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Bundestagswahl Nichtwähler Jung, arm, ungebildet, Nichtwähler

Die Wissenschaft erklärt den Abwärtstrend bei der Wahlbeteiligung mit der politischen Apathie einer einkommens- und bildungsschwachen Schicht, der Wahlen schlicht gleichgültig sind. Ob jemand wählen geht oder nicht, hängt von seinem sozialen Status ab.

Ein Wahllokal auf Rügen. Ob jemand wählen geht oder nicht, hängt von seinem sozialen Status ab, sagt die Wissenschaft. Foto: dpa

Die Wissenschaft erklärt den Abwärtstrend bei der Wahlbeteiligung mit der politischen Apathie einer einkommens- und bildungsschwachen Schicht, der Wahlen schlicht gleichgültig sind. Ob jemand wählen geht oder nicht, hängt von seinem sozialen Status ab.

„Sie treten in Massen auf. Mancherorts ist ihre imaginäre Partei gar die stärkste. Und doch weiß niemand, wer sie eigentlich sind – die Nichtwähler.“ Das ist kein brandaktueller Befund, er entstammt vielmehr einer Analyse der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem Jahr 1994, ist also bald 20 Jahre alt. In den hochpolitisierten 70er Jahren hatten sich noch mehr als 90 Prozent der Wahlberechtigten an den Bundestagswahlen beteiligt. 1987 blieben dagegen schon 15,7 Prozent der Wahl fern. 1994 waren es gar 21 Prozent. Und schon 1992 hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache „Politikverdrossenheit“ zum Wort des Jahres gekürt.

Seither zeigt die Kurve zur Wahlbeteiligung steil nach unten. Zur letzten Bundestagswahl 2009 betrug sie noch 70,8 Prozent. Prognosen sehen sie für den 22. September weiter absinken. Den Abwärtstrend erklärt die Wissenschaft allerdings nicht mehr mit der „Politikverdrossenheit“ der Wähler, sondern mit der politischen Apathie einer einkommens- und bildungsschwachen Schicht, der Wahlen schlicht gleichgültig sind.

Enttäuschte, Unzufriedene und Frustrierte

Als Günther Jauch Ende August zu einem Nichtwähler-Talk lud, war der Befund ein anderer. Jauch hatte die Enttäuschten, Unzufriedenen und Frustrierten versammelt, die ihre Wahlverweigerung als politisches Statement verstanden wissen wollten. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung meint dagegen belegen zu können, dass die „Partei der Nichtwähler“ ein populärer Mythos ist.

„Die Nichtwähler sind kein homogener Block heroisch protestierender Wahlverweigerer“, stellt die Studie fest. „Die Deutschen sind noch nicht einmal unzufrieden mit ihrer Demokratie. Im Gegenteil: Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 sind 82 Prozent der Wahlberechtigten mit ihr einigermaßen oder sehr zufrieden.“ Auch in den ostdeutschen Bundesländern habe der Anteil der Wahlbürger, die mit „ihrer Demokratie zufrieden“ sind, zugenommen. Während es 2003 nur 47 Prozent waren, sind es heute 74 Prozent.

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Ist die Wahlbeteiligung dann überhaupt ein Indiz für eine funktionierende Demokratie? Für den Politikwissenschaftler Herfried Münkler hängt die Beantwortung der Frage davon ab, welche Vorstellung man von der Demokratie habe. Hänge man der ökonomischen Demokratietheorie an, schreibt Münkler in einem Beitrag für die „FAZ“, gleiche die Wahl einer Kaufentscheidung, bei der sich der Konsument zwischen zwei oder mehr einander vergleichbaren Produkten entscheiden kann. Tut er es nicht, dann steht seine Wahlverweigerung bloß für „Nachfragesättigung, die als Zufriedenheit interpretiert wird“.

Rückzug der Bürger aus der "Minimalverantwortung"

Hängt man dagegen einer republikanischen Demokratievorstellung an, steht die Wahlverweigerung für einen Rückzug der Bürger aus ihrer „Minimalverantwortung“. Wer nicht wählt, übernimmt auch für das Ergebnis keine Verantwortung.

Was aber, wenn Nichtwähler von dieser Verantwortung nicht einmal mehr wissen? Die Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung, die sich auf Befunde des Instituts für Demoskopie Allensbach beruft, interpretiert die sinkende Wahlbeteiligung nicht als Nachfragesättigung oder macht eine allgemeine Zufriedenheit mit den Verhältnissen für die Verweigerung verantwortlich. Unstrittig sei vielmehr inzwischen, „was Forscher die soziale Selektivität der Wählerschaft nennen. Das Wahlverhalten differenziert sich nach Einkommensklasse, Bildungshintergrund und Schichtenzugehörigkeit.“

Mit anderen Worten: Ob jemand wählen geht oder nicht, hängt von seinem sozialen Status ab. Der typische Nichtwähler ist Geringverdiener, bildungsschwach, wohnt in sozialen Brennpunkten und ist nach gängigen sozio-ökonomischen Kriterien ein Angehöriger der sogenannten Unterschicht.

Sorge bereitet den Autoren der Bertelsmann-Studie außerdem, dass es vor allem jüngere Deutsche sind, die die Wahllokale meiden. 76 Prozent der unter 30-Jährigen sagen, dass – falls sie nicht zur Wahl gingen – ihre Freunde dafür Verständnis hätten oder es ihnen egal wäre. Hält diese Entwicklung an, werden Wahlkämpfer wohl verstärkt die Altersheime aufsuchen müssen, denn die zuverlässigsten Wähler sind die über 60-Jährigen.

Bei Münkler ist dazu zu lesen: „Demokratien müssen immer wieder erneuert beziehungsweise verjüngt werden, wenn sie nicht altern und vergehen sollen. Sinkende Wahlbeteiligung ist ein Indikator für Erneuerungsbedarf.“

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