit für Rot-Grün scheint in weiter Ferne. „Angesichts der Umstände verhalten sich die Grünen verhältnismäßig diszipliniert“, bemerkt ein SPD-Vorständler hinter vorgehaltener Hand.
Jetzt bloß nicht nervös werden und keine Personaldebatten lostreten, lautet die Botschaft beider Parteispitzen. Insofern sendet der gemeinsame Auftritt von Steinbrück mit Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckart an diesem Donnerstag ein doppeltes Signal aus: Mit dem gesetzlichen Mindestlohn wollen sie für ein rot-grünes Vorhaben werben. Doch der demonstrative Schulterschluss unmittelbar vor Beginn der kurzen politischen Sommerpause soll auch mögliche Spekulationen über grüne Absetzbewegungen unterbinden.
Bislang kommen öffentliche Querschüsse nur aus den Ländern. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer nörgelt, und der hessische Landtagsabgeordnete Daniel Mack lobt Kanzlerin Angela Merkel, weil sie „nicht von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen“ wandere. Doch das sind Einzelstimmen. Die Grünen haben sich in ihrem Programm klar für ein Bündnis mit der SPD ausgesprochen. Insofern haben sie jetzt gar keine Alternative.
„In Wahlkämpfen ist Geschlossenheit das Wichtigste“, warnt Grünen-Fraktionsvize Kerstin Andreae. Gemeinsam mit SPD-Kollege Hubertus Heil hat sie vor zwei Wochen eine rot-grüne Basisbewegung angestoßen. „Bewegungjetzt“ heißt die Initiative, die vor allem online aktiv ist. Rund 3400 Unterstützer gibt es bislang für das Manifest mit einem Bekenntnis zu Energiewende, solidarischem Lastenausgleich und Bürgerrechten. „Das ist der Versuch, dem seichten Wahlkampf von Merkel so etwas wie einen Gesellschaftsentwurf entgegenzusetzen“, sagt Andreae. Auch Heil begründet die angestrebte Koalition inhaltlich: „Rot-Grün ist ein gesellschaftlich notwendiges Bündnis.“

Ein gemeinsames Ziel

Von einem „rot-grünen Projekt“ wie 1998 redet niemand mehr. Und schon gar nicht von „Koch und Kellner“ wie seinerzeit Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Stattdessen beruft man sich auf „Augenhöhe und Respekt“. Im Wahlkampf, erklären die Initiatoren, kämpfe natürlich jede Partei für ein gutes eigenes Ergebnis. Gleichwohl sollen gemeinsame Auftritte zumindest einen Hauch rot-grüne Aufbruchstimmung vermitteln.
Ein Termin von Steinbrück und Trittin ist in der Planung. Und auch in einigen Wahlkreisen wollen sich die Bewerber von SPD und Grünen zusammen zeigen – so etwa in Bonn, wo SPD-Mann Ulrich Kelber mit der Grünen Katja Dörner auftritt oder in Niedersachsen bei einer Veranstaltung von SPD-Mann Heil und dem Grünen Sven-Christian Kindler.
In Freiburg, dem Wahlkreis von Kerstin Andreae, wird es freilich keine rot-grüne Verschwisterung geben: Die 44-Jährige will dem alten SPD-Kämpen Gernot Erler das Direktmandat abjagen. Man sei sich aber freundschaftlich verbunden, versichert Andreae. Und ein Ziel haben sie alle: Die Ablösung von Schwarz-Gelb .

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