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Bundestagswahl im Internet Der Wahlkampf im Netz weitet sich aus

Millionensummen stecken die Parteien vor der Wahl in diesem Jahr in ihre Online-Kampagnen. Die älteren Wähler erreichen sie so aber kaum.

Bei Facebook recht beliebt: Bundeskanzlerin Merkel. Foto: FR

Millionensummen stecken die Parteien vor der Wahl in diesem Jahr in ihre Online-Kampagnen. Die älteren Wähler erreichen sie so aber kaum.

Am Dienstag in Rendsburg hat sie einen roten Blazer angehabt. Einen Tag zuvor in Ilmenau trug sie Grün. Sonntag in Wiesbaden wählte sie ein strahlendes Orange. Am Freitag in Recklinghausen war das Jackett violett. Wer die Facebook-Seite von Angela Merkel aufruft, verpasst keinen Wahlkampfauftritt der CDU-Chefin. Und gelegentlich kommt er sogar in den Genuss einer persönlichen Botschaft: „Die Bundestagswahl rückt näher. Unterstützen Sie mich im Team Deutschland“, schreibt sie.

Doch auch ihr Herausforderer Peer Steinbrück zeigt in der digitalen Welt Präsenz. „Die Tage werden länger und die Nächte kürzer“, hat der Wahlkämpfer schon vor ein paar Wochen notiert. Am Dienstag bei der Kundgebung in Kiel sei „richtig was los und die Stimmung großartig“, berichtet der SPD-Spitzenkandidat. Zuvor hat er kurz bei Baris Grillshop in Hamburg vorbeigeschaut. Ein Foto zeigt ihn im grauen Anzug mit einem großen Messer neben dem Döner-Spieß.

Noch 24 Tage sind es bis zur Bundestagswahl. An den Straßen hängen die üblichen Großflächenplakate, in den Fußgängerzonen gibt es Kugelschreiber. Doch etwas ist anders in diesem Wahlkampf. „Das Netz und die Technik durchziehen alle Bereiche unserer Kampagne“, sagt Alexander Bercht, der Abteilungsleiter Kommunikation in der SPD-Bundeszentrale. Und Uwe Göpel, der Teamleiter Online bei der CDU, bestätigt: „Online ist eine vollwertige Säule unserer Kampagne.“ Rund 20 Millionen Euro geben CDU und SPD jeweils für den gesamten Wahlkampf aus. Beide Parteien haben kräftig zugunsten des Internets umgeschichtet. So sind im Konrad-Adenauer-Haus 20 Männer und Frauen nur mit dem Online-Wahlkampf beschäftigt, im Willy-Brandt-Haus etwa 25 bis 30.

Über keinen anderen Kanal können die Wahlkämpfer so schnell, so direkt und so ungefiltert kommunizieren wie über das Internet und die Sozialen Medien. „Facebook und Twitter eignen sich hervorragend für kurze Statements“, schwärmt Göpel. Einzelne Politiker wie CDU-Umweltminister Peter Altmaier oder SPD-Vorstandsmitglied Ralf Stegner haben das schon länger entdeckt. Sie twittern fast Tag und Nacht und liefern sich verbale Schlagabtausche. Im Wahlkampf koordinieren die Parteien nun ihre Online-Aktivitäten und spitzen sie auf die Kandidaten zu.

17.000 Freiwillige

Vor allem die Präsenz in den Sozialen Netzwerken wurde stark ausgebaut: Die CDU betreibt für ihre Vorsitzende eine Facebook-Seite, wo Reden, Presseerklärungen, Fotos von Wahlkampfauftritten und gelegentlich – erkennbar an dem Kürzel „am“ – auch mal ein Satz, den Angela Merkel selbst formuliert hat, veröffentlicht werden. Immerhin 344 000 Leser haben schon den „Gefällt mir“-Knopf gedrückt. Die Facebook-Seite von Peer Steinbrück startete viel später und hat bisher erst 30.000 „Likes“.

Dafür hat Steinbrück bei Twitter, wo Merkel nicht präsent ist, 43.000 Follower. Er zeigt sich kämpferischer als Merkel, die die Attacke ihrem Generalsekretär Hermann Gröhe überlässt. „Wenn Herr Pofalla die NSA-Affäre für beendet erklärt, ist das politisches Kabarett“, lässt Steinbrück schreiben. Gelegentlich meldet sich der SPD-Politiker selbst zu Wort. Da man dem 66-Jährigen eine Leidenschaft fürs Twittern kaum abnehmen würde, schreibt er seine Botschaft per Hand auf einen Zettel, der zumindest eine Alleinstellung im Netz genießt.

FR-Wahlhelfer

Hier helfen die Experten aus unserer Politikredaktion. Sie haben die Verlautbarungen der Parteien ausgewertet – und daraus 29 Thesen und Fragen abgeleitet. Sie klicken an, wie sehr sie den Aussagen zustimmen – und FR-Online sagt Ihnen, welche Partei Sie dann eigentlich wählen müssten. Der FR-Wahlhelfer.

Während die Parteien über Facebook breite Bevölkerungsschichten zu erreichen versuchen, vermuten sie hinter den Twitter-Nutzern vor allem Multiplikatoren. Dort ist der Wahlkampf dann auch besonders konfrontativ. Kaum taucht Steinbrück in irgendeiner Fernseh-Talkshow auf, kontert die CDU mit Kurznachrichten seine Botschaften. Umgekehrt hat die SPD mit dem SchwarzGelblog eigens einen Kanal geschaffen, um die Konkurrenz bloßzustellen. „Wir livebloggen jede Merkelei“, versprechen die Autoren, die sich ganz bewusst eines provokant-frechen Tons bedienen.

Ob man mit solchen Aktivitäten die politischen Gegner überzeugen kann, erscheint eher fraglich. Die Internet-Kommunikation dient vor allem dazu, die eigenen Leute bei Laune zu halten. So meldet sich Angela Merkel bei Facebook öfter mit kleinen Video-Botschaften zu Wort. Dazu hat die CDU eigens ein kleines Fernsehstudio im Konrad-Adenauer-Haus geschaffen. Die SPD koordiniert über ihre Unterstützerplattform Mitmachen.SPD einen Großteil des Wahlkampfs vor Ort: Rund 17.000 Freiwillige haben sich mit Postleitzahl und Zeitbudget registrieren lassen.

Von US-amerikanischen Verhältnissen ist der Bundestagswahlkampf dennoch weit entfernt. Massenaussendungen von E-Mails wie in der letztjährigen Kampagne von Barack Obama wären mit dem Datenschutz kaum vereinbar. Und auch über die Sozialen Medien erreicht selbst Merkels Sprecher Steffen Seibert nur 110.000 Menschen. Obama hat 35 Millionen Follower. „Online ist ein wichtiges Hilfsmittel im Wahlkampf“, urteilt SPD-Kommunikationschef Bercht: „Aber den realen Bürgerkontakt kann es nicht ersetzen.“

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